Der Segen des Elefanten.

Als ich zehn war, starb Onkel Erhard. Onkel Erhard konnte mich mit einer Hand hochheben, aber er rannte vor meinen Schneebällen davon, als wäre ich der Stärkere von uns beiden. Die Autos, die Onkel Erhard gebaut hatte, fuhren durch die ganze Welt. Er schraubte seinen Autos immer einen Stern auf die Motorhaube – so erzählte er es mir. Die Erwachsenen sagten mir, Onkel Erhard werde nun vom Himmel auf uns herabschauen. Das war mir unangenehm. Bis in meine Träume spürte ich die Augen von Onkel Erhard. Den Erwachsenen erzählte ich davon nichts. Ihnen schien es wenig auszumachen, von Onkel Erhard beobachtet zu werden. Ich hingegen hatte Angst, dass Onkel Erhard es den Erwachsenen petzte, wenn ich mich wieder verhalten hatte wie eine Maus, obwohl ich doch schon viel größer war. Und manchmal wollte ich auch eine Maus in einer Höhle sein, ohne dass mich jemand dabei beobachtete. Da die Erwachsenen mir aber keine Hilfe boten, musste ich schon selbst mit Onkel Erhard sprechen: Ich wurde Pfarrer.
Seither habe ich viele Predigten gehalten. Von Onkel Erhard. Wie er in den Himmel gekommen ist, als ich zehn war. Damit ich immer neu von Onkel Erhard predigen konnte, ließ ich Onkel Erhard mal als einen alten Mann sterben, der seine Kinder und Kindeskinder um sich versammelt hatte, mal als einen jungen König auf dem Schlachtfeld. Aber wie ich es auch anfing, stets schien die Gemeinde befriedigt, sobald Onkel Erhard vom Himmel auf uns herabschaute.
Wenn die Gemeinde schlief, floh ich hinaus in eine Nacht ohne Träume. Stundenlang lief ich durch die leeren Straßen, vorbei an dunklen Fenstern und heruntergelassenen Rollläden. Einmal lief ich bis in den frühen Morgen hinein: Am anderen Ende der Stadt stieg ich auf den Berg, auf dem ich als Kind zum ersten Male gefühlt hatte, dass wir nicht unbedingt die Flügel eines Engels brauchen, um Gott nahe zu sein. Aber selbst dort oben in der aufgehenden Sonne ließ Onkel Erhard nicht ab von meinen Sünden. Bald fühlte ich mich unter seinen Augen, als wäre ich ein Leben lang unartig gewesen. So sehr ich auch betete, wie man es mich gelehrt hatte, mir schien, als gäbe es im gesamten Himmelsrund nicht ein Wort des Trostes für mich.
„Bist du der Pfarrer?“, klang es hinter mir. Es war der Vorabend des Weihnachtsfestes, und ich sperrte gerade das Tor zur Kirche ab. Ich drehte mich um. Für einen Augenblick war ich geblendet von all dem Schnee, der im Mondlicht leuchtete. Dann sah ich das Mädchen: acht, vielleicht neun Jahre jung.
„Will ich vor den Kühen retten!“ Das Mädchen hielt mir einen Umschlag hin. „Kannst du es segnen?“
Wortlos nahm ich den Umschlag.
„Nicht öffnen! Ist nicht für dich!“
„Wie kann ich segnen, was ich nicht kenne?“
„Du segnest nur, was du nicht kennst. Du bist doch auch eine Kuh!“
„Dir muss kalt sein …“ Ich erkannte das Nachthemd unter der Jacke des Mädchens. Ein Nachthemd, wie ich es in Krankenhäusern sah, wenn man mich ans Bett rief.
„Nun segne endlich!“
Ich erinnerte mich, wie ich als Kind eine Mütze, die man mir zu tragen befohlen hatte, in den Fluss geworfen hatte. Meine Ohren waren taub vor Kälte, als ich die Mütze warf, so weit ich konnte.
„Gehen wir in die Kirche“, sagte ich.
„Kein Licht!“, forderte das Mädchen
„Aber dann sehen wir nichts.“
„Was Kühe sehen, wollen sie fressen!“ Flink pustete das Mädchen alle Kerzen aus, die um den Altar brannten.
Wir standen nun mitten im Kirchenschiff. Auf einer Insel Mondlicht. Meine Hände hielten sich an dem Umschlag fest, den das Mädchen mir anvertraut hatte. Nur schwer gewöhnte ich mich an die Dunkelheit.
„Merkste! Nun hockt dein Onkel da oben auch im Dunkeln.“
Tatsächlich, wo waren die Augen von Onkel Erhard? Stand ich im Dunkeln, wusste auch Onkel Erhard keinen Schritt weiter. Als schaue er nicht vom Himmel auf mich herab, sondern als sitze er irgendwo hinter meinen Augen. In diesem Moment ging mir auf: Selbst wenn wir nicht mehr an den Nikolaus glauben oder an die Rute von Knecht Ruprecht, so sind wir doch nie alleine in unserem Kopf. Es geht in unserem Kopf zu wie in einem Hochhaus, das bis in die Sterne reicht und dessen Keller tief unter die Erde führt. Im Erdgeschoss wohnt das, was wir gerade erleben. War es ein schöner Augenblick, dann zieht dieser Augenblick eine Etage höher, wenn der nächste Augenblick das Erdgeschoss bezieht. Es gibt auch schlimme Augenblicke, die tief in uns wohnen bleiben. Ein Stimmengemurmel aus Augenblicken, das uns für immer begleitet.
Wir können uns nicht an alle Augenblicke erinnern. Manche Augenblicke aber sind wie die starken Jungen und Mädchen auf dem Schulhof, die uns verhauen oder beschützen können. Sie bleiben dort wohnen, wo in unserem Kopf das Licht ist. Wenn jemand uns etwas verbietet, dann verkleidet dieses Verbot sich oft als ein starker Junge oder als ein starkes Mädchen. Und in meinem Kopf hatten die Verbote sich wohl als jemand verkleidet, der es immer gut mit mir meinte. Fast wollte ich den Verboten, die sich als Onkel Erhard verkleidet hatten, meine Zunge rausstrecken.
Das Mädchen zupfte an meinem Ärmel: „Kannst du dir einen Elefanten vorstellen?“
Ich dachte an Afrika, an Savannen, die älter waren als die Menschheit: eine Welt aus Tag und Nacht, die nach keinem Pfarrer je verlangt hatte. „Ja“, sagte ich, „einen Elefanten kann ich mir vorstellen.“
„Du hältst ihn in der Hand. Er ist in dem Umschlag. Es ist spät. Er will schlafen.“
Ich dachte zurück an all die Erwachsenen, die sich mir verschlossen, wenn ich während meiner Kindheit von den Figuren aus den Abenteuerbüchern sprach, als seien es Spielkameraden aus der Nachbarschaft.
Irgendwann aber freute ich mich morgens nicht mehr auf Abenteuerbücher, sondern nur noch auf ein Fläschchen gezuckerte Kuhmilch. Das nennt man wohl Erwachsenwerden.
„Dann müssen wir einen Ort finden, wo er schlafen kann.“
„Endlich begreifst du.“
Das Mädchen nahm mich bei der Hand. Wir verließen die Insel des Mondlichts und traten ein in das Dunkel, das um den Beichtstuhl herrschte. 
Das Mädchen besah sich die beiden in den Stein geschlagenen Kammern, die mit Holztüren gegen Einblicke geschützt waren. Eine der Holztüren stand offen: Die Wand zwischen den Kammern konnte man sehen, auch das Gitter, das in die Wand eingelassen worden war.
„Hier geht ihr Erwachsenen eure Sünden abladen, nicht wahr?“
„Wenn Menschen ganz stark an den lieben Gott als ihren Schöpfer glauben, ja.“
„Kinder auch?“
„Es gibt Lehrer, die ganze Schulklassen zur Beichte führen, ja.“
„Beichten Kinder viele Sünden? Ich meine, ist euch das nicht peinlich, Kinder mit dem Teufel und der Hölle zu bedrohen?“
Ich schwieg.
„Bei uns durchleuchten sie die Kinder sogar. Um zu sehen, ob Böses in ihnen ist. Das finde ich frech!“
Ich schwieg. Vielleicht, weil es für einen Erwachsenen sehr ungewohnt ist, im Dunkeln zu sein.
„Erklär mir, wie der Elefant hier in den Umschlag gekommen ist!“, forderte das Mädchen.
„Jäger werden ihn eingefangen haben. Für den Zoo.“ Ich spürte, wie mein Gesicht rot anlief. Vielleicht war ich wirklich eine Kuh, die gleichmütig eingefangene Elefanten begaffte.
Das Lachen des Mädchens hallte bis hinauf zum Kirchengebälk. Ein helles Kinderlachen, das für Augenblicke die ganze Welt erleuchtete.
„Kühe glauben, dass sie es wären, die später in einen Umschlag getan und an den Himmel adressiert werden.“
Ich tastete nach einer Kirchenbank, auf die ich mich stützen konnte. Viele Jahre hatte ich das Leben der Erwachsenen eingeübt. Erwachsene reden nicht so miteinander wie Kinder. Erwachsene haben für jeden Begriff, den sie hören, eine Karteikarte im Kopf. Sprechen Erwachsene miteinander, dann wirkt es oft so, als würden die Erwachsenen einander ihre Karteikarten aufsagen. Es ist schwer für ein Kind, einen Erwachsenen dazu zu bringen, dass er einmal nicht aus seinen Karteikarten etwas aufsagt. Vielleicht gelingt das nur in einer dunklen Kirche. Die Bibel spricht von einem Mann, der blind zur Erde fiel und neu geboren wurde. All die Karteikarten in seinem Kopf wegzuwerfen fühlt sich vielleicht so an, als würde man fortan mit einem Elefanten in einem Umschlag reisen, von Kinderhänden durch die Welt getragen.
Plötzlich kamen mir all die Tage verloren vor, an denen ich es für unwahrscheinlich gehalten hatte, dass ein Elefant in einen Briefumschlag passt. Würde ich diese Tage mit einem schwarzen Stift aus dem Kalender streichen, es blieben von meinem Leben wohl nur wenige weiße Flecken.
Das Mädchen stampfte mit dem Fuß auf: „Nun mach schon, sing dem Elefanten ein Schlaflied!“
„Aber Elefanten sind das nicht gewohnt.“
„Tote etwa? Selbst auf einem Gottesacker seid ihr noch am Lärmen. Also los!“
Ich legte den Briefumschlag neben mich. Für Minuten war allein Dunkelheit zwischen dem Mädchen und mir.
„Es ist schwer, eine Kuh von ihrer Weide wegzubewegen, nicht wahr?“
„Wir haben bei uns so viele Zimmer …“ Das Mädchen schien zu träumen. „Wenn alles in dem Umschlag für dich wäre, wüsstest du, wie schwer es ist. Wer von uns schon schreiben konnte, hat etwas hineingeschrieben. Und von denen, die nicht schreiben konnten, haben wir uns erzählen lassen, was wir für sie hineinschreiben sollen.“
Leise begann ich ein Schlaflied zu singen: „Oh liebe Nacht, oh weiser Wind, in eurer Hand zu sein ganz tief, ist wie die Macht, ist wie das Licht, das mich ins Leben rief.“
Einen Augenblick war Stille. Dann flüsterte das Mädchen: „Er schläft.“
„Und du bist kein bisschen müde?“
„Doch, sehr.“
„Vielleicht sollte ich dich heimbringen.“
„Heimbringen! Tu nicht so, als wenn du zum Schlafen etwas anderes hättest als deinen Kuhstall.“
Obwohl das Pfarrhaus einen Kamin besaß, war mir nie in den Sinn gekommen, dort Feuer zu entfachen. Ich achtete darauf, dass kein Staub lag und dass die Uhren aufgezogen waren. Mehr nicht. Nun tat es mir leid, Onkel Erhard beinahe die Zunge rausgestreckt zu haben, selbst wenn der Onkel Erhard in meinem Kopf vielleicht nur aus verkleideten Verboten bestand. Wo sollte ich hin, wenn nicht zurück in einen Stall, den man Pfarrhaus nannte? Der Gemeinde Segen spenden, wie Kühe ihr Milch gaben. Die Sterne waren für alle. Und im Augenblick kamen sie mir auch recht gleichgültig vor. Onkel Erhard aber war die ganze Zeit nur für mich gewesen.
„Verstehst du nun, was uns Kindern die Elefanten sind, die Indianer, die Piraten? Versuch nie wieder, ein Kind heimzubringen in einen Kuhstall.“
„Ist es denn so schlimm, wenn wir es gut miteinander meinen?“
„Du meinst nichts, du glaubst nichts. Du kannst doch nur bestimmen!“ Beinahe spürte ich, mit was für einer Empörung das Mädchen hinauf zur Kanzel blickte. „Ihr Erwachsenen tut von oben herab immer so, als müsstet ihr nie weinen und niemals schreien. Dabei müsst ihr es doch. Ihr habt bloß Angst, dass euch dann keiner mehr lieb hat.“
„Wenn Menschen ganz fest an den lieben Gott glauben, tut ihnen jeder Mensch weh, der zweifelt. Einige Gläubige werden dann sehr böse. Wieder andere versuchen, den Zweifler mit Liebe zu umschlingen. Und manche sind fest entschlossen sich in den Tod zu stürzen, gäbe es keinen Gottvater. So sinnlos erscheint ihnen das Leben und das, was sie als Unrecht empfinden.“
Wort für Wort stieg Kälte in mir empor. Mir war, als drängten aus jedem Winkel des Kirchenschiffes Schatten an mein Herz. Geister all jener, die ihr Seelenheil meinem Glauben anvertraut hatten. All die Menschen, die auf dem Sterbebett nach meiner Hand gegriffen hatten, während ich bloß die Lippen bewegte.
„Predigt für Predigt habe ich etwas von der Verzweiflung meiner Gemeinde auf mich genommen. Ihnen allen versprach ich ein Reich, von dem ich mir selbst immer weniger versprach.“
„Pah, zu uns kommt auch immer so ein Typ, der sich als Weihnachtsmann verkleidet hat. Was die Kinder draußen nicht mehr haben mögen, das schenkt er uns. Fühlt sich ganz großartig dabei, der Typ. Und die ganze Zeit tut er so, als würde er den Weihnachtsmann auch spielen, wenn er dafür kein Geld bekäme. Ihr Erwachsenen spannt doch selbst vor der Kirche Schirme auf! Euer König wird ans Kreuz geschlagen, während euch jede Pfütze wichtig ist.“
Der Bruder von Onkel Erhard war damals mit dem Taxi gekommen. Die ganze Beerdigung über schien er sich zu sorgen, dass er vom Regen nicht nass werde.
„Stell dir vor, dein Briefumschlag läge draußen im Schnee. Zermatscht und mit einer Eisschicht überzogen. Es täte dem Elefanten, der ja in dem Briefumschlag lebt, kaum gut. Glaubst du nicht auch, dass wir die Aufgabe haben, für das Leben zu sorgen, das in uns ist, für die Indianerreservate und für die Schatzinseln?“ 
Das Mädchen aber blieb unerbittlich: „Elefanten sind im Leben wie im Tod. Was euch Kühe vor Angst plemplem macht, ist für Elefanten, als würde ein Kind eine Nacht mal nicht träumen. Über die Zäune eurer Weiden steigen Elefanten weg. Jäger, die ihnen Böses wollen, werden nur leere Briefumschläge finden. Zermatscht und mit einer Eisschicht überzogen.“
Mondlicht fächerte sich über dem Altar bis hinein in die ersten Bänke. Mir war, als sähe ich diese Kirche zum ersten Male. Ein Boden, so steinig, dass er mich zerschmettern würde. Blutrote Fenster, welche wie mit hundert schneidenden Schnäbeln auf mich lauerten. Vor allem aber fühlte ich mich frei! So frei, als wären Eisenschellen in mir gelöst worden. Ich hätte das Wort Gottes beiseitelegen und nie mehr anschauen mögen. In jenem Augenblick fand ich etwas, das sich wahrhaftiger anfühlte als all das, was mir die Erwachsenen je zu studieren aufgegeben hatten. Ich nahm den Briefumschlag des Mädchens in beide Hände und hielt ihn gegen das Mondlicht. Mir war, als wenn Trommeln mich riefen und die Tiere eines Urwaldes nach mir schrien.
„Kein großes Zimmer hier.“ Das Mädchen hüpfte den Mittelgang entlang in Richtung des Altars. „Warum habt ihr es so groß gebaut?“
„Weil wir uns umso weniger klein fühlen, je größer wir bauen.“
„Das kenn ich, das kenn ich!“
Oft hatte ich erleben müssen, zu was für Wahrheiten Kinder fähig sind. Für Kinder scheint unser Leben wie eines ihrer Spielzeuge: geht es kaputt, ja, dann geht es eben kaputt. Dann muss man das auch so sagen.
„Was kennst du denn, das groß gebaut ist wie eine Kirche?“
„Das Zimmer vom Zottel!“
„Auch eine Kuh?“
„Ja. Aber das Zottel hat sich einen Zopf wachsen lassen und einen Bart. Damit niemand merkt, dass es eine Kuh ist. Sogar eine, die zum Kuhsein hohe Absätze braucht und Diplome an der Wand.“
„Und was macht das Zottel?“
„Es spricht mit uns Kindern über den Tod.“
Kein Kind hatte in der Stunde seines Todes je nach meinem Trost verlangt. Die Erwachsenen ringsum mussten gestützt werden. Während das Kind in ihrer Mitte weder klagte noch bettelte.
„Dabei macht das Zottel immer ein Maul, als würde es uns etwas anbieten, was schlecht ist für die Zähne.“
„Es gibt nicht viele Erwachsene, die über den Tod sprechen mögen.“
Tatsächlich hörte mich meine Gemeinde immer bloß wegen des Himmelreiches an. Als würde der Herr Pfarrer oben bei den Kirchenglocken einen Goldschatz hüten. Niemand aus der Gemeinde wollte etwas von den Käfern wissen. Käfer, die sich unter Laub und Schnee in den Kreislauf des Lebens fügen, ohne eine große Sache daraus zu machen.
„Das Zottel hat Angst vor dem Tod! Darum fragt es immer nach Kindern wie mir. Um ganz sicher zu sein, dass noch jemand vor ihm an der Reihe ist.“
„Aber du bist doch eben erst geboren!“
Alles stand still in mir. Meine Worte sanken wie Asche auf mich hinab. War ich all die Jahre Pfarrer gewesen mit dem Ideal einer mittelalterlichen Waage, die nur bei Erwachsenen schwere Gewichte in der Waagschale hatte? Ich spürte keinen Boden mehr. Gleich einem Pendel schwankte der Fels unter mir. Seelenruhig trieb das Kirchenschiff hinein ins nächtliche Afrika. Wie viele Sterne es gab! Unter dem Himmelszelt, auf den Wipfeln der Bäume, wiegten sich Vögel. Ihr Gefieder glänzte, als wären sie gerade erst erschaffen worden. Ein Elefant brach durch das Dickicht und sah mir vom Ufer aus nach …
„Oh, haben wir den Elefanten aufgeweckt?“
Das Mädchen schwieg. Im Geiste eines stummen Fährmannes stand es vor dem Altar. Was Kinder schweigen können! Sie gehen mit Totem um wie mit Lebendem: Fingerpuppen, die Kronen tragen und Krokodilszähne zeigen, sind ihnen Antwort genug.
Wir trieben einen Strom entlang, der bis in alle Ewigkeiten zu fließen schien. Auf beiden Seiten des Ufers zeigten sich mir Menschen. Menschen, die wirkten, als würden sie mich kennen. Als wüssten sie um jedes Gebet, zu dem ich bloß die Lippen bewegt hatte.
„Herr Pfarrer, es ist Zeit für den Segen“, sagte das Mädchen.
Ich folgte der Stimme des Mädchens bis vor den Altar. Beinahe hätte ich meine Augen geschlossen. Ich verspürte keine Lust mehr, mit ihnen zu sehen. Das Mädchen wich beiseite. Es ließ mich die Kerzen fühlen, die erloschen auf dem Altar standen. Ich tastete nach dem Kruzifix. Als ich den fein geschnitzten Leib Christi spürte, schien das Kirchenschiff seinen Hafen gefunden zu haben.
„Komm, es ist nicht mehr weit!“ Zum letzten Male nahm das Mädchen mich bei der Hand.
Der Bootssteg führte in ein tiefes Grün, das sich umso weiter entfernte, je näher ich ihm kam. Mein Talar flatterte mir um den Leib, als hinge er nach allen Seiten zerrissen herunter. Mit der schmalen Hand eines Zehnjährigen hielt ich den Briefumschlag des Mädchens. Segnen sollte ich ihn und hatte doch alle Segnungen meines Pfarramtes längst vergessen. Tiere glitten durch das Buschwerk. Sie beäugten uns mit einer Neugier, die unter Menschen bloß im Kindesalter zu finden ist. Ehe eitle Erwartungen nach der Herrschaft über uns verlangen.
„Sieh!“, rief das Mädchen.
Inmitten des Urwaldes waren wir auf eine Lichtung gelangt. Um uns heulten Stürme, die aus Höhlen tief im Erdreich zu strömen schienen. Gebeine erkannte ich, weiß wie Gold. Sterbliche Überreste, die in das Grün Afrikas gelegt waren, als seien sie der Schmuck der Erde.
„Hierher kommen die Elefanten, wenn sie müde sind.“
„Woher kennst du den Ort?“ Ich war überzeugt, dass vor uns kein Mensch je diese Lichtung betreten hatte.
„Du hast mich hergeführt.“
Das Mädchen wirkte enttäuscht, offenbar hatte ich wieder etwas nicht verstanden. Tatsächlich kam die Lichtung mir vertraut vor. Wo in aller Welt hatte ich sie je gesehen?
„Für einen Jungen sollte ich schreiben, dass das Leben durch die Elefanten hindurchscheint. Kurz bevor sie hier Frieden finden. Als wären sie aus Glas. Eigentlich konnte der Junge selber schon schreiben. Aber er getraute sich nicht, sein Bett zu verlassen.“
In der Nacht, als Onkel Erhard starb, hatte ich leise die Tür meines Kinderzimmers geöffnet. Damit ich horchen konnte, was die Erwachsenen am Telefon besprachen. Ein Spalt Licht fiel in das Kinderzimmer. Es spiegelte sich auf den drei gläsernen Elefantenminiaturen, die nahe der Fensterbank standen. Eine Mutter, ein Vater und ein Junges. Alle drei verbunden durch goldfarbene Kettchen.
Weinen hörte ich in jener Nacht niemanden. Stattdessen traf man Reisevorbereitungen. Als wäre es am allerwichtigsten, den Tod von Onkel Erhard zu regeln. Während die Erwachsenen so ihre Koffer packten, fiel ich in einen atemlosen Traum.
Mit einem Male erkannte ich alles wieder! Schilf strich über meinen Schlafanzug. Die Erde war noch warm von der untergegangenen Sonne. Um mich Dutzende Elefantengebeine. Onkel Erhard ruhte unter einem Affenbrotbaum inmitten des Elefantenfriedhofes. Noch nie hatte ich als Kind solch einen Baum gesehen. Tausend Jahre und mehr schien der Affenbrotbaum alt zu sein. Erst wirkte es, als wäre Onkel Erhard mit seiner Pfeife im Mund eingeschlafen. Aber dann tat er die Augen auf und lächelte mir zu: Komm! Ich schüttelte den Kopf, schüttelte ihn immer wieder. So stolperte ich einige Meter fort von Onkel Erhard. Dann wandte ich mich ab und rannte davon, so schnell ich konnte. Durch den Urwald. Zurück in mein Bett …
„Nun geh schon“, sagte das Mädchen, „dein Onkel hat lange auf dich gewartet.“
Der Affenbrotbaum stand noch so da, wie ich ihn in meiner Kindheit zurückgelassen hatte. Als wäre seit jenem Traum kein Tag vergangen. Onkel Erhard breitete die Arme aus. Nie in meinem Leben hatte ich solch eine Güte gespürt.
Neben dem Altar sah ich mich liegen. Die Beine angewinkelt. Als hätte ich noch versucht zu knien, bevor ich rücklings auf den Kirchenboden fiel. Der Mund geöffnet wie zum Gebet. Den Briefumschlag hielt ich in meiner Faust geborgen. Nach der Messe hatte ihn mir die Schwester Oberin eines Kinderkrankenhauses gegeben. Fürbitten sterbenskranker Kinder. Ich war nicht mehr dazu gekommen hineinzuschauen. Das würden nun andere tun müssen.
Meine Flucht, die in jener Nacht begann, als Onkel Erhard starb, hatte nun ihr Ende gefunden. Alle Himmel der Welt taten sich vor mir auf, bevor ich einging in seine Hände.

