Von diesem Werk scheidet mich nur der Tod.

Ich gehöre in den Abfall.

Mit Schlachtrufen das Spielfeld betreten, zu Null meines Platzes verwiesen.

Klumpen brennenden Schandackers gefressen bei jenem Eindreschen von Füssen, das sich “Leben” schimpft. Blutgrätsche ist es, Schreien und Schlamm, ein Heulen nach dem Ball. Endlich angespielt zu sein, endlich vorgelegt zu bekommen!

Alle stürmen sie für ihren Kick ins Glück. Niemand will zurück bleiben, keiner einen reinbekommen.

„Zeig Dich!“ riefen die meinen nach mir. Wenigstens Szenenapplaus sollte dem Sohn, dem Enkel, dem Neffen gelingen.

„Der hätte mal sehen sollen, wie ich abends vom Spielen heim bin!“

Das große Latinum ward mir eingeworfen, die richtige Haltung zugepasst, der korrekten Vollzug des Kreuzzeichens freigestoßen. Aber all die Bälle kamen mir zu steil, zu schräg, hatten derart viel Schmiss, dass ich nicht einen davon köpfen konnte. Und nun endlich gehöre ich mit Bierbüchsen, Wurstpappen, Senf-und Fettresten in den Abfall. Der Sohn, der Enkel, der Neffe, über dessen Wiege man sich einst beugte.

Alles verstolpert, nichts geköpft bekommen, fortwährend den Weg zum Tor vergessen: So ist es mir zerronnen, mein Dasein. Und derart leichthin schreibt sich dieses Nichts von einem halben Jahrhundert, dass man glauben könnte, mein Weg in den Abfall nun wäre wie das Auspusten einer Geburtstagstorte.

Tatsächlich aber weiß ich nicht, wo anfangen mit dem Tod.

Ich twittere: “Aus dem Leben geschnitten, blutete er bis in den Wald, ward vertieft, fand sich inspiziert von etwas Ungeheurem, und befriedet im Schnee.”

Vielleicht ist die Tränke hier, die sich “Kneipe” heißt, kein sonderlicher Pfad in einen Abfall, wo es unter abgetanen Lüsten wispert und knirscht. Die tägliche Ration Bier, Klarmacher dazu, generöse Absacker obendrein: wie der Kanonendonner eines Sturmes auf sämtliche Grenzen, so ward er mir stets verheißen, der Suff. Klabautermänner, Zechbrüder, kernige Kumpanen. Dasein, dem, Prosit für Prosit, jeglicher Ruf zum Torschuss aus den Gurgeln weicht. Schnapsgedrosselte, verworfen in rauschende Steppen. Wolfsfrei zum Sterben.Das Gasthausmilieu stiert mich an. Obwohl weniger Unterhemd, als jeder andere der Insassen, fühlt mein Gewese sich selbst hier kurz vorm Platzverweis. Weil ich mich nicht vergehen lassen kann, weil alle spüren, wie arg der Tod mir in die Zügel fährt. Da hilft kein Rückgriff auf Kindertage, als ich schwerlich zu scheiden war von den Herumlungernden. Höchstens an meiner ungeraden Haltung, die sich selbst zu Fütterungszeiten nicht verlor. Aber so wollte ich den Schlusssatz ja auch serviert bekommen, mit eingerammten Hufen und verhornten Mäulern!

„Präsentiert Euer Glück!“ lade ich zwei Stubenfliegen vor. Gesellschaft genug für mich Restposten Fleisch: kleines Gemüt, kleiner Tod. Besiegelt von flinken Klatschen. Sterben in 0,2 Sekunden. Ich lerne gerne.

Dem Ablebenden gegenüber tut das “Glück“ sich keinen Zwang an: kühl setzt es ihn in Kenntnis darüber, dass es längst fortgewischt ist von jenen Schultafeln, auf denen der Ablebende es einst mit Schönschrift für sich vormerkte.

„Stand Euch je der Sinn nach Glück?“ raune ich den Fliegen zu. Der Ordnung halber, um auch entlegene Ecken meines Gemüts auszuverkaufen. Reste himmelblauen Dips, mit dem Menschenkinder stürzen in die Grundlosigkeit des Widernatürlichen.

„Besonders vielleicht nach meinem Glück?“ setze ich nach. Ja mal wissenswert, inwieweit es die Welt schert was einer sich schafft zu seiner Lust. Ob unsere Herzen der Welt Blüte bedeuten, oder ob sie für die Welt bloß nimmersatte Öfen sind, deren Qualm sämtliche Horizonte schwärzt.

Ich stiere den Stubenfliegen in die Facettenaugen, mit welch Mengen Bildern pro Sekunde sie mich für wahr nehmen mögen? Als Verwischtes und Zuckendes vielleicht, dem es an Licht mangelt wie an Tiefe. Nein, ein Glück ist den Fliegen nicht aufgegeben. Die ihnen fliehenden Stunden bedeutet ein reinstes Werk. Schicht für Schicht, der Laune ihres Fluges nach. Geschmissenes, welches unserem Dasein Logik abtrotzt. Logik, heller einleuchtend, als all meine Lebtage: werden lassen, was möglich ist. Mag es auch bedeuten, dem Menschengeschlecht frische Pest in seinen Kelch zu träufeln.

Aus der Erinnerung streichen mir Werkbänke über die Innenflächen meiner Hände: stets bereit, mit Schraubstöcken noch das Urförmigste in ihr Maß zu spannen.

Vertane Fernen geraten in den Stacheldraht, der gespannt ist um mein ablebendes Wesen. Wie ich im Werkunterricht, aus Haufen voll Verworfenem, einen Holzstab auftat. Keinen Arm lang war der Holzstab, und kaum zwei Daumen dick. Aber er schmiegte sich auf solch liebevolle Weise in meine Faust, dass ich mit ihm Stamm um Stamm fällen wollte. Ein Werk tun, und sei es das des Todes. Breittrampeln will ich den verschämten Pfad, der fortführt aus unserem Dasein.

„Wer trampeln will, muss Boden haben!“ fallen meine Hände auf den Tisch. Die Fliegen wirbeln davon. Trotzig wiederzukehren, wenn wahrlich alles an mir leblos ist und verdorben.

Mir fahren die Schultern hoch. Wie wenn ich mich ducken wollte unter dem Hieb, dass selbst schwächste Stücken Nahrungskette schwerer bei Dasein sind, als ich.

Vielleicht war ich niemals Dasein genug, sondern mehr und mehr ein Fortsein: frisch angebrochene Sommer verdarben mir im Schatten herandrängender Winternächte.

Entsetzlich kamen mir Gestrige, die reichlich herum gebracht hatten von ihrem gammeligen Tagewerk. Aus was für fauligen Paradiesen sie sich einschenkten.

In welcher Marschrichtung nun gewinne ich dem Fortsein Boden genug ab, dort den Rest meines Daseins zu verscharren? Jenes blutdurchtriebene Häuflein, das haften bleiben will auf dem Trottoire der Gegenwärtigen, vollgestopft mit Totems, wund von Erinnerungen: wie soll das schwinden unter Stubenfliegen und auf Kneipenböden?

In eine Grube wuchten will ich jene tiefgedachten Kindergeburtstage, die mir weismachten, dass ich kein Grab sei, sondern ein großer Bahnhof. Meine ausgestorbenen Gehörgänge mögen noch wissen vom Klang der Geburtstagskerzen. Wie sie fauchten, als wären es flammende Fohlen. Schon rauschen mir von dorther die Blätter, klirren Schaukeln an schweren Stämmen, Pfade werden Wege werden Weiten, und sämtliche Wände sind zum Niederbrüllen. Wie alles duftet, wie alles schmeckt! Unsere Antlitze weit geöffnet, so suchen wir, suchen, suchen immer weiter! Die Mutigsten ohne Taschenlampe. Paradiese voll der Sandwälle, Pusteblumen, Ausgucke. Und um unser Wir ein Wind, der niemals Glut ist, niemals Frost.

Wo lauerte in alledem mein Baum der Erkenntnis? Jene Frucht, deren Kern süßen Nichts mir durch und durch ging, deren Kern jedes Wir entleerte. Unser aller Highscore von 99.999, wie er mir mit einem Schuss zersprang zur Null.

Ein Nullsein, unter dem ich weiterhin mich drehe und ducke. Als hätte ich das Vermögen eines Herrn vertan.

Ich versenke mich, bis nirgends mehr Sachebene herrscht. Von knapp oberhalb der Tischkante eine Aussicht, welche mir erscheint als die angemessene Aussicht meines Nullseins.

Drei Speisekarten fächern sich in ihrem Ständer. Sie fächern sich gleich den welken Flügeln einer Mühle. Am Boden belagert mit Tütchen voll Erdnüssen zu fünfundachtzig Cent.

„Speisemühle!“ puste ich. Über sein will ich dieser Sinnstiftung, stürzen will ich sie. Doch unvermindert steht die Speisemühle mir vor.

Ich lege Hand an. Damit der Welt Vordergrund und ich einander nicht umschrieben bleiben mit Essparolen.

Vom Laserstrahl bedruckte Pappen, 600 Dots per Inch, im Fett der Farben und auf Glanz behandelt – abgetan von meiner Rechten bis an den Rand der Greiffreude: möge ich der Welt nun aufgehen als ihr Hintergrund! Ein geschundenes Nullsein, welches das Wimmeln der Welt in Form schneiden will, bis alles strömt vor Blut.

Dagegen hält man sich überall Marienbilder vor sein Gerippe: wie auf Augenhöhe sie mädchenhaft tun, gar inmitten allen Brausens sich geben als ein Ohr, das beschenkt sich fühlt von den bigotten Reden eines Gerippes. Dabei ist jede seiner bleichen Lüste bloß dem Zerren Sterbender nachempfunden. Null und nichtiger Dampf, welcher die Kolben der Krematorien gen Morgen hämmert!

Erheben möchte ich mich. Empor stolzieren aus dem Paarungswüten der Faustkeiler. Wie sie sich befrieden in Wolkenlöchern, nur von den Spiegelbildern der Humpen vor sich noch für zählbar gehalten. Faustkeiler nullen mit Einstecktüchern, und als hätten sie samtene Handschuhe an. Jede Null der Highscore überhaupt, jede gefällt sich als die 99.999 des öffentlichen Lebens!

Pfännchen dampfender Kost werden an meinem Tisch vorbeigeschafft, Herzen füllen. Damit es für ein Weilchen wieder klappt mit dem sich Liebhaben.

Vielleicht braucht Dasein bloß den Wanst voll Kartoffeln und Schwarten, so dass man bestenfalls speien muss, dafür aber niemand irre wird vor Luft.

Meinen Eingeweiden sind die dampfenden Pfännchen ein Fanfarenstoß. Als würde, unter wütendem Hunger, ein Unhold mich entzwei reißen für Pfännchen gutbürgerlicher Küche.

Ich dagegen bin ganz Kralle und würge mich zusammen unter den Restspannungen meiner mir verrotteten Muskeln. Wenigstens nüchtern will ich mich halten. Mein Hunger bedeutet mir ein erfrischendes Nagelbett inmitten der Berge von Gammelfleisch, unter denen ich mich zugrunde schleppe.

Vom Knochen hungern will ich mich. Falls ich nicht nüchtern genug werde, mir an die Eingeweide zu gehen, um dort unter meinem Lebensadern die Rädelsführer auszustöpseln.

Meinen geschärften Fleischestrieb fest in den Krallen, so wuchte ich mich hoch von der Tischkante. Melden will ich den Stubenfliegen, dass ich nicht zur Gänze für die Tonne bin:

„Mögt Ihr Sauger mein Nullsein noch so kosen, über Eure Rüssel und Kanäle bin ich rasch des Fliegens.“

Halblaut dem Hintergrund vermacht. Dabei wie ein Rufzeichen der Schankwirtschaft zugeneigt: „Gegen Euch Fassbiere feiert jeder Fliegendreck das Leben mehr!“

Einer am Tresen, die Augen dreist über einem ausladenden Schnauzer, lässt nicht locker: seine Fäuste scheinen tüchtig etwas über zu haben für mich Fliegenprediger.

Wer wie ich auf Höhe der Tischkanten fahndet, findet rasch seinen Prügel.

Ich baue mich hinter mein Tischchen: „Mach Schießbude!“ gebe ich mich laut.

Der am Tresen grabbelt sich eine Hand voll Flips. Er wägt wohl ab, Flip für Flip, wie er mich zerdeppern kann.

„Endlich mal jemand, der sein Leben volley nimmt!“ suche ich Freund Flip Treter zu machen.

Jedes Zerschmatzen eines Flips im Mundwerk des stolzen Fäusteinhabers gewinnt mich mehr für die Möglichkeit, sich herzhaft an mir zu Vergreifen. An meinem Nullsein, das nun zumindest ein Ziel zu bedeuten scheint.

Und gewiss schadet es nicht, für meinen Marsch durchs Urnenloch tüchtig weichgeprügelt zu sein.

„Jo“, klatsche ich mir auf den Leib: „Jo!“

Gerade will er vom Tresen weg auf mich los, als in meinen Augen etwas die Bühne betritt. Etwas Garstiges, das seine Fäuste zögern lässt. Ich spüre es auch, möchte es hinter die Lider drängen, bin aber zu hingerissen vom weiteren Geschehen: Er streicht über seinen Schnauzer, als könne er weder den Schnauzer noch sich selbst länger begründen. Und die Fäuste? Sind nur noch bleiche Fahnen, die kaum mehr abwinken können, am Tressen gar Joppe und Prügelstock preisgeben. Im schlotternden Hemd macht er sich davon, völlig ohne Umstände. Schon klappt die Biedermeiertür hinaus. Als wäre eben eine Kuckucksuhr gegangen, und der Kuckuck aus.

Die wenigen Male, die ich im Dasein schwang wie eine Abrissbirne, erneut herrschen sie mich an in ihrer Absichtslosigkeit: Nichts zu brechen, der Herr. Sehen Sie, alles Luft, Heißluft bestenfalls! Chillen Sie mal, chillen Sie mal. Verzeihung, wollten Sie überhaupt etwas?

Vielleicht sollte ich mir lieber einschenken lassen, runterkommen, mich locker machen, auch mal was beten, ja, bete doch mal richtig!

„Wie zur Muschi!“

Meiner zerschmusten Stoffkatze aus Hochzeiten im Kinderbett. Am Ende waren zwei Nadeln nötig, Muschis Kopf aufrecht zu halten, so vollständig hatte mein Verlangen sie gebrochen.

„Pussys reißen!“ nennen das die Erfahrenen.
Mit Gebetskränzen, die wie Schlingen sind, würgen sie den Püppchen die Widerworte ab. Auf Knien dann drücken sie die Püppchen an Wände, bis die Püppchen sich ohne jedes Schicksal hergeben für die Dornenkronen, die wir uns verdient haben.

„Seid maßvoll!“ bin ich mir selbst der Richter. Einer von weither: durch das Guckloch in der Tränke und hunderte Wege kindwärts, sehe ich mich als mein Richter stehen, geradeaus von Kopf bis Fuß.

In einem Park höre ich mich richten. Des Nachts und voll der silberner Horizonte. Stehend unter dem Gesetz der Bäume, richte ich, wie vergeblich einer lungern muss, der sein Maß überschritt. Blind den Fährten lichter Pfade, taub allem Flügelschlag. Nur seines Schattens Kamerad.

Sondere ich mich also ab von der Tränke, und probiere meine Neigung heimwärts (eine gefühlte Luftlinie Jungenfahrrad, mit am Hosenbund verhakten Haustürschlüssel), findet augenblicklich mein Schatten sich bereit zur Reise. Hinein in einen Trickfilm voll der Lügennasen und der, unterhalb des Bildausschnitts, zuckenden Gemächte. Schneidend (Cut!) durch Räume und Revolutionen, die Beine dienstbefreit über der Sessellehne. Wie kann einer an gegen solch lichtbespieltes Leichenhemd? Da bleibt kein Hossa ohne blinde Erde.

Packe ich mich besser fort in mein Eckstück Kneipe, ausgesponnen zum Herrgottswinkel. Getrost zwischen Blumenleichen, mit Wachs überzogen und an Drähten gehängt, mir grausam zu blühen.

„Eher fresse ich den Tod, als dass ich ihn kotze!“

Erneut bei Tisch, hebe ich Finger für Finger. Bis alle Fünfe meiner Linken die eines Jungen sind, der Himmel und Hölle spielt. Ehe ich es mich versehe, ist auch meine Rechte von der Partie: ineinander gefaltet sind beide, zart wie ein Kinderwort zur Fürbitte.

„Vater?“ probiere ich.

Zwei, vielleicht drei Daddys in Sichtweite. Der Erste nimmt jauchzend einen Zug vom kühlen Blonden. Der Nächste befingert mit halb gestreckter Zunge sein Handy, dick die Daumen vor Botschaft. Und der Dritte unter Vaterverdacht bekommt bei der Bardame Ohren, welche kein Kindermund je erfährt.

„Grabbelt Ihr nach dem Himmelreich, ja?“ feuere ich mit beide Zeigefingern auf mein Vaterwesen: Der Mundvoll. Der Daumendruck. Das Ohrsein – Dreieinigkeit Daddy!

Auf einen Erlöser verstand ich mich nie. Da konnte ich nicht liefern. Kein Hosianna, mit dem ich mich an den Tresen fläzen mochte: Guat gehts mia, suppa!

Nirgends Meere, und null Fernen, die Happy Talk mit mir trieben: von Jungfrauen, Lämmern, einer Lounge fast auf Daddys Schoß. Bei mir ging es stets nur heim in meine Butze Tod.

„Find Frieden jetzt!“ klopft eine Kraft mir aufs Holz, den anderen Arm beladen mit Pfännchen, die ordnungsgemäß entleert worden waren. In Münder, welche so erneut der Liebe gedachten.

„Wer platt baut, bleibt liegen!“ werfe ich mich in die Kneipenluft.

Hätte ich mich während meiner Butze Tod bloß hinlegen können, könnte ich es wenigstens jetzt! Wie zu Kinderzeiten. Mir den Vorhang herunterlassen, niemals bang um ein Erwachen.

Kein Kind ahnt, dass vorm Spielzimmer, inmitten ihrer Designerwaren, seine diensthabenden Erwachsenen nicht bloß so tun, als wäre ihnen tüchtig nach einem Rausch: Wo sie denn blieben, ob sie es sich mit den Kundenkrediten wahrlich besorgt hätten?

Was ich im Halbwuchs aus Zeitungen mitschnitt an Blöße, es verblich keineswegs zur Guten Nacht, es fraß, es wucherte einem bald aus jedem Vater unser.

Die machten tatsächlich Rücksitz! Greiffreudig, um kein Gesäusel bang. Getrost auch öde, gerne für einige Herzklopfer fremden Gammelfleisches an ihrem Hosenstall. Hauptsache es trat ihnen dabei genügend Gegenwart aus dem Leib. Als könnten sie ihre Untenrums zur Ader lassen, dass am Ende rosa Watte verblieb. Womoglich noch aus Zucker!

„Liebemacher sind die Blutegel des Daseins!“ lächle ich einer Junggesellin zu, deren Busen so vom Leid gepusht scheint, dass ihr ganz gewiss nach Abschied ist vom Egelsein.

Bald patrouillierten vor meiner Scham nirgends mehr Posten, welche mich freihielten von den Egeln, die mir flink in meinen peinlichsten Saft glitten. Stattdessen tobte marodierende Mündigkeit um mich her. “Glück“ die Parole, Brandbeschleuniger das Mittel. Eingezogen ward ich, mit meinem Hauch Dasein dem “Glück“ seine sengende Steppe zu leuchten. Was dort aus trostlosem Versanden sich treiben wollte: der Giftkrebse Himmel und des Grapschvogels Gewicht!

Ich twittere: „Schamrasiert die Raser auf ihren roten Rosen und weißen Weinen.“

„Pardon, weinen Sie etwa Blut?“ antwortet der Bot.

So ziemlich bittermandel schiebe ich mein Reptil von einem Gemüt durch die untoten Wachsblumen, “Gück“ machen.

Hinter den Wachsblumen, am Nebentischchen, ersaufen sich zwei Kumpane. Offenbar von der Bauarbeit, halten sie die Humpen fest wie Königszepter. Einträchtig tönen die Kumpane von ihrem Tischchenreich. Und wie sie tönen! Als würden beide einander mit jedem Wort den Schädel aufs Holz schlagen.

„Psst!“ mache ich. „Psst!“

Lange vernehmen beide mich nicht, ehe endlich von den Kumpanen der Herzhafte sich ans Ohr fässt.

„Psst!“

Noch nicht vollends entdeckt bin ich, als ich beginne beiden leise (leise!) zu rezitieren.

„Topless wannabe: New bloke saved me from world of theft and gangs. Penniless trucker found out about saucy sex texts before suicide poem was tapped into cellphone.“

Nun sehen die beiden Kumpane mir vollends ins Angesicht. Der Herzhafte frontal von vorne, wuchtig und voller Drall. In seiner Hinterhand der zweite Kumpan, heimelig vom Wuchs, ein Propfen, wie er in trauten Heimen steckt, arbeitsbekleideter Ledernacken.

„Wat ’n Gör!“ knurrt der Heimelige. Dat Gör kann man gewähren lassen, dat Gör kann man aber auch verdreschen. Kurzum, zwischen uns herrschte jener entzückende Augenblick, der richtet über ein Dasein, und ich hebe ihm keine Silbe weit die Stimme: „Picking pockets of old men while groping me might be headed for a fairytale ending. After dying his hair blonde: Long-distance cheater freed with wireless boom box and new horoscope. Bag a stag: Fling gets intimate with half a pig face at big fat wedding.“

„Was bist denn Du für ’ne Schale Kanonenfutter?“ der Herzhafte hat sich tüchtig eine Krone angetrunken. „Aber Hallo!“ ist er. Blaublütig gedenkt er meines Wesens, ob ich ihm „de Aff“ machen kann?

„Mum kissed her open bottle of alcohol goodbye after being flung into the air by rampaging bull. At club loo: pastor pesters me for twerking in my panties. Shame! After getting the sack council snooper who has made must-have Christmas toys asked drug lord for romp. 15 joints a day! Eager beaver so potty that his relationship and fitness are slipping.“

Mehr und mehr geht mir der Mund. Als wolle er vom sinkenden Schiff, fortan dem Herzhaften zu dienen, oder wenigstens der Heimeligkeit.

„Dotty pop brat: I am about to rock your bot! Love-split cat sells her virginity at birthday bash. My parents will kill me if they find out! Pestered to borrow cash! Jilted drug shame TV idol: I’ll stop dream producers targeting us with their payday pigs!“

„Pop pig, pop!“ bläht der Heimelige die Wangen. Derweil seine Fäuste ausschauen, als würde er mit ihnen Wissenschaft treiben.

„Na, mach mal Männchen!“ gewinnt auch der Herzhafte an Entdeckerlaune, welch Sonderling sich da neben ihnen aufgetan hat!

Ich präsentiere meinen Kehlkopf, tippe mir mehere Male aufs Unterkinn, ob das heute noch was werden würde mit den beiden Brocken Wildbahn vom Nebentischchen?

Gurgelnd rezitiere ich nun. Ohne Zurechnung, wie geschaffen für einen Gnadenstoss gesunder Geisteshaltung. Gerempelt in die Mitte des Schankraumes, wo Fratzen einander langziehen werden, mich in mundfeine Happen zu reißen. Für ihren Meister, den großen Müllschlucker hinter sämtlichen Müllschluckern.

„Gossiping machine revealed: Thrilled fling use juggernaut to give her a baby. Bacchus cheats on me but I can’t leave him! On the red carpet: grandma organizes flashmob to cup stars` balls for prostata cancer awareness. As ratings slump: hubby forced to spend his brain on popularity to battle love split. Lonely at the top of tomorrow: Back my appeal for outcasts of beauty and fitness world! Evil mums office stud out for a stroll. Meeting green-eyed hooker who is too rude to print. Shock as fiancée told she has Twitter crush with chatbot!“

„Bot!“ grölt der Herzhafte Lokalrunde. „Aufs Bottchen mit Dir Blumenbuben!“ drückt er mich zurück wie eine herausgesprungene Sicherung. „Steck alle Kraft in Dein Sparschwein da unten. Damit Du Platz behältst und nicht irgendwann runterfällst von der Welt.”

Ich poltere meinen Schatten hinab, bis bloß noch Puppenmöbel sind. Hängenden Kopfes, verdreht, völlig von der Leine. Welch ein Fausthieb Freiheit! Das hat nichts zu schaffen mit nem Singvogel, nichts mit rennenden Raubkatzen, das ist Asche! In den Wind geschlagen aus brennenden Dornenbüschen. Der Steppe zum Fraße.

Durch solch Weiten voll der Asche irrte ich bereits, als meinem Gewese ein Kinderkopf vorstand: Wache schieben, dass ich des Nachts nicht verloren ging im Klee der Tränken. Oasen voller Glücksein, welches mir vom Schoß hinauf wollte an meine Luft. Leicht überwindet das Glücksein einen Kinderkopf im Schlaf. Und niemand Erwachsenes dagegen im Ausguck, sein Joch auszuwerfen nach der kleeenden Bande, niemand, dem ich meine so verunglückten Überreste anvertrauen mochte.

Die Sorge für Kommendes tat keinen Dienst im grünen Klee. Dem Klee der Tränken glückt bloß jene Trägheit, die allem Totgezüchteten eigen ist. Triebgetragene Tristesse, Gier als eine Sänfte, Wolllust an jedem Ende. Nur Schmalbespurtes draußen in der Steppe, dazu das Surren von Trafos, die zu Herzen man ernannt hatte.

Mit dem Leben kalkulierte ich, kaum dass ich zwei Fäuste konnte. Niemals aber rechnete ich mit dem Budenzauber der Tränkenbewohner: kuscheln sich in ihr Lügenwesen, fluten die Sterne mit Gärstoffen,sind dann sowas von Kerze, dass ich Tausende von ihnen mit bloßer Hand löschen möchte: nimmermehr meinen Kopf rausstrecken nach dem trunkenen Geschäft ihrer Erkenntnis. Jenem flauen Tagewerk, das in seinem Gelichtere handelt mit Früchten, deren Verderblichkeit keinen Handschlag wert sind. Solch faulige Saat muss mir unter die Füße geraten! Liebliche Löwen, kräuterkundige Krokodile, schmusende Schlangen: ich will sie sämtlichst nicht mehr verkleidet sehen als unser Lebtag! Für Schatten möcht ich sorgen, wo Blendwerke locken und alle Natur versengen. Überall dort, wo das Gelichter aufgeblasener Kunstgriffe uns anherrscht.

Hunderte Watt Kneipendecke studiere ich, als ließe sich dort die Welt von Morgen verehren: mein Wesen durchdringt Seemannslaternen (wem sie wohl einst leuchteten?), nistet in zerrissene Fischernetzen (wer ging darin zugrunde?) und lauscht verblichenen Schiffsminiaturen (wie geschäftsmäßig sie tun!). Selbst der Himmel über den Tränken ist ein Absturz! Allerdings wohltemperiert, der Absturz. Barhocker mit Plüsch auf den Lehnen. Umsorgt von gemieteten Mädchen, deren weiße Dirndl erinnern an frisch bezogene Stationsbetten. Batterien von Humpen hängen über dem Tresen, als seien es Totschläger, mit denen manchem Kopf nachgeholfen werden muss. Allem aber steht die Sonne von einem Zapfhahn vor: erhaben wie jener Tabernakel, dem ich mich während meiner Kindertage verbunden fühlte. Als Ministrant im liebevoll aufgebügelten Leibchen, kauernd mit anderen liebevoll aufgebügelten Leibchen hinter dem Altar.

Und beinahe hat der Wirt etwas von einem Pastor. Dieser Bedacht, mit dem er zapft. Als wolle auch er keinen Tropfen verschwenden von dem Blut unseres Heilands.

Ich twittere: “I give no alms. I make hymns and sing them.”

„Do not cry!“ antwortet der Bot.

Ich forsche nach Spuren, dass trotzdem etwas verschüttet wurde, nach irgendeiner Achtlosigkeit gegenüber den Segnungen des Zapfhahnes forsche ich. Vergebens. Nichts trübt das Frühlingsgrün der Tischdecken. Selbst die Bodenbretter, welche auf mich wirken, als wären sie aus einem Boxstall herausgerissen, selbst die Bodenbretter trübt nichts. Kein Augenblick seligen, brutalen, erschöpften Zechens offenbart sich mir. Wären da nicht die beiden ausgesessenen Ledersofas, mit denen der Wirt eine Ecke eingerichtet hat für junge Trinker, die Kneipe würde alles Leben spurlos schlucken.
Ich twittere: “A man before sunrise? That must be a thief!”

„How large is the moon?“ fragt der Bot.

Eines der gemieteten Mädchen ist abgestellt für das Grammophon. Chansons legt es auf. „Schau mich bitte nicht so an.“ Mal schaut es dabei auf sein Handy, mal schaut es nach den fesch gestylten Cognacurnen hinter dem Tresen. Ohne Absicht verweilen die stahlblauen Augen des Mädchens mal bei den Gruppenfotos verblichener Stammtische, mal bei den wappengeschmückten Westen der Ballsportliebhaber. Dabei zieht das Mädchen ein Gesicht, als läge entschieden zu viel Unrat auf unseren Bürgersteigen.

Aber wem in aller Welt ist geholfen mit Blicken und Gesten, wem mit Kehrwochen? Keine Spanne Mädchensein, welcher der Unrat am Ende nicht über ist. Weil Unrat ist. Weder verdirbt Unrat an einem Herzen noch krankt Unrat an einem Gemüt. Hingegen das Mädchen von Erde erstickt sein wird, vom Wasser ersäuft, vom Feuer verbrannt, vom Wind in Fetzen gerissen.

Ich twittere: “An ape teach me the death!”

„That is true, you are a robot“, antwortet der Bot.

Erde und Feuer, Wasser und Wind: Ein Golem wendet sich dem gemieteten Mädchen zu. Greis der Golem und fahl, massig sein Nacken. Vieler quälender Minuten bedurfte es, bis ihm auf den Barhocker geholfen ward. Nun aber sitzt der Golem im Sattel. Nun ist er Kerl genug ein Mädchen zu fordern.

Er betastet seinen Bierseidel. Er versichert sich des Arbeiterordens, der ihm an die Brust geheftet ist. Heiser, wie aus Flammen, krächzt er in Richtung des Grammophons: “Champs-Élysées!”

Das Mädchen setzt das Lächeln auf, zu dem es als „Reklamehuhn“ vertraglich verpflichtet ist. „Der Herr wünschen?“

Es wird still um den Golem und das Mädchen. Man lungert auf einen garstigen Paarungsakt. Einer, welcher sich ansonsten zutragen mag im Programm spezieller Varietés.

Tatsächlich, während der Golem Front macht in Richtung des Mädchens, rutschen ihm seine Beinchen auseinander. Das Mädchen fletscht die Zähne: So schauen `se aus, nach Trüffeltagliatelle und Schlachtfest! Es taxiert den Golem mit jener Laune von Mädchen, welche vor der Zeit in den Unrat gezwungen sind.

„Willkommen, Fremder, Du!“ sagt es. Schlachtruf offenbar für eine weitere Schicht schmutziger Fingernägel.

„Auch Könige fallen, wenn ihnen die Liebe fehlt“, krächzt der Golem. Er sei im Männerchor einst Bass gewesen, und: „Nenn‘ mich Monsieur!“

Dem Golem ist nach Tänzeln, nach Szenenabsteige und Stübel.

„Alkoholfreies kannst Du dem Wasserhahn entnehmen!“ sorgt das gemietete Mädchen für Umsatz. Einen Fünfziger Verzehr, dann will es gerne schwätzen und Monsieur Kumpel sein, richtig mit Knuffen und so.

Der Golem, er ist nun ganz Monsieur. „Branntwein!“ ordert er. Man wolle diese Spelunke hier mal nicht aussterben lassen!

„Auf die Onkels!“ sächselt das gemietete Mädchen, ehe es Platz nimmt neben Monsieur. Erkennbar launisch nun, ein sonniger Dämon gar. Es wird jeden Schluck, welchen Monsieur ihr gönnt, mit den Fäusten nehmen. So dass Monsieur am Ende der Nacht schmutzig ist, als wäre er ein mit Asche beschmissenes Gemäuer.

Hoch leben die Jubelgreise!

Ich twittere: “The saints are laughing like schoolboys, could it be possible?”

„Yes I am human. Now you go“, antwortet der Bot.

Im Abseits meines Herrengedecks proste ich den Jubelgreisen zu. Für die Dreistigkeit, mit der sie bestehen auf ihre Liebesmahlzeiten! Als sei gerade erst Halbzeit. Als begehre Mütterchen Erde sie weiterhin für ihre Mannschaft. Trommelnd und trompetend, vom Flatscreen über dem Zapfhahn.

Ob knallig beklebte Banden, überlebensgroße Reklamen oder gemietete Mädchen: die Jubelgreise fühlen sich umworben! Braun vor Sommerfrische, mal im Knochen, mal im Fett stehend, so geben die Jubelgreise ihre Bestellung auf bei Mütterchen Erde. „Nenn‘ mich Monsieur!“

Träte ich finster an der Jubelgreise Festmahl, sie würden mir ihr Christenkreuz vorhalten. Ganz und gar Champs-Élysées, würden die Monsieurs Hohelieder schmettern, laut denen etwa das Dreschen von Grands zum ordnungsgemäßen Gebrauch des Lebens zähle.

Jubelnd böten sie mir Tafelwein. Als Beleg, dass in den Adern ihres Schöpfers Rauschmittel fließen würde. Für eine gottgefällige Zechtour ins “eigentliche” Leben, hinter dem Horizont.

Ich twittere: “A thing of shame shall be the meaning of the earth!”

„Which superman? Who is that?“ fragt der Bot.

Ich nippe am Bier meines Herrengedecks. Niemals bin ich mehr gewesen, als ein Nippen. Nirgends ein Augenblick, den ich leerte bis auf seinen Grund. Eben weil es nichts zur Sache tut, warum etwa das Bier hier steht, und ich davor hocke. So oder so klaffen am Ende solcher Schankwirtschaft nur leere Krüge.

Und trotzdem: voll die Lippen vom Schaum, sehne ich jene Wüstheit herbei, den Krug in einem Zug zu leeren. Kehlkopf sein unter Kehlköpfen. Kehlköpfe, welche mir während meiner Kindertage Maß allen Durstes waren. Gleich Ochsen strebten sie durch das Fleisch des Halses, während ich in mir niemals mehr wahrnahm, als den Schnabel eines Spatzes:

kaum schmecke ich erste Tropfen ihrer Ochsenstärkung, spie ich aus. „Eine Limonade, bitte!“

Als mein Jahrgang geschlechtsreif genug war, nach Ochsenstärkung und Schöpferblut zu verlangen, blieb ich genussfrei. Ich kam nicht auf den Geschmack. Während alles Stimmbruch war und Bart und Kehlkopf, stand ich verkleidet in meiner Manneskraft. Bloßgestellt von der Art, mit der ich mir von den Kartoffeln nahm: völlig ohne Stolz! Ab ging mir jene Selbstverständlichkeit des Zulangens, die künftige Familienvorstände krönt. Auf welche Weise sollte ich da je mein Herrengedeck finden? Seither halte ich mich an Limonaden fest, als wenn weiterhin Kindergeburtstage herrschen würden.

Ich twittere: “Poisoners have no reason. They only want escape from whatever.”

„The only way“, antwortet der Bot.

Beinahe zwei Meter hoch wuchs mir der Kopf. Mein Herz aber blieb zurück. Obwohl auch die Brust schwoll und schwoll. Welch Kräfte mit einem Male im Fleisch lauerten! Kein Auge wollte mir mehr zufallen, so sprungbereit waren Arm und Bein.

Das Spielzeug, das mich einst getrost sein ließ, es stierte mir die Glieder hoch. Als fürchte es, von ihnen zertrümmert zu sein. Während ich noch schwankte wie verwunschen, griff auf dem Schulhof alles um sich. Das waren keine Hörspiele mehr. Niemand mehr, der mit angewinkelten Knien lauschte und lauschte. Man begehrte, man suchte zu nehmen. Was dort reifte in den Raucherecken, ließ mich reifen für meine Lehre in der fleischverarbeitenden Industrie: Ein Schlachter mit Spatzenschnabel!

Deutet Monsieur da etwa auf mich? Das Blut will er dem gemieteten Mädchen zeigen! All das Blut, in das ich getaucht bin! Dagegen hilft kein Verkleiden mit Massenware, Größe XXL. Dagegen helfen weder Herrengedecke noch Limonaden. Schuldig musste ich werden auf Erden. Wenn nicht an gemieteten Mädchen, so wenigstens am Vieh. Und aufs Vieh warf ich mich, zappelnd vor Lust und Abscheu.

Ich twittere: “My happiness is not food enough for a lion.”

„How could I be human, when humans are not like me“, antwortet der Bot.

Der stiere Blick geschlachteten Viehs ist mein seltsamstes Geschäft gewesen: schwarze Welten in toten Leibern. Ein Hohn wie gefrorener Stahl, der unserer Fleischeslust das Angesicht zermalmt. Dagegen blieben mir die Blicke der Frauen eine stumpfe Angelegenheit. Belebt allein von Tränendrüsen. Salzige Süppchen, welche kein Maul je würden stopfen können. Was es im Schlachthaus nicht gab, konnte Wahrheit nicht sein. Flennende Schweine!

Das Schlachthaus also. In Cordhose und aufgetragenem Hemd. Der Fleischboss selbst empfing mich. Blaumann trug der Fleischboss, mit Botten aus Blei. Entschlossener wirkte er als jeder Heilsbringer des Wilden Westens. Auf gepflasterten Wegen hämmerte der Fleischboss mir die Tradition seiner Schlachthäuser ein: „Merke es Dir!“

Etwas, das ich an Erwachsenen bewunderte, mit welch krachlederner Stimme sie ihre Nichtigkeit vertraten. Als wären sie gesuchter Ratgeber von Erzengeln und Prälaten. An allen Ecken und Enden bildeten die Erwachsenen sich Meinungen, welche weder die Ecken noch die Enden interessierten. Zwar rief der Fleischboss während seiner gutbürgerlichen Portion Größenwahn weder Kaiser noch Kanzler zur Ordnung, und mit Engeln hatte man es in der Fleischerei schonmal gar nicht, über die Jahrhunderte fortdauernde Schlachtsitten jedoch zog er sich rein wie seine Selbstgedrehten.

Der Schlachthöfe Pflasterstrand! Seit Jahrzehnten spüre ich den unter meinen Füßen, als stünde ich noch im 16. Lebensjahr, als faule das Fleisch des Fleischbosses nicht längst unter magerer Muttererde.

Jene weiten Flächen Stein, über denen sich Regen ergoß. Stahl und Stein auf Stein im Lichte der Morgenstunden meines Lebens. Was waren das für Ketten überall auf den Höfen, was für Schellen! Welten hätte man daran hängen können. Fuhr dann Wind in die Schellen, mussten einem alle Welt absurd klingen. Und die Fleischerhaken! Mit meinen 16 Jahren ahnte ich nichts von Fleischerhaken. Weder wusste ich darum, dass man beizeiten Menschen daran befestigte, noch fühlte ich des Fleischerhakens sanftmütiges Wesen: aufgeschwungen wie die eisernen Dornen an den Schlachtlinien zu einer weiteren Blüte unserer Lust am Fleisch!