Die Götter bleiben aus (2021).

„Denn es ist umsonst, und hilft nicht, dass ein Herz von Glauben und Zerbrechen und Zerschlagen zu handeln und zu sagen weiß, oder zerschlagen sein möchte; es muss wirklich zerbrochen und zerschlagen sein. Dann nur ist, nach der Heiligen Schrift, der Herr nahe.“ Matthias Claudius.

„Als Gregor Samsa eines Morgens aus unruhigen Träumen erwachte, fand er sich in seinem Bett zu einem ungeheueren Ungeziefer verwandelt.“ Franz Kafka.

„Als Mose dem Lager näher kam und das Kalb und den Tanz sah, entbrannte sein Zorn. Er schleuderte die Tafeln fort und zerschmetterte sie am Fuß des Berges.
Dann packte er das Kalb, das sie gemacht hatten, verbrannte es im Feuer und zerstampfte es zu Staub.“ Exodus 32, 19-20.

1.

Ich gehöre in den Abfall.
Mit Schlachtrufen das Spielfeld betreten, zu Null meines Platzes verwiesen.
Klumpenweise Erde gefressen bei jenem Eindreschen von Füßen, das sich ‚Leben‘ nennt. Blutgrätsche ist es und Schlamm, ein Geschrei nach dem Ball. Endlich angespielt zu sein, endlich vorgelegt zu bekommen!
Alle stürmen sie für ihren Kick ins Glück. Niemand will zurück bleiben, keiner einen reinbekommen.
‚Zeig Dich!‘ riefen die meinen nach mir. Wenigstens Szenenapplaus sollte dem Sohn, dem Enkel, dem Neffen gelingen.
‚Der hätte mal sehen sollen, wie ich abends vom Spielen heim bin!‘
Das große Latinum ward mir eingeworfen, die richtige Haltung zugepasst, der korrekten Vollzug des Kreuzzeichens freigestoßen. Aber all die Bälle kamen mir zu steil, zu schräg, hatten derart viel Schmiss, dass ich nicht einen davon köpfen konnte.
Und als es ans Aufstellen ging, mochte keiner von den schönäugigen Schützenkönigen mich in seine Mannschaft wählen.
Also blieb ich zurück inmitten von verwitterten Torwänden und Kellern voller alter Fahnen. Der Sohn, der Enkel, der Neffe, über dessen Wiege man sich einst beugte.
Alles verstolpert, nichts geköpft bekommen, fortwährend den Weg zum Tor vergessen: so ist es mir zerronnen, mein Dasein. Und derart leichthin schreibt sich dieses Nichts von einem halben Jahrhundert, dass man glauben könnte, mein Weg in den Abfall nun wäre wie das Auspusten eines Geburtstagskuchens.
Tatsächlich aber weiß ich nicht, wo anfangen mit dem Tod.
Von der staatlichen Verköstigungsanstalt ausgewildert, finde ich mich ab mit dem ‚Platzverweis‘, einer als Kneipe getarnten Kippe, die manch Verfristeten abzuschließen scheint. Unter den Hufen der Morgenröte, wo Kuckucksuhren durch Urnenlöcher marschieren, und Trunkene die Mühlsteine der Finsternis mit Plüsch beziehen.
Trinkbrüder, die sich mal in den Wind werfen, mal wühlen, mal schaben, mal einander im Paarungsakt zu leeren suchen, die Augen dabei wie Widerstandsnester, ledern der Schlund, alldieweil Joppen und Leibchen sich über ihnen drehen, als seien es göttliche Brummkreisel. Wie der Kanonendonner eines Sturmes auf sämtliche Grenzbefestigungen, so ward er mir stets verheißen, der Suff. Dasein, dem, Prosit für Prosit, jeglicher Ruf zum Torschuss aus den Gurgeln weicht. Schnapsgedrosselte, hinausgetreten in rauschende Steppen. Wolfsfrei zum Sterben.
Aber nun, im Kaiserpanorama ihrer Wirtschaft, schauen Unterhemden nach mir, als sei es mit dem Rand der Welt nicht getan, als sei der Tod keine Boxbude, die es zu bestehen gilt, und ich nur ein Heuler, der aus der Schachtel gefallen ist und sein Feuerwerk versäumt hat.
Wen Spiegel, Stein und Licht nicht in Brand setzen, dem hilft auch kein Feuerwasser. Der bleibt das Stroh einer Krippe, deren Hirten längst fortgezogen sind. Gefangen im Strampler, während alle als Rauchzeichen am Himmel wabern.
Kein Glas im Raum, das nicht gegen mich steht. Dass da einer den Rahmen nicht findet, dass da einer nicht mitbaumeln mag. Und dem hilft auch ein Griff in meine Kindertage nicht ab, als ich schwerlich zu scheiden war von den Umherhängenden: stets verblieb eine ungerade Haltung, die selbst zur Fütterungszeit sich nicht verlor.
Meine Erinnerungen sind mir ein nasses Laub! Ferne Kindereien und falsches Gesinge. Götter zum Preis einer Tüte Eis.
Später dann vergriff ich mich am lärmenden Gebein, fragte diplomierte Knechte nach, wühlte mich in die Jahre, bis das Erdenreich mich erbrach.
Aber so wollte ich den Schlusssatz ja serviert bekommen, mit eingerammten Hufen und verhornten Mäulern!
„Präsentiert Euer Glück!“ lade ich zwei Stubenfliegen vor. Gesellschaft genug für mich Restposten Fleisch: kleines Gemüt, kleiner Tod. Besiegelt von flinken Klatschen. Sterben in 0,2 Sekunden. Ich lerne gerne.
Dem Ablebenden gegenüber tut das ‚Glück‘ sich keinen Zwang an: kühl setzt es ihn in Kenntnis, dass es längst fortgewischt ist von jenen Schultafeln, auf denen der Ablebende es einst mit Schönschrift für sich vormerkte.
„War Euch jemals nach Glück?“ raune ich den Fliegen zu. Der Ordnung halber. Für Antworten, mit denen sich die entlegenen Ecken meines Gemüts ausverkaufen lassen. Ecken, in denen ich weiterhin als Pilz gehe, mich im Kindergarten aufzuführen. Bedeckt von rotem Filz und grünem Vorhang. Eine Zwecklosigkeit, mit der ich niemals abrechnete. Ich misstraute grünen Vorhängen, nieder riss ich sie nie.
Zugedeckt verblieb ich in den Bühnenbildern.
„Besonders vielleicht nach meinem Glück?“ setze ich nach. Ja mal wissenswert, inwieweit es die Welt schert, was einer sich schafft zu seiner Lust. Ob unsere Herzen der Welt Blüte sind, oder ob die Welt sie fürchtet als nimmersatte Öfen, deren Qualm sämtliche Horizonte schwärzt.
Ich stiere den Stubenfliegen in die Facettenaugen, mit welch Mengen Bildern pro Sekunde sie mich für wahr nehmen mögen? Als etwas verwischtes und zuckendes vielleicht, dem es an Licht mangelt wie an Tiefe.
Ein enttäuschter Gott muss es gewesen sein, der uns das Volk der Fliegen entgegenwarf: wie satte Raben flattern die Tage an den Fliegen vorbei, ohne dass auch nur eine Fliege sich entpflichtet fühlt vom Tisch ihres Schöpfers, ihm das Gekrümel und Geklecker des Erdenreichs aus den Augen zu schaffen.
Die Logik einer Abrissbirne im kleinsten Format. Langmütig wie schaukelnde Puppen all unsere Gemäuer zu verhören, bis darin die Menschensöhne reif sind, Pest in ihre Kelche geträufelt zu bekommen.
Ich streiche über den kehligen Schänkentisch, der sich anfühlt wie die Rotbuche, aus der die Werkbänke meiner Schulzeit gezimmert waren. Schraubstöcke mit eisernen Backen, die einem zweiten Gebiss gleichen, mit dem man Seite an Seite auf die Welt los kann.
Der Stacheldraht, der gespannt ist um den Bau in meinem Schädel, zittert. Die Totenmasken vergangener Werkstunden zappeln dort. Zwischen Sägeabfällen ein Stab, so liebevoll in meiner Faust, dass ich mit ihm Stämme fällen wollte. Ein Werk tun, und sei es das des Todes.
Raus aus dem glitschigen Knochenbau! Breittrampeln will ich den Pfad hinaus, der bewacht wird von allem, was Tier ist in meinem Bau. Krallen, die niemals nachlassen werden. So wenig, wie das Erdenreich müde wird, sie zu nähren.
Aber was ist ein ‚freier‘ Wille, der im Ausguck hockt, mehr als ein Nest auf einem Baum in einem Wald?
„Wer trampeln will, muss Boden haben!“ fallen meine Hände auf den Tisch. Die Fliegen wirbeln davon. Trotzig wiederzukehren, sobald ich bis ins letzte Glied abgelebt und verdorben bin.
Meine Schultern zucken, als wären es zwei Panzer einer Kröte. Mich zu schützen vor dem Hieb, dass selbst die schwächsten Glieder der Nahrungskette stärker bei Dasein sind, als ich.
Den Frühling hat das Jenseits mir gelassen. Dann gewährte es nur noch stundenweise Ausgang. Der angebrochene Sommer verdarb mir so im Schatten herandrängender Winternächte. Wie auch alles weitere, was ‚da‘ war. Kam dann etwas fort vom gammeligen Tagewerk, entsetzten mich die Gestrigen, die das Fortgekommene im Himmel vermuteten, und sich aus ebenso fauligen Paradiesen freudig einschenkten.
Ausgebrannt und fortgekommen ist so vieles in meinem Schädel. Abgefallen in einen Himmel, hinter dem das dunkle Weltenall sein Maul aufsperrt. Welche Marschrichtung nun gewinnt dem Erdenreich Boden genug ab, dort den Rest dessen zu verscharren, der mir noch anhängt vom Dasein? Jenes blutdurchtriebene Häuflein, das kleben bleiben will auf dem Trottoire der Gegenwärtigen, vollgestopft mit Totems, wund von Erinnerungen: wie soll das schwinden unter Stubenfliegen und auf dem kleckrigen Boden einer Schänke?
In eine Grube wuchten will ich die zwitschernden Kindergeburtstage, die mir weismachten, dass ich kein Grab sei, sondern ein großer Bahnhof. Mir abgestorbene Gehörgänge mögen noch wissen vom Klang der Geburtstagskerzen, wie sie bei jedem Luftzug fauchten, als würden Fohlen sich aufbäumen.
Beinahe ist es mir, als vernähme ich vor den Luken der Schänke ein letztes Mal den Rausch dieser kuchenrunden Welt. Wie wenn Äste schwelgen in Luftschlangen, Schaukeln klirren an alten Stämmen – und Eltern Aposteln gleichen, die ebenbürtig dem Meer begegnen.
Kein Pfad, der uns schrecken konnte mit seinen Pfützen: wir ließen den Schlamm unsere Stiefel schmatzen, bis alle Pfade sich ergeben hatten und Wege wurden. Wege, deren Schilder wir nicht lesen konnten, und so führte jeder von ihnen in den Himmel.
Und wie in des Vaters Stube die Tenöre sich von den Schallplatten erhoben, ihren Weg durch Wände zu finden, lärmten wir in den weißgestrichenen Abteilen des Nachtzuges, der ‚Bildung‘ genannt wurde.
Statt zu lernen, wie Erwachsene um ihr täglich Brot beteten, folgten wir dem Duft der Schokoladenfabrik an der Chaussee und liebten den Waldmeister auf unserer Zunge. Wir lebten wie die Vögel, die weder Keller noch Scheune hatten, und die doch von Gott ernährt wurden.
Offenstehend wie Truhen voller Gold, suchten wir nach unserer Schatzinsel. Die Mutigsten ohne Taschenlampe.
Ein Paradies voll mit frischem Baggersand und einem Meer aus grünen Blättern.
Dazu als Ausguck einen Rodelberg, ‚Monte Klamotte‘ genannt, der uns mitsamt der Welt in ein anderes Licht stellte. Unter Wolken, die sich zu Riesen formierten und uns den Himmel aufrissen.
Wo lauerte mir in all den Neubauten mein Baum der Erkenntnis auf? Früchte so garstig wie die Gewächse, die Matronen, deren Männer im Krieg geblieben waren, aus den Taschen ihrer Kittelschürze zogen: missgebildet und voll dunkler Sporen. Als seien sie entwertet worden von der Kontrollzange eines schwarzen Mannes.
Der Tag, von dem an meine Augen nicht länger mir gehörten, sondern ich meinen Augen. Die Stunde, von der an ich niemals mehr auf der Welt lebte, sondern in sie gesetzt war wie in einen Kartoffelacker.
War es, als Vater zur Seite fortsprang wie die Nadel eines Plattenspielers? Wohl drehten sich seine Hohelieder noch eine Weile stumm auf unseren Tellern, bald aber war sein geliebter Onkel Ehrhard nicht mehr Richtung Himmel verzogen, sondern als ein Stein in der Erde verblieben.
War es, als ich mit dem Joystick den neunundneunzigtausendneunhundertneunundneunzigsten Pixelhaufen zerschoss und am Rande des Bildschirms alle neunundneunzigtausendneunhundertneunundneunzig Punkte verschwanden hinter einer Null? Einer Null so weiß wie eine Wand, die sich aus der Dunkelheit erhebt. Gleichzeitig das Gefühl, dass in mir ein Rollgitter zu Boden gerattert war. Als sei ich fortan ausgeschlossen von einem Raum, der zwar klein erscheinen mochte, aber insgesamt schmerzen würde wie ein großer Betrug.
Dazu ein Erdenreich aus vergangenen Tagen, jeder mit einem Rollgitter davor.
Tagesräume voll grauer Kisten, in denen Kalkulatoren ihre Sprossenräder kreisen lassen. Und ich mit meiner Wand von einer Null auf den Rechenwegen dieser Gitterwelt. Gesetzt in knöcherne Klammern, zwischen denen ich mich winde und ducke, als hätte ich das Vermögen eines Herrn vertan.
Klammern, die auch einen Hohlraum bedeuten und eine Taucherglocke.
Das Bewusstsein des Homo sapiens ist in Jahrzehntausenden gebaut worden, da geht es tief hinunter.
Ich lasse mich also sinken. Vom Ufer des vierundzwanzigbändigen Lexikons, das mit seinem Goldrand Vaters Stube krönte, bis zum Rand des Schänkentisches. Von dort auf ein Erdenmittelalter der Landwirbeltiere und des Feuerzaubers zu blicken.
Drei Speisekarten fächern sich in ihrem Ständer. Sie fächern sich wie die welken Flügel einer Mühle. Am Boden belagert mit Tütchen voll Erdnüssen zu fünfundachtzig Cent.
„Speisemühle!“ puste ich, wohl wissend, dass das Erdenmittelalter den Speisemühlen seinen Willen anvertraut, bis davon ein Häuflein Gaumenfreude bleibt. Grüsse aus der Küche, die wie Schatzinseln inspiziert werden.
Als würde ich mit einem Stoß Luft das Erdenmittelalter um seine Schatzkarten bringen wollen!
Ich lege Hand an, so wie ich damals Hand anlegte, als Küchenmeister mich einmal zu oft mit Schnee einseifen wollte. Warum soll ich den Vorstehern des Erdenmittelalters verbleiben als ein Hintergrund, der Fressparolen vor Augen hatte?
Von Tintentrommeln in Marsch gesetzte Pappen, mit Anlaufstellen wie ‚Rosis Texaspfanne‘ drauf, ich schiebe sie zur Seite wie einen Vorhang im Krankenhaus. An den Rand des Tisches, an den Rand der Greiffreude, wo alles nur noch aus Pappe ist und Angst hat vor der Tiefe.
Freigestellt von den Speisemühlen, will ich mich dem Erdenmittelalter ersichtlich machen als sein Grab. Die Null am Ende der neunundneunzigtausendneunhundertneunundneunzig Texaspfannen.
Eine Null, in deren Angesicht das Erdenmittelalter sich Marienbilder vors Gerippe hält und mädchenhaft tut mit seinen Fettaugen, sich gar als ein Ohr gibt, das beschenkt sich fühlt von den bigotten Reden seines Grabes.
Dabei ist jede seiner bleichen Lüste bloß dem Zerren Sterbender nachempfunden. Null und nichtiger Dampf, der die Kolben der Krematorien gen Morgen hämmert.
Das Fass Erde, das ich geworden bin, ich will es im Fluss ersäufen, bis der Krumen Gold, als der ich erschaffen wurde, wieder frei unter den Sternen liegt. Bereit für eine Ewigkeit im Gewand der Schöpfung. So will ich mich ausnehmen vom Wüten der Faustkeiler und Schwanzträger: durch ihre Hasenbauten für zählbar gehalten, wattieren sie sich mit Wolken die Dachgeschosse, füllen mit Meerschaum ihre Hintern aus und gefallen einander so als die Neunundneunzigtausendneunhundertneunundneunzig des Erdenmittelalters!
Pfännchen mit dampfenden Thüringern werden an meinem Tisch vorbeigeschafft, Herzen füllen. Damit es für ein Weilchen wieder klappt mit dem sich lieb haben. Vielleicht braucht unser Haus bloß den Keller voll mit Thüringern, so dass wir bestenfalls speien müssen, dafür aber niemand irre wird vor Luft.
Meinen Innereien sind die dampfenden Pfännchen ein Fanfarenstoß. Als würde, unter wütendem Hunger, ein Unhold mich entzwei reißen für gutbürgerlicher Küche.
Ich dagegen bin ganz Kralle und drücke mich wie ein Korken in die jaulende Kreatur: nüchtern will ich mich halten, frei vom Fett des falschen Friedens. Mein Hunger bedeutet mir ein erfrischendes Nagelbett jenseits von all den in den Wind gedrehten Fleischpflanzen unbekannter Herkunft, an deren Rändern ich auf meinem Knochengerüst zittere.
Ein Knochengerüst, von dem ich mich fasten will, falls ich nicht nüchtern genug werde, mir an die Innereien zu gehen und dort die Rädelsführer auszustöpseln.
Die Kralle fest auf dem Korken meines mir verbliebenen Piccolos voll Tiergift, ist mein Gebiss wie ein Zahnrad, das mich mit jedem zu Tisch gebrachten Wort fortzieht über die Zinnen meiner Zeit. Bis ich den Stubenfliegen Meldung machen kann, dass ich nie, niemals gänzlich für die Tonne bin: „Tastet mich ab mit Euren Beinchen, zerkleinert mich mit Eurem Brei: über Eure Rüssel werde ich zu den Sternen reisen!“
Halblaut dem Hintergrund vermacht. Und dann, noch halblauter, doch als ein Rufzeichen der Schankwirtschaft zugeneigt: „Jedes Pantoffeltier auf Eurem Gewäsch heiligt das Dasein mehr, als Ihr Hand in Hand mit Eurem Spiritus!“ Ein kursives Rufzeichen, beinahe wie ein Stück aus einer Puppenkiste auf Halbmast. Keine Einladung, sich daran aufzuhängen.
Einer am Tresen aber, die Augen dreist über einem ausladenden Schnauzer, lässt nicht locker: seine Fäuste scheinen tüchtig etwas übrig zu haben für mich Fliegenprediger.
Wer wie ich auf Höhe der Tischkanten fahndet, findet rasch seinen Prügel.
Tischkanten, die wie ein Sendeschluss sind: was an Geräuschen aus den Mündern fällt, ballt sich zu einem Gurgeln tief im Holz und geht ab wie ein schmutziges Schiffchen über den Rand der Welt. „Kehr heim!“ Zwei Worte, auf die ich mein Gerüst binde, ohne dabei die Stimme mitzunehmen.