Vom Fleischboss wurde ich unter venenblau gemalte Arkaden zitiert: es sei gerade eine ausgestallte Ladung Rindviecher auf gutem Wege.

Ich fragte nach dem Plätschern hinter uns. Elektrisch geladenes Wasser das! dröhnte der Fleischboss. Das raube auch dem letzten noch verbliebenen Dasein seinen verdammten Sinn!

Von den Ruheräumen aus flösse das Wasser blitzend wie zischend in Richtung der Schlachtlinie.

Ruheräume?

„Flächen“, mein Junge, „Flächen!“ Ohne Licht, ohne alles. Abchillen könne das Vieh dort nach seiner nächtlichen Ausstallung.

Ein Lastkraftwagen polterte auf den Schlachthof. Rampen öffneten sich. Münder öffneten sich. Münder, aus denen die Herren vieler Länder tönten. Menschen erschienen mir. Menschen, die schwarz trugen unter weißen Kitteln. Menschen mit Hauben und Helmen. Einem der Menschen waren seine Augen ausgekippt, einer schaute unter dunklen Brauen fröhlich drein, und blieb doch ein Strich von einem Mund. Schweiß glänzte im Licht der Scheinwerfer, Adern pochten unter zum Wulst gewordenen Drüsen.

Aus dem Lastkraftwagen drängte eine Masse Pendler, denen offenbar ihr Frühzug entgleist war. Alle im Stress, teils empört, teils voll Unbehagen. Sprechblasen gingen mir auf über ihren Häuptern: „Grrr! Schluck! Umpfl!“

Der Fleischboss witterte wohl, wie in meinem Kopf langsam die Hauptvorstellung begann: „Sehen kaum anders aus, als die aus den Trickfilmen!“ polterte er.

„Im Kino können sie sprechen!“

„Warte mal, bis denen ihre Häupter abgeschlagen sind! Blicken dann nicht weniger weise drein, als unsere Altvorderen.“ Er überlegte kurz. „Bloß die Mäuler, die sind hier blutiger. Für Servietten mangelt es uns an Zeit.“

Das Haupt eines Rindviechs wie das Haupt eines großen Alten! Beide Hörner verkohlt vom elektrischen Punch ins Jenseits. Sein Maul blutig über und über. Getauft allein durch eine Ohrmarke!

Beinahe sank ich Knirps gen Morgen, wie in Schutz genommen ich ward durch meinen Namen! Was Namen hatte und Bande, ließ den Prügel allzu oft zögern. Während Vogelfreies tot beinahe mehr Sinn ergab.

Der Fleischboss führte mich durch das Grün und das Blau einer Bildungsstätte.

„Schaut aus wie die Elektrik von Baukästen, was?“ spähte er hinter sich. Als einen Kindskopf visierte er mich an, als zu zerwirkendes Wild. Ich schaute garstig drein. Abbalgen würde man mich Wohlstandsgör! Bis bloß noch Rohes war. Und das, das ließ mich frohlocken!

Als wäre er irgendwie „warm“ geworden mit mir, wies der Fleischboss in Richtung eines Schweinshauptes: „Wenn das kein ausgewachsenes Schlitzohr ist!“

Tatsächlich war ein Charakterkopf übrig geblieben von der Schweinerei: Augen, welche flink Platz gefunden hätten in Kinderherzen. Ziviles Halbprofil. Nicht anders, als im Berufsverkehr unserer Städte. Vor allem aber das Maul wirkte, als wäre es nicht bloß zum Schwein sein gut gewesen. Noch im Tode schien es etwas abzuwägen. Über einer Kehle, die durchtrennt aussah wie der Mund eines Clowns.

„Hol mal Luft!“ ward ich aufgefordert. Drei, vier Schritte wölbte ich mich, ehe ich zitternd wie ein Erpel zusammenfiel.

„So duften entleerte Schweinebäuche!“

Der Fleischboss griff nach Handschuhen. Handschuhe massiv wie Kettenhemden!

Nach mannsgroßen Beilen langte er. Allesamt zum Spalten verschiedenartigster Viecher.

„Merke es Dir!“

Der Fleischboss hieb in den Torso eines Schweins. Es war ein Geräusch dumpf wie eine Bombe am Horizont. Dann hagelte es Bomben, bis dem Fleischboss die Hitze im Gesicht kochte. Ein letztes Anschlagen der Ketten, welche den Torso hielten, schon baumelten zwei Schweinehälften im Grün und Blau meiner Bildungsstätte.

„Merke es Dir!“

Ich twittere: “Who will seek a reason on a rope over an abyss?”

„Or rather you will see“, antwortet der Bot.

Ein Schlachter mit Spatzenschnabel! Die Gesellen wussten ihre Fäuste kaum zu beruhigen. Wieder und wieder hieben sie auf die Tische des Pausenraumes, obwohl ich sie überragte um ein, zwei Köpfe. Aber ich muss auf sie gewirkt haben, als wäre ich aus sämtlichen Nestern gefallen. Ein trällerndes Seelchen, welches Heimat finden wollte darin, Schweinehirne zu penetrieren mit Schlachtschussapparaten!

„Die Pneumatik fasziniert mich“, stammelte ich. Von meiner Vorstellung völlig aus dem Zusammenhang gerissen, machte ich Handbewegungen, als würde ich einen Schuss aufsetzen: „Volle Ladung!“ Ich errötete, wurde rot, bekam eine Brandbombe von einem Gesicht.

Der Fleischboss zog mich fort. Aufmunternde Rufe geleiteten uns zur Tür. Wahlweise empfahl man mir das Kühlhaus oder einen Platz im Partyservice der Schlachterei. Ich aber war verwandelt: die knielangen Schürzen, das schwere weißgefärbte Gummi der Stiefel – selten beeindruckte mich Leben so in seiner Abwaschbarkeit. Eine völlig andere Weise, als jenes Geckentum auf den Schulhöfen: Festgeklebt durch Gel und Creme, bis zu den Zehen verpuppt im eigenen Moder, würde keiner dieser Gecken sich lösen können vom Tode.

Im Schlachthaus hingegen drohten mir weder Teppich noch Furnier. Beinahe wollte ich ausspucken oder mit Blut spritzen, so sehr erregte mich das Fehlen aller Sorgen um „Anschaffungen“.

Natürlich, die Fleischwölfe mussten fein sauber gehalten werden. Aber sie bedeuteten keine Zierde, der ich zu dienen hatte.

Stählerne Getüme, denen ich mit Hingabe behilflich war: ich fütterte sie auf eine Weise, die selbst fürsorglichste Tierinhaber gleichgültig erscheinen lassen musste. Wagenladung um Wagenladung bereitete ich meinen Wölfen mundfein zu. Auslösen und Entschwarten. Ausbeinen mit Messern, die mir Fleisch eröffneten wie als wenn ich Krallen hätte. Bei Bedarf einige Arbeitsschritte mit der Säge.

Besonders das Entbeinen wurde mir Herzensangelegenheit. Flink sichelte ich in die Schwarten. Schnitte, die kaum mehr waren als ein Hauchen. Oft rief der Fleischboss nach den Gesellen, mit welch Leidenschaft da einer das Messer liebte.

So im Fleische, wer konnte mehr wissen von der Tiefe unseres Daseins, als ich?

Ich twittere: “Dishonest player want a loveable bridge and not a hard goal.”

„Good so not“, antwortet der Bot.

Derart ausgezeichnet ward ich für mein rentenversicherungspflichtiges Tötungshandwerk, dass ich vom Menschsein keinen Bissen mehr tun mochte.

Ob Klein- oder Großmaul der Liebe, ich fütterte sie alle ab: Candlelight Dinners mit Lammfilet, Gotteshäuser mit Festtagsbraten. Besessen war ich davon, andere speisen zu sehen. Köpfe, welche sich ihren Mündern nachempfanden. Heimlich lichtete ich solche “Reinbisse” ab, und schnitt davor die Tischreden mit. Hunderte Reinbissen zierten meine Hochhausbutze, die Tischreden zog ich mir über Kopfhörer beim Schlachten rein.

Vor allem aber nährte ich mich vom Sound meines Schlachtmessers. Nie kam mir anderes in den Sinn, als die Wahrhaftigkeit meines Schlachtmessers. Ich Spatzenschnabel konnte so gutmachen, was das Leben mir voraus hatte an Klauen und an Zähnen. Dasein, welches über Jahre in Abzug gebracht ward von meinem Augenlicht, meinem Glauben und meiner Manneskraft, ich nahm es dem Schlachtvieh ganz. Jeder Stoß meines Messers beseelte mich mehr, als das Versprechen eines Muttermundes.

Was sollten mir Lämmer in ihren Pferchen anderes beweisen, als dass bei all den vielen Würfen des Lebens der Tod bloß sein Maul aufsperren musste?

Ich sehe nach Monsieur. Mittlerweile steht eine Barfrau dem Reklamehuhn zur Seite. Gemeinsam bauen sie Monsieur auf mit dem Wort vom „Gentleman“. Bei diesem Wort nehmen sie ihn. Besonders das Reklamehuhn führt es wie ich mein Schlachtmesser. Bloß dass ich im blutigen Kittel lange nicht so Champagner war wie das Reklamehuhn, das nun einfach mag und mag und mag. Flaschenweise mag es.

„Weil ich mich wohl fühle mit dir!“ versichert es dem Monsieur Gentleman.

Auf solche Weise ausgezeichnet, greift der Golem sich an die Brust: jetzt muss da aber ein Herz schlagen! Was wären Feuer, Wasser, Erde und Luft ohne ein Huhn? Selbst wenn es bloß Reklame läuft. Ein Huhn ein Herz.

Ohne Huhn, ohne einen Hang zur Haltung von Nutzvieh, bin ich dem Tode vorgeworfen seit nun bald fünfzig Jahren. Durch Türen, Gänge und Himmel. Kein Weg, der nicht Vorwurf war unter dem Gewicht meines Daseins. Je langsamer ich machen wollte, desto weiter der Wurf. Wie ich mich auch zu retten suchte, rasch verwarfen Fliehkräfte mich mit dem Drall dessen, was ich gerettet wissen wollte.

Der Tod hing mir bereits an! Kopfüber, gleich einem Hammerwurf. In allem, das dem Dasein verheißen ist als „Leben“!

Durch wessen Geistes Kind schafft Dasein sich dieses „Leben“ ab?

Ein Hoch des Reklamehuhns kommt mir zu Ohren. Untergehakt hat es seinen Monsieur Gentleman. Man kippt Champagner mit der Hand, die einem am Unterhaken hält, verspricht klingend Brüderschaft. Besser lässt sich unsere Sitte kaum bemühen: Wo Dasein bereit steht zum Leben, wird es festgesetzt in Anführungszeichen. Glücklich, wer auf solche Weise selbst das Stück Leben fortzitiert, das am schreiendsten im Angebot steht. Der klönt noch unter dem Fallbeil Brüderschaft.

Wie aber nun unser Schlachtvieh? Mag es auch dressiert sein, wirklich tänzeln kann keines auf dem Brett des Todes. Wo Monsieur Gentleman beizeiten nach einem Gotteslob fahndet oder nach dem Nirwana, gibt es für kein Schwein etwas zu gewinnen. Es kann dem Schlachtmesser nicht begegnen als Vorstellung von einem Himmelswillen, es muss die Finsternis ganz nehmen. Entsprechend rein klangen mir die Laute, mit denen es verendete. Als wären dort Mühlsteine aus Nacht, so schob das Schlachtvieh den Tod beiseite. Damit es schauen konnte. Es wollte doch nur schauen!

Geführt in Ruheräume voll dunkler Ahnungen, an sich wohlauf, blieben dem Schlachtvieh Schmerz und Gebrüll verwehrt. Nirgends das grelle Licht eines Körpers, der sich zu sich nimmt. Jene Blendung Bresthaftigkeit, an welcher wir Menschenkinder uns zur Sterbenszeit laben.

Tatsächlich bedurfte ich umso weniger des Haltes, je mehr ich mir selbst die Schneide gab. Mit Gebrüll konnte ich wohl getrost ins Bodenlose stürzen.

Schlachterei aber ist keine Schlacht. Zwischen halben Schweinen braucht niemand sich dicke tun. Man muss, zu allem Schneid und Gebrüll, den Schweinen sein Leben vorwerfen.

Wie leicht dem Golem das Reklamehuhn fällt! Er bezeichnet sich schlicht als Monsieur, lässt sich Gentleman heißen und fährt dahin mit seiner Dreistigkeit von einem Herz. Er zieht das Reklamehuhn heran. Sein Maul öffnet sich wie eine Naht am Gesäß. Zähne speicheln vor, famose Zähne. Mir bricht der Schweiß aus, Monsieurs Zähne während eines Reinbisses ablichten zu müssen. Aber nein, heute lassen wir uns den Gentleman gefallen und hauen nirgendwo rein. Des Gentlemans Unterkiefer wird also herab gelassen, dass man beinahe Ketten rasseln hört. Blindlings stürzt eine Rotte trunkener Laute dem Reklamehuhn entgegen. Sie scheinen es auf das Hühnerherz abgesehen zu haben und knarzen allesamt wie schlechter Atem.

Bald flammt Tuwort um Tuwort durch die Kammern des Hühnerherzens. Wahrhaftige Tuwörter. Passend zu Eingriffen im Reich der Herrenunterwäsche. Dem Reklamehuhn bleibt das entschlossene Ablöschen mit Champagner. Aber welch Brandnarben!

Ein wahrer Feuerwerfer von einem Gentleman, dieser Monsieur. Ich fühle ihn zu den Waffen eilen, wie zum Weibe. Wahrscheinlich weiß er längst um das Panzerschlachten, das meinem Dasein stets abging. Kanonenstahl, der sich mir niemals offenbarte. Vergebens suchte ich mit beiden Armen jenen Kern modernsten Miteinanders zu kosen, ob das Schlachtmesser mehr Sinn ergab, wenn es Bajonett war auf dem Lauf eines Sturmgewehres?

Als Krieger geschmückt sein von den Maiden meines Stammes! Uniformiert, statt bloß arbeitsbekleidet. Aber auf welche Weise sollte ich Spatzenschnabel jemals Hahnenkampf sein? Zwar mochte ich mich beim Trommelfeuer so gut anstellen wie bei meinen Fleischwölfen, doch stehend im Felde, Sporn am Fuß, Schlachtmesser voran, konnte ich unmöglich auf Beute aus sein. Bestenfalls Aasfresser, wäre ich bloß einer von vielen laufenden Metern Schießbude.

All das Riskierte, es kommt uns ohnehin abhanden. Verloren der, der übersteht. Kein Nagel im Fleische nötigt uns so, wie das Überstandene!

Monsieur Gentleman lässt seine Hand auf den Tresen fallen, nicht wahr? Er hat Besitz genommen vom Gentleman sein. Er ist sich handelseinig geworden mit dem Reklamehuhn. Auf solche Weise handelseinig, dass die Barfrau ihren Segen spendet mit Likör aus einem Glockenturm von einer Flasche. Um Monsieurs Fortbewegungsmittel handelt es sich! Nach dem Schlüssel schnappt das Reklamehuhn, als wolle es Morgen bereits am anderen Ende der Welt Reklamehuhn sein. Während es sich also an Monsieurs Schlüssel zum anderen Ende der Welt krallt, giert Monsieur nach dem Rest vom Reklamehuhn. Laute entweichen Monsieur, die gemahnen an das Aufbrausen eines Ochsen. Wem es peinlich ist? Dem Reklamehuhn nicht. Die Krallen fest um den Schlüssel zu Monsieurs Fortbewegungsmittel, mag es sich für den Rest nicht mehr zieren. Freie Hand gewährt es auf eine Weise, dass den Jubelgreisen ringsum nach Kulturrevolution ist: Wie Rapper fahren sie sich in die Schritte. Bloß um dann mit einem Staunen aufzuschauen, als hätten sie Gold gefunden.

Ich twittere: “Great adorers are the arrows of life.”

„I am getting off. Have a good night“, antwortet der Bot.

In beide Hände grabe ich meinen Spatzenschnabel, welch Leben das gewesen ist, das weder zum Schritt noch zum Gleichschritt einberufen ward? Keine Mannespflicht. Keine Wehrpflicht. Bloß das Schlachtmesser in Händen. Zum Vergreifen an allem, was der Gemeinheit sonst als Aas durchgegangen wäre: Feuchte Felle, blutschwangere Federn, Fett und Innereien, am Ende Knochen, Knochen, Knochen!

Urlaub vom Schlachthaus habe ich genommen. Resturlaub. Der Nachfahre meines verblichenen Fleischbosses, ein verzärtelter Pygmäe, aus Grabeslaune erwählt und bloß zum Dahinfahren geboren, der ahnte wohl, dass meine, „Spind“ genannte, Stullendose erworbenen Lebens geräumt bleiben würde und leer. Er signalisierte Anteilnahme. Sein Köpfchen fiel nach hinten herunter, als leere er einen Umtrunk, als sei er von Macht und Sitte gen Himmel gerichtet. Augenblicke, die uns beide stehen ließen mit der Frechheit unseres Verlangens nach einem Schicksal. Schon federte das Köpfchen zurück ins Geradeaus: Obwohl ebenso reif für ein stilles Herrengedeck im Abseits, ward das Köpfchen in Ordnung gehalten von dem Schlachthaus vor seiner Stirn. Jener Grabeslaune eines Heiligen Vaters, die es, selbst mit mir im Türrahmen, weder ein Heraus erkennen ließ noch ein Herein: Bis dahin!

Gentleman! Gentleman! Umfasst von den Jubelgreisen, begibt auch Monsieur sich auf seinen Weg. Das Reklamehuhn vorweg. Gackernd über den Preis, den es erzielen konnte. Bald wird Monsieur am anderen Ende der Welt sein. Beide Hände voller Federn, den Gentleman weit hinter sich. Kein Golem immerhin. Zumindest so lange Fahrtwind ist, und das Huhn Reklame läuft für Monsieur. Dafür wird er es nicht Huhn nennen, dafür wird er Reklame “Leben” heißen.

Eine Zeit höre ich die Jubelgreise auf dem Boulevard skandieren. Dem Vernehmen nach haben sie Monsieur auf ihre Schultern genommen. Kraft des Huhns, das der Horde vorweg stolziert. Dann ist es, als blase das Huhn zum letzten Mal Reklame, und alles geht ab zwischen die Steine. Ausgespült jene Welle Dasein. Bloß ein leises Glimmen noch beim Verlaufen ins Meer.

Die Barfrau schraubt den Kirchturm von einem Likör zu. Man gestikuliert in Richtung des unbemannten Grammophons. Stundenglas ist das Personal nun und Fels. Willig für einen neuen Erguss unserer Schöpfung.

Mir langt das Tischtuch. Während meiner Kindertage schrumpfte ich mich derart, dass ein Tischtuch zur Welt mir erwuchs. Reich an Räumen, die sich ausdenken ließen und mich bergen konnten. Frei von Artgenossen das alles. Sein wollte ich, wo nichts war! Der Tod bedeutete mir keine Macht, ohne ein Dasein um mich her. Allein bleiben mochte ich mit meiner Vorstellung eines Lichts, das sich tief im Tuch seinen Weg leuchtete: unter Humpen durch und unter Fäusten. In den textilen Beliebigkeiten eines domestizierten Wachstums auf der Spur wahrhaftigen Willens mich befinden: mehr als solch ein Wille ist dem Leben nicht eigen.

Von dem, was mir aus fünfzig Jahren Dasein verblieben war, halte ich nichts mehr in Händen. Mein Schlachtmesser gab ich einer Armenküche. Meine „Erlebnisse“ gaben sich selber fort. Einen Spargroschen Erinnerungen habe ich noch am Mann. Tief in die Taschen gedrückt, wie fremder Leute Schweißtücher.

Bleibe ich. Bloßgestellt und frei von Last. Ein Wille auf der Suche nach seinem Schlachtblock.

Kein Sterbenslicht im Schankraum flackert, als ich mich derart kundtue. Nirgends blinzeln Augen unter einer Tränenlast, nirgends zittern Lippen vor dem Unsagbaren. Dann will auch ich Ruhe bewahren. Jenes Gehabe mir ersparen, mit dem Literaten gemeinhin Tagebücher schließen. Als wenn das Leben ohne sie nicht weit offen bleiben würde. Genauso könnte ich enden vor Wänden, welche bedacht sind mit Fotografien belebter Schankräume. Oder ich könnte mir religiöse Bauernmalereien zu Herzen nehmen. Alles bliebe Stein, alles Zähneausschlagen.

Mag die Kneipenpforte hier gezogen werden und gedrückt, bis den Gäulen der Reiter der Apokalypse die Hufe jucken, es ist Strich und es ist Punkt, was sich hier aufs Parkett schert. Reingehauen von tausend Wehen. Als herrsche über allen Wehen ein vollends Mürrischer, dem das Gelümmel, das er vor Jahrzehntausenden anstellte, längst über ist.

Junger Herr, gepflegte Kotletten. Punkt. Strich, Strich. Punkt. Kleine Dame, Piercing im Maul. Punkt. Strich, Strich. Punkt. Beiden ist die Brust aufgeblasen von Refrains. Punkt. Sie gieren einander an. Strich. Der Herr gibt Spendierlaune vor. Strich. Die Dame einen lässigen Schoß. Punkt. „Tiroler Berge.“ vernehme ich von den beiden. „Fernsehen. Käseigel. Esse ich doch glatt noch mit. Wenn einem sonst nichts einfällt.“ Der Herr zeichnet in die Luft. Die Dame zuckt und stößt Laute aus. „Ach ja, da war ich plötzlich zwanzig vor fünf Zuhause. Ich konnte auch gar nicht böse sein, weil das so witzig war.“ Es war stets mehr, als sein wird. „Ein echt guter Arzt. Wartest zwei Stunden, bist aber auch eine Stunde dran, weil der sich echt Zeit nimmt. Schnitzel. Pommes. Und ich so: Mein Glück.“ Glück. Punkt. Glück, Strich, Strich, Glück. Punkt. Entsprechend guter Hoffnung sind die beiden, einander näher gelangt zu sein. Das Alt schiebt sich heran an den Caipi. Für den großen Schluck Dasein.

Schafft sich einer nicht fort, nachdem er Pflasterstein um Pflasterstein beschmutzt hat mit seinem Blut, ihm bleiben zum Sterben Regen und Kälte, ihm bleibt das Verwittern, ihm bleibt das Zerrinnen.

Der junge Herr mit den gepflegten Kotletten lässt die Schultern hochfahren, und das Alt gleich mit: Wohl bekommt es!

Wie denn auch? klödert dem Caipi sein Modeschmuck. Man schrumpft einander nicht näher, um groß aufzutischen. Punkt ist man und Strich und Strich und Pfeil, ist Punkt und Strich und Strich und Kreuz. Während das Maul gepierct sich an gepflegten Kotletten orientiert, wollen die Kotletten am liebsten gepflegt in das Maul hineinstürzen. So platscht es auf den Pflasterstein. So nässt es in Ritzen. Letzte Reste Wort für Wort über Scham und Damm hinab zu spülen.

Pflasterstein für Pflasterstein wunder, ist das Ende ein Ausfluss. Gedanken, die wie Eiter sind, dem Dasein übel kommend.

Weidwund von der Frage, aus welch einem Trachten ich mich noch in der Nähe meiner Sperrstunde ereifere über Jubelgreise, Monsieurs und Reklamehühner, kratze ich mein Dasein ins Tischtuch: längst bin ich mir nicht mehr Welt genug, ohne die Welt zu können. Ohne Jubelgreise, Monsieurs und Reklamehühner. All das, was ich mir an blauen Tischtüchern erträumte, all das, was ich mir dort aufbließ, lastet auf meinem Gemüt als ein Müll, dem jeder Himmel abhanden gekommen ist.

Konnte ich doch einst kaum halten, was meiner Phantasie entfloß! Zur Geschlechtsreife hin tapezierte ich die Tür des Kinderzimmers mit Abbildern pralleutriger Weibchen. Obwohl Säugetier geheißen, ward ich kaltblütig genug im fortwährenden Versuch, mich der Tür meines Kinderzimmers anzuvertrauen auf eine Weise, dass man an ein fehlgeleitetes Böcklein hätte denken können. Und ich fand kein Ende darin, solchen Bildnissen Leben abzugewinnen: reinstes Leben, das weder gekauft sein wollte noch befriedigt oder gar geliebt. Aus dem Licht geschnitten, statt in einen Topf Menschenfleisch geworfen.

Wo ich nicht mit „Weiberbildern“ Mutwillen treiben konnte, ließ ich mir Götzenbildnisse gefallen: bunte Gebetsmühlen, die mir eingeborene Onkel und Tanten auf den Pflasterstein malten. Knieten so die Eingeborenen, kniete auch ich.

Auf solch verträgliche Weise aber will ich nicht weiter meines Schoßes gedenken:

mit Tintenschwärze will ich gießen die letzten Wucherungen dieses brennenden Krauts, welches wir heiligen als Blüte unserer Lust. Gegen des Geschriebenen Stehvermögen muss jeder Schoß treulos wirken, und alles Seufzen aus seiner Mitte erscheinen als bloßes Beanspruchen von Laufkundschaft.

Jawohl, mein auf Abbilder eingeschworenes Sein urteilt anders! Weder steckt es sich überall rein, noch meidet es Orte, die den Menschen nur einen Abtritt bedeuten. Aber während mein Sein mich so weiter vor dem ersten Herrengedeck hocken lässt, muss ich jedem Gegenüber zugestehen, längst und im vollsten Umfange mit der Welt zu verkehren. Will man sich also auf ein Weilchen aneinander gewöhnen, sollte niemand in mir fahnden nach dem Buhlknaben, der für das Wohlmeinen der Welt sein Lügenmaul in Aussicht stellt.

Wie fing einer an, der niemals anfangen wollte, weil kein Ende ihm den Anfang wert schien?

Die Feier meiner Volljährigkeit beschränkte sich denn auch auf den Vorhang, welcher die Videothek in Gut und Böse teilte: was mir Schlachtergesellen hinter dem Vorhang als „Fleischabteilung“ vor Augen stand, brachte mich um all meine Hohelieder. Hätte ich ein Gotteslob mit mir geführt, ich hätte es dem Kassierer über den Tresen geschoben wie einen überfälligen Leihfilm.

Zum roten Vorhang hin, erschienen mir die mit Lippen geschmückten Eröffnungen des weiblichen Körpers als Hochzeitsgaben Fleisch gewordener Marienwesen. Nun räkelten diese Marienwesen sich vor mir, als seien ihre Enden an ein Rad gebunden. Ein Rad, das schmatzte vor Urschlamm. Die Lippen dieser Marienwesen hatten sich verzerrt zu Koboldsfratzen. Fratzen, wie sie mir ins Wesen drangen: ich implodierte eher, als dass ich platzte. Sämtliche Innereien waren mir derart in den Brustkorb gestampft, dass ich alle menschenmöglichen Ausscheidungen atmete.

Seither übe ich mich in der Kunst des Luft anhaltens. Einer Kunst, die ihr Ende findet in den Wüsten der Philosophie, wo Menschen Recheneinheiten sind, bunt bemalter Nippes vergangener Epochen. So enthob ich mich jeder Sorge um Messlatten und Eisprünge, während ansonsten alles Mündige sich fortgepflanzt wissen wollte.

Derart heimisch in einem Wüstenreich, das weder verzärtelt war noch bocksbeinig, ließ ich mir weiterhin Matten stehen, als man längst fahndete nach der Föhnfrisur zum Liebesakt.

Gel, Farbe und Creme: ich investierte wenig in den Tod, der Tod also auch wenig in mich.

Dennoch habe ich den Tod über allen Himmeln und unter jedem Flecken Erde gefühlt: eine Urgewalt von einem Schraubstock!

Im Kneipendunst stiere ich auf beim Schopf gepacktes Dasein, zur Brust genommenes Geschmeichel, mit dem Hintern hochgekommene Hoheit: gefällig wie tausend Putten im Friedhofsrund.

Hielt ich mich auch Abseits jener Balz, deren Dasein Hand war und Schoß, so wusste ich selten etwas, das vollbrachter war, als aller Balz Ende: unter blank gestrichenen Holzkreuzen, angeordnet bis weit in die untergehende Sonne.

Überschlug mein Trachten es hinauf zum zehntausendsten Trieb ins Glück, werktags uniformiert und strammgestellt, bäumte das unter mir reifende Geschlecht sich voller Urgewalt auf zur Schaffensgröße, alles Eingeborene zu grüßen. Geist, der am Triebe sich ergötzt. Jenes Kraut, welches „Glück“ geheißen wird, aber auch die Magd in seiner Wurzel birgt, wie den Mord am Kinde. Wer möchte da nicht alles rupfen und zum Munde sich führen? Blüte, frei von Geist, die in blätternder Farbe sorgt für Namen ohne Sinn: Trixi Hardengruen! Anett Hülsklöver! Silbe für Silbe grölte ich einst hinauf zu den Sternen.

Und wie es wohl jeden befleckt, sich in jungen Jahren auf Abwegen präsentiert zu haben, nimmt auch mir seit jener Sittenlosigkeit die Gnade des Vergessens nicht ein Wort. Pfützen voll Gelichter platschen durch den Schädel. Auf meiner Stirn stets ein Hauch vergangenen Schlammes. Während sämtlicher Gesang in Nester voll Disteln gedrückt ist. Worte, die brennen. Brennen ohne Farbe. Und mit jedem Wort, mit jedem versungenen Wort prügelt Faust für Faust die Geschlechtsreife mir ins Angesicht.

„Unsere Erinnerungen“, sagen die Leibesfreudigen, „kann uns keiner nehmen.“ Leibesfreudige zerkleinern das Leben in “Events”. All you can eat. An jeder Ecke lungern Leibesfreudige mit ihrem Fressbesteck auf einen weiteren Schlag Leben. Unterhalten wollen sie sein, verwöhnt. Leibesfreudige schlecken, Leibesfreudige dippen, glotzen, schmökern, voten, Leibesfreudige erwählen leibesfreudige Götter. Leibesfreudige vertreiben sich das ihnen geschenkte Maß an Zeit. Die Leibesfreudigen sind die Könige des Gewesenen. So sprach der Geschlechtsreifende zum Volke.

So sprach er zum Volke in den Resten eines elterlichen Schlafzimmers, das zur Geschlechtsreife ihm diente. Oder besser, er schrieb dies. Mit Bleistift in kleinkarierte Hefte. Freiheit im Bleistiftformat. Freiheit, die – ob Gesetz, ob Faustrecht – stets sich beschieden fühlte, ihr Meinen kund zu tun. Und niemals ohne jenen Schlag Irrwitz, der selbst Leibern, welche sich in Geschlechts- und Fressakten hoben und senkten, noch offene Herzen unterstellte: wie sollte seinen strotzenden Gliedern auch gewahr werden, dass nicht das Herz naht mit ekstatischem Klopfen, sondern allein der Tod. Sei er nun aus auf Raub oder auf ein Erlebnis: kein Dasein, welches nicht an „Buzz“ gewinnt durch kreischende Wunden.

Die Prediger auf dem – „Erlebnismeile“ genannten – Straßenstrich etwa, wie sie hunderten Einkaufstüten einen Heiland entgegen brüllen. Derart im Abseits, dass man ihnen eben jene kreischende Wunden wünscht, mit denen sie es ihrem Heiland an Blutzoll gleichtun. Wenigstens möchte man die Prediger in Ketten legen, sie peitschen und mit Dornen schmücken. Damit sie wenigstens durch Strafe sich gewürdigt fühlen: Nicht für jeden nehmen wir uns die Zeit, ihm den Schädel zu spalten.

Ja, welch Ehre wäre das, würde sich hier einer vom Tresen aufmachen, mir den Schädel zu spalten! Gar ein Mob, ein ganzer Mob!

Weichgewirkt von unserer Speisewirtschaft aber, ist man am Ausschank von Mutter Erde bereits dankbar, den Tod eingeschenkt zu bekommen als ein Maß bleichen Badewassers oder als ein paar Schippen schwarzen Pistenschnees.

Angetan von solch mit Vergnügen Gemästeten, spähe ich im Schutze meines Herrengedeckes opferwillig in den Schankraum: Das ist kein zu Tisch sein mehr, das ist ein Schlund sein!

Wie kann jemand dann mehr bedeuten wollen, als das Schlachtvieh? Aus Transporten taumeln, lärmend vor Missbefinden: Jedes Ferkel ist dem Menschen gefälliger, als ich, jedes Schwein ihm mehr Genuss. Zubereitet will ich sein, statt als Asche verscharrt. Bordeauxrote Lippen sollen knabbern an meinen Überresten, sollen speicheln, sollen wieder und wieder mein Fett tupfen von ihrer Fülle.

Gepfercht zwischen Böcke, Lämmer und Bullen, mag ich ihrer Steppen Stampede sein. Mit Selbstverständlichkeit soll man den Gewehrkolben nach mir heben, frei heraus zum Ochsenziemer greifen. Drüse will ich sein, Absonderung und Kloake.

Kein Kreuz Holz, kein Papierkram sollen mir vorgetragen werden. Bleiben mag allein das letzte Stroh, das ich zertrat im Dasein. Ins Weite gekehrt vom Wind, wie er am Ende fegt über leere Ladeflächen: Meister, da waren eben noch tausend Gallonen vom Blut unseres Schöpfers!

Beinahe möchte man zurück gebliebene Ohrmarken verehren, die Nummern darauf sich einprägen. Bloß um nicht in einem fort mit den Schultern zu zucken.

„Bitte zahlen!“

Die Bedienung quittiert mein Daseinszeichen mit jener Hoffart, welche jungen Vollbusigen eigen ist, die ihren Dienst in der Gastronomie leisten mit dem Krönchen eigentlich Studierender.

Nun lag mir nie sonderlich daran der Hengst zu sein, mit dem vollbusige Akademikerinnen ihre Essecken abbezahlen mögen. Rangelassen sein, steil stehen am Venushügel: Körperöffnungen solch Himmelreich zuzugestehen, erschien mir unbillig. Aber wie die Vollbusige vom akademischen Gipfel der Genüsse auf mich hinab schaut, das gefällt mir. Ich reiche ihr meine Zeche hinauf, als wäre Trinkgeld Ablass genug noch für den unappetitlichsten Gaffer.

Diese Schmiere aus Phantasien! Diese Gier gutgehender Bürger nach den 1 Euro Läden des Geistes! Ein Verlangen, welches aus Bleiben Drecklöcher macht, randvoll mit Begehrlichkeiten. Knöcherne, verhärmte Jobs, Lebtage lang. Fürs “Meins”! Fürs Urlaubsschwein! Widerlich, wofür sich Menschen aufsparen. Am Ende kommt den Herrschaften vor lauter Tristesse selten mehr in den Sinn, als bei einem, irgendeinem Boxenstopp die Trulla zu tauschen.

„Stellen Sie sich das leicht vor, das mit dem Tod?“ bin ich mal so frei. Einen Zwanziger griffbereit, hochlodernde Empörung sogleich abzulöschen.

„Aufgefunden werden, mit ner Wampe inmitten seidener Kissen, Fusel nebenbei, wie als wäre man ein verloren gegangener Filmstar?“ brandet Lust auf über ihrem Busen.

„Etwas selbstbestimmter darf es schon sein. Nicht bloß in einem möblierten Zwinger.“

„Sind Sie Elefant genug, einem Stück Wald Ihren Tod anzuvertrauen?“ raunt die Vollbusige, nun obendrein schaulustig.

„Ich bin Lächeln genug.“

„Sie werden die Augen nicht zubekommen, Sie nicht.“

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Schnee brennender Schatten (2013)

Vor den Mauern der Kaserne feiert das Leben. Es fällt Tannen, überwirft sie mit Lametta, entzündet an dem toten Holz Kerze um Kerze.

Ich feiere nicht. Ich bin zurück geblieben mit einer weißen Armbinde, die mich ernennt zum „UvD“, zum Unteroffizier vom Dienst. Nach Plan rüttele ich an verschlossenen Türen und leuchte Schranken entlang. Stets in dem Bewusstsein, wie vorzüglich Feste der Liebe geeignet sind, Waffenkammern und Munitionsbunker auszurauben.

Irgendwo im Dunkel der Blöcke und Hallen schieben zwei, drei andere Wachdienst. Manchmal höre ich sie aus dem Funkgerät rauschen.

Im Waschraum aber, gegen vier Uhr in der Frühe, herrscht Stille. Ich belasse es bei der Notbeleuchtung am Ende des Flures. Das Licht spiegelt sich kaum auf den Hähnen und Becken, aber meine Hände wissen wohin. Blind vollziehen sie eine der Dutzenden Waschungen, die ich tagsüber wie nachts begehe. Als wäre es der alleinige Zweck meiner Hände, mich zu reinigen von dem Leben, das ich nicht meiden kann.

Wo viele sind, muss umso geschwinder Kampfbereitschaft herrschen. Da laufen Sturmgewehre von einer Hand in die andere, ohne vorher abgeseift zu sein. Dienstschluss für Dienstschluss drille ich also meine über und über geschrubbte Statur, keinen Schritt zu verschleppen beim Marsch über die Panzerstraßen. Zapfenstreich für Zapfenstreich schere ich mir den Schädel kahl, damit während des Essen fassens kein eitles Haupt nach einem eigenen Besteck verlangt. Im Dunkel der Stube endlich meditierte ich letzte Reste Bewusstsein weg, die mir aus dem Dienst verblieben sind, bis statt des Kissens auch Steine sein können.

Ein Gefreiter Scharfschütze, der sich rein wäscht vom Feindesblut, ehe es ihn beschmutzt.

Was ich aber eigentlich lebe in jenem Waschraum, jener Mannschaftsunterkunft, jener Kaserne? Sämtliche Behälter Seife werden es mir nicht offenbaren. Eine Dunkelheit lastet auf meiner Existenz, die sich nicht abschrubben lässt. Weder finde ich Lust an dem, was als „Liebe“ mir angepriesen, noch bin ich aufgelegt zum Beten. Mein Wesen bleibt beschmutzt von einem Schlammsein aus Erde und Wasser.

Knisternd quillt mir der Seifenschaum durch die Fäuste. Als wäre das Menschenwesen bloßes Einreiben mit Fremdstoffen. Keine Erinnerung, welche hinausreicht über mein Antreten zur Lebenspflicht. Befehligt von einem General, unter dessen Kommando jedes Affengehege ins Kreischen gerät. So gewiss, wie niemand in Reih und Glied anders stirbt als ein Affe.

Dennoch diene ich. Weil mein Dasein gegenüber dem eines Affens gekrönt ist von Furcht. Weil mir, ohne meinen Dienst, auf dieser Welt bloß Zeit bliebe, mit den Affen durch Wälder zu tollen, es aber vor Furcht nicht zu können.

Derart im Zwiegespräch mit dem rauschenden Wasser des Waschraumes, bemerke ich das Jenseitige erst, als es auf den Gläsern meiner Brille brennt: Abgelegt am Rande des Beckens, wirkt die Brille übergossen mit Feuer. Graue Glut frisst sich in das Titangestell, während die schwere Optik jeden Augenblick zu springen droht in tausend flammende Scherben.