Der am Tresen grabbelt sich eine Hand voll Flips. Er wägt wohl ab, Flip für Flip, wie er mich zerdeppern kann.
„Endlich mal jemand, der die Welt volley nimmt!“ suche ich Freund Flip Treter zu machen.
Jedes Zerschmatzen eines Flips im Mundwerk des stolzen Fäusteinhabers gewinnt mich mehr für die Möglichkeit, sich herzhaft an mir zu vergreifen. An meinem Nullsein, das nun der Kreis einer Zielscheibe ist.
Und gewiss schadet es nicht, für meinen Marsch durchs Urnenloch tüchtig weichgeprügelt zu sein.
„Magic!“ Ich tue wie ein Clown, der zwischen dem Löwenbräuzelt und dem Bräurösl sein Revier pflegt, und weise auf mein annahmebereites Kinn: „Magic!“
Gerade will Flip vom Tresen weg auf mich los, als in meinen Augen die Linsen ins Weite gedrückt werden, wie wenn sich etwas an ihnen aus einem Berg Asche hochziehen würde. Etwas Garstiges, das Flips Fäuste zögern lässt. Ich spüre nur, was sich in Flips Antlitz spiegelt, spüre murmelnde Leiber, die aus der Asche über brennende Scheite ans Licht drängen, spüre das Aneinanderschlagen ihrer Schädel, spüre den Saum ihres Meeres, und möchte diesen Leichenkeller mitsamt seinem Thron hinter meine Lider zurückwerfen, bin aber hingerissen vom Fortgang der Ereignisse: Flip streicht über seinen Schnauzer, als könne er weder den Schnauzer noch sich selbst länger begründen. Und die Fäuste? Sind bloß noch bleiche Fahnen, die kaum mehr abwinken können, am Tresen gar Joppe und Prügelstock preisgeben. Im schlotternden Hemd macht Flip sich davon, völlig ohne Umstände. Schon klappt die Biedermeiertür hinaus. Als wäre eben eine Kuckucksuhr gegangen, und der Kuckuck aus.
Wann immer ich den Morgenstern schwang in der zeichenlosen Tiefe der Menschen, die ihre Fäuste bewohnen, wann immer ich dem Erdenmittelalter Blut vors Tanzbein speien wollte, herrschte das Erdenmittelalter mich an mit seiner Absichtslosigkeit: nichts zu brechen, der Herr! Sehen Sie, alles Luft, Heißluft bestenfalls! Alles reingewaschen vom Feindesblut, noch ehe es schmutzen konnte. Chillen Sie mal, nun chillen Sie endlich! Niemand stirbt in Reih und Glied anders als ein Affe.
Verzeihung, wollten Sie überhaupt etwas?
So rammt sich Schild um Schild vor mir in die Erde. Und nirgends ein Morgen, der mir zur Hilfe eilt.
Vielleicht sollte ich mir lieber einschenken lassen von Heiligen Königen, die ihr Christkind suchen. Die Schenke wahrnehmen als eine Krippe, in die man hinabsteigen kann von seinem Streitross. Meine Pappärmchen ausschütteln, die Quadratlatschen mitgehen lassen, wann immer Musik geboten wird, auch mal was beten, ja, bete doch mal richtig!
Beten tut hier jeder, mindestens zur Muschi.
Ob alle damit die zerschmuste Stoffkatze meinen, die mir mein Kinderbett behaglich machte? Am Ende waren zwei Nadeln nötig, Muschis Kopf aufrecht zu halten, so vollständig hatte mein Verlangen sie gebrochen. ‚Pussys reißen!‘ nennt man das hier wohl.
Und so wie die Herrschaften ihre Tage rumkriegen, kriegen sie wohl auch ihre Muschis rum: mit Rosenkränzen, die wie Schlingen sind, würgen sie den Muschis die Widerworte ab. Auf Knien dann drücken sie ihre Muschis so lange an ihre öden Wände, bis die Muschis sich ohne jeden Gedanken an ein eigenes Schicksal hergeben für Dornenkronen, die andere sich verdient haben.
Während aber die Herrschaften ihr Dasein mit Muschis krönten, hielt ich meinen Schoß beisammen. Lieber schabte ich mit dem Kopf an jeder Kirche, die sich mir bot:
‚Eckstein, Eckstein, alles muss versteckt sein. 1 – 2 – 3 – ich komme!‘ spielte ich erst Verstecken mit dem Himmelreich, später dann Räuber und Gendarm, weil man sich an den ‚Pforten zum Himmelreich‘ schon allzuviele meiner Jahre in den Sack gesteckt hatte. Immerhin fühlte ich mich bei jedem Gottesdienst weniger abgebrannt, gar recyclebar, weil so Hohlraum um Hohlraum in meinem Kopf trockengelegt und vorbereitet wurde, Stein für Stein zum Kirchenschiff ausgebaut zu werden. Obendrauf ein Turm, der wie eine Eselskappe in die Höhe ragt.
Wie die Sterne wohl urteilen über einen Kopfreiber und Schoßkneifer wie mich?
‚Dein Kopf ist der Stein, Dein Maul die Schleuder!‘ bin ich mir selbst ein Richter. Einer von weither: durch das Guckloch der Schänke, einen Steg aus Heimwegen entlang, sehe ich mich stehen als mein Richter. Als sei jede Zelle meines Körpers ein Knecht und er der Herr.
Des Nachts spricht er sein Urteil. In dem Park, in dem wir Kinder waren, unter dem Gesetz der Wälder stehend. Wie vergebens eine Pflanze, die das Maß ihrer Blüte überschreiten will, dort draußen im Dickicht lungert. Blind für das Licht der Pfade, taub gegen jeden Flügelschlag, nur ihres Schattens Kamerad.
Nein, das Haus, um dessentwillen man mich aus dem Schlamm der Schöpfung zog, hat sich mir nie offenbart. Wohl war ich einen Tag, vielleicht eine Stunde auf der Höhe meiner Hausnummer, hatte sie aber sicher niemals ernsthaft auf dem Zettel. Und selbst wenn, wäre ich weiter, hin zu den Hausnummern der gelobten Leute.
Schmal sind die Wege mir geworden, gleichgültig, beleuchtet wie ein Herbstabend in einem Vorort. In den Taschen nur ein Schlüssel, der nichts mehr öffnet. Soll ich so nun weitertaumeln, immer weiter, bis die Nacht über mir ausgekippt wird? Und in dem Keller, den das Dasein mir aus den Knochen vergangener Tage notdürftig zusammengebunden hat, blickt die Graberde mit jedem Meter dreister durch die Ritzen.
Sollte ich mich absondern von der Tränke und von all der Zivilisation, die um sie herum erschaffen worden ist, fände nicht nur mein Schatten sich bereit zur Reise. Viele Leichtgewichte unter meinen Tagen, hätten sie denn Flügel, würden sich sofort
heimwärts wenden, würden mit wehenden Wimpeln und mit am Hosenbund verhakten Haustürschlüssel die Luftlinie nehmen zur Stätte ihrer Geburt. Hinein in die Spätvorstellung eines Trickfilms, den jeder im Erdenreich zu seinem ‚Nest‘ erklärt: falsche Bärte gibt es da zu sehen und Gemächte, die unterhalb des Bildausschnitts zucken. Unterhalb des kleinen, grauen Monitors, den die Hirnforscher ‚Hippocampus‘ nennen. Von grünen Nachtlämpchen beleuchtete Schneideräume, in denen Männer keusche Kreuze tragen und dabei ausschauen, als hätten sie sich gerne etwas wegnehmen lassen. Der Hippocampus montiert unsere Tage zusammen und legt sie in den Erinnerungen ab. Er tut das wohlwollend und er versteht es, unser Tagewerk mit ehrbaren Gründen zu schmücken. Im Hippocampus fällt kein Hossa auf blinde Erde. Kann einer an gegen solch ein lichtbespieltes Leichenhemd?
Versuche, sein Leichenhemd abzustreifen, beantwortet das Erdenreich mit zusätzlichen Lasten. Für jeden fragenden Blick, den wir in den Himmel werfen, eine Schippe mehr. Diesen Markt lässt das Erdenreich sich nicht streitig machen: entweder man heftet seinen Blick auf die Erde oder man geht vor der Zeit zu Boden.
Für das Erdenreich sind wir Blutflecken auf einem grünen Tischtuch. Zwischen Blumenleichen, die, mit Wachs überzogen und an Drähte gehängt, einem grausam blühen.
„Eher proste ich dem Tod zu, als mich von Euch Säcken voll Erde bedrücken zu lassen!“ rufe ich Freund Flip hinterher.
Erneut bei Tisch, mobilisiere ich Finger für Finger. Bis alle Fünfe meiner Linken sich anfühlen, als seien sie mal aus Papier, mal aus Stein, jedenfalls die eines Jungen, der dem Stein das Papier überziehen will. Und ehe ich es mich versehe, ist auch meine Rechte mit von der Partie: Karateschläge, die aus Bilderbüchern stammen, gegen eine Auslese an Steinen. Endlich beide Hände erschöpft ineinander zu falten, zart wie das Kinderwort zur Fürbitte.
„Vater?“ probiere ich.
Zwei, vielleicht drei Väter in Sichtweite. Der erste nimmt jauchzend einen Zug vom kühlen Blonden. Der nächste befingert ein Handy. Dick sind seine Daumen von all den vielen Redensarten. Dem dritten unter Vaterverdacht wachsen bei der Bardame Ohren, wie sie kein Kind jemals zu Gesicht bekommt.
„Grabbelt Ihr nach dem Himmelreich, ja?“ Diesen Vaterwesen gegenüber sind meine Zeigefinger wie zwei Nadeln, die sich bereit machen, herzhaft in drei Luftballons gestossen zu werden: Der Mundvoll. Der Daumendruck. Das Ohrsein. Dreieinigkeit Daddy!
Meine Kinderstube empfand ich als Telefonzentrale des Himmelreichs. An den Wänden drei überlebensgroße Geschöpfe eines göttlich bestimmten Weltenalls: der Unverwundbare, der Blitzeschlagende, der Donnernde! Und über meinem Bett, kleiner, der karatekämpfende Mensch. Wie er sich vor verschlossenen Toren herausfordern lässt von einem verwitterten Schild, welches bekannt gibt, dass der Garten Eden wegen Geschäftsaufgabe niemals mehr geöffnet sein wird.
Als das Erdenreich mich dann anderenorts mit einem Jugendzimmer neu bezogen hatte, verblieb mir von der Telefonzentrale nur ein Handapparat, dessen Anleitungen umso mehr Raum beanspruchten. Anleitungen, aus denen ich lernte, dass der, der seine Quelle sucht, sie längst verloren hat.
Der Heiland, den Kinderhände mit der Laubsäge vom Holz getrennt haben, führt keine Aufsicht mehr über meinen Kopfknast. Vor Jahrzehnten machte er sich davon. Vielleicht Hand in Hand mit dem verwunschenen Vater? Dann wären die vielen Katechismen ein Schlafwandeln durch verlassene Räume gewesen. All die Lokalrunden in meinem Kopf, all das Hosianna und all das herzhafte Gelümmel von einem, der sich begnadigt fühlt.
Vor der Kreatur, in die ich gesperrt bin, wird sich kein Meer teilen. Kein neuer Himmel wird ihr aufgehen und keine neue Erde. Und während die Lämmer flüchten auf den Schoß ihres Vaters, verbleibt ihr die Kammer, die sich ‚Tod‘ nennt.
„Nun tüte Dich mal ein!“ klopft eine Kraft mir aufs Holz, den anderen Arm beladen mit Pfännchen, welche akkurat entleert worden sind. In Münder, die, derart befüllt, erneut der Liebe gedenken können.
„Für eure Tüten bin ich zu groß!“
Die Pappen aus den Micky Mäusen kommen mir in den Sinn, wie ich als Kind daraus Schachteln mit aufgedruckten Mauern bastelte, und kaum eine Spielfigur klein genug war, dort hineinzupassen. In so einer Schachtel trampelt natürlich keiner oder ist irgendwie laut. Dann ist schnell der Boden weg oder das Dach.
Hätte ich mich in diesen Schachteln wenigstens hinlegen können!
Ich werfe meine Arme in den Luftraum der Schänke, als gäbe es dort etwas zu greifen. Etwas, das mich zurückzieht in das Gespinst, das meine Kinderstube war: mir den Vorhang herunterlassen können, und niemals bang zu sein um ein Erwachen.
Kein Kind ahnt, dass vor seiner Kinderstube, im Land des Todschicken, die diensthabenden Erwachsenen nicht bloß so tun, als wäre ihnen nach einem tüchtigen Rausch. Stets gewetzt von der Frage, ob sie es sich mit ihren Verbindlichkeiten gut besorgt haben?
Später dann kam mit dem heruntergelassenen Vorhang der Onkel Doktor. Hans-Werner hieß meiner. Sein Schwert stach mir fast das Auge aus!
Was meine Kinderstube mitschnitt an Blöße, verblich keineswegs zur Guten Nacht, es ätzte sich in meine Träume und wucherte bald aus jedem Vaterunser.
‚Probier mal, noch ist es kostenlos!‘ säuselten die Mitschnitte menschlicher Blöße. Dann schlängelten sie sich auf die Rücksitze meiner Kinderstube. Um kein Versprechen bang, und greiffreudig! Getrost bis tief in die Einöde. Für ein paar Hände voll vom Filet aus fremden Hosenställen. Hauptsache man saftete sich dabei genügend Gegenwart aus dem Leib. Als könne jemand das Erdenreich untenrum zur Ader lassen, bis die Schlote rosa Watte speien.
„Liebemacher sind die Egel an den weiß verputzten Wänden der Eigenheime!“
lächle ich dem Blaustrumpf zu, der seinen Busen in einem Einkaufsnetz in den Handelsverkehr der Schänke gehängt hat.
Bald patrouillierten vor meiner Scham keine Posten mehr. Niemand hielt mich länger frei von den Liebemachern, die mir flink in meine peinlichsten Säfte glitten. Stattdessen tobte eine marodierende Mündigkeit um mich her. ‚Glück‘ die Parole, Brandbeschleuniger das Mittel. Eingezogen von einem Kriechkeller vor den Toren der Stadt, fühlte ich mich berufen, das ‚Glück‘ auszuleuchten als eine Steppe, die das Erdenreich degradiert zu einer Ansammlung von Sandburgen. Ausgerüstet mit einer Leselampe, robbte ich aufgeregt durch meinen Kriechkeller und wähnte mich in einem Gefecht mit den Ausgeburten des ‚Glücks‘: Giftkrebse und Grapschvögel, die es in ihren Sandburgen immer weiter treiben wollten. Ein kleines und schlecht besuchtes Schattentheater inmitten von schamrasierten Rasern, die mit Händen voll Rosen im Weißwein dümpelten.
So ziemlich bittermandel, schiebt mein Gemüt mich wie ein Reptil durch die untoten Wachsblumen, ‚Glück‘ glotzen.
Hinter den Wachsblumen, am Nebentischchen, ersäufen sich zwei Kumpane. Offenbar von der Bauarbeit, führen sie ihre Humpen ins Feld wie ein Marschall seinen Stab. Einträchtig tönen die Kumpane von ihrem Tischchenreich. Und wie sie tönen! Als würden beide einander mit jedem Wort den Schädel aufs Holz schlagen.
Aus der Jackentasche des einen lugt ‚die Sonne‘. Nicht die freischaffende vom Himmel, sondern die faltbare vom Boulevard. Hing während meines Schulwegs jeden Tag neu im Schaufenster der Drogerie, mit ihren Schlagzeilen für Ordnung zu sorgen in den Köpfen der Leute. Für ‚Aufreger‘, die wie ein Lagerfeuer sind, vor dem sich alles sammeln kann. Aber was verstand ich Kind schon vom Wutbürgertum?
„Psst!“ mache ich. „Psst!“
Lange vernehmen beide mich nicht, ehe endlich von den Kumpanen der Herzhafte sich ans Ohr fässt.
„Psst!“
Noch nicht vollends entdeckt bin ich, als ich beginne leise (leise!) ihre ‚Sonne‘ zu rezitieren:
„Oben ohne Möchtegern: neuer Kerl hat mich vor Diebstahl und Banden gerettet. Der mittellose Trucker erhielt freche Sex-Texte, und ein Selbstmordgedicht. Daddy dachte an ein märchenhaftes Ende, als er bestohlen wurde.“
Die beiden Kumpane wenden sich mir zu, als sei ihnen unverhofft ein Stück Wild vor die Flinte gelaufen. Der Herzhafte, ein Ledernacken in Arbeitskleidung, wuchtig und voller Drall, macht die Front. In seiner Hinterhand der zweite Kumpan, klotzig vom Wuchs, ein Propfen, wie er in trauten Heimen steckt.
„Wat ’n Gör!“ knurrt der Heimelige.
Dat Gör kann man gewähren lassen, dat Gör kann man aber auch verdreschen.
Kurzum, zwischen uns herrscht jener reizvolle Augenblick, der richtet über ein Dasein, und ich hebe ihm zu Ehren keine Silbe weit die Stimme: „Wegen Betrugs verurteilter Boxer saniert sich mit Horoskopen. Designhengst feiert fette Hochzeit auf Schweinefarm. Vom wütenden Stier durch die Luft geschleudert: Mum küsst Weinflasche zum Abschied. Auf Klo: Pastor belästigt, als er in seinem Höschen arbeitete.“
„Was bist denn Du für ’ne Schale Kanonenfutter?“ der Herzhafte hat sich eine Krone angetrunken. Entsprechend blaublütig gedenkt er meines Wesens, ob ich ihm ‚de Aff‘ machen kann?
„Schande! Gerichtsschnüffler fummelt mit Affäre zwischen Weihnachtsspielzeug. Eifriger Biber bringt Beziehung ins Wanken. Katze verkauft Jungfräulichkeit auf Geburtstagsfeier.“
Mir geht der Mund, als wolle er fort vom sinkenden Schiff, künftig dem Herzhaften zu dienen, oder wenigstens der Heimeligkeit.
„TV-Idol greift Payday Pigs von Traumfabrikant an! Klatschproduzent enthüllt Samenraub. Auf rotem Teppich: Oma organisiert Flashmob, mit den Säcken der Stars für Prostatakrebs zu werben.“
„Payday Pig!“ bläht der Heimelige die Wangen. Derweil seine Fäuste ausschauen, als würde er Wissenschaft mit ihnen treiben.
„Mach mal Männchen!“ gewinnt auch der Herzhafte an Entdeckerlaune, welch Sonderling sich da neben ihnen aufgetan hat!
Ich präsentiere meinen Kehlkopf und ich tippe mir mehrere Male aufs Unterkinn, ob das heute noch was wird mit den beiden Brocken von der Wildbahn am Nebentischchen?
Wie aus einem hohlen Baumstamm rezitiere ich nun. Nicht mehr zurechnungsfähig, geschaffen für den Gnadenstoss einer gesunden Geisteshaltung. Gerempelt in die Mitte des Schankraumes, wo langezogene Fratzen mich in mundfeine Happen reißen. Für ihren Meister, den großen Müllschlucker hinter sämtlichen Müllschluckern.
„Einsam auf den Gipfeln von Morgen: unterstützen Sie den Appell für die Ausgestoßenen der Schönheits- und Fitnesswelt! Amt lädt böse Mutter zum Bummeln ein. Grünäugige Nutte, zu unhöflich zum Drucken.“
Der Herzhafte grölt Lokalrunde. „Aufs Pöttchen mit Dir Blumenbuben!“ drückt er mich zurück wie eine herausgesprungene Sicherung. „Steck‘ Deine Saftpresse in das Sparschwein da unten. Damit Du Platz behältst und nicht runterfällst von Deinem Erdbällchen.”

Auf der linken Brustseite meines Schattens öffne ich eine Tür, die, von der das Kreuz abgerissen worden ist: durch ein Treppenhaus aus Erinnerungen, grob wie haufenweise Pflastersteine, poltere ich Stufe für Stufe heimwärts, bis mir nur ein Zimmer bleibt mit einem Puppenhaus, darin den Puppen die Köpfe hängen, verdreht, völlig von der Leine, als wäre im Puppenhaus die Freiheit eingeschlagen. Keine Freiheit, die etwas zu schaffen hat mit ’nem Singvogel oder mit einem Wurf Katzenbabys, sondern die Freiheit der aufwirbelnden Asche! Von brennenden Dornenbüschen in den Wind geschlagen, die Steppe zu nähren.
Durch solch Weiten aus sich umtuender Asche irrte ich bereits, als meinem Gewese ein Kindskopf vorstand: Wache schob ich, damit mir mein Anteil Fleisch nicht eines Nachts verloren ging im Klee der Tränken. Tränken, die sich inmitten der Aschefelder hielten, als seien es deren Mäuler. Von grünen Büscheln bewachsene Löcher, vollgestopft mit Glücksgefühlen, welche einem den Schoß hinauf an die Luft wollten. Fahnen der Fruchtbarkeit, wie sie meinen Kindskopf im Schlaf leicht übermannten. Und niemand Erwachsenes stand dagegen im Ausguck, sein Joch zu werfen nach der kleeenden Bande, niemand, dem ich meinen vom ‚Glück‘ angekokelten Kram anvertrauen konnte.
Futur eins und Futur zwei taten keinen Dienst im grünen Klee. Der Klee der Tränken besaß bloß jenen Trieb ins Präteritum, den jedes Unkraut ehrt: Gier als eine Sänfte, Wolllust an jedem Ende.
Eine Welt, wie wenn ich damals im Keller meiner Modelleisenbahn das Licht gelöscht hätte: rumpelnde Triebwagen auf den schmalen Spuren eines hölzernen Bodens. Dazu das Summen von Trafos, die zu Herzen man ernannt hatte.
Eine Welt, die uns wie Zecken aus ihrer Erde drehte, bis wir uns blutleer verkrümelten.
Und trotzdem maß ich mir eben diese Welt an, kaum dass ich meine Hände zu Fäusten ballen konnte.
Niemals aber ging mir auf, wie tiefgehend der Klee des Präteritums die Bürgersteige zersetzt hatte, welch eine Gewalt an Gärstoffen selbst die Denkmäler durchzog. Was ich als Fackel ansah, war zu keinem Zeitpunkt mehr als eine Kerze, die so traurig in der Asche stand, dass ich noch in der Erinnerung ihr mit bloßer Hand in das Flämmchen fahren möchte, sie mit meinem Schmerz zu erlösen.
Nimmermehr will ich meinen Kopf recken nach dem trunkenen Geschäft der Bürgersteige, nach den Possenrissen des menschlichen Verkehrs, denen alles Durchreise ist und traurige Pflicht. Ein schußbereites Aneinanderklumpen, alles Erschlagene aufzulecken, damit von unserer Schöpfung nur Knochen bleiben.
Wohin also mit meinem bleiernen Tagewerk, das handelt mit Früchten, die in ihrer Verderblichkeit keinen Handschlag wert sind, wie bekomme ich solch faule Saat unter die Füße?
Kräuterkundige Krokodile und schmusende Schlangen: ich will meine Lebtage nicht mehr verkleidet sehen mit ihnen. Für Schatten möchte ich sorgen, wann immer Wunderkerzen sich aus der Asche schieben, mir mit aufgeblasenen Kunstgriffen meine Natur auszublenden.
Ich inspiziere die als Himmel verkleidete Decke der Schänke. Hellblau gestrichen und mit mehreren hundert Watt belichtet, als ließe sich dort die Welt von Morgen bestaunen. Daran gehängt der Tand des Kolonialwarenhandels. Ich befühle Seemannslaternen (wem sie wohl leuchteten?), niste in zerrissene Fischernetzen (wer ging darin zugrunde?) und lausche verblichenen Schiffsminiaturen (wie geschäftsmäßig sie tun!). Schollen in einer Kuppel voller Lügen.
Selbst der Himmel der Schänke ist ein Absturz! Ein wohltemperierter Absturz. Barhocker mit Plüsch auf den Lehnen. Umsorgt von gemieteten Mädchen, deren weiße Dirndl erinnern an frisch bezogene Stationsbetten. Batterien von Humpen hängen über dem Tresen, als zählten sie zu den Totschlägern einer finsteren Fischerei, die manchem Kopf gerne nachhalf. Allem aber steht die Sonne von einem Zapfhahn vor: erhaben wie jener Tabernakel, dem ich mich während meiner Kindertage verbunden fühlte. Als Ministrant im liebevoll aufgebügelten Leibchen, kauernd mit anderen liebevoll aufgebügelten Leibchen hinter dem Altar.
Und beinahe hat der Wirt etwas von einem Pastor. Diese Bedächtigkeit, mit der er zapft. Als wolle auch er keinen Tropfen verschwenden vom Blut eines Heilands.
Vom Empfang der Sterbesakramente ist hier also nirgends die Rede, vielmehr von Hymnen, die es zu singen gilt: ‚Heiliger Wirt, befreie mich von meiner Alten!‘
Ich suche nach Spuren, nach irgendeiner Achtlosigkeit gegenüber den Segnungen des Zapfhahns. Vergebens. Nichts trübt das Grün der Tischdecken. Selbst die Bodenbretter, die tun, als wären sie aus einem Boxstall herausgerissen worden, scheinen sich keiner Schuld bewusst zu sein. Nirgends offenbart sich mir ein Augenblick des verzweifelten, brutalen, erschöpften Zechens. Wären nicht die beiden ausgesessenen Ledersofas, mit denen der Wirt eine Ecke eingerichtet hat für junge Trinker, die Schänke würde alles Dasein grußlos schlucken: ‚Siechet hin in Frieden!‘
Eines der gemieteten Mädchen ist abgestellt für das Grammophon. Chansons legt es auf. ‚La vie en rose.‘ Mal schaut es dabei nach seinem Handy, mal nach den feschen Cognacurnen über dem Altar. Stahlblauen Mädchenaugen, wie sie vorbeiwischen an den Daguerreotypien verblichener Stammtische, an wappengeschmückten Westen, an Ballsportliebhabern allgemein. Und stets macht das Mädchen dabei ein Gesicht, als läge entschieden zu viel Unrat auf unseren Bürgersteigen.
Aber wem ist abgeholfen mit Blicken und Gesten, wem mit Kehrwochen? Nirgends ein Mädchenjahr, das vom Unrat nicht zu Tode gehetzt wird. Weil Unrat IST. Weder verdirbt Unrat an einem Herzen, noch krankt Unrat an einem Gemüt. Hingegen jedes Mädchen von Erde erstickt, vom Wasser ersäuft, vom Feuer verbrannt und vom Wind in Fetzen gerissen wird.
Und wer lehrt uns einen solchen Tod? Der Primat!
Und siehe, aus Erde und Feuer, Wasser und Wind wendet sich ein Primat dem gemieteten Mädchen zu. Greis der Primat und fahl, massig sein Nacken. Vieler quälender Minuten bedurfte es, bis ihm auf den Barhocker geholfen ward. Nun aber sitzt der Primat im Sattel. Nun ist er Primat genug, ein Mädchen zu fordern.
Er betastet seinen Bierseidel. Er versichert sich des Arbeiterordens, der ihm an die Brust geheftet ist. Heiser, wie aus Flammen, krächzt er in Richtung des Grammophons: “Champs-Élysées!”
Das Mädchen setzt das Lächeln auf, zu dem es als ‚Reklamehuhn‘ vertraglich verpflichtet ist. „Der Herr wünschen?“
Es wird still um den Primaten und das Mädchen. Man lauert auf einen garstigen Paarungsakt. Einer, welcher sich ansonsten zutragen mag im Programm spezieller Varietés.
Tatsächlich, während der Primat Front macht in Richtung des Mädchens, rutschen ihm seine Beinchen auseinander. Das Mädchen holt die Schneidezähne vor beim Anblick der kleinen Trüffeltagliatelle, die im Schoß Druck ausübt auf den ganzen Primaten. Es taxiert den Primaten mit der beschissenen Laune eines Mädchens, das vor der Zeit in den Unrat gezwungen wird.
„Fremdling!“ sagt es. Schlachtruf offenbar für die körpereigene Abwehr des Mädchens.
„Bleiben die Frauen aus, fällt alles Fremde!“ krächzt der Primat. Er sei im Primatenchor einst der Bass gewesen, und: „Nenn‘ mich Monsieur!“
Der Primat will durch Szeneabsteigen und Stübl in die ewigen Jagdgründe tänzeln.
„Alkoholfreies kannst Du dem Wasserhahn entnehmen!“ sorgt das gemietete Mädchen für Umsatz. Einen Fünfziger Verzehr, dann will es gerne schwätzen und Monsieurs Kumpel sein, Knüffe inklusive.
Der Primat, er ist nun ganz Monsieur. „Branntwein!“ ordert er. Man solle die Schänken nicht aussterben lassen!
„Auf Monsieur!“ sächselt das gemietete Mädchen, ehe es Platz nimmt neben Monsieur Primat. Erkennbar launisch nun, ein mit Rouge überzogener Dämon gar. Es wird jeden Schluck, den Monsieur ihm gönnt, mit den Fäusten nehmen. So dass der zum Monsieur ernannte Primat am Ende beschmutzt ist wie eine Kirchenruine, die abgerieben ward mit der Asche eines Baaltempels.
Hoch lebe der sechste Tag der Schöpfung!
Im Abseits meines Herrengedecks proste ich dem sechsten Tag der Schöpfung zu. Besonders jener vorgerückten Stunde, in der die Jubelgreise schlüpften. Auf solch dreiste Weise hungrig, als sei allzeit Halbzeit, und als hätte der Sommer niemals aufgehört, nach ihnen zu fragen. Trommelnd ziehen die Jubelgreise in sämtliche Glotzen ein. Ob knallig beklebte Banden, überlebensgroße Reklamen oder gemietete Mädchen: die Jubelgreise fühlen sich umworben! Braun vor Sommerfrische, mal am Knochen hängend, mal im Fett stehend, geben sie ihre Bestellungen auf bei Mütterchen Erde.
Träte ich nun finster an den Tisch, den die Jubelgreise sich gedeckt haben, man würde mir an den Hawaiihemden die Christenkreuze vorhalten, wie Ehrennadeln würde man sie mir vorhalten, ganz und gar Champs-Élysées. Entgegenschmettern würde man mir Hohelieder, gemäß denen das Dreschen von Grands zum ordnungsgemäßen Gebrauch des Daseins zählt. Und Weißwein böte man mir an, direkt aus dem Tabernakel. Als ein Attest, sich in das Herz der Schöpfung getrunken zu haben. Für ein paar süffige Schlücke mehr aus grünen Friedhofskannen.
Ich nippe am Bier meines Herrengedecks, bin niemals mehr gewesen, als ein Nippen. Nirgends ein Augenblick, den ich leerte bis auf den Grund. Was nützt mir ein Grund, auf dem niemand bauen will? Es tut nichts zur Sache, warum ein Bier hier steht und ich davor hocke. So oder so versickert am Ende der Schankwirtschaft alles Gebräu in einer Tiefe, von welcher niemand weiß, wer darüber herrscht.
Und trotzdem: mit schäumenden Lippen sehne ich jene Wüstheit herbei, mein Bier in einem Zug leeren zu können. Kehlkopf sein unter Kehlköpfen. Kehlköpfe, die mir während meiner Kindertage das Maß allen Durstes waren. Wie Ochsen pflügten sie durch das Fleisch, derweil ich in mir niemals mehr wahrnahm, als den Schnabel eines Spatzen: kaum schmeckte ich einen Tropfen Ochsenstärkung, spie ich aus. ‚Limonade, bitte!‘
Als mein Jahrgang geschlechtsreif genug war, nach Ochsenstärkung und Schöpferblut zu verlangen, blieb ich genussfrei. Ich kam nicht auf den Geschmack. Während alles Stimmbruch war und Bart und Kehlkopf, stand ich verkleidet in meiner Manneskraft. Bloßgestellt von der Art, mit der ich mir von den Kartoffeln nahm: völlig ohne Stolz! Ab ging mir jene Selbstverständlichkeit des Zulangens, die künftige Familienvorstände krönt. Auf welche Weise sollte ich so je mein Herrengedeck finden? Seither halte ich mich an Limonaden fest, als feiere ich immer noch Kindergeburtstag.
Beinahe zwei Meter in die Höhe wuchs mir der Kopf. Mein Herz aber blieb zurück. Obwohl auch der Brustkorb sich entfaltete wie die Krone einer deutschen Eiche, in deren Geäst die Innereien wie Krähen hockten. Welch Kräfte mit einem Male im Fleisch lauerten! Kein Auge wollte mir mehr zufallen, so sprungbereit waren Arm und Bein.
Das Spielzeug, das mich einst getrost sein ließ, es stierte auf meinen Knochenwald, als fürchte es, von ihm erschlagen zu werden.
Während ich noch schwankte wie verwunschen, griff auf dem Schulhof alles um sich. Das waren keine Hörspiele mehr. Niemand mehr, der mit angewinkelten Knien lauschte und lauschte. Man begehrte, man suchte zu nehmen. Was dort reifte in den Raucherecken, ließ mich reifen für meine Lehre in der fleischverarbeitenden Industrie: ein Schlachter mit Spatzenschnabel!