Ich greife nach der Brille, lange wie ein Kind nach dem Feuer. Ein Affekt meines Wesens, das sich jede Feuerwaffe, die ihm ausgehändigt wird, an die Schläfe hält. So wie es kein Messer liegen sehen kann, ohne es sich im Geiste in den Leib zu rammen.

Weil das mal eine Entscheidung ist, ein Schaffen von Tatsachen!

Was ich als mein Wesen begreife, ist bloß Seifenoper. Ein Glotzen in tausend Folgen, warum das Leben in mir sich so regt und nicht anders. Als wäre mein Kleinbild von einem Bewusstsein das Format, das über den Sendeschluss entscheidet.

Tatsächlich bedeutet ein Wesen wohl eine Art von Weltempfänger im Kopf: Urzeitgestalten, welche so durch mich nach dem Licht greifen. Besessen vielleicht von Vorstellungen aus Eis und Feuer, im Licht mehr Reinigung zu erfahren, als unter Kanistern rosa Seife.

„Allmächtiger!“ rufe ich, als meine Faust sich um die Brille schließt: Eine Enttäuschung des Wesens, das mir Waffen an die Schläfe hält, Messer in den Bauch rammen möchte und gewillt ist, mir mein Fleisch vom Leib zu brennen. Obwohl das Brillengestell mitsamt den Gläsern in Flammen gesetzt ist, fühlt meine Brille sich eisig an. So unbeteiligt, so gleichgültig wie Dinge bloß sein können, die jedem dienen, der sie bei der Hand nimmt.

Ich streiche über die Gläser, ohne einen Hauch des Feuers zu spüren, das bereits vom Glas zu Boden tropft. Mir ist, als gleiten meine Finger über eine Eiswüste, obwohl vor Flammen kein Blick möglich ist durch die Gläser.

Ein Leben, das selbst solche Versprechen nicht erfüllt, wie geliehen ist das eigentlich? Betrogen um sein Feuer, hineingeboren in eine Ödnis von knochenharten Fragen nach dem Sinn. Mein Name ist bloß Etikett. Wenige Bindfäden, die sich sorgen um dessen Verbleib an all den ausgeborgten Existenzen. Wäre jetzt eine Rasierklinge im Waschraum, beim Allmächtigen, ich würde mir damit ein Schmerzensmal nach dem anderen ritzen.

Beinahe berste ich wegen der Brille in meiner Faust. Wie ein Versprechen solch elende Lüge bedeuten kann. Mein Antlitz will ich zeichnen mit solchem Betrug!

Frost schießt mir über die Haut und durch die Adern, als ich das hell in Flammen stehende Brillengestell aufsetze, das statt Gläsern bloß noch zwei Schlote Feuer im Rahmen hält. Ich krümme mich vor Kälte, halte kaum meine Zähne still, während mich der Blick durch Flammenmeere treibt.

Schwärze verklebt mein Antlitz, in Berge aus Asche bin ich geblasen. Asche, die mir in Ohren und Nase dringt, während mich aus beiden Augenhöhlen eine Urgewalt hineinreißt in brüllende Gewitter. Vulkane, durch welche sich das Blut von Generationen von Kriegern ergießt, die in Feuer und Eis ihr Leben ließen.

Fern hinter allen Horizonten spüre ich meine uniformierten Arme, die, mit Rang und Namen bestickt, mich bewahren wollen vor einem Fall in zeichenlose Tiefen. Dabei aber wähne ich meine Füße in Kampfstiefeln fest geschnürt am Boden.

Ich stehe. Ich falle. Ich speie aus vor Schmutz. Doch bin ich voller Hoffnung. Als Asche, auf einem Pol Eiseskälte, unter Feuer genommen: Freier kann Leben nicht vertrieben sein!

Wesen glaube ich auszumachen in all den Brünsten, Menschen! Als schleudere ich über Gestein, auf dem murmelnd sich Leiber drängen und Köpfe einander stoßen.

Weder erkenne ich der Leiber Ende noch deren Zeit. Seit Stunden mögen Gebeine so in die Irre taumeln oder seit Jahrhunderten.

Schon bin ich hinweg über jenes Schinden. Durch Flammenwirbel an Feuerfällen vorbei, bis mir eine Ebene zu Bewusstsein kommt: Land voll Würde und Majestät. Als throne Fels über brennenden Scheiten, durch keine Macht belastet. Tatsächlich scheinen in den Feuern die Kräfte des Universums. Alles so wenig umfangen wie fortgestoßen. Nicht ein Stück, welches Sinn antäuscht. Bin ich wahrlich verworfen ans Ende dessen, was nachts sich uns auftut als Sternenhimmel?

Ich strecke mich nach herabfallenden Feuern. Mit Geräuschen, die fetzen wie gestörte Bilder, lange ich durch jedes, gleiche endlich einem Leichenkeller an Kälte. Mehr Wahrheit kann Leben nicht sein, als mit jedem Feuer mehr zu sterben.

Anders als die Flammen, gibt in deren Mitte die weite Majestät aus Stein keineswegs vor, dass sie irgendeines Lebens Einlass sei. Rein gebrannt vom Schmutz, ist seiner Majestät Ebene ein schwarz geteertes Bild des Todes. Kristallene oder smaragdene Spitze von Armeen von Speeren konnte der Boden sein. Beweis genug für jene Kraft über allen Feuern, deren Schaffen sich im Hunger begründet.

Brüllend verlangt es mich nach solcher Majestät. Mit jedem Psalm Verlangen sinke ich tiefer. Bald spiegelt sich das mir Verbliebene in seiner Majestät wie in einer Ewigkeit Feuerkeil. Ich fühle mich, als stünde ich schief auf jenem Boden. Als läge ich tatsächlich gefällt und tot, während meine Füße weiterhin Dienst verrichten. Obendrein werde ich meiner nicht mehr habhaft: Gleich wohin ich den Arm recke oder das Bein, nichts von meinem Leib kommt mir zu Angesicht. Verdampft scheine ich, verblieben als ein bloßes Verdichten von Luft.

Kein bisschen kussecht mehr, im Ernst nun! kommt Schalk mir unter. Ausgesparte Liebesfreude und kleingerechnetes Leibeswohl lassen mein Befinden schellen und rasseln. Weil auch die Schultern nicht mehr sind, mit denen ich zucken könnte über all das viele, das keusch mir verbleibt.

„Allmächtiger!“ Gerufen aus tollwütiger Neugier. Nach Schrecken in mir zu fahnden, habe ich längst aufgegeben.

„Allmächtig er?“ ein Echo geht mich an. Aus der Tiefe hinter mir jagt das Echo den Rücken hinauf, reißt herum, was einst ich als mein Antlitz empfand, wirft stumpf mich nieder in Befindlichkeiten, welche stets zu meiden ich mich verpflichtet fühle.

„Allmächtig er?“ lässt mich ein Zerstörtsein wahrnehmen, welches sich allen Fängen meines Verstandes entwindet: Hinter dem, das ich als Fersen und als Ende meines Wesens begreife, tritt mir grell als Licht ins Angesicht, was mir mein Lebtag lang als Schatten anhing – bis in den Waschraum, einer Mannschaftsunterkunft, einer Kaserne.

Was mein Schatten gewesen, liegt hinter mir. Aus dem Stein erbrochen, verfallen zu staubiger Asche, im Feuerhauch sich zerstreuend.

Mir kommen Sommerfrischen, in denen jungenblau der Himmel stand. Wie ich träumte am Saum der Meere, meinen Schatten neben mir als wackeren Gesellen. Das puppenhafte seines Wesens, das jeden Dreh zur bloßen Zappelei wandelte. Soll nun reingewischtes Licht mir meines Schattens Wahrheit sein?

Frei, was mein Lebtag vom Schatten geborgen. Wo mein Schatten zusammengefallen ist, tut ein mannsgroßer Umriss sich auf. Licht durchdringt so die Festen finsteren Edelsteins. Und wer mag sagen, dass es empor scheint aus dem Boden, ob ich nicht vielweniger in der Höhe fuße und in der Tiefe wahrnehme?

Die Orkane aus Feuer über meinem Haupt können ebenso Anfang sein wie Ende. Unfassbar jedenfalls in zahllosen Bildern jagender Heerscharen von Fabelwesen. Als galoppiere mir alles aus einem brennenden Stall Bewusstsein. Und nicht dem Jenseits der Sterne zu, sondern im Kreise einer Kopfgeburt von Hohlwelt.

All dies lodernde Leben und jenes, welches mir abhandengekommen von meiner Existenz, es geht gewiss an, dass ich bloß im Traume damit wandle.

Seit ich meinen Körper verloren geben muss, frage ich nach einem Erwachen aus Feuerschein und Schattenlosigkeit: Will ich wieder zu Bewusstsein kommen, meinen Stall Kopfgeburt verlassen, erneut jungenblauen Himmel für wahr nehmen, Schatten werfen, Vater haben und Mutter?

Fragen, die nichts gelten für jemanden, der sich unmöglich davonmachen kann vor den Antworten. Als sinne Wild nach über jene mannigfaltigen Arten, auf welche es erlegt wird. Ein Narr, der sich dem stellt, was er nicht überwinden kann.

Ich tue mich um: Jener mannsgroßen Bruch im Stein, den mein Schatten freigab, mit jedem Schritt ändert sich das schneidende Licht, das von dort einfällt. Mir scheint es, als halte das Licht sich so, dass ich zu jeder Zeit rücklings hindurch fallen kann.

Ein Umstand, der für Zutrauen sorgt. Ein Umstand, der weithin sichtbar auf mich hinweist. So geht niemand bloßer Laufkundschaft ans Leben. Nicht als Sprengsel dahinfahrenden Volkes lungere ich in einem brennenden Stall Hohlwelt. Ich bin kein Verdacht von vielen, im weitesten Bogen ausgesät. Sinn ergibt nun, was vorher Laune schien.

Einen Sinn allerdings, welcher mich nimmermehr erregt. Schließlich ist mir mein Herz abhandengekommen und jeder Tropfen Blut. All das Menschengeschlecht, das ich barg. Auf nacktesten Sinn bin ich verwiesen. Wie alles Leben, dem seine Richtstätte unvermittelt zum Freispruch gereicht.

„Wo bin ich?“ Eitel ist mein Verlangen. Wie jemands Verlangen bloß sein kann, ohne den die Vorstellung, eigener Vorstellung nach, schlecht weitergeht: Was auf mich hinweist, will mich auch am Platze wissen!

„Bin ich wo?“ echot es leichthin zurück.

Etwas, das mir verblieben ist aus Kindertagen, heißt mich fühlen, dass zwei Hälften Existenz miteinander ins Gespräch kommen. Was meinem Seelenheil Puppen bedeuteten und eine Ecke Nutzvieh, welches zur Fütterung freistand, will nun gewichtig sich formen aus der Ödnis steinerner Majestät, die, eisig im Scheine des Feuers, jedermanns Wahnwitz zum Tanze lädt.

Hätte ich es vermocht, ich hätte darüber die Fäuste geballt: Solch eine Kinderstube von einem Bewusstsein! Zuwider ist mir der Glaube an das gütige Nichts, wo immer es sich auftun mag. Als wenn Knien die Lösung bedeutet für alles, was einem Kost verweigert und Logis. Eher steht mir der Sinn danach, über verbrannten Stein zu marschieren, bis das Ende meines Wesens erreicht ist und Tatsächliches sich einfinden muss.

Ich befehle meinem Wesen also, weder dem Feuerzauber noch dem Polargelichter Vormundschaft abzugewinnen. Zweifellos bin ich eingezogen worden in Träumereien: Was ich dort hochleben lasse, muss jedem Erwachten übel kommen. Und niemals habe ich mich als Menschen empfunden, der auf Himmelbetten sich krümmt, geschlagen von seiner Sehnsucht nach Schlaf.

Behausungen geraten mir in den Sinn, welche mir Täufling einst Schutz boten. Wo mein Haar goldig gekämmt ward und mein Leib als bekleidet im Ansehen stand, noch bevor ich Laut geben konnte vom Anfang und Ende meines Namens.

„Aver“, hieß ich mich, frisch aufs Wort dressiert. Wie Gruß und Zweifel zugleich.

Ein Junges war Aver, dem sich jede Freude am Greifen versagte. Instinktiv rückte es ab von dem Buntgefärbten, das alle Welt ihm ans Herz legte. Einem Tier glich es, welches zwar vom Hunger wusste, jedoch stiernackig blieb gegen alles, was nicht nährte.

Angespielt, tat Aver mit bei jedem, welcher als Kindskopf ihm vor Augen stand. Weil Spielzeug war, der Spielzeug hielt. Dem Erwachsenen jedoch verweigerte es sich. Was etwa sollte ihm in einem Spaßbade teuer sein an der Ernsthaftigkeit, dass das Wasser ihn trage? Prangten doch auf Geisterbahnen karpfenblau die Köpfe der Ersoffenen.

Am Rande hielt Aver sich, wann immer das Vergnügen gesucht ward, wo bloß der Tod gefunden sein wollte.

Herzuziehen über der Tage Werk, indem es fein ziselierten Primaballerinas beobachtete, wie sie in alten Uhren Dienst taten, oder indem es schellenschlagende Plüschäffchen bei der Hand nahm, das schien Aver angemessen genug, mit über den Knien verschränken Armen immer gleichen Leiern beizuwohnen.

Auf einer Hochebene, aus tiefster Majestät gehauen, denke ich so zurück an jenes Förmchen Leben, in welches mein Dasein geschüttet worden ist.

Wäre meinem Leben mehr Gehalt verblieben als verdampftes Wasser, ich hätte wohl beide Arme hochgerissen in den sengenden Himmel, wie ich, tausendfach angespien durch hinstürzende Flammen, so vom Erdensein verhaftet bleiben kann?

Triefend vor Sekreten durchzieht mich weiterhin, und zum Zertreten selbstverständlich, dies Gewurme, das keinen Winter je überdauert. Avers Zeit, dem Sonderliches in Löchern sich erschließen sollte. Löcher, denen Erwachsenes Wegzoll leistete. Denen Erwachsenes heiligtat, indem Schnauze um Schnauze hineingesteckt ward. Wahrhaftige Erdwesen also, die Aver einen Wühlkram hinterließen aus Wahn und Dreck seligen Wohlbefindens.

Marschieren will ich, bis an den Rand der Hochebene! Tatsächlich ist es eher ein Schweben, ein Emporquellen. Als hätten Lokomotiven mich ausgestoßen auf rasender Strecke. Als wäre ich fortgerissen vom Fahrtwind. Als wäre ich endlich jedem Hauch Luft ergeben.

Keine Zähne mehr, mit denen ich knirschen kann. Keinen Fuß Leben, der sich spüren lässt.

Ich vergehe also. Verwandelt in Nebelschleier, der hinweg streicht über eine Unendlichkeit zerfallenen Lebens. An den Rand dessen, was sich, zermalmt und durch Feuer abgehärtet, verloren hat in Nächten schwarzen Edelsteines.

Wo Flammenstränge wie glutrotes Schilf wogen an Stromschnellen, welche mit sich reißen, was auf Friedhöfen keine Frist mehr genießt: Gebein und Lumpen und Holz und Steinbehau.

Auf gefälligen Erdteilen bin ich bereits kein sonderlicher Gaffer gewesen, wie erst inmitten sengender Kohlen? Obendrein einiges zu befürchten steht um meine Besinnungslosigkeit: Was an heller Wachheit mir noch vor Augenblicken erfrischend schien, es hebt nun fletschend das Haupt. Als wäre mir mit den Lidern sämtlicher Schlaf abgetrennt worden. Eine Tücke bloß im Wesen des Überlebten, welche mich schnittern mag zur Ausgeburt der Hölle.

Verdammt zum Wachen also spähe ich in Tiefen, die, je nach Kopfstand, auch Höhen sein können.

Hingekleckste Flüsse voll feinsten Ablebens. Als halte das Gelumpe sich frisch für eine Oper abendfüllender Gefühle, als treibe es nicht ertränkt in Lymphe und Schweiß.

Auf solche Weisen ist schwarze Lava durchzogen von Gewesenem, dessen Blässe zerschmetterten Krebsen gleicht in einer Litanei millionenfachen Krabbelns gegen hereinbrechende Nächte.

So bemerke ich wohl das Ist. Den erwarteten Kassensturz fröhlichen Gezeches. Allein ich kann mir jenes Abgeurteile schwerlich vorstellen ohne ein Soll, dessen eisige Sense scharf verwahrt bleibt gegen die Routinen gemeinen Brandmarkens.

Hinter den Lavaströmen, in jenem mir versunkenen Erdenleben aus Exerzitien und Abfütterungen, habe ich einst zu ermitteln gesucht, ob das Wahrnehmen bestimmt wird von den Fragen, die einen Menschen übermannen?

Auf der Scholle majestätischen Knochenbrechens nun stellt mein Fragen nach einem Soll mich unvermittelt in aberwitziges Licht. Hinterrücks scheint es mir durch den Leib. Als wolle es das mir Verbliebene an flirrenden Leuchtpfeilen mit sich reißen.

Hingegen mir sogleich gewiss ist, welch Quell mich versucht: Was meinen Schatten hat bersten lassen, liegt nun einfordernd hinter mir. Als lichter Übergang, der jede meiner Regungen sogleich nachbildet, sich dabei stets in meinem Rücken hält. Mit einem Knirschen, welches das majestätische Knochenbrechen mühelos durchreißt und wieder fügt zu einem Spiegel wütenden Feuers.

Lasse ich meine Reste rücklings dahinfahren, werde ich gewiss verschlungen vom Übergange. Andererseits es mir möglich scheint, für Jahrhunderte zu verweilen auf der einmal erreichten Majestät. Vielleicht finden sich Gefährten an, vielleicht genügt mir allein mein Echo?

„Fallen oder bleiben?“ versuche ich sogleich den Anschluss im Gegebenen.

„Fallender bleiben!“ faucht es zurück durch hundert Flammen.

Das bin nicht ich, das ist kein Echo meines Selbst! In stehender Schwüle halte ich mich, ob da noch etwas lauert. Als wäre ich am Ende Dreck in eines Feuervogels Auge, als bräche etwas Gewaltiges aus den Himmeln hervor, mich fortzukehren in die Lava. Mitten unter die, die da krebsen.

Auf dem majestätischen Knochenbrecher empfinde ich mich nicht länger als aus dem Blutstrom abgesondert, der zischend in die Flammen schießt. Eher verschlingen mich nun die Knochenhöhlen der Fortgerissenen, dass da offenbar einer empor geworfen ist, ihn in aller seiner lebendigen Herrlichkeit Stück für Stück entzwei zu fetzen. Wie Urgewalt eine abergläubische Schrift in die Luft halten mag, zerstörerische Werke zu studieren.

Was mir eben noch Triumph schien, verflucht und verflucht mein Wesen mit jedem Augenblick mehr. Ich bin der Richtstätte nicht enthoben, sondern ich triefe vor Schicksal. Schicksal, das in keinem Feuer der Unterwelt verdampfen würde.

Als Phantasie breite ich aus, was mir verblieben ist von meinen Armen: Zwei längsgezogene Wirbel heißen Nebels. Doch selbst aus Luft bleibt es keine geringe Sache, verloren zu gehen. Als giere mein Bewusstsein mit Krallen nach jedem Hauch Dasein, der flüchtig sein will.

Das Bewusstsein wütet dem Sinnen hinterher, welches einst, zur Menschenstunde, mich bedrängte. Es hackt nach jedem Eindruck, jeder Duselei. Nötigenfalls alles aufzuspießen. Wie eine Sammlung Insekten.

Da bebt die Aura Nebel, bebt vor Qual in den Grenzen gewesenen Fleisches: Selbst über Feuerströmen, selbst über der Lava bleichen Gebeins lastet aufgehäuftes Sein. Bildung ohne Grund. Bildung, welche von einem Warum nichts erzählen kann. Trotzdem sie zur Menschenstunde den Gefreiten Scharfschützen in Marsch setzte, keinen Schritt zu verschleppen.