Deutet Monsieur Primat da etwa auf mich? Das Blut will er dem gemieteten Mädchen zeigen! All das Blut, in das ich getaucht bin! Dagegen hilft keine Verkleidung aus Massenware, Größe XXL. Dagegen helfen weder Herrengedecke noch Limonaden. Schuldig musste ich werden auf Erden. Wenn nicht an gemieteten Mädchen, so wenigstens am Vieh. Und aufs Vieh warf ich mich denn auch, zappelnd vor Lust und vor Abscheu.
Der stiere Blick des geschlachteten Viehs ist mein seltsamstes Geschäft gewesen: die toten Augen spiegelten eine Welt, die getaucht war in das schwarze Blut des Leibhaftigen. Höhnische, zu Stahl gefrorene Kugeln, die unserer Fleischeslust das Angesicht zermalmten.
Dagegen blieben mir die Blicke der Frauen eine stumpfe Angelegenheit. Belebt allein von Tränendrüsen. Salzige Süppchen, die kein Maul jemals stopfen würden. Was es im Schlachthaus nicht gab, konnte Wahrheit nicht sein. Und flennende Schweine hat die Welt noch nicht gesehen.
Das Schlachthaus also. In Cordhose und aufgetragenem Hemd. Der Fleischboss selbst empfing mich. Blaumann trug der Fleischboss, mit Botten aus Blei. Entschlossener wirkte er als jeder Heilsbringer des Wilden Westens. Auf gepflasterten Wegen trug der Fleischboss die Tradition seines Schlachthauses vor uns her: ‚Denke daran!‘
Das machte die Erwachsenen für mich aus, dass sie mit krachledernen Stimmen ihre Nichtigkeit vertraten. Als wären sie gesuchte Ratgeber von Erzengeln und Prälaten. An allen Ecken und Enden bildeten die Erwachsenen sich Meinungen, welche weder die Ecken noch die Enden betrafen. Zwar rief der Fleischboss, während er eine gutbürgerliche Portion Größenwahn genoss, weder Kaiser noch Kanzler zur Ordnung (und mit Engeln hatte man es in der Fleischerei schonmal gar nicht), aber die Schlachtsitten aus mehreren Jahrhunderten zog er sich rein wie seine Selbstgedrehten.
Der Schlachthöfe Pflasterstrand! Seit Jahrzehnten spüre ich ihn unter den Füßen, als stünde ich noch in meinem sechzehnten Lebensjahr, als faule das Fleisch des Fleischbosses nicht längst in magerer Muttererde.
Jene weiten Flächen aus groben Steinen, auf die der Regen niederging. Graue, nasse Klippen, an deren Ende der Tod sein Maul aufsperrte, das waren die Morgenstunden meines Daseins. Was baumelten da für Ketten überall auf den Höfen, was für Schellen! Welten hätte man daran hängen können. Fuhr dann der Wind in die Ketten und in die Schellen, musste einem alle Welt absurd klingen. Und die Fleischerhaken! Mit meinen sechzehn Jahren ahnte ich nichts von den Fleischerhaken. Weder wusste ich, dass man beizeiten Menschen daran befestigte, noch spürte ich das sanftmütige Wesen der Fleischerhaken: wie Schlangen im Gras schwangen sie sich auf zu Zähnen, die in ihrem Werk den eisernen Dornen an den Schlachtlinien glichen, aber doch vielmehr eine Blüte unserer Lust am Fleisch waren.
Vom Fleischboss wurde ich unter die venenblauen Arkaden zitiert: es sei gerade eine ausgestallte Ladung Rindviecher auf gutem Wege.
Ich fragte nach dem Plätschern hinter uns. ‚Wasser, elektrisch geladen!‘ dröhnte der Fleischboss. ‚Die Stromschläge sorgen dafür, dass auch das Federvieh seinen gottverdammten Sinn erfüllt!‘
Aus den Ruheräumen in ein tödliches Taufbecken und mit baumelnden Köpfen weiter die Schlachtlinie entlang.
Ruheräume?
‚Warm wie der Bauch einer guten Mutter!‘, der Fleischboss schaute in den dunklen Himmel. ‚Ohne Licht, ohne alles! Beruhigen kann das Vieh sich dort nach seiner nächtlichen Ausstallung, und vorbereiten für den Übertritt in eine neue Welt.‘
Ein Lastkraftwagen polterte auf den Schlachthof. Rampen öffneten sich. Münder öffneten sich. Münder, aus denen die Herren vieler Länder tönten. Menschen erschienen mir. Menschen, die schwarz trugen unter weißen Kitteln. Menschen mit Hauben und Helmen. Einem von ihnen waren seine Augen ausgekippt, ein anderer schaute unter dunklen Brauen fröhlich drein, und blieb doch ein Strich von einem Mund. Schweiß glänzte im Licht der Scheinwerfer, Adern pochten unter wulstigen Drüsen. Aus dem Lastkraftwagen drängte eine Masse Pendler, denen offenbar ihr Frühzug entgleist war. Alle im Stress, teils empört, teils voll Unbehagen. Sprechblasen gingen mir auf über deren Häuptern: ‚Grrr! Schluck! Umpfl!‘
Der Fleischboss spürte, dass in meinem Kopf langsam die Hauptvorstellung begann: ‚Sehen kaum anders aus, als die in den Trickfilmen!‘ zwinkerte er.
‚Im Kino können sie sprechen!‘
‚Warte mal, bis denen ihre Häupter abgeschlagen sind! Blicken dann nicht weniger weise drein, als unsere Altvorderen.‘ Er überlegte kurz. ‚Bloß die Mäuler, die sind hier blutiger. Für Servietten mangelt es uns an Zeit.‘
Das Haupt eines Rindviechs, das aussah wie das Haupt eines großen Alten! Beide Hörner verkohlt vom elektrischen Punch ins Jenseits. Das Maul blutig über und über. Getauft allein durch eine Ohrmarke!
Beinahe sank ich Knirps gen Morgen, wie in Schutz genommen ich ward durch meinen Namen! Was Namen hatte und Bande, ließ den Prügel allzu oft zögern. Während Vogelfreies tot beinahe mehr Sinn ergab.
Und so ergoß es sich denn aus dem Lastkraftwagen in den Leib seiner neuen Mutter.
Derweil aber in dunklen Schlunden die Gebärvorgänge (‚in eine neue Welt‘) einsetzten, führte der Fleischboss mich ab durch das Grün und das Blau seiner Bolzenschießerei.
‚Schaut aus wie die Elektronik von Baukästen, was?‘ spähte er hinter sich. Als einen Kindskopf visierte er mich an, als zu zerwirkendes Wild. Ich schaute garstig drein. Abbalgen würde man mich Wohlstandsgör! Bis nichts an mir mehr angewärmt war von der Zivilisation, sondern alles roh und ‚bloody‘ in Richtung der Schlachtlinie zeigte. Und das, das ließ mich frohlocken!
Als wäre er irgendwie ‚warm‘ geworden mit mir, wies der Fleischboss in Richtung eines Schweinshauptes: ‚Wenn das kein ausgewachsenes Schlitzohr ist!‘
Tatsächlich war ein Charakterkopf übrig geblieben von der Schweinerei: Augen, welche flink ihren Platz gefunden hätten in den Kinderherzen. Ziviles Halbprofil. Nichts, was sich unterschied vom Berufsverkehr unserer Städte. Vor allem aber das Maul wirkte, als wäre es nicht bloß zum Schwein sein gut gewesen. Noch im Tode schien es etwas abzuwägen. Über einer Kehle, die durchtrennt worden war mit dem roten Mund eines Clowns.
‚Hol mal Luft!‘ ward ich aufgefordert. Drei, vier Schritte wölbte ich mich, ehe ich zitternd wie ein Erpel zusammenfiel.
‚So duften entleerte Schweinebäuche!‘
Der Fleischboss griff nach den Handschuhen. Handschuhe, die massiv waren wie Kettenhemden!
Nach mannsgroßen Beilen langte er. Allesamt zum Spalten verschiedenartigster Viecher.
‚Denke daran!‘
Der Fleischboss hieb in den Torso eines Schweins. Es klang schmatzend wie der Biss einer Höllenfurie, dann wie der von zweien, ehe die ganze Hölle auf den Beinen zu sein schien, dem Fleischboss mit ihrer Glut das Angesicht zu versengen. Ein letztes Anschlagen der Ketten, welche den Torso hielten, schon baumelten zwei Schweinehälften im Grün und Blau der Bolzenschießerei.
‚Denke daran!‘
Ein Schlachter mit Spatzenschnabel! Die Gesellen wussten ihre Fäuste kaum zu beruhigen. Wieder und wieder hieben sie auf die Tische des Pausenraumes, obwohl ich die Herren Gesellen überragte um ein, zwei Köpfe. Aber ich musste auf sie gewirkt haben, als wäre ich aus sämtlichen Nestern gefallen. Ein trällerndes Seelchen, welches Heimat darin finden wollte, Schweinehirne zu penetrieren mit Schlachtschussapparaten!
‚Die Pneumatik fasziniert mich‘, stammelte ich. Von meiner Vorstellung völlig aus dem Zusammenhang gerissen, machte ich Handbewegungen, als würde ich einen Schuss aufsetzen: ‚Volle Ladung!‘ Ich errötete, wurde rot, bekam eine Fassbombe von einem Gesicht.
Der Fleischboss zog mich fort. Aufmunternde Rufe geleiteten uns zur Tür. Wahlweise empfahl man mir das Kühlhaus oder einen Platz im Partyservice der Schlachterei. Ich aber war verwandelt: die knielangen Schürzen, das schwere weißgefärbte Gummi der Stiefel – selten beeindruckte mich ein Dasein so in seiner Abwaschbarkeit.
Jämmerlich dagegen das Geckentum auf den Schulhöfen: festgeklebt durch Gele und Cremes, bis zu den Zehen verpuppt im eigenen Moder, würde keiner dieser Gigerl sich lösen können vom Tode.
Im Schlachthaus drohten mir weder Samt noch Seide. Beinahe wollte ich ausspucken oder mit Blut spritzen, so sehr erregte mich das Fehlen aller Sorgen um ‚Anschaffungen‘.
Natürlich, die Fleischwölfe mussten fein sauber gehalten werden. Aber sie bedeuteten keine Zierde, der ich zu dienen hatte.
Stählerne Getüme, denen ich mit Hingabe behilflich war: ich fütterte sie auf eine Weise, die selbst fürsorglichste Tierinhaber gleichgültig erscheinen lassen musste. Wagenladung um Wagenladung bereitete ich meinen Wölfen mundfein zu. Auslösen und Entschwarten. Ausbeinen mit Messern, welche mir das Fleisch eröffneten, als hätte ich die Krallen eines biblischen Löwen. Bei Bedarf einige Arbeitsschritte mit der Säge.
Besonders das Entbeinen wurde mir zu meiner Herzensangelegenheit. Flink sichelte ich in die Schwarten. Schnitte, die, brächte man sie zu Papier, wirkten wie Zeichen aus einer uns unbekannten Welt. Oft rief der Fleischboss nach den Gesellen, mit welch Leidenschaft da einer sein Messer liebte.
So im Fleische, wer konnte mehr wissen von der Tiefe unseres Daseins, als ich?
Derart ausgezeichnet ward ich in meinem rentenversicherungspflichtigen Tötungshandwerk, dass ich vom Menschenwesen bald keinen Bissen mehr tun mochte.
Ob Klein- oder Großmaul der Liebe, ich fütterte sie alle ab: Candlelight Dinners mit Lammfilet, Gotteshäuser mit Festtagsbraten. Besessen war ich davon, andere speisen zu sehen. Köpfe, welche sich ihren Mündern nachempfanden. Heimlich lichtete ich solche ‚Reinbisse‘ ab, und schnitt davor die Tischreden mit. Hunderte Reinbisse zierten meine Hochhausbutze, die Tischreden zog ich mir über Kopfhörer beim Schlachten rein.
Vor allem aber nährte ich mich vom Sound meines Schlachtmessers. Nie kam mir anderes in den Sinn, als die Wahrhaftigkeit meines Schlachtmessers. Ich Spatzenschnabel konnte so gutmachen, was das Leben mir voraus hatte an Klauen und an Zähnen. Dasein, welches über Jahre in Abzug gebracht ward von meinem Augenlicht, meinem Glauben und meiner Manneskraft, ich nahm es dem Schlachtvieh ganz. Jeder Stoß meines Messers beseelte mich mehr, als das Versprechen eines Muttermundes.
Was sollten mir Lämmer in ihren Pferchen anderes beweisen, als dass bei all den vielen Würfen des Lebens der Tod bloß sein Maul aufsperren musste?
Ich sehe nach Monsieur Primat. Mittlerweile steht eine Barfrau dem Reklamehuhn zur Seite. Gemeinsam erbauen sie den Monsieur, Stein für Stein, mit dem Wort ‚Gentleman‘. Bei diesem Wort nehmen sie ihn. Besonders das Reklamehuhn führt es wie ich einst mein Schlachtmesser. Bloß dass ich im blutigen Kittel lange nicht so Champagner war wie das Reklamehuhn, das nun einfach mag und mag und mag. Flaschenweise mag es.
„Weil ich mich wohl fühle mit dir!“ versichert es dem Monsieur Gentleman.
Auf solche Weise ausgezeichnet, greift der Primat sich an die Brust: jetzt muss da aber das Herz eines Gentlemans schlagen! Was wären Feuer, Wasser, Erde und Luft ohne ein Huhn? Selbst wenn es nur Reklame läuft. Ein Huhn, ein Herz. So ein pralles, wallendes Herz, meine ich, das einem am Knochen gedeiht wie eine verirrte Samenblase.
Ohne ein Huhn, ohne den Hang zur Haltung von Nutzvieh, bin ich dem Tod vorgeworfen seit nun bald fünfzig Jahren. Durch Türen, Gänge und Himmel. Kein Weg, der mich, unter dem Gewicht meines Daseins, nicht dem Tod vor die Füße warf. Je langsamer ich machen wollte, desto weiter der Wurf. Wie ich mich auch zu retten suchte, rasch verwarfen Fliehkräfte mich mit dem Drall dessen, was ich gerettet wissen wollte.
Der Tod hing mir bereits an! Kopfüber, wie der rostige Anker eines leckgeschlagenen Kahns. Der Tod hängt an allem, was die Geldwechsler in den Tempeln uns übersetzen als ‚Glück‘, der Lehrkörper in den Schulen als den ‚Garten Eden‘ und die Casinos in den Kurorten als ‚das Leben.‘
Wenn der Tod nun aber gekettet ist an jedes ‚Paradies‘, wie schaffe ich mir dann die Früchtchen dieses ‚Paradieses‘ ab?
Eine Lobpreisung des Reklamehuhns kommt mir zu Ohren. Untergehakt hat es seinen Monsieur Gentleman. Man kippt Champagner mit der Hand, die einem am Unterhaken hält, verspricht klingend sich die Brüderschaft. Besser lassen sich unsere Sitten kaum bemühen: wo Dasein bereit steht zur Entfaltung, wird es erdrosselt mit einem Ritual. Glücklich, wer auf solche Weise selbst das Stück vom Dasein fortzitiert, das am schreiendsten im Angebot steht. Der schließt bei der Regelung letzter Angelegenheiten noch Brüderschaft mit seinem Bestatter.
Wie aber nun unser Schlachtvieh? Mag es auch dressiert sein, wirklich tänzeln kann keines auf dem Brett des Todes. Wo Monsieur Gentleman beizeiten nach einem Gotteslob fahndet oder wenigstens nach dem Nirwana, gibt es für kein Schwein etwas zu gewinnen. Es kann dem Schlachtmesser nicht begegnen mit der Vorstellung von einem Himmelswillen, es muss die Finsternis ganz nehmen. Entsprechend rein klangen mir die Laute, mit denen es verendete. Als wären dort Mühlsteine aus Nacht, so schob das Schlachtvieh den Tod beiseite. Damit es schauen konnte. Es wollte doch nur schauen!
Geführt in Ruheräume voll dunkler Ahnungen, an sich wohlauf, blieben dem Schlachtvieh die Geländer des Schmerzes und des Gebrülls verwehrt. Nirgends das grelle Licht eines Körpers, der sich selbst verspeist. Jener Schild aus Bresthaftigkeit, den wir Menschenkinder uns zur Sterbenszeit vorhalten, wenn es dunkel wird und abwärts geht.
Tatsächlich bedurfte ich umso weniger des Haltes, je mehr ich mir selbst die Schneide gab. Mit Gebrüll konnte ich wohl getrost ins Bodenlose stürzen.
Schlachterei aber ist keine Schlacht. Schweinehälften sind so wenig hilfreich wie die Ameisen, die ich als Kind mit dem Daumen ausdrückte. Man muss, zu allem Schneid und Gebrüll, auch sein eigenes Fleisch in Ring werfen. Oder eines der Schweine damit stopfen. Falls es so etwas wie Mitgefühl gibt, wenn beide Seiten hungrig sind.
Wie leicht dem Primaten das Reklamehuhn fällt! Er bezeichnet sich schlicht als Monsieur, lässt sich Gentleman heißen und fährt dahin mit seiner Dreistigkeit von einem Herz. Er vertäut das Reklamehuhn an seiner Primatenbrust. Sein Maul öffnet sich wie eine Naht am Gesäß. Zähne speicheln vor, famose Zähne. Mir bricht der Schweiß aus, Monsieurs Zähne während eines Reinbisses ablichten zu müssen. Aber nein, heute lassen wir uns den Gentleman gefallen! Des Gentlemans Unterkiefer wird also herab gelassen, dass man beinahe Ketten rasseln hört. Blindlings stürzt eine Rotte von Tuwörtern dem Reklamehuhn entgegen. Sie scheinen es auf dessen Hühnerherz abgesehen zu haben und knarzen allesamt wie ein altes Heimatmuseum.
Tuwörter, die hervorgekrochen sind aus den Eingriffen im Reich der Herrenunterwäsche, sie schlagen ein in den Kammern des Hühnerherzens. Und dem Reklamehuhn bleibt nur das entschlossene Ablöschen mit Champagner.
Monsieur Gentleman scheinen ein zum Marodeur erwachsener Primat! Ich fühle ihn zu den Waffen eilen, wie zum Weibe. Wohl weiß er längst um das Panzerschlachten, das meinem Dasein stets abging. Stahl, der sich mir niemals offenbarte. Vergebens suchte ich zwischen den Schweinehälften diesen Kern modernsten Miteinanders: ob mein Schlachtmesser mehr Sinn ergab, wenn es das Bajonett war auf dem Lauf eines Sturmgewehres.
Als Krieger geschmückt sein von den Maiden meines Stammes! Uniformiert, statt arbeitsbekleidet. Aber auf welche Weise sollte ich Spatzenschnabel jemals zur Klinge bei einem Hahnenkampf werden? Zwar mochte ich mich während der Trommelfeuer so gut anstellen wie bei der Fütterung meiner Fleischwölfe, doch stehend im Felde, eine Klinge an jeder Kralle, und mit dem Schlachtmesser voran, konnte ich unmöglich auf Beute aus sein. Bestenfalls Aasfresser, wäre ich nur einer von vielen laufenden Metern Schießbude.