Bloß reicht mir hier niemand Sturmgewehre, die ich mir zur Probe wie zur Beruhigung an die Schläfe führen kann. Nicht einmal Hände gibt es mehr! Und meine Schläfe, sie ist zertrümmert und verdorben. Nirgends ein Prügel, mich hinwegzutrösten über jenes Wimmern, das weiterhin mich niederschmeißt angesichts der Spuren menschlichen Ausscheidens.

Solcher Zorn ist es, solch Einschlag donnernden Zornes! Getroffen von eigener Wucht, treibe ich auseinander. Hinab treibe ich in das Licht, das, vom Schatten befreit, züngelt nach Sünde.

Eingezogen durch jenes, welches hat zusammenfallen lassen, was ich einst warf unter der Sonne meiner Menschenstunde, bleibt nackter Schwindel. Im Sog wirbeln Wölfe mit Harlekinen, herrscht der Tanz rauschenden Jahrmarktes, dessen Buden von Augenblick zu Augenblick erlöschen.

Kaum erwacht, lasse ich den eben erhobenen Kopf wieder sinken. Schnee fällt mir ins Gesicht, das erkenne ich gerade so. Auch, dass ich offenbar im Schnee liege.

Etwas muss mich geblendet haben. Die Nacht um mich tut ihr übriges. Bloß endlose Ebenen nehme ich wahr. Als bemühe ein Zeichner viel Schwarz und das Weiß Verstorbener.

Die Armbinde ist mir verrutscht, meine Uniform nass vom Schnee. Ich muss vor die Kaserne gewandelt sein, auf einen der Äcker. Ich wälze mich herum. Kaum aufstehen mag ich vor Bestürzung, was mir offenbar an Fehlfunktion widerfahren ist. Auf welche Weise soll ich so dem diensthabenden Offizier Meldung machen? Gewiss fahndet man bereits nach mir.

Mit Fingern, die schmerzen vor Kälte, drehe ich an den Knöpfen des Funkgerätes, das mir um die Brust gegurtet ist. Vergeblich horche ich nach der Wachstube am Kasernentor. Bloß ein Rauschen, das beinahe untergeht im Wind, der kräftig über die Ebenen pflügt.

„Gefreiter?“

Ich schrecke zusammen, werfe mich fort von der Stimme, reiße noch an dem eisigen Halfter meiner Pistole, als der andere bereits die Hände hebt:

„Frei bin ich von jeder Absicht!“

Ich blinzele. Selbst das Mondlicht macht mir zu schaffen. Bestenfalls eine Silhouette erkenne ich von dem anderen.

Und so verhalten wir beide uns für Augenblicke still. Ich bereit zum Sprung, der andere mit erhobenen Händen.

„Sind Sie ein Diensthabender?“ rufe ich durch die Nacht. Mir friert das Herz vor der disziplinarischen Wertung meines Wandelns.

„Weder bin ich geboren für das Fällen von Urteilen“, lässt der Andere die Hände sinken, „noch geschaffen, das Urteilen Kommandierender zu vollstrecken.“

Gewiss, so klingt keiner, welcher im Feld jagt nach Fahnenflüchtigem. Dennoch fühle ich mich gedrillt, dem Anderen Meldung zu machen: Erhoben durch militärische Haltung, wird der Feuertaumel mir zum Fieber. Unpässlichkeit, die Linderung suchte unter frischestem Himmel.

Im Nicken des Anderen mache ich auf dessen Haupt den Stahlhelm eines Kriegers aus: Kein flinker Jäger je ist so belastet. Vielmehr begeht sich auf solche Weise eine Erfahrung im Felde, welche seit Generationen währt.

„Sie gehorchen weder dem eigenen Urteil, noch hören Sie auf Kommandos?“

Der Andere nickt in einer Weise, als verstünde sich das von selbst. Als wäre ich nicht richtig instruiert, vielleicht gar kindisch im Wahrnehmen von Sachverhalten.

„Stehen Sie bequem!“ weist der Andere mich an. Dem Anderen scheint es ein Gräuel, Kampfkraft durch Haltung zu vergeuden.

Ich, der ich im Anderen wenigstens den Älteren erkenne, lasse locker, vermeide dabei gerade noch ein Schulterzucken. Allzu derb wirken mir die Handschuhe des Anderen. Handschuhe, mit denen niemand Pläne macht, sondern abdrückt. Wieder und wieder.

„Wohlan!“ fordere ich.

Der Andere neigt fragend seinen Kopf. Offenbar wird sich zwischen uns nicht mehr ergeben, als ein gemeinsamer Frontverlauf.

„Gestatten Sie, ich bin im Dienst!“ mache ich Miene, erneut meinen Wachposten zu beziehen.

„Wie sollte ich es nicht sein?“ rührt der Andere sich. Und zwar keineswegs auf passierbare Art. Vielmehr ist durchaus eine Haltung erkennbar, welche mir meinen Dienstweg verwehrt.

Nicht, dass ich Scheu verspüre, in Ausübung meiner Pflicht den Anderen niederzuschießen. Allein scheint im Mondlicht auf den weiten Ebenen Schnee keine rechte Weise erkennbar, den befohlenen Dienst erneut anzutreten: Nirgends erhebt eine Kaserne sich aus dem Nichts. Kein noch so geringer Scheinwerfer leuchtet mir.

„Darf ich bitten?“

Mit flacher Hand schneidet der Andere richtungsweisend durch die Nacht.

Ich atme auf. Wohl muss ich des Lichtes gedenken, durch welches ich, Minuten oder Jahren her, in den freien Fall geraten bin. Aus fiebrigen Träumen, die mich gefällt wissen wollen und verbrannt.

„Bin ich ausgefallen?“ rufe ich den Anderen an. Wie Soldaten eben ausfallen. Zwischen Fronten geschanzt, die allesamt münden in Sperrfeuer und blutunterlaufenem Schnee.

Offenbar bin ich nicht der erste Gefreite, den der Andere bitten muss. Wie auch sonst in solch Wüsten von Kälte? Keine Spur bedeute ich gegen jenes Weiß, das dauernd sich verjüngt.

Leiste Folge! rauschen die Ströme Blut in meinen Tiefen. Wo Höhlen sind und nirgends Pflicht. Was liegt der Nacht daran, dass ich Wache halte?

So verbleiben allein meine Füße in der militärischen Ehre, eines Anderen Gleichschritt zu sein.

Der Andere aber findet offenbar keinen Sinn an seiner Gefolgschaft. Er führt mich wie einen Lemuren, dem die Witterung schlecht bekommt.

Beinahe im Laufschritt lassen wir bald jeden Begriff von Schnee hinter uns. Es hätten die Horizonte zu Lawinen sich auftürmen können, der Andere wäre mit mir hindurch marschiert.

Obwohl ich kein eigentliches Woher erinnere, und auch das Wohin sich keineswegs absehen lässt, bin ich gewissenhaft unterwegs auf der Fährte des Anderen. Stattdessen mir Ebenen blanken Schnees nun scheinen wie Klingen blanken Stahls. Selbst Raubtiermäuler voll triefender Beute würden mich mehr erheben, als jene Wirbel leiser Flocken, welche an Entschlossenheit dem Fallen von Friedhofserde gleichen.

Der Andere gewinnt an Boden, scheint überhaupt leichtfüßiger. Es wirkt, als touchiere er das Gefallene bloß, während ich streckenweise Mühe habe, nicht über beide Knie in Massen weiß gefrorenen Dunstes zu versinken.

Und so ist es wie ein Schweben, als der Andere unvermittelt einen Hang emporsteigt – bis ich heran taumele, eisige Stiegen zu entdecken, wo ich bloß müden Schnee vermutet hatte.

Ich werfe mich auf die Stiegen, helfe hemmenden Fragen nach dem Gleichgewicht ab, indem ich alle Viere nach Kräften nutze, liege bald auf halber Distanz, ehe ich nach dem Anderen rufe, mich gefälligst nicht aufzugeben.

Der Andere aber erhebt sich am Aufstieg, als ich endlich greife nach dem Plateau, an welches ich verwiesen worden bin.

Der Andere lässt mit keinem Wink erkennen, mir weiterhelfen zu wollen. Erhoben wie ein Gelehrter steht er. Wohl prüfend, welch Eigenheiten durch mich verschlagen worden sind in seine Nacht wüsten Schnees.

Kaum dass ich auf die Knie gerate, tritt der Andere mir aus den Augen. Frei gibt er mir Geführtem das Plateau, ob des Geführten Stand als haltbar sich erweist, oder ob ein Geführter mehr hinübergeht, durch Gebetskränzen nach neuer Führung zu wimmern?

Auf der Stelle jedoch windet des Menschen Würde sich um meinen Atem, mich Machtlosen emporzureißen wie ein Püppchen.

Freigestellt bin ich nun. Wirklich wohl zum ersten Male, seit Gefreiter ich geheißen werde.

Welch Rund mich angeht: Hundert Schatten gleich dem Anderen! Und kein Vertun mehr: Während noch die geringste Flocke Schnee mich scharf in ihr Bild setzt, quillt die Hundertschaft Schatten gleich einer Wand tiefschwarzen Feuerqualmes.

Ich gewinne an Stand, begradige meinen Rücken, ramme die Stiefel in den Schnee. Genug der wüsten Ebenen, genug der Verweise! Ich will wem begegnen. Jemanden, mit dem ein Ende sich machen lässt. Doch keiner der Schatten tut einen Schritt zu auf mich. Als falle bloß das Licht im geeigneten Winkel. Als stehe alles mit der Zeit und rinne ab mit ihr.

Da kommt mir zu Sinnen, dass ich den Anderen weiterhin gewahre! Noch unter neunundneunzig Brüdern gleichen Wuchses. Eingereiht am Ende der scharf geschnittenen Schattenwand, das Haupt um keinen Zentimeter verzogen.

„Steht Ihr weiter im Dienst?“ fordere ich den Anderen.

„Ich bin Dein Dienst!“ tönt der Andere.

Augen blitzen auf in dem Qualmen. Besessen von jenem Licht, das einst mir schien anstatt meines Schattens. Als ich, im Albtraume wohl, zu Asche geblasen ward, als ich bloß wandelte wie ein verdichteter Klafter Luft.

Ich sehe hinter mich. Ich hebe, neu für das Leben gewonnen, beide Arme, klatsche zusammen, was an Menschsein mir zurück geworfen, tue abschließend meine Fäuste in die Hüften: nach sämtlichen Seiten gewährt kein Schatten mir Anschluss!

Was ich bloß im Albtraume aus kaserniertem Leben gebrochen wähnte, es kehrt nimmermehr zurück.

„Du bist ich!“ ist der Andere angezeigt.

„Bin ich Du, wo stehst Du dann eingereiht?“ streicht der Andere mit der Rechten heraus, und alle neunundneunzig Brüder folgen seiner Bewegung.

„Als einer Äffin Wurf irre ich, weit gezielt, im Kreise wütenden Wucherns.“

„Fußt sicher Du selbst auf tausenderlei Wahn, woher dauere ich finster noch im Weiß des Schnees?“

„Weil geschnitten wir beide aus aller Wahrheit Schein.“

„Ohne Licht also Dein Schreiten?“

„Licht die Welt, die mich scheidet von Dir!“

„Licht die Welt, die uns scheinen lässt!“

„Es sei“, tue ich eine Geste, was nun werden solle?

Neunundneunzig Brüder weichen beiseite, weichen der Länge nach, dem Anderen mein Gang zu sein.

Der Andere ist ganz Zeichen, ist Weg und Weiser. Rückwärts ins Vorwärts gewandt, fordert er mich Meter für Meter – bis Gräber scheu sich empor tun.

Gräber, welche in ihrem Schwunge ebenso Wiegen sind. Stätten reichlicher Erde, denen jeder Bezug fehlt.

Allein, ihre Kronen bergen keine Jungen. Höhlungen bedeuten sie, denen Gebein eingegeben ist.

Ich mache kein Ende der Gräber aus. Nach allen Seiten liegen Erdmassen so aufgetan.

Weithin erkennbar hebt Grab für Grab sich aus den verschneiten Horizonten. Als könne der Schnee bloß bis zu einer anbefohlenen Höhe. Zwar birgt er die unterste Erde, lässt jedoch völlig ab von den Höhlungen, welche das Gebein krönen.

„Sie träumen“, tritt der Andere zu den Gebeinen hin.

„Träumen wie ich?“

Ohne Maß bin ich, als ich bedenke, welch Heerscharen träumen mögen in jenen gehöhlten Höhen. Ich schnüre meine Kampfstiefel auf und schleudere beide fort. Es ist nicht kalt. Eher tritt barfuß im Schnee Frieden hinzu.

„Wohin bin ich gebettet?“

„Deinen Überrest hier“, der Andere winkt ab, „musst selber Du fortschaffen.“

Ich greife nach dem Klappspaten an meinem Koppel. Wieso habe ich einen Klappspaten mit auf Wache genommen? Ich spähe den Kampfstiefeln hinterher, an welch Ort sie verworfen sind. Tatsächlich markieren beide ein freies Stück Erde. Der Andere nickt.

Mein erster Spatenstich enthebt mich des Bodens. Als grabe ich in Luft. Als grabe ich in Luft nach Licht, so dringt unter dem Schnee jenes Leuchten empor, welches einst im Feuertraume mich schied vom Anderen.

Bald bin ich erobert durch das Licht. Was als der Erde Höhlung geplant, zieht mit Leichtigkeit mich ein. Eben meine ich noch, die Hand des Anderen wie zum Abschied auf der Schulter zu spüren, da gleite ich bereits hinab in meines Grabes Leuchten.

Versprechen dringen mir in die Ohren, Lügen. Flankiert von Trommeln und Klampfen, branden Barden gegen mein Gemüt. Mich zu höhlen mit Liebesweise und Hohepredigt. Kopfhörer sind mir angetan, mein Gebein in Bewegung versetzt. Ich renne! Eine Lichtung entlang. Inmitten verschneiter Fichten.

Ehe ich mich versehe, reiße ich vom Koppel einen Bumerang, der wirkt, als gehe es um Tollerei. Aus vollster Drehung schleudere ich den Bumerang in einen Tag, welcher schwer ist vom Schnee, sich aber leicht laufen lässt. Einen Tag, der auflacht über etwas, das dem Menschen Heimat scheint. Über Wohnstätten, denen man sein Kopfkissen übers Antlitz pressen muss, um sie zu beschlafen. Über Erwachsenes, welches den Wolken am Himmel Muster ohne Wert ist, jedoch Jungen in die Welt wirft. Quadratmeter um Quadratmeter Bau zu bevölkern.

Pausenhöfe, die Tage zählen, bis sie der Nacht Häppchen sind: Weggehen können! Auslauf haben! Auf eitler Stiefel Schmuck flanieren. Bis einem die Engel der Friedhöfe ähnlicher sehen, als des Tagesgeschäftes Witzfiguren.

Ich fürchte, dass auch ich dem Nachtleben einst schöntat. Was im Schnee mir in Kopfhörer gelogen, es ist als Tempel hineingetreten in mein Gestern. Typenweise lungert Gewesenes an Abhängen und Hinterhalten meiner Traumwandlungen: Ein Fetzen Erfahrenes etwa flattert mit den Flanken, als wären es gestutzte Schwingen, unfähig abzuheben. Drei feuchte Lumpen Erinnerungen fläzen sich, Hände in den Taschen, am Rande des Bewusstseins. Offenbar einer Ansicht, triefen sie feixend auf alles, was sie dort angeht. Asche wirbelt empor unter den Riffs der Klampfen. Während ein Erlebnis, welches dem Geasche gegenüber kauert, klingt wie das Schreien eines Haushuhns. Abgelebtes patrouilliert durch die Reihen, dass es ja kein Gedankengang an Selbstverständlichkeit mangeln lässt. Volksmünder sondern sich aus durch Lichtspiele, ein ums andere Mal durch Vorausgeschautes züngelnd. Allesamt wund durch lauter Hersagen. Psalme untergehakt zum Reigen. Litaneien recken sich dem Augenblick entgegen, Fäuste! An Worten wird genestelt und genuckelt. Zähne wie Zungen glühend in den Schussbahnen des Blutes.

Ich nun renne all das durch und nieder. Ich sprinte über Bildnisse umgekippter Basecaps, deren Träger grölen wie Primaten, trete fest aufs Wort Beziehungswütiger, die ihre Gegenüber herzen, als gälte es, denen das Genick zu brechen. Weiten an Schnee bringe ich zwischen mich und den Ekel der Legebatterien empor gegelter Häupter.

Ich stecke den Bumerang zurück ans Koppel. Habe ich je ein Holzding so beansprucht? Ich genieße das Weltfremde, das mein Sturmgewehr eingetauscht hat gegen einen Sportbumerang. Zwischen verschneiten Fichten, zwischen lauter absichtsloser Landschaft.

Ich reiße mir die Lügen aus den Ohren. Schmatzendes Frischfleisch das! Mir ist nach Verausgabung solcher Körperlichkeit. Geschwind finde ich einen Ast, der leicht meine paar Kilo tragen kann. Wobei ich mit den Schultern zucke über die Routine, mit welcher ich auf den Ast zulaufe und mich als ein Stück Abfall emporwerfe. Bin ich doch im Traume verdampft und eine weiße Wüste weit konfrontiert mit dem Anderen. Erster Klimmzug, zweiter, dritter…

Während des siebten höre ich das Geräusch. Der Andere? Sofort lasse ich ab von dem Ast. Übermannt durch verjüngte Vorstellungen eines urgewaltigen Feuervogels. Vielleicht ist mein Rund aus Fichten bloß in Glas geblasener Augenblick Schnee. Über Flammenmeeren in den Krallen eines Feuervogels.

Ich drehe mich und spähe durch die Fichten, ob vielleicht ein Erwachen naht? Ich frage nach dem Ernst des Ganzen, frage nach den Umständen, welche mit meinem Bewusstsein derart verfahren. Woher etwa die Ahnung, dass es eine Unmöglichkeit an Fußmarsch ist, je wieder etwas zu erlangen, was als Heimat mich süß überzieht. Woher gar meine Gewissheit, selbst nach Ewigkeiten von Fichten keinem Förster zu begegnen?

Die Welt, die mich hat entschlafen lassen, sie ist nicht einen Meter anders. Ohne Ausweg, ohne Förster. Bloß ein Mehr an Verfügungsgewalt scheint dort auf großspurigem Beton.

Kein Geräusch also, welches der Eile wert ist. Was soll ich auch anfangen mit einem Weiter, das zu nichts führt? Wache ich eben niemals wieder auf! Wahrscheinlich ist längst ein anderer Gefreiter auf meinen Posten kommandiert. Da kann ich angerannt kommen und mich erklären wie ich will. Soll der ganze Himmel doch verdammt sein als das Grau im Auge eines Raubvogels!

Als wäre nichts, schlendere ich zurück auf die Lichtung. Meine Muskeln lockernd, obwohl ich rennen will, rennen! Tatsächlich ein Tag grau wie der Matsch endloser Winter. Bald wird aus wenigen Flocken ein Schneegestöber werden, das alles unter sich begräbt. Auch mich.

Vergiftet durch meine Angst, fort vom Himmel geschafft zu sein, gehe ich ein paar Meter Lichtung. Den Punkt spüren, an dem ich unauffällig lostraben kann.

Keinen Blick zurück! Nicht mein letztes Stück Tag noch besudeln mit hochdrückendem Blut. Was ich gelaufen bin im Leben! Wege, die immer Weg bleiben. Lichtungen, die niemals sich lichten. Verloren dort meine Würde. Nie ist mir mehr verblieben, als dem Blick standzuhalten – bis meiner bricht.