All das Riskierte, all das, was wir dem Tod vors Maul geschoben haben, wird es nicht an Ort und Stelle eingezogen, so kommt es uns mit der Zeit abhanden. Verloren der, der eine Runde mit dem Tod übersteht. Kein Nagel im Fleisch nötigt uns so, wie das Überstandene!
Monsieur Gentleman lässt seine Hand auf den Tresen fallen: „Nicht wahr?“
Ein marodierender Primat, der Besitz genommen hat von der Vorstellung, ein Gentleman zu sein. Er ist sich handelseinig geworden mit dem Reklamehuhn. Sowas von handelseinig, dass die Barfrau ihren Segen spendet mit Likör aus einem gläsernen Totenkopf. Um Monsieurs Fortbewegungsmittel handelt es sich! Nach dem Schlüssel schnappt das Reklamehuhn, als wolle es Morgen bereits am anderen Ende der Welt Reklamehuhn sein. Während Monsieur im Gegenzug den Rest vom Reklamehuhn einfordert. Laute entweichen Monsieur, die gemahnen an das Aufbrausen eines Ochsen. Wem es peinlich ist? Dem Reklamehuhn nicht. Die Krallen fest um den Schlüssel zu Monsieurs Fortbewegungsmittel, mag es sich wegen ein paar Resten nicht mehr zieren. Freie Hand gewährt es auf eine Weise, dass den Jubelgreisen ringsum nach einer Revolution von unten ist: wie Rapper fahren sie sich in die Schritte, um dann staunend aufzuschauen, als hätten sie Gold gefunden.
Ich grabe meinen Spatzenschnabel in beide Hände. In Hände, die niemals aufgehört haben, sich zu pellen und zu schälen. Als wollten beide zur Hintertür hinaus. Fort von einem Dasein, das weder zum Schritt noch zum Gleichschritt einberufen ward. Nirgends eine Mannes- oder gar eine Wehrpflicht.
Mein Dasein, es ist ein Schlachtmesser gewesen. Gepresst in einen Haufen Graberde aus dem Baumarkt. Ein Schlachtmesser, das gestoßen ward in all jenes, was den Gemeinen als Aas durchging: feuchte Felle, blutschwangere Federn, Fett und Innereien. Und Knochen, Knochen, Knochen!
Urlaub vom Schlachthaus habe ich genommen. Resturlaub. Bei dem Nachfahren meines verblichenen Fleischbosses. Ein verzärtelter Pygmäe, aus Grabeslaune gezeugt, und zum Dahinfahren geboren. Er ahnte wohl, dass meine, ‚Spind‘ genannte, Stullendose geräumt bleiben würde und leer. Eine kleine Ewigkeit aus Fachmagazinen für Fleischverarbeiter und weiteren verzweifelten Versuchen, mir die Erde untertan zu machen, sie endete im Abfallcontainer hinter der Schlachterei.
Der Pygmäe signalisierte Anteilnahme.
Mit dem Gesicht von jemanden, der eine Menge Erdenreich schultern konnte, wies er mich hin auf die Betondecke, die unsere Umkleide nach oben hin begrenzte. Sein Köpfchen fiel dabei nach hinten, als leere er einen Umtrunk.
‚Freuen Sie sich auf Ihren Durchbruch!‘ sagte er.
Augenblicke, die uns ungerührt den Rücken zuwendeten. Als hätten wir die Frechheit, nach einem Schicksal zu verlangen.
Schon federte das Pygmäenköpfchen zurück. Wie ein Büschel Gras, über das der Wind hinweggegangen war. Obwohl ebenso niedergebrannt wie ich, ward der Pygmäe in Ordnung gehalten von dem Schlachthaus vor seiner Stirn. Jenem Testament seines Heiligen Vaters, das ihn, selbst mit mir im Türrahmen, weder einen Ausgang erkennen ließ noch einen Eingang. Und so verblieb der Pygmäe in seinem steinernen Familiengrab, mit Fleischwölfen statt Engeln davor.
Gentleman! Gentleman! Umschlungen von den Jubelgreisen, begibt auch Monsieur Primat sich auf seinen Weg. Das Reklamehuhn vorweg. Gackernd über den Preis, den es erzielen konnte. Bald wird Monsieur am anderen Ende der Welt sein. Die Hände voller Federn, den Gentleman weit hinter sich. Kein Affe immerhin. Zumindest so lange Fahrtwind ist, und das Huhn Reklame läuft für Monsieur. Dafür wird er es nicht länger Huhn nennen. Dafür wird er Reklame ‚Leben‘ heißen.
Eine Zeit höre ich die Jubelgreise auf dem Boulevard skandieren. Dem Vernehmen nach, haben sie Monsieur auf ihre Schultern gehoben. Kraft des Huhns, das der Horde vorweg stolziert. Dann ist es, als krähe das Huhn ein letztes Mal Reklame, und alles geht ab zwischen die Steine. Ausgelaufen hat sich jene Welle des Daseins. Bestattet vom Mondlicht, versickert sie in der Erde.
Die Barfrau schraubt den gläsernen Totenkopf zu, als seien ein paar Flaschengeister ausgetrieben und fort. Man gestikuliert in Richtung des unbemannten Grammophons.
Für kurze Zeit herrscht jene Unordnung, die entsteht, wenn ein Stundenglas gedreht wird. Auch muss das Leuchtfeuer neu entzündet werden, alles, was draußen in der Stadt aufblubbert, zwischen die Brandungspfeiler der Schänke zu lenken. Damit das Geblubber dort inmitten von Sand, viel Sand durchs Urnenloch abgehen kann.
Vom Kehraus eingenommen, schaue ich nach der Tischdecke: während meiner Kindertage schrumpfte ich mich derart, dass eine Tischdecke mir zur Welt erwuchs. Reich an Räumen, die sich ausdenken ließen und die mich bergen konnten. Frei von Artgenossen das alles. Sein wollte ich, wo nichts war! Verschwand das Dasein, verschwand auch der Tod. Dann trat einfach der Tag in die Nacht. Allein bleiben mochte ich mit der Vorstellung, mir tief im Stoff meinen Weg zu leuchten: unter Humpen und unter Fäusten. In den textilen Beliebigkeiten eines domestizierten Wachstums auf der Suche nach dem Wesen unserer Schöpfung: vielleicht spähte es nicht schaulustig durch den Sternenvorhang, vielleicht mühte es sich in jedem Zipfel Polyester? Während wir mit unseren Welten nur schwankende Knäuel aus Bindfäden waren.
Von dem, was mir aus fünfzig Jahren Dasein verblieb, halte ich nichts mehr in Händen. Mein Schlachtmesser gab ich einer Armenküche. Meine ‚Erlebnisse‘ gaben sich selber fort. Einen Spargroschen aus Erinnerungen habe ich noch am Mann. Tief in die Tasche gedrückt, als berge der Spargroschen die Schweißtücher fremder Personen.
Bloßgestellt bin ich, frei vom Gepäck der Welt. Ein Wille auf der Suche nach seinem Schlachtblock.
Kein Sterbenslicht im Schankraum flackert, als ich mich derart kundtue. Nirgends blinzeln Augen unter einer Tränenlast, nirgends zittern Lippen vor dem Unsagbaren. Dann will auch ich Ruhe bewahren. Jenes Gehabe mir ersparen, mit dem Literaten gemeinhin Tagebücher schließen. Als wenn das Leben ohne sie nicht weit offen bleiben würde. Genauso könnte ich enden vor Wänden, die tapeziert sind mit mannshohen Daguerreotypien von belebten Schankräumen. Oder ich könnte mir religiöse Bauernmalereien zu Herzen nehmen. Alles bliebe Stein, alles Zähneausschlagen.
Mag die Pforte der Schänke gezogen und gedrückt werden, bis den Gäulen der Apokalypse die Hufe durchgehen, es bleibt Strich und es bleibt Punkt, was sich hier aufs Parkett schert. Ein Streckenstrich und ein Tod, das sind all die Mitesser am Tisch des Lebens. Reingehauen von tausend Wehen. Als herrsche über den tausend Wehen ein vollends Mürrischer, dem das Gelümmel, das er vor Jahrzehntausenden anstellte, längst über ist.

Junger Herr, gepflegte Koteletten. Strich, Strich. Kleine Dame, Piercing im Maul. Strich, Strich. Beide aufgeblasen und mit Stöpseln in den Ohren, damit die Luft nicht entweichen kann. Strich. Sichtlich im Schlussverkauf, wollen beide einander preiswert erwerben. Strich. Der Herr gibt Spendierlaune vor. Strich. Die Dame einen lässigen Schoß. Strich. „Tiroler Berge –“ vernehme ich von den beiden.
„– Fernsehen — Käseigel — esse ich doch glatt noch mit — wenn einem sonst nichts einfällt –“ Der Herr zeichnet in die Luft. Die Dame zuckt und stößt Laute aus. „– ach ja — da war ich plötzlich zwanzig vor fünf Zuhause — ich konnte auch gar nicht böse sein — weil das so witzig war –“ Es war stets mehr, als es sein wird. „– ein echt guter Arzt — wartest zwei Stunden — bist aber auch eine Stunde dran — weil der sich echt Zeit nimmt — Schnitzel — Pommes — und ich so — mein Glück –“ Glück, Strich, Glück, Strich, Strich, Glück, Strich, Punkt.
Guter Hoffnung sind beide, näher aneinander gelangt zu sein.
Mit dem Geschepper zweier Rüstungen stoßen das Alt und der Caipi zusammen. Für den großen Schluck vom Dasein. Punkt.
Schafft einer sich nicht fort, nachdem er dem Erdenreich einmal kreuz und quer durchs Angesicht gelaufen ist, verbleibt ihm nur der Segen, ein Grab zu sein zwischen tausend Gräbern. Ein grauer Pflock in grüner Erde.
Der junge Herr mit den gepflegten Koteletten hebt sein Glas, als wolle er sagen: ‚das ist mein Blut, das ist mein Bund mit dem Erdenreich!‘ Jedenfalls scheinen die Hände des jungen Herrn einigermaßen geübt darin, in der Luft unterwegs zu sein, und sie haben sich dabei gewisse Manieren angeeignet.
„Stößchen!“ sagt der junge Herr.
Ob er damit den Caipi meint, der klödernd ein Häuflein Modeschmuck über den Tresen schiebt? Eher gedenkt der junge Herr wohl einer Vorzeit, in der die Brunft noch keine so große Angelegenheit war. Man schrumpft einander nicht zusammen, um groß aufzutischen. Ein Streckenstrich geht von Bahnhof zu Bahnhof. Er führt genauso in einen Vorhof wie auf einen Friedhof.
Während das gepiercte Maul sich an den gepflegten Koteletten orientiert, wollen die Koteletten am liebsten gepflegt in das gepiercte Maul hineinstürzen. So platscht es auf den Pflasterstein, so nässt es in den Ritzen, so spült es jedes Wort über Scham und Damm hinab.
Pflasterstein für Pflasterstein wunder, ist das Ende ein Ausfluss. Gedanken, die wie Eiter sind, dem Dasein übel kommend.
Abgeschürft von der Frage, warum ich mich zur Sperrstunde noch ereifere über Jubelgreise, Messieurs und Reklamehühner, kratze ich mein Dasein in die Tischdecke: längst bin ich mir nicht mehr Welt genug, ohne die Welt zu können. Ohne Jubelgreise, Messieurs und Reklamehühner. All das, was ich mir an den Tischen der Kinder- und Jugendzeit erdachte, all das, was ich mir dort aufblies, es lastet nun auf mir wie eine Kippe voll Müll, der jeder Himmel abhanden gekommen ist.
Einst konnte ich kaum halten, was meine Phantasie über mir ausschüttete! Zur Geschlechtsreife hin, tapezierte ich die Tür meines Zimmers mit den Abbildern von pralleutrigen Weibchen. Obwohl Säugetier geheißen, ward ich kaltblütig genug in dem fortwährenden Versuch, mich jener Tür anzuvertrauen auf eine Weise, dass man an ein fehlgeleitetes Böcklein hätte denken können.
Ein orangenfarbener Projektionsapparat für Kinder tat seinen Dienst in meinem Schädel. Zur Verfügung gestellt von den mit der Erziehung befassten Institutionen im Lande. Mir je nach Alter zweckmäßige Bilder eingeben zu können. Erstmal nur, damit das Kind Lust gewann an der Kaufkraft. Ein Junge im Dschungel, der alles haben wollte, was ihm dort präsentiert wurde: Kuschelbären, Fußbälle…
Delikat wurde es erst, als aus dem Jungen im Dschungel ein Erpel im Balzkleid werden sollte. Der Projektor, der zuvor ein Grün verbreitete, das dem Nachtlämpchen im Flur glich, warf nun das Rot von klaffenden Wunden an die Wand. Ein Stoß Stars und Sternchen ward auf mich abgefeuert, dazu ein pikanter Vorrat an schönen Mädchen von nebenan. So wie Gott sie schuf. Das Handtuch an der Stelle, wo das Himmelreich vermutet werden sollte. Derart mit roten Farbbeuteln beworfen, war auch ich irgendwann bereit, eine mit Halmen ausgepolsterte Mulde zum ‚Liebesnest‘ zu erklären.
Mit meiner neu gewonnenen Verheißung ward ich rasch übergeben an die mit ‚Weibsbildern‘ versehenen Zeitschriften und Magazine, welche mir in ihrem Rotlichtteil die Fleischtöpfe präsentierten, von denen ich mich bald nähren sollte.
Noch ließen nicht alle Fragen sich beantworten mit Weibsbildern. Die als Onkel und Tanten verkleideten Gebetsmühlen, die mir Sonntag für Sonntag das Himmelreich der Eingeborenen auf den Pflasterstein walzten, hatte ich weiterhin nötig. Knieten die Eingeborenen, kniete auch ich.
Auf solch verträgliche Weise mag ich meines Schoßes nicht mehr gedenken.
Diesem Nest, das sich nur mit Glück auf seinem Ast hielt: was der Wind in der Eile übrig ließ von all dem Abfall aus vergangenen Tagen, es ward aufgepickt und solange zurechtgebogen, bis die Jungen etwas hatten, woran sie sich halten konnten während ihres endlosen Geschreis nach Futter.
Die dürre Wiege unserer Lust, die uns wenig mehr lehrte, als mit Steinen nach Feuer zu schlagen, ich will sie dem Tod vorstellen. Rede und Antwort soll sie ihm stehen. Derart beim Wort genommen, wird jeder Schoß fahnenflüchtig, und alles Seufzen aus seiner Mitte beansprucht nur die Besen Unbeteiligter.
Mein auf Weibsbilder eingeschworenes Dasein, es hat nie den Weg gefunden zu den Fleischtöpfen dahinter. Diesen Abtritt in die Großküchen des Erdenreichs. So viele, die nur einen kleinen Teil von sich in die Brühe stecken wollten, dann aber zu einem entschlossenen Köpfer genötigt waren.
Während aber meine Unfähigkeit, dem Ruf des Menschengeschlechts Folge zu leisten, mich weiter vor einem Herrengedeck hocken lässt, muss ich jedem Gegenüber zugestehen, längst und im vollsten Umfange in Fleischtöpfen zu baden. Will man sich also für ein Weilchen aneinander gewöhnen, sollte niemand in mir fahnden nach dem Buhlknaben, der für das Wohlmeinen einer Gulaschkanone sein Lügenmaul in Aussicht stellt.
Wie fing einer an, der niemals anfangen wollte, weil kein Ende ihm einen Anfang wert war?
Ratlos ließ ich mich faszinieren von den Vorhängen, welche die Erwachsenen für mich bereit hielten. Lässt man Kinder nur lange genug auf einen Vorhang schauen, bekommen sie Lust, ihn beiseite zu ziehen.
Der Tag, an dem ich ‚volljährig‘ wurde, beschränkte sich denn auch auf den roten Vorhang, der die Videothek in Unberechtigte und Berechtigte teilte.
Ein Stoff von der Art, wie er vor Fotoautomaten hing. Für etwas Dunkelheit in einer ausgenüchterten Welt. Nur dass die Erwachsenen in der Videothek nicht so aussahen, als wollten sie durch den Vorhang von einem Bahnhofsklo ins nächste. Eher schoben sie den Vorhang beiseite mit der Selbstverständlichkeit derer, die es zu etwas gebracht haben. Das ließ uns Kindern die Möglichkeit, bis zur Volljährigkeit einiges an Phantasie anzusparen: kleine Messdiener, die sich aufmachten, in einer Fleischerei ihren Gottesdienst zu feiern.
Hinter dem Vorhang führte eine mit Teppich bezogene Treppe hinauf. Das Gefühl, unterwegs zu sein ins ‚richtige‘ Leben, ward so nochmals verstärkt.
Die ‚Fleischabteilung‘ döste im Licht des frühen Nachmittags. Ohne weitere Umschweife lüftete sie sämtliche ‚Geheimnisse‘, mit denen man uns beinahe zwei Jahrzehnte hingehalten hatte. Grußlos ward mit einem Schwung all das vor mir ausgeschüttet, was ’nichts für Kinder‘ war. Keine Minute brauchte die Fleischabteilung, mich so um sämtliche Hohelieder zu bringen. Hätte ich ein Gotteslob mit mir geführt, ich hätte es dem Kassierer über den Tresen geschoben wie einen überfälligen Leihfilm.
Zum roten Vorhang hin, leistete das Marienwesen seinen Wachdienst ab in meinem Kopfknast. Jede mit Lippen versehene Eröffnung des weiblichen Körpers ward vom Marienwesen ausgeschmückt durch das Versprechen einer gebenedeiten Frucht. Einer Frucht, welche in sich die ‚Erlösung‘ barg. Auch wenn wir Kinder noch wenig wussten von den ‚Sünden‘, die es zu überwinden galt, so klang die ‚Erlösung‘ doch nach einem Kinofilm, der sich lohnte.
Hinter dem roten Vorhang aber, räkelte das Marienwesen sich vor mir, als seien dessen Enden an ein Rad gebunden. An ein Rad, das schmatzte vor Urschlamm. Die Lippen des Marienwesens hatten sich verzerrt zu Koboldsfratzen. Fratzen, wie sie mir ins Dasein stachen: ich implodierte eher, als dass ich platzte. Meine Innereien drangen derart ein in den Kopfknast, dass alle menschenmöglichen Ausscheidungen sich über mir ergossen.
Seither übe ich mich in der Kunst des Luftanhaltens. Einer Kunst, die ihr Ende findet in den Wüsten der Philosophie, wo Menschen zu Recheneinheiten werden, zum bunt bemalten Nippes vergangener Epochen. So enthob ich mich jeder Sorge um Messlatten und Eisprünge, während ansonsten alles Mündige sich fortgepflanzt wissen wollte.
Derart heimisch in einem Wüstenreich, das weder verzärtelt war noch bocksbeinig, ließ ich mir weiterhin Matten stehen, als man längst fahndete nach der Föhnfrisur zum Liebesakt.
Gel, Farbe und Creme: ich investierte wenig in den Tod, der Tod also auch wenig in mich.
Dennoch spürte ich den Tod an jedem Bühneneingang. Sei es nun im Dunkel hinter dem blauen Himmel oder unter den grünen Wiesen. Ein geduldiger Schraubstock, der mal Raum gewährte zum Weiterspielen, mal nicht.
Im Dunst der Schänke stiere ich auf die vielen Geschöpfe, die eingespannt sind zwischen Himmeln und Wiesen, wie sie davon grölen, sich ein paar Handvoll Erde zur Brust genommen zu haben. Mit dem Hintern wackelnde Majestäten, die dreinschauen wie die Putten auf dem Friedhof.
Hielt ich mich auch Abseits jener Balz, deren Dasein Hand war und Schoß, so beeindruckte mich doch, wie still man sich am Ende der Balz abführen ließ in eine von den zahllosen Gruben, jede markiert mit einem Stein. Ein Heer von Steinen, das bis weit in die untergehende Sonne reichte.
Es mangelte nicht an Onkeln und Tanten, welche diesen Acker voller Steine bedeckt wissen wollten durch ein Altartuch, in dem es wimmelte von goldenen Fäden. Fäden, mit denen ich gekobert werden sollte für ein Garn vom Glück, das man als das eigene ansah, das aber wohl so alt war wie die namenlose Schlange aus dem Urwald, die von einer verbotenen Frucht zu berichten wusste.
Ein Garn vom Glück, das die Uniformierten und Strammgestellten scharenweise aus ihren Werktagen brach und sie im freien Fall auf eine Schlangengrube voller Früchte hoffen ließ.
Eiferte ich diesem Garn vom Glück nach, bäumte das unter mir reifende Geschlecht sich mit der Gewalt einer Waffe auf zur Schaffensgröße, alles Eingeborene zu grüßen.
Geist, der sich ergötzt an des Glückes Triebwerk, das ‚Lust‘ geheißen wird. Jene Lust, die geschwängerte Mägde mit sich führt und im Bottich ertränkte Neugeburten. Wer möchte im Namen der Lust nicht alles rupfen und zum Munde sich führen? Blüten, die man ‚Trixi Hardengruen‘ nennt oder ‚Anett Hülsklöver‘. Silbe für Silbe grölte ich die Namen dieser Blüten einst hinauf zu den Sternen.
Befleckt bin ich von der Tatsache, mich in jungen Jahren auf Abwegen präsentiert zu haben. Pfützen, von denen die Gnade des Vergessens mir nicht ein Wort abnimmt. Pfützen, deren Platschen bis in die hintersten Zellen des Kopfknastes dringt. Auf meiner Stirn stets ein Hauch Schlamm vom Grund der Pfützen.
Was die Pfützen nicht ersäuft haben, das drängt sich an den Rändern in Nester voller Disteln.
‚Trust in God and man… just shut your mouth… just start the brand-new story.‘
All die Versprechen, die ich mir als Kind mitschnitt aus dem Radio, sie sind kaum noch zu erspähen unter den vielen Disteln, die brennen, so lange brennen, bis wir jedes Wort verlieren, und weit darüber hinaus brennen. Und mit jedem Wort, mit jedem verbrannten Wort, prügelt Faust für Faust die Leibesfreude mir ins Angesicht.
‚Unsere Erinnerungen‘, sagen die Leibesfreudigen, ‚kann uns keiner nehmen.‘ Leibesfreudige zerkleinern ihr Dasein in ‚Events‘. All you can eat. An jeder Ecke lungern Leibesfreudige mit ihrem Fressbesteck auf einen weiteren Schlag Dasein. Unterhalten wollen sie sein, verwöhnt. Leibesfreudige schlecken, Leibesfreudige dippen, glotzen, schmökern, voten, Leibesfreudige erwählen leibesfreudige Götter. Leibesfreudige vertreiben sich das ihnen geschenkte Maß an Zeit. Die Leibesfreudigen sind die Könige des Gewesenen.
Und welch ein Königreich! Wie aus einem der Zombiefilme der 1970er.
Dagegen kauerte ich in den Resten eines elterlichen Schlafzimmers, das zur Geschlechtsreife mir diente. Mit Bleistift und kleinkarierten Heften. Freiheit im Format DIN A4. Freiheit, egal ob vom Gesetz her oder vom Faustrecht, fühlt stets sich beschieden, ihr Meinen kund zu tun. Und bei mir niemals ohne jenen Schlag Irrwitz, der selbst Leibern, welche sich im Geschlechts- oder Fressakt heben und senken, ein offenes Herz unterstellt. Wie sollten meine strotzenden Glieder auch begreifen, dass niemals das Herz sich anzunähern sucht mit einem ekstatischen Klopfen, sondern allein der Tod. Sei er nun aus auf Raub oder auf ein Erlebnis: alles Dasein gewinnt durch kreischende Wunden an ‚Buzz‘.
Die Prediger auf dem (‚Erlebnismeile‘ genannten) Straßenstrich etwa, wie sie den hunderten Einkaufstüten die Worte eines Heilands entgegenbrüllen. Derart im Abseits, dass man ihnen Wunden wünscht, mit denen sie es ihrem Heiland an Blutzoll gleichtun. Mindestens in Ketten möchte man die Prediger legen, sie peitschen und mit Dornen schmücken. Wenn nicht durch Beifall, sollen sie durch Strafe sich gewürdigt fühlen: nicht für jeden nehmen wir uns die Zeit, ihm den Schädel zu spalten.
Ja, welch eine Ehre wäre das, würde sich hier einer vom Tresen aufmachen, mir den Schädel zu spalten! Gar ein Mob, ein ganzer Mob!
Weichgewirkt durch unsere Speisewirtschaft aber, ist man am Ausschank von Mutter Erde dankbar, seinen Tod nicht selber suchen zu müssen, sondern ihn serviert zu bekommen. Vielleicht als ein Maß bleiches Badewasser oder als ein paar Schippen vom schwarzen Pistenschnee?
Angetan von all denen, die sich mit Vergnügen mästen, spähe ich im Schutze meines Herrengedeckes opferwillig in den Schankraum: das ist kein zu Tisch sein mehr, das ist ein Schlund sein!
Wie kann jemals ein Mensch denen mehr bedeuten, als das Schlachtvieh, das sie täglich erwerben? Jedes Ferkel, das aus dem Transporter taumelt, lärmend vor Missempfinden, ist gefragter als ich, jedes Schwein mehr Genuss!
Zubereitet will ich also sein, statt als Asche verscharrt. Bordeauxrote Lippen sollen knabbern an meinen Überresten, sollen speicheln, sollen wieder und wieder mein Fett tupfen von ihrer Fülle.
Gepfercht zwischen Böcke, Lämmer und Bullen, will ich die Stampede sein im ‚Schlaraffenland‘.
Mit Selbstverständlichkeit soll man den Gewehrkolben nach mir heben, frei heraus zum Ochsenziemer greifen. Drüse will ich sein, Absonderung und Kloake.
Kein hölzernes Kreuz soll vor mir hergetragen werden, kein flatterndens Stück Papier. Bleiben mag allein das letzte Stroh, das ich zertrat im Dasein. Aus leeren Ladeflächen ins Weite gekehrt vom Wind.
‚Meister, was haben wir getan mit all dem Blut unseres Schöpfers!‘
Beinahe möchte man zurück gebliebene Ohrmarken verehren, die Nummern darauf sich einprägen. Bloß um nicht in einem fort mit den Schultern zu zucken.

„Bitte zahlen!“
Die Bedienung quittiert den Fingerzeig, dass ich (meiner Meinung nach) noch nicht tot bin, mit der Hoffart, wie sie jungen vollbusigen Frauen eigen ist, die ihren Dienst in der Gastronomie leisten mit dem Krönchen eigentlich Studierender.
Nun lag mir nie wirklich etwas daran, der Hengst zu sein, mit dem vollbusige Akademikerinnen ihre Essecken abbezahlen mögen. Dieses rangelassene Sein, das strammsteht am Venushügel: Körperöffnungen solch ein Himmelreich zuzugestehen, erscheint mir unbillig. Aber wie die Vollbusige vom akademischen Gipfel der Genüsse auf mich herabblickt, das gefällt mir. Ich reiche ihr meine Zeche hinauf, als wäre Trinkgeld Ablass genug noch für den unappetitlichsten Gaffer.
Diese Schmiere aus Phantasien! Diese Gier gutgehender Bürger nach den 1 Euro Läden des Geistes! Ein Verlangen, das aus Bleiben Drecklöcher macht, randvoll mit Begehrlichkeiten. Knöcherne, verhärmte Jobs, lebtagelang. Für die Kammer mit der Aufschrift: ‚Meins!‘ Für das Sparschwein mit Namen ‚Urlaub‘! Widerlich, wofür Menschen sich aufsparen. Am Ende kommt den Herrschaften vor lauter Tristesse selten mehr in den Sinn, als bei einem, irgendeinem Boxenstopp die Trulla zu tauschen.
„Stellen Sie sich das leicht vor, das mit dem Tod?“ bin ich mal so frei. Einen Zwanziger griffbereit, hochfahrende Empörung sogleich abzulöschen.
„Aufgefunden werden, mit ner Wampe zwischen seidenen Kissen, Flasche Fusel in der Hand, wie als wäre man ein verloren gegangener Filmstar?“ brandet Schaulust auf über ihrem Busen.
„Etwas selbstbestimmter darf es schon sein. Bitte nicht bloß an möblierte Zwinger denken.“
„Sind Sie Elefant genug, einem Stück Wald Ihren Tod anzuvertrauen?“ raunt die Vollbusige, nun obendrein blutdürstig.
„Ich bin Lächeln genug.“
„Sie werden die Augen nicht zubekommen, Sie nicht.“
„Der Tod ist keine Hängematte. Den Himmel wird er mir zerfetzen, in schwarze Steppen mich krallen. Aber bitteschön, was sind drei, vier Marterstunden gegen drei, vier Jahrzehnte des sinnlosen Weitersterbens?“
„Und die Funkstreife, die Sie auffindet? So inmitten von Disteln in den Sand entleert, das stelle ich mir ziemlich reizend vor.“
„Wird kein sonderlicher Einsatz: ein, zwei Verendete hat jeder Wachtmeister schon von Amts wegen inspiziert, und mein Ende ist gewiss nicht das unnatürlichste.“
„Sie leisten saubere Arbeit, was?” die Vollbusige macht eine Handbewegung, als scheuche sie etwas fort.
“Ich leisten mir für meine abgestorbene Zeit ein schönes Stundenglas. Kein Sterbebett im Kellergeschoss, sondern einen Grund über dem Nullniveau. ‚Monte Klamotte‘ nannten wir Kinder den. Mit roten Schlitten rodelten wir dort, und unsere Flugzeuge segelten dort im Wind.”
Wie einen Kronleuchter bewerbe ich den Berg, von dem ich hoffe, dass er mich selbst dann noch lächeln lässt, wenn meine Hände sich in Tötungsabsicht an mir zu schaffen machen. Vergeblich suche ich dabei nach Erinnerungen, welche sich (mit der Vorstellung von einer Schlinge um den Hals!) nicht anfühlen wie die mit Widerhaken versehenen Brennhaare einer Prozessionsspinnerraupe.
Die Vollbusige sieht mich bei meinen Bemühungen an, als sei sie im Erdenreich eine von den Drüsen, die unablässig Seide produzieren.
Atemlos blättere ich durch die Seiten der Vollbusigen, viele davon noch druckfrisch. Ob etwas in ihr höher gebaut ist als die Fassaden der Häuser und weiter reicht als ein Regelstudium?
Nach einem Bühnenaufgang ins Dasein fahnde ich, der ein ebenso guter Abgang ist. Was uns bewirtet mit einer Freiheit, die uns in den Wind lachen lässt, hält unterm Tresen meist eine Faust voll Leere bereit, die gerade noch zum Todesschrei sich eignet.
Ob auch ihr vollbusiges Wesen gegründet sei auf einem solch doppelzüngigen Ort? Und, mit beiden Händen über dem Kopf (als improvisierte Narrenkappe), ob ihre Brüste vielleicht schon wüssten, dass sie bald zwei brüchige Putten vor einem alten Haus sind?
Jedes Wort wickle ich in den weißen Kittel der Wissenschaft, während ich mich allein dem Busen der Bedienung widme. Möglich, dass in Jahrzehntausenden niemals etwas so sehr nachgefragt worden ist, wie der Busen einer diplomierten Magd. Eine Welt unter dem Gesetz alter Häuser und brüchiger Putten.
Ausgenommen die paar abschüssigen Wege, die sich nicht mit Messer und Gabel und einem Pariser bewältigen lassen.
Vorbei an den Leibesfrüchten lärmender Gebeine, den Totenvögeln nach zu dem verfluchten Feld, auf das einst Kain seinen Bruder Abel führte. Dort mit dem Schädel auf blutige Steine einzuschlagen.
Die Bedienung schaut auf ihren vollen Busen, als würde sie zwischen den Milchgängen das dahinter lauernde Bratfett erspähen. Sie sagt: „Ja!“ Dann sagt sie: „Komm mal aus Deinem Gleis, Du trauriger Affe!“
Ich fahre fort, ohne sie weiter bei ihrem Busen zu nehmen. Oben- wie untenherum stolz, dass solch ein voller Busen dem Affen nicht sein ‚Alter‘ als angemessenes Wiewort voranstellt.
„Fünfunddreißig Minuten mit dem öffentlichen Nahverkehr“, breite ich mein letztes Stündlein aus wie eine Schatzkarte, „zehn Minuten Fußmarsch, und ich werde im Tode noch lächeln wie ein Karnevalsprinz.“
Kleingärten entlang. Durch Haufen von Laub. Vorbei an Baumgerippen, die derart massiv in ihrer Leere (Lehre?!) sind, mir nimmermehr eine Höhle und Zuflucht zu sein.
Und die Vögel! Wie anders mag das Federvieh mir klingen auf meinem letzten Gang, die irdische Toilette hinunter? Wohl wie das Herz eines Außenklos. Insbesondere das hämische Krähenvolk in seinen Logen wird mir mein Blut in die Füße spülen, bis alles bloß Eiter einer schwarzen Wunde ist, über deren verschorfte Ebene ich schwanke. Die Knie im Unkraut, die Dämmerung im Nacken. Ein aus seinem Gleis gekommener Affe, der Wissenschaft mit sich treibt.
„Abgedeckt bereits, als er noch Flaum genug war, fremder Leute Angelegenheiten bereden zu wollen“, weiß die Vollbusige Bescheid über die Furien, unter denen ein Affe vorgerückten Alters sich windet.
Mit weit geöffnetem Maul werde ich den Monte Klamotte hochmarschieren, Minusgrade in meinen Brustkorb strömen lassen, bis die Innereien nur noch ein Strohhalm ins Tiefe sind, und mein Gesicht derart abgezehrt, dass ich es mir vom Kopf reißen kann.