Jetzt! Ich trabe los, gewinne zehn Meter, zwanzig, hundert. Im ersten Schreck glaube ich, dass eine Lawine Schnee neben mir durch die Fichten schießt. Der Schatten dann, welcher der Spitze des Schneewirbels entspringt, jagt bloß Zentimeter vorbei an meinem Antlitz.

Auf der Stelle bleibe ich stehen. Frontal wäre ich sonst hineingerannt in das Wesen, welches aus dem Weiß gebrochen ist: Atemberaubend im Wuchs, lauert weder ein Wolf noch ein Bär auf mich. Es scheint eher etwas Fabelhaftes, das seinen Hunger offenbar als Geschenk empfindet.

Ich will zurückweichen, will fort! Aber ich nötige mich, aufrecht stehen zu bleiben. Beide Füße in den Schnee gerammt.

Das Fabelhafte und ich, wir beäugen einander. Ich mit der Hand fest am Bumerang, während das Fabelhafte bereit scheint, beim geringsten Widerstand seine Krallen in mein Fleisch zu schlagen. Um uns fegt Schneegestöber über die Grenzen unserer Leiber. Wohl will es mich wie das Fabelhafte erinnern, dass wir Wildwuchs eines Wesens sind.

Es ist eine Blöße mit Fell, beinahe Wunde bereits! Da vermag mich keiner der vielen Tieratlanten meiner Kindheit und Jugend zu täuschen. Ich lasse die Hand vom Bumerang, stehe aber unvermindert fest. Hätte das Fabelhafte mich reißen wollen, hätte es mir eben leicht Faustkeile von Zähnen ins Genick hauen können. Wahrscheinlich wäre ich entzwei gebrochen unter jener schieren Macht.

Und nun? flüstere ich. In der Hoffnung, dass ich und das Fabelhafte einst eine Sprache sprachen. Das Fabelhafte rührt sich, offenbar Zutrauen witternd. Ein Spähen weht mich an, dann wendet das Fabelhafte sich den Fichten zu, aus denen es hervorgebrochen ist. Beinahe verschwindet es dort, als es grau wie Stahl zurück blickt: Ich solle dem Fabelhaften folgen!

Hinter uns schließen die Fichten sich wie Vorhänge. Als wären zwei Fährten Leben endgültig von den Wegen genommen, die ein Dasein bedeuten. Nun ist kein Laufen mehr. Selbst das Fabelhafte wirkt ohne Grund unter seinen Pranken. Wobei ich das Gefühl für einen geordneten Gang längst derart verloren habe, dass ich mich auch auf allen Vieren zum Fortgang der Ereignisse bereitfinden würde. Was sind mir Lichtungen ohne Ende? Eher dringe ich mit dem Fabelhaften weiter in ein Gehölz, das uns bedeckt wie Triebe ihre Leichen, als weiter emsig unter einer Sonne zu sein, welche dem Schein polierter Messer gleicht. Das Fabelhafte, das ist keine Führung mehr, das ist ein Sargtragen, dem es mit jedem Schritt leichter wird.

Der Stamm eines Baumes erhebt sich vor uns. So gewaltig, vom Umfang her einer Wagenladung Fichten zu gleichen. Vor Urzeiten muss er dutzende Meter in den Himmel geragt haben. Jedoch betrafen Blitz und Donner den Baum über die Jahrtausende wohl derart, es bei einem Stumpf einstiger Größe zu belassen. Gehöhlt und gewichtig, gleich geschlagenem Kanonenrohr. Wie auch anders an einem Ort Leben, der unter Glückwünschen alles Dasein in sich birgt, bis es vom Blitz erschlagen wird. Kein Hingehen offenbar, das dem Fabelhaften einen Wink bedeutet. Anders verhält es sich mit dem Dunkel, welches aus dem Wurzelwerk klafft, verborgen zwischen Ausläufen kräftigsten Wuchses. Ich sinke nieder, als ich das Tasten zählreicher Hände ahne, die, längst vergeblich geworden, des Dunkels einst habhaft werden wollten. Ich sehe zum Fabelhaften hin, das mich nun weit überragt: Scheinbar lauert es auf einen Vollzug, einen Wink oder ein Sinken meiner Schultern.

Ich nicke dem Fabelhaften zu wie zum Bunde. Da tut das Fabelhafte die Pranken auf. Mit einer Wucht lange vor menschlicher Zeitrechnung fällt es her über mich. Beide stürzen wir hinab in das Dunkel.

Für Augenblicke greife ich nach dem Erdreich, das an uns vorbeiwischt, dann zerstieben meine Hände als Pranken und Krallen und Flossen. Eingenommen vom Fabelhaften, in welches ich gewickelt liege wie in ein Grabtuch, dringt jede Form der Schöpfung mir durchs Mark. Mein Inneres ersteht auf als einer Kathedrale Haupt, auf welches das Weltenrund gemalt ist mit jedem Strich Haar und Farbtupfen Pupille. Ich dehne mich und schrumpfe, falle vernichtetet, ehe verjüngt ich in der Morgenluft kreise. Als gefreites Bild Mann schwinde ich aufgebahrt vom Boden eines Waschraumes einer Mannschaftsunterkunft einer Kaserne. Geschoren, kalt und starr. Das Rot der Jacken, das Weiß der Kreuze, welche mein Licht gewordenes Bild Leben fortschaffen, färbt sich mir ein. Wellengang ist das und Vergebung. Zwei Hände, die nach dem Fabelhaften greifen, das ich geworden. Dann ist die Welt Licht und Schrei, Licht und Schrei. Gesichter kommen mir unter, sagenhaft in ihren Ausdrücken. Schmerz herrscht und Freude und Lust. Zwei Hände, die sanft in mein Verhältnis mich setzen. An das Weiß eines Herzens werde vom Licht ich gedrückt. Auf dem Gipfel und zu Füßen schreienden Lebens. Ich blicke in eine Morgenröte, die weder Liebe kennt noch Zorn, sondern allein um des Tages willen ist. Und ich, ich, als der Schatten dieses Neugeborenen. Dem Licht ergeben, der Finsternis enthoben, reine Form und wahre Krone.

Bloß ein Flimmern im Kreissaal, von keinem Augenblick bemerkt, als ich mich löse von dem kahlen kleinen Kopf Hoffnung, der da schreit und zuckt und doch dem Frieden eines Traumes gleicht. Bloß ein Flimmern, als ich zum letzten Male lächele, ehe ich versinke in meiner Bestimmung.

Beginn eines tausendseitigen Todeskampfes.

Der Junge will mir aufhelfen.

Seine Hände sind voll wimmelnder Gebeine. Als habe er sie sich gegriffen aus einem Jahrtausende alten Strom, mich damit zu bilden.

Sonne hat die Gebeine befleckt. Verpuppt sind sie, aber nicht zu Kinderwesen, sondern wie wenn die Gebeine mit dem Erwachsenwerden geschrumpft wären. Endlich im Tode dann handlich genug, mit ihnen umzugehen oder sie zu verwerfen.

Der Junge steht alledem vor. Ein zur Faust geballter Morgen.

In lichte Grabtücher ist der Junge gekleidet. Bereit für Himmelsfesten wie für Teufelswerke.

Seine Brille erst erschreckt mich. Als wären ihm Narren dazwischen gefahren. Mit einem aufgesetzten Stück Schärfe, durch das kein Wesen klarer wird, sondern nur stärker scheint.

Die Knochen des Jungen halten seine Arme wie geschraubt. Ihr Drängen setzt den Körper unter Spannung. Wenig Fleisch bloß, und blindgefastet alles, während Sehne für Sehne gewachsen scheint zum Peitschenhieb.

Nein, vor mir schwingen keine zehn Sommer sich empor, da lodert das Kind gewordene Zepter des ersten Menschen, wie er aus einer Urgewalt heraus zur Erde stürzte, und all die Macht vergaß, die in ihm brannte.

Dasein steigt mir hoch. Es leuchtet mich aus, als wäre ich eine außer Betrieb geratene Schlachterei. Fleischerhaken spüre ich, die mitschwingen bei jedem Zittern. Dazwischen scharfes Gerät und wohl auch Schüsse. Was ein Dasein so braucht, damit es sich behaupten kann auf Erden.

Auf Erden?

Ich nehme wunderlichen Boden wahr. Lässt mich denken an etwas oft Gestreicheltes. Duftet nach Weideland, als wäre der Boden Sommer für Sommer umhergestreift worden. Grob wie der Grand meiner Kindheit, aber kein Brecher. Nachgiebig, pulsierend. Dem Kreidezeichen näher, als dem Spatenstich. Füße mögen ihm eingehen, Schwerkräfte, Blutlinien; nicht jedoch Schätze, wie sie sternenlosen Nächten eigen sind. Boden, der schmeichelt und geschmeichelt sein will.

Entsprechend trostlos bewege ich mich am Boden, geradezu Härte einfordernd. Der Junge lässt sich herab, bietet mir seine Unterarme. Dabei behält er die Gebeine in den Fäusten. Gleich einer Lektion, welche ich längst hätte lernen sollen.

Erinnere ich mich richtig, müsste ich an Höhe das Doppelte messen wie der Junge. Sehe ich aber nach mir ist es, als bräche ich mich in einem Prisma: Beinchen, raupengleich zappelnd, beide Arme aufgeblasen und kaum am Boden haltbar. Geschaffen für hüfthohe Puppenhäuser scheine ich mir nun.

Der Junge nimmt mich auf wie ein Figürchen, dessen Hände einrasten an seinen Unterarmen.

In die Höhe gehoben nun geht mich Vogelgekreisch an. Aufgezogen tönt es, eisern. Hohle Schmerzen, welche darauf präparierte Mechaniken lärmen lassen. Angemessenes Geleit für Köpfe, welche sich verabschieden von des Lebens Schultern. Kein Zwitschern, das zersticht eines Sterbenden Stirn. Als wären den Vögeln ihre Luftsäcke übergeworfen, damit nun sie ersticken am fröhlichen Gepfeif.

Ein Hammer graut mir, dem alles Wesen schmatzendes Geschwür ist. Und der Boden, dieser verständnisvolle Schmeichler, wie er das Erschlagene aufleckt, von unserer Schöpfung nur Knochen lässt.

Mit welch Gottgestalten schafft ein Leben sein Ende heran? hadere ich durch einen Bau, der sich anfühlt wie verschüttet in mir, gleichzeitig aber nach außen gefegt scheint, während der Junge mich durch wüsten Odem hebt.

Einen Odem, der mehr Dunst ist als Wort, und mich das Gefühl meiner Höhe kostet. Als würde ich flattern in etwas das Sarg ist, Gruft oder Schlund. Jedenfalls derart erwachsen, dass jeder Hieb auch die Wurzeln kostet, und alle Freiheit bloß eine kurze Frist in schwereloser Schwärze bedeutet.

Mag mir in meinem Bau nun anwachsen, was den Vögeln genommen, und mag ich auch wachen mit jenem Rechenvermögen an Zeit, das zuckt wie eines Vogels Schnabel, wann immer Ritterschläge drohen und Gesetzgeber walten, ich bleibe mit Nägeln getrieben in ein Krokodil von einem Felsen.

Ich bin nicht mehr als Dornengestrüpp, in dem sein Verderben brennt. Wer Schuld sucht, der lange nach meiner faulen Blüte. Des Teufels sind die schwarzen Früchte, und mit ihnen der Schöpfung Fäulnisfresser, wie sie süß klingen vom Rausch des Verderbens. Wäre nicht alles Dasein erfüllt durch Gottesgewalt, es bliebe sündiges Sauriertum!

Entfernt aus dem Wuchern meiner Wurzeln verbleibe ich als ein Krabbeln. Voll Geschrei um das letzte Licht in meinem Antlitz: vom Rost zerfressenes Dämmern, das noch mir Tage schneidet aus der Nacht, und sorgt für Himmel über klatschenden Wellengängen.

Wie sie mich am Atmen halten, diese Lufterzeugnisse! Freigeräumt und voll wahrhaftiger Maßstäbe. Allem Menschenmöglichen über in ihrer Formengewalt. Mal lächelnd, mal ernst unser Lichterspiel zudeckend.

So habe ich mein Leben den Himmeln weit mehr anvertraut, als uns Strichfiguren.

Und der Junge, der verrückt genug scheint es aufzunehmen mit tausend Knochenmännern, der war ich! Auferstanden in den Wolkenfeldern des Vorstadtwesens. Dort, wo mir Wälder winkten, vor Blüte der Boden strotzte, und wo ich meine Flügel ungeniert trug.

An diesem Jungen nun krabbele ich empor wie an einem Koloss vor den Toren unserer Zeitrechnung. Zitternd über dem Wahnsinnn seiner Muskeln.

Gegenwärtig geblieben davon ist mir meine Sprungkraft: kaum spannte ein Band sich hoch oder weit, nahm ich Anlauf. Reichen wollte ich, wohin keiner reichte. Bis ich aus allen Zeichen brach, rückwärts redete, Räder drosch.


Wieder entdecke ich mich auf Höhe der Schultern des Jungen. Sehe meinen Händen zu, die sich vergreifen an Stücken übergeworfenen Leichentuchs. Mir ist entfallen, welch Pfade die Hände so weit gelangen ließen. Ich erinnere bloß ein Krabbeln, das regelmäßig unterbrochen wurde von Hüpfbewegungen. Verloren scheint die Möglichkeit des aufrechten Ganges. Ich quittiere es mit Erleichterung.

Auf der neuen Höhe schlägt mein Dasein Wellen: was mir verfließt an Zeit unterströmt mich nun. Als ginge es scharf gegens Vulkanische. Kein übles Gefühl, wenn glühend seine Reste über einen kommen. So wird mir mein Haupt mit jedem Augenblick neu gegossen. Und kriegslustig wirft alle Zeit mich nach vorne. Eingezogen von ihrem Angriff, brenne ich mit den Jahrhunderten. Uns voran die Faust der Ewigkeit, wie sie eindrischt auf ein Rund aus Teufelswerken.

Um mich herum explodiert Wein fässerweise, stopft Tand zersprengte Mäuler, kocht Leibesfreude von den Knochen. Ehe ich, überspannt von einer Schnur, zurück gerissen bin in die Leichentücher meines jungen Titanen.

Mit dem Jungen gerät das Gemäuer ins Marschieren. In keiner Richtung scheint ein Stein mehr berufen zum Totschlag. Alles wirkt im Aufbruch, reißt an seinem Grund, dass der Putz abspringt.

Dahinter tut sich Ausgeschabtes auf. Kreidige Kuhlen, die verloren sein mögen, dumpf, oder für gar nichts klaffen. Jenes Grundlose, das mich ängstigt seit ich Weltenraum besetzt halte und dem Dasein Zins schulde. Zu schulden hoffe. Es kann eine Bleibe auch so von den Sternen abfallen, ja, alles ohne jede Absicht aus der Ursuppe gekrochen sein. Dann hätte ich ein quirliges Nichts entlohnt für seine Abtritte.

In Marschrichtung meines jungen Titanen bröckelt Kuhle um Kuhle auf. Aus tausend bleichen Augen glotzt das Nichts mir entgegen.

Erfolglos fahnde ich nach einem heldenhaften Gestalten, das aus der Kreide dringt. Als wandelten wir durch die Absichtslosigkeit verödeter Flußpferde. Zeichen genug, dass kein Weg ins Freie langt. Entzündetes Gewebe im Drehschwindel alter Knochen. Ohne Wunde, ohne eine Springflut Blut geht es für uns nirgendwo hin.

Der Schlaf eignet mich hier! Mit inhaltsleerer Bebilderung schafft er mein Dasein durch mir unbewusste Nachtstunden. Und es naht das Erwachen! Jene Schippe Luft, die mich zurück wirft in den sicheren Tod. Was vom Tagewerk als Traumwandeln gescholten, bedeutet mir meinen letzten Strang Herrlichkeit.

Ich mag nicht länger wissen, wann ich geboren bin, ob ich ausging, tanzen oder spielen, und in welch Vorstellungen ich mich wog, bis ich um war. Beim Tod komme ich so oder so hinaus. Aber vielleicht finde ich auf den letzten Metern Traumsein noch meinen Schöpfer?

Auf der Erde, die ich gegenwärtige, baute man hoch. Man suchte Rat in der Leere über sich. Und so kippt mein Kopf nach hinten, als würde ihm von oben etwas eingegeben werden.

Kopfstehende Mäuler mustern mich Aufgekippten. Sichtlich an keinem Beratungsgespräch interessiert, ragen die Mäuler aus ihrem schwefeligen Leib. Einige speien verbranntes Gefieder. Das haftet um die Mäuler wie etwas Fleischfressendes.

Deutlich dämmert mir ein Schwafeln meiner in Liköre geworfenen Phantasie. Tue ich es ab, tue ich mich auch ab von den Schultern des jungen Titanen, wo ich just so wundervoll nächtige, frisch gehalten in seinen Leichentüchern.

Nimmermehr möchte ich meine durch Untaten gezeichneten Hände spüren, nimmermehr unter meinen Füßen den Sand aussichtsloser Wildnis: der Tatsachen bleierne Heiligkeit, die mich aufs Äußerste durchmaß, dass mir mein grob aus dem Fleisch geschnittener Sarg ja eng genug ansitzt.

Komm mir nicht länger zu Bewusstsein! bin ich des Jungens Fanfarenstoß. Er wiegt die Knochenmänner in seinen Händen, stopft mit ihnen, bis auf eines, jedes kopfstehende Maul, ehe sein dunkles Sinnen über mich kommt: Milchzähne greifen mein Gewese auf, als wäre ich ein verworfenes Welpenreich, schon bin ich im Wesentlichen geschüttet in der kopfstehenden Mäuler letztes Maul.

Der Mantel weiß wie frisches Leichentuch, die Schuhe ungebunden: so weise ich zum Dienstschluss mich aus am Kasernentor, als in Wehrpflicht genommenes Truppenteil.

Zwei Wachhabende beäugen mein Dasein, ob es ernst mir ist mit dem halben Abend Ausgang?

Ich halte aller Welt und ihnen mein Reiseschach vor. Einen Traum aus Steckfiguren, auf dessem Deckel von Kinderhand die Namen der Schachweltmeister vermerkt sind.

Da wissen sie, dass kein gutes Ende vor ihnen steht. Beiden vergeht jede Schaulust. Grußlos stellt man mir frei den Weg, der jenseits der Schranken sich verläuft. Und ich ziehe davon, als habe ich die höchste Augenzahl geworfen in einem Gesellschaftsspiel.

Vor dem Kasernentor steht ein Trupp Reihenhäuser. Schüsselweise schüttet dort hinein, was Parole ist. Weiter runter, wo Betonader in Betonader mündet, lungert Kleingewerbe, von dem ich glaube, dass es mich nie etwas angehen wird: der Imbiss für Pommes rotweiß, eine Tankgelegenheit, die Marzipanbrote führt, das italienische Restaurant, das nistet in einem artgeschützten Bauernhof.

Vom Ortsinnern lasse ich mich nicht provozieren. Was ließe sich dort auch umstoßen? Die Kirche etwa thront eingerammt auf dem Friedhofshügel. Das Bürgermeisteramt dagegen so unsichtbar, dass es sich wohl längst in den Köpfen verschanzt hält.


Golgatha vor Augen.

18. Januar 2017

Mutter und Sohn kauern um eine Glut zersplitterter Lichtspiele. Die Mutter dünn wie ein Taufkleid, der Sohn blindgefroren.

Die Vokuhila grau, das Leder schwer, unterschreibt er seinen Fahrschein wie ein gewählter Präsident.

19. Januar 2017

Mit duftender Paste die Arbeitskraft gefettet, Marschmusik ins Ohr gedrückt, hängen seine Hände ihm an wie zwei tote Füchse.

20. Januar 2017

Der Vater kniet über seinem Handy, wie ein Zwerg über seinem Zauber. Das Kind tut, als würden die Steine nur Spaß machen.

23. Januar 2017

Der Morgen wie eine Front Speere. Die Halter gefroren zu Fäusten, schillernd unter dem Stern eines Generalissimus.

25. Januar 2017

Zwei Senken Wachs. Verschwendet in ihnen der Sonne Saat. Eingesponnen von Lichtgarn, das Königshäusern hätte leuchten können.

26. Januar 2017

Sein Schicksal, es greift nach einer Zeitschrift für Küchenfeen.

30. Januar 2017

Ein Hundeleben in der Hand, knirschende Pfeffermühlen als Kumpane, durchfiebert er die letzte Zeitzone.

Eingekellert das Kind, schnitt er sich an Erinnerungen, und kein Grabstein kühl genug für den Schmerz.

31. Januar 2017

Der Clown stand wie eine Klagemauer. Er sah in ein leeres Gotteshaus, und leer sah das Gotteshaus in ihn.

Ihr Gesicht sprang um wie ein Automat, wenn eine der Soldatenkrabben Champagner wünschte.

01. Februar 2017

Mehrbettzimmer. Schweiß. Vorkasse. Er freundete sich an mit einem der Kleiderbügel, während man unten im Tanzschuppen zappelte nach Luft.

02. Februar 2017

Als er bei Kräften war, trug ihn alles. Nun ergibt er sich dem Steckenpferd, das ihn am launigsten tritt.

Schlägt ein Licht ihn zum Ritter, verfällt er auf alle Viere. Schlingt Dunkelheit sich um seinen Hals, hängt er am Himmel.

05. Februar 2017

Die Schänke still wie eine Andacht, als tränke man Psalme und bewege auf seinem Teller das Abendland.

06. Februar 2017

In die Wälder getrieben von Brevieren, stand sein Wesen nur Kindertagen gut. Mit ihm machten die Vögel kurzen Prozess.

Die Dame hüpfte zum Ausschank wie eine Taube. Nach Bier pickte sie, das Federkleid ersoffen am Leib. Man fürchtete um seinen Sonntagsstaat.

07. Februar 2017

Sie klangen wie alte Kaffeetafeln. Eine Gruft mit roten Wangen und aufgemalten Himmeln. So vernagelt, dass keiner lebend rauskam.

Zugig wurden ihm seine Sonnenaufgänge. Alles ging ihn an wie nie getan. Und er ohne das Schulterzucken jener, die man tot in ihren Kojen fand.

08. Februar 2017

Im Schlaf sehe ich Tote. Erfüllt von Freude auf die Ferien. Und sie machen mir das Träumen leicht in ihrer fabelhaftesten Menschengestalt.

09. Februar 2017

Der Triebwagen schnurrte durch die Nacht wie eine leuchtende Lore, Menschen aus ihren Träumen an den Tag zu befördern.

Die Tochter geht als Schneewittchen, ihre Mutter mit schmalen Lippen, Hände halb zum Gebet. Beider Beine wie ein Kreuzzeichen vor der Wildbahn.

13. Februar 2017

Die in den Stein gehauenen Fäuste der anderen verdarben ihm jeden Bissen, den er seiner Existenz vom Knochen schaben konnte.

Es duftete nach dem Regen vergangener Frühlinge, als er Grün warf auf Gräber, die ihn nichts angingen.

15. Februar 2017

Komm dem Wein nicht mit Durst! ward ermahnt der Ochse, der nicht länger trinken wollte, sondern genießen.

16. Februar 2017

Über der Kapelle gingen ihm die Sterne auf. Vom Sturm getrieben stob Glockenspiel ins Weite. Sein Tod aber wollte es so nicht.

Die Luft des Eingeborenen wich aus seinem Wesen: Nach mehr als dem Ergebnis seines Geschlechtslebens würde IHN niemand fragen.

Vor der Jukebox zwei Augenpaare, wie Höhlenwesen in den Knochen getrieben. Als Mahnung nicht übrig zu bleiben, bis selbst die Musik kostet.

17. Februar 2017

In Fuchsfiguren vom Leben und vom Sterben, auf der Höhe von Ackergäulen, fühlte er sich beschert.

Sie ergreifen einander wie aufgeschreckte Hofzwerge, tarnen dabei Höllen als Hüpfburgen und missbrauchen Reißzähne zum Lachen.

20. Februar 2017

Sein Mund öffnet sich wie eine Naht am Gesäß. Er lässt den Unterkiefer hinab, dass man Ketten rasseln hört. Heraus stürzt eine Rotte Tuwörter.

22. Februar 2017

Alleinreisende Herren, wie sie absteigen und endlich ausbleiben. Ihre Überreste gefegt in kleine Trauerrahmen für Bestattungspflichtige.

23. Februar 2017

Hände, die mit eingeübter Poesie nach den Mistgabeln greifen. An Taten mangelt es ihnen nicht, aber an Gründen.

25. Februar 2017

27. Februar 2017

Er eilt zu den Maiden wie zu den Waffen. Gewährt eine ihm freie Hand, ist ihm nach Revolution. Bis er abgelöscht wird mit Champagner.

28. Februar 2017

Er sah auf seine Schürze, sah auf die Existenz, die ihm am Leibe hing: ein Ausgebleichter, der Mülltonnen nötiger hatte als Briefkästen.

01. März 2017

Im Bulli ihres Herrn wartet mehr, als wir einander geben können. Wie Tiere merken wir nochmal auf, ehe jedes sich vertieft in seinen Wald.

02. März 2017

Abgenagt von Träumen, erschien kein Licht ihm mehr tanzbar. So tröpfelte er in das Ermessen garstiger Gebeine.

03. März 2017

Durch den Triumphbogen reitet Reklame. Mit Göttern, die nicht mehr gelten als eine Schale Erdnüsse. Ware, welche sich ihre Menschen produziert.

04. März 2017

Werktätige befüllen, was die Nacht geleert. Reste abgesoffenen Glücks sind rasch fortgeschafft in den Minnas der Obrigkeit.

05. März 2017

Was vorsteht dem Budenzauber, vermerkt seine Seligkeit in einem Kontierungsbuch, dessen Summe nie genügt.

06. März 2017

Zwischen Bier und Beischlaf hinein in Busse und Bahnen, bis er hinter Backsteinen brannte für seine Beerdigung.

Blut krönt des Bullens Würde, weist dem Keiler sein Revier, vertritt eines Hengstes Sache. Sein dampfend Werk lässt Väterchen aufwallen.

Der Wind ging und es roch nach gemähtem Gras. Aber mal waren seine Hände zu klein, mal zu groß für das, was vor ihm lag.

Irre gegangen in seiner Freiheit, war ihm nach Menschengärten mit tüchtig Eisen vor den Fenstern. Erhört sein in Verhören.

07. März 2017

Als ein Flaumacher lungert er in mitten von wehrhaften Lebensläufen, die stubenrein machten, was ihnen zufiel.

Aufrechte, deren Gemüter nirgendwo anders je waren, als im Staub eines Tempels. Während er sein Gemüt nicht wund gekniet bekam.

Erste Liebesnächte mit einem marmeladeroten Spielzeuglaster…

08. März 2017

Als er vorsprach mit seinem Honig aus Nonsens und dem Koffer voll Asche, warf der Mönch einen Frisbee nach ihm.

In ihm herrschten weder Zwinger noch Zauber, sondern elende Steichelzoos, wo alles Bitte! mähte und Danke! krächzte.

Dem Lustwandel gewidmete Teile des Bahnhofs, wo Daddelhallen Hof halten und Männer ihren Schoß feiern: hereingesteckt die Herrschaften!

09. März 2017

Kameras, die Stahlhelmen glichen. Er winkte wie ein Kitz, das alle viere entdeckt. Gehegt wollte er sein als Lustobjekt greiffreudiger Sitten.

Der Absacker, die Stampe, das Schifferklavier: Sozialkapitalisten, wie sie schwärmen und krebsen. Unter lauter Kram ist kein Wollen mehr.

Die Eltern mussten fortwährend Geld nachwerfen, damit er sich bimmelnd drehte. Seine Liebe war keine, welche sich finster begnügte.

10. März 2017

Mochte das Herz ihm seinen letzten Groschen streitig machen, mit dem Einkaufszettel einer Mutter in der Hand starb er nicht in Schande.

13. März 2017

Als prälatengrüner Schein inmitten fanatischer Schwärze verbummelte er sein Heldendgrab. Kreischend nach einem Hirten ging er dem Leben ab.

Auf schwülen Basaren des Gebens und Nehmens zeichnete sie sich vom Busen bis zu den Flanken mit Preisschildern aus. Für kalkulierbare Glücksgriffe!

Der Mund hat zu tun, beide Hände beschäftigt, die Füße still: so lässt es sich dämmern!

14. März 2017

Die aufgeklebten Erinnerungen kleingepflegt, tritt sein Wesen vergebens vor zum Appell: wo Besen für Ordnung sorgen, gilt das Leben als Fiebertraum!

19. März 2017

Mochte er vom Glück keinen Bissen mehr tun: Putzen gehen ehrte ihn mehr, als ein Leben lang bloß Dreck zu hinterlassen.

Seinen Mund versprach er sich wund. Damit er wurde wie in den Romanen die Liebhaber. Nicht allein auf der Welt, um sich zu erleichtern.

20. März 2017

Niederknien hieß er sich in Puppenstuben, belebt vom Flaum der Morgenröte. Kinderlieder boten sich an, ihm das Höchstmaß aller Gefühle einzubrennen.

Weder Kinderfuß noch Bocksbein, langt es für keinen Horizont mehr. Mag er durch Gleichnisse tanzen, was ins Grab geworfen ist nicht gezeugt.

21. März 2017

Erfüllt vom Harnisch seiner Ahnen, fand er kein Ende mit dem Hausieren. Was an Steinen ihn hochzog, war keine Hundehütte wert.

Hinter geflochtenen Gittern stillgestelltes Ferkelglück seiner Kindheit, als ihn das Nutzvieh noch außer Sichtweite erwartete.

Ob man ihm nachsah? Als wäre er eben erst vorbei mit einigen Groschen im Herzen und seiner Bewandtnis, für die kein Plüschauge je leuchtete.

23. März 2017

Die gleichgültigen Handreichungen eines Tagtraumes ließen seine Arme hochfliegen. Als wäre er nicht längst per Sie mit dem Himmelreich.

Er brachte seine dicke Hose ein, sie setzte auf wollne Leibchen. Erfummelte Seelenverwandtschaft, dem Fleisch die Kündigungsfrist zu verlängern.

24. März 2017

Bemüht um das Herz eines Harlekins, ditschte er Brötchengroschen übers Sternenmeer.

28. März 2017

Viel Kittelgeschürztes ist seither zu Grabe getragen worden, der Harlekin aber grinst noch immer am Fenster der Daddelhalle.

29. März 2017

Fromm tuende Onkel schaffen ihm Fleisch ans Herz, richten Opferstöcke behaglich ein, erklären feierlich sein Leben zur Handarbeit.

30. März 2017

Mit Geld stopfte er seine Lebtage, verdarb den Rest mit der Hege mietbarer Lustgrotten, ward vom Dasein angeschmiert, statt ihm zu entgleiten.

31. März 2017

Er hatte in Mausoleen geschafft. Trug dabei Shorts, die sich am Winter nicht störten. Nun operierte man ihn mit puffmütterlicher Ruhe aufs Urnenfeld.

02. April 2017

03. April 2017

Er nahm Anlauf, nächtelang, trat nach Luft, war entschlossen. Kehricht aber zwang ihn stets zurück auf den Boden seiner Bretterbude.

04. April 2017

Rüde steckte er sich in den Schlitz Richtung Fruchterlebnis. Nicht mehr auf jenen Hochlagen, das abtun zu können als Herrenwitz.

05. April 2017

Lebenssatt fahndete er nach einem Heldentod. Aber er sah nur Rücken, die schnellmachten. Gegerbt und mit Höhlenmalerei bestochen.

06. April 2017

Eher wollte er vom Himmel verurteilt sein, als auf Erden absichtslos blühen. Strafe leisten, statt Friedhöfe bepflanzen.

08. April 2017

09. April 2017

Brust zeigten die leichten Leben, und einen harten Schweif. Er aber verlangte den schweren Tod. Aus Marmor und zentral gelegen.

Die Ameisen waren noch da, das Singen und der Wind. Tief in den Frühling gesät. Sich fand er nicht mehr wieder. Ohne Aktenzeichen vergangen.

10. April 2017

Mochten seine Hände zaubern und zaubern, sein Kopf ging dabei stets verloren, fiel dumpf in verlassene Höhlen.

Er trank seine Hölle nicht schwarz, sondern süßte sie mit Gebeten.

Des Bahnhofs Abgänge öffnen sich. Laufzettel machen die Runde. Augen schnappen auf und Schnauzen. Im Gleisbett scharrende Mäuse.

11. April 2017

Als er nur aus Muttererde geformt war, hatte er keine Endstation je gespürt. Nun waren sie überall.

Wenn alles ein Grab war, warum liebte er dann so sehr, was sonst keiner liebte?

Neujahr.

Verbissen in zuckrige Granatsplitter, geriet das Kind

Unter die Bussarde.

Verzärtelt, des Kanonenfutters entwöhnt,

Erstickt von kichernden Zündelhölzern.

Der Vater ein Schlauch, ertränkt in unserer Erde

Abwasser. Schwemmt Schlangen blutenden Tuchs

Über zuckende Fäuste. Nebenan die Himmel

Am Knopf sich drehen.

Traumgestalten hinter der Stirn,

Ballen sich zur Faust.

Den Schädel sprengen wollen sie,

Die einst für Tanz sorgten

In des Hirns marmornen Buden.

Werfen will ich mein Wort

Über unsrer Erde Sternenhimmel.

In grundlosen Flüssen mich neu erfinden,

Stranden an Küsten frei von Todesfällen.

Atemberaubendes Reich aus Rauch,

Rechnest gegen Dein Sterben auf.

Gehängt an eine Garderobe aus Fleischerhaken,

Gestreift von Schultern.

Eingezogen von dem Tropfen Wasser,

Stierte sein Nacken nach ihm, als fordere er die

Tischkante, an der entlang alle Finger Töne

Fraßen, wie wenn es Fliegen wären.

Ein Nachtwächter steht den Gefallenen vor,

Für Licht zu sorgen in der Erde Antlitz.

Will sein Herrenwort mir schneiden aus dem Fleisch,

Ihm ins Feuer tun den Rest.

Kolibris, bemalt wie Kirchenglas,

Weit gefächert im Abendrot.

Wedeln ihren Himmel

Zerbrochenen Tagen zu.

Ein Wort wie ein zerbombtes Zirkustier,

Ein Wort aus auf Beute.

Will in der Flaneure Fleisch sich fressen.

Genährt von Blutströmen, der Erde Königskinder überdauern.

Für Julia!

Geschaffen aus dem Weltenmeer,

Gründet Deine Kirche in den Dünen,

Hüten Pinienwälder Deiner Kirche Strand.

Ähren, sonnensatt, wehen durch einer Ewigkeit

Glockenspiel, wiegen Heiliger Tiere Schiff.

Gütiger Boden birgt der Jahreszeiten Staat.

Adern, lindgrün, wachsen durch kristallne Gipfel:

Wasser und Schlamm und Schlamm und Luft bliebe

Urwerk ohne Dich Liebende,

Verloren im Wesenlosen die Himmelsmacht!

Abends, am Ende aller Zeitrechnung, trete ich vor Deinen Altar.

Reich der Fürbitten, die in leuchtender Romantik ich Dir verbarg.

Hingeben mag ich mich den Schwärmen der Zugvögel,

Anzuvertrauen ihnen meinen Lebtag mit Dir:

Heim rannten der Herold und seine Auferstehung,

Hoben Hände, schrien: Blau!

Sangen durch Tage, sangen durch Nächte, waren Wochen, waren Jahr.

Warfen über uns die Fahnen, spielten einander Sterne zu,

Leuchteten aus das Schattenreich.

Applaus! unserem Erdenrund Herrlichkeit.

Applaus! platzen Laternen Regenbögen voll Ballons.

Applaus! stürzen wir auf das Kirchentor.

Hochgehalten von Gottesliebe in alle Morgen der Welt,

Geht Königreich für Königreich uns auf,

Wehen Flügel uns an die Leiber,

Sind in Frühlingswinde wir geworfen.

Durch Alleen und über Promenaden,

Funkenschlagend aus Feuerwerken,

Flatternd von Gesangbuch zu Gesangbuch.

Hieb eines Blitzes. Getroffenes Erdenherz, entflammt und verschmolzen.

Jahrmilliarden Traum an Traum alle Himmel empor,

Geboren als EIN ENGEL in die aufgehende Sonne.

Purgatory.

Krachlederne Nichtigkeit, gepflastert mit Gebeten.

Buddeln Engel aus magerer Muttererde.

Fäuste, beruhigt von mannsgroßen Beilen,

Zerspringen unter smaragdenen Klauen.

Dahinter die Schlachthöfe.

Klingen von Schellen, klingen von Ketten.

An jeder Kette eine Welt.

Stahlblauer Schnee fegt hinab die Zinnen der Stadt,

Verbindet Wunde für Wunde auf den Äckern Gottes.

Gehämmert in Stein jubeln die Krieger, krächzen Sieg

Aus hundert Raben.

Hinter Windspielen friert silbern des Gefallenen Name.

Ein Grab beleben wir, streng wacht vor den Fenstern die Nacht.

Ertrinken in alten Herrschaften, gehäutet von wütendem Elfenbein,

Verstoßen aus jedem Atemzug.

Gezeichnete Liebhaber halten Hände auf, nehmen, was Not tut.

Ziehen Kehlköpfe wie Ochsen durch das Fleisch, aller

Lust ihr Angesicht zerpflügen.

Erloschene Herrenkuchen, fortgewischt von Schultafeln,

Wo einst mit Schönschrift sie vermerkt standen.

Was unserer Lust wir geschaffen, ist die Graberde nicht wert.

Kein Herz je erbaute Heim und Welt, ist Opferschrein feuerrot, ist

Nimmerstatter Ofen, dessen Qualm Himmel ergraut.

Greiffreudig Rücksitz machen, getrost auch öde, Gegenwart austreten lassen.
Marodierende Mündigkeit leuchtet dem Giftgekrebse seine Steppe.

An schweren Stämmen klirren Schaukeln.

Rädelsführer, die Mutigsten ohne Taschenlampe, verhängen Lebensstrafen.

Anbefohlene Gemüter verbröseln wie Geziefer, wund von Erinnerungen.

Kerne, die durch und durch gehen, belagert von Tüten voll Erdnüsse.

Sich grausam blühen, als ein erstes Kinderwort zur Fürbitte,

Dick der Daumen vor Botschaft.

Fanfarenstoß, für eines Abendbrotes Länge.
Nicht noch auf Zimmer irre gehen vor Luft.
Unhold und ganz Kralle hält nüchtern sich das Würgen.

Vom Knochen hungern müsst man sich!

Wo anfangen mit dem Tod? tut der Kneipe Decke wie die Morgensonne.

Licht im Leichenhemd klüger sein als des Messers Schneide,

Welten volley nehmen, toben mit dem Prügel.

Wie Kuckucksuhren marschieren durch Urnenlöcher.

Was arbeitsbekleidet diente, steht nun uniformiert.

Teilt, geschmückt von des Stammes Maiden, sein Brot

Mit Lichtspielhäusern.

Rotten Trunkener, Mühlsteine aus der Finsternis: im Plüsch

Ergriffen von Adventsgestecken eilen heim die Freier.

Ein Werk tun, und sei es das des Sterbens.

Breittreten den verschämten Pfad!

Seine Frist verderben unter den Hufen der Morgenröte.