„Wenn ich Sie richtig verstehe, dann sind unsere Nächte die Zacken einer Harke, von der niemand weiß, wo sie herkommt. Und einer dieser Zacken genügt, Sie auf Ihrem Lächelberg zu Vogelfutter zu verarbeiten?“
Als gäbe es zum Totmachen nicht ebenso viele Gründe, wie zum Liebemachen.
„Einen Menschen entzwei zu brechen, dazu bedarf es nicht des ganzen Monsters.“
„Will es das Monster malen?“ knickt der Schwanenhals über dem vollen Busen, als verlaufe dessen Dasein entlang von Falzlinien.
Ich zucke mit den Schultern. Ich friere. Meine Aussicht ist ein Monte Klamotte am Ende eines Winters mit Überlängenzuschlag. Das Datum so beliebig, dass sich dafür kein Grabstein lohnt. Eine Totgeburt, bloß die Wiese wert.
Mir kommt der Packen Hefte in den Sinn, voll weißer Seiten im Kinderformat A6. Acht, neun Jahre mag ich jung gewesen sein, als ich mich mit meinen Filzstiften darüber hermachte. Weiße Seiten bedeuteten damals noch nicht die Kapitulation und die Irrenanstalt, sie waren vielmehr der Beginn einer neuen Welt. Und den Helden dieser neuen Welt nannte ich ‚Perman‘. In einem tiefen Blau zeichnete ich ihn, wie den Himmel kurz vor einem Gewitter.
„Ich habe einen Filzstift am Mann“, sage ich, „permanblau.“
Den verlassensten Ort auf Erden zu zeichnen. Einen Ort, wo kein Monster auch nur seinen Hosenstall aufmacht.
„Sie wollen sich an den Straßenecken nochmal so richtig produzieren, was?“ Die Vollbusige bewegt eine hohle Faust auf und ab: „Schmiernse bloß hin, dass Sie da waren, oder noch Schwanz genug gewesen sind!“
Das Hochhaus werde ich sehen, das mir (mein Segelflugzeug aus dem Schulbaukasten in der Hand) mit seinen vielen verputzten Schachteln so überwindbar schien. Ja, im Hochhaus hockten sie vor den Fernsehern! Und? Sah doch selber fern, vom Berg aus. War bloß kälter. Alles Glotze. Oben wie unten. Arbeiten, um nie mehr arbeiten zu müssen. Schaufeln am eigenen Grab. Mehr läuft im Fernsehen nicht. Nur wird dort auf ‚Heldentod‘ getrimmt, was sonst ein namenloses Elend ist.
„Von Ihrem Haufen Baggersand aus werden sie hunderte kleine Zimmer voll Licht und Wärme sehen, Menschen, Familien, die es sich vor einem Fernsehapparat gemütlich gemacht haben“, der Busen zeigt mir die Seite an, auf der sein Hof steht, immer stehen wird, „und während Sie das sehen, werden Ihnen die Zähne klappern! Und keine Menschenseele wird je fahnden nach der Stelle, wo Sie sich abgelegt haben, den Kopf in einem steinigen Nirgendwo.“
Die Steine werden dichthalten, und den Sand wird niemand nach mir befragen. Kein Absperrband, nichts, was auf einen sonderlichen Einsatz der Ordnungskräfte hinweist. Ein kleines Aktenzeichen in einem großen Archiv. In den Kellern der Hochhäuser, über denen ich zu stehen glaubte. Und das Distelzeugs, das mich bettete, eigentlich Unkraut wie ich zuletzt, es wird kollaborieren mit denen, die mich in Abgang bringen.
Unkraut ist des Daseins schärfste Sittenpolizei. Selten eine Menschensaat, die vom Unkraut nicht wegzensiert wird: mangelhaft! Kein Sämann ist so stur bei seinem Werk, wie die Disteln bei dem ihren.
Ich ahne, warum die künstlichen Abgänge in den Krankenhäusern so viel beliebter sind bei der Bevölkerung: lieber eine wohltemperierte Ohnmacht, als eine kalte Freiheit. Vogel möchte im Winter niemand sein. Frierend reibe ich mir die Schultern: ein Mensch wird sich totmachen inmitten von hundert Disteln. Wie kann ein Fleck Erde, der behelligt worden ist von dem Tod eines Menschen, weiter Erde bleiben? Nirgends eine Saat, die um meinetwillen geknickt stehen wird, gar sich brechen lässt. Kein Haufen Sand, der bedrückt zurück bleibt durch mein Ableben.
Ich stampfe mit den Füßen, als könnte ich das Erdenreich so aus dem Tritt bringen. Nicht auskühlen, bloß nicht auskühlen! Sichtlich unwohl fühle ich mich in dem Viereck, das ich über Jahrzehnte für meinen Platz am Tisch des Daseins gehalten habe. Als sei ich zurückgeblieben in der Ecke irgendeines Wartebereichs, weit entfernt von dem Speisesaal, wo alle sind.
“Na, geht dem Köpfchen das Blut aus?” lacht die Bedienung in ihrer französischen Wanne voll Muttermilch. „Müssen Sie am Ende alles Ihren Füßen überlassen? Zwei Quadratlatschenbewohnern mit Gewohnheitsrecht?“
„Soll ich zum Heiligen Wirt, mit der Macht aus seinen Hähnen das Rohrsystem meines Torsos zu fluten, bis allein die Kloake bestimmt über mein Dasein?“ resigniere ich vor einem Fräulein, das zeigt, was es hat. „Und segnen würden Sie mein strohiges Haupt selbst dann nicht, wenn es, voller Gesöff, die Lieder Ihres Heilands grölt!“
Wohlgetan hätte mir nun das Geschwindel all der Triebe, die keine Faust weit über ihren Ästen keimten. Wie stolz sie taten, während irgendwo in den Sternen um ihren Arsch gewürfelt wurde. Ein Stolz, der das, was über ihm stand, zu etwas erklärte, das sich weit unter ihm durch die Erde wühlte. In einer Höhle, die er ‚Hölle‘ nannte. Hinters Licht führte der Stolz, was überhaupt kein Licht kannte. Nicht weil es in der Hölle schmorte, sondern weil es weit über unseren Wahrnehmungen thronte. Davon wollte der Stolz sich aber nicht stören lassen in seinem Kinderprogramm, wo Menschen mit einer Selbstverständlichkeit dem ‚Teufel‘ begegneten, als würden wir in unserem Dasein regelmäßig auf mehr treffen, als auf Steine.
Der Teufel also war im Mittelalter meiner katholischen Grundschule durchaus keine unangenehme Vorstellung: ein bewegender Zeitgenosse inmitten der eher trostlosen Aufführungen aus hölzernen Puppenhäusern, von denen man sagte, sie seien das ‚Leben‘. Puppenhäuser, die so taten, als müsse es nicht stets korrekt zugehen, was den Sinn jedes einzelnen Handschlages betraf. Puppenhäuser, die sich hinterfragen ließen, als beherbergten sie Abbilder aus Kinderserien, die stets lecker Antworten gaben. Stoffpüppchen mit milchigen Augen, deren Münder mich erinnerten an die Hälse von Schweinen, denen die Kehlen durchgeschnitten worden waren.
Dagegen ein gefallener Engel, von den keimenden Trieben als ‚Teufel‘ gefürchtet, wie er den ausgeschmückten Himmel über den Puppenhäusern zu durchstechen suchte, bis es schwarz aus jedem Wolkenloch suppte. Schwarz wie der Teer auf den Fackeln, mit denen die Püppchen an ihren Führern vorbeimarschierten.
Wann immer alles sich mit den Füßen behalf, hieb ich mich in diesen vom Teufel durchstochenen Himmel. ‚Drei Lagen Friedhofskies sind die beste Medizin!‘ mein Mantra. So verblieb ich an den Rändern der Kleingartenvereine, ohne Fahne, ohne Kartoffeln, ohne Muschi.

„Sind Sie lange daheim gesessen mit der Frage, wie Sie am besten tot gehen?“ Die Vollbusige tut, als schaue sie nach dem Bewohner einer Grablaterne.
„Die Aussicht auf dem Friedhof ist mir stets das bessere Dasein gewesen. Kein Tag, an dem der Friedhof nicht über mich zu Tisch saß. Während seiner launigen Tischreden kauerte ich mich stets auf Ruhestätten, die von niemanden mehr besucht wurden, dort hinter verwitterten Engelsfigürchen Schutz zu suchen. Abgeschnitten von der großen Weltschau, einer kunterbunten Käseglocke, unter der scheinbar das ganze Land Zuflucht fand. Nur bei Windstille hörte ich von ferne, wie unter dem Glas die Düsenflieger sich aufmachten von einem Ende der Käseglocke zum anderen. Der Teufel mag wissen, wem Sie sich unter der Käseglocke hingeben, Fräulein, ich vertraute mich dem Trauerschnäpper an, dessen Gesang mich erinnerte an das Tauziehen des Menschen, wie er windschief seine Füße in die Erde rammt, weil er nicht fertig ist mit dem Essen, nie fertig werden wird, wie das andere Ende des Seils ihn dann aber ganz leicht hinüberkippt ins Sternenmeer.
Oft denke ich zurück an die Urnenwand mit der Nummer 25: sechster Stock, zweite Tür von rechts, das war mein Fach.
Übernommen hatte ich das Fach von einer älteren Dame, die darin fertig geworden war. Wie und wann genau, das wusste niemand zu sagen. Ich vertraute ihrer platt getretenen Auslegeware und den dünnen Tapeten. Mehr hatte ich dem Erdenreich auch nicht entgegenzusetzen.
Einen Bistrotisch stellte ich in die Mitte des Fachs. Blaugefärbtes Blech, an den Rändern geformt, als läge eine Decke auf dem Tisch. Das hatte ich gerne: ein Als-ob, das sich leicht abwischen ließ. Hinter dem Tisch teilten zwei Paravents das Urnenfach. In deren Holzrahmen waren Bildnisse von Papageien gespannt, wie sie den Betrachter einluden, sich den Reizen der Karibik zu ergeben. Die Paravents waren ein Zugeständnis an die Warte, die jährlich den Verbrauch des Warmwassers ablasen. Keiner von ihnen sollte auf die Idee kommen, dass ich vielleicht anonym auf der Wiese besser aufgehoben war.
Einen Nachttisch von der Resterampe beförderte ich zum Sekretär für meine Sterbebüchlein. Sperrholz war mir angenehm. Lief vom Band, wo die Särge für die Armen vom Band liefen, bloß zarte Nägel wert. Auch mit der Matratze auf dem Boden wechselte ich kein Wort. Die Laken eher übergeworfen als aufgezogen. Als seien die Laken eigentlich schon wieder abgezogen und die Matratze am Straßenrand, auf neue Liebhaber zu warten oder auf die Engel mit dem grünen Punkt.
„Haben Sie Ihren Koffer auf Erden je richtig ausgepackt? Sie zählen doch hier die Tage und die Stunden, wie ein Kind auf Klassenreise, dessen Magen voller Heimweh ist.“
Tatsächlich schenkten mir Schulklassen, die auf Bolzplätzen und um Lagerfeuer zusammenwuchsen wie Korallen in einem Aquarium, nie das nötige Vertrauen, viel mehr vorzuholen als frische Wäsche:
den fliederfarbenen Handstaubsauger zähle ich auf, den verzogenen Kleiderständer im Flur, zwei Farne und eine Tischpalme. „Mein Friedensangebot an das Erdenreich.“
„Wer Frieden sucht, muss zum Kriege fähig sein! Sie stehen mit Ihrem Schälchen Viehblut wie ein Grußaugust in der Bombennacht, stieren mir auf den Busen, ohne jemals auch bloß eine Handvoll hinzubekommen.“ Die Vollbusige wirft ihren Oberkörper beinahe auf den Tisch: „Na los, Du labernder Lüstling, krieg Dich hoch!“
Sich hochkriegen aus dem Mulch, ja, das hat man gehört. Darum drehen sich die Lieder auf den Tellern, die Seidel auf der Deutschen Eiche und die Fürbitten auf den Kirchenbänken aus Deutscher Eiche. Labernder Lüstling! setzen die Seidel nach. Lyncht labernde Lüstlinge! sorgt der Wirt am Tabernakel für noch mehr von der nahrhaften Stimmung.
Unter alledem hocke ich in einer Puppenkiste, die klein ist wie ein Reisekoffer. Puppe um Puppe wird an ihren Fäden in die Kiste hinabgelassen, dort ein wenig herumzuhampeln, bis – schnipp! – der erste Faden schon wieder durch ist. Sind nur zwei, drei Fäden noch übrig, wenden die Puppen sich lauthals einem Mond zu, der erkennbar aus Alufolie ist.
„Für drei Zehner haben zwei Kerle in Arbeitshandschuhen alles abgeholt.
Den fliederfarbenen Handstaubsauger, den verzogenen Kleiderständer im Flur, die beiden Farne, die Tischpalme. Längst abgeholt das alles. Für diese Nacht habe ich ein Bett in einem Hotel garni, ab der nächsten dann hoffentlich dort, wo Kinder in ihren Träumen oft noch sind. Wenn die Mütter ihre Kinder am Morgen zur Schule wecken, und die Kinder aus der Nacht Städte erinneren, die sich drehen wie Karusselle, so dass den Kindern auf Erden kein Schritt mehr einleuchtet.“
„Am Ende hallte Ihr Stück vom sozialen Wohnungsbau wohl wie ein leergeräumtes Spielzimmer, in dem ein als ‚erwachsen‘ bezeichnetes Kind über Jahrzehnte weggesperrt war“, verzwergt der Busen leichthin mein Wesen. Damit ich am Rockzipfel des Erdenreichs nicht den Faden verliere, an dem mein Dasein mich hinter sich herschleift.
Natürlich fordert solch Prachtexemplar von einem Busen keinen Kopf als Zeche. Auch nicht von den wenigen Gemäuern auf Erden, die keine Lust haben, in seinem Angesicht zu verfallen.
Bluträusche sind dem Wohlgewachsenen fremd. Und die garstigen Mütter, die einst auf den Brüsten ihrer Töchter zum Angriff bliesen, sind längst den Erzählungen aufgesessen, selbst noch jung genug zu sein, einem Mann den Kopf von den Schultern zu schlagen. Wer sich jedoch von einem wohlgewachsenen Busen nicht erobern lässt, mag einen Heiland zwar zeugen, kann ihm aber niemals ins Angesicht schauen.

„Ein Gast wie ein Gallenstein!“
Im Ton katholischer Litaneien wendet der Busen sich dem Schankraum zu. Als sänge er: ‚Erhebet die Herzen!‘
Da köpfen die zu Zechern zivilisierten Räuberhauptmänner sogleich mehrere mit Kronen bedruckte Buddeln: ‚Wir haben sie beim Herrn.‘ Flaschenpost für einen Raumlosen, von dem niemand weiß, aus welchem Kasten er gefallen ist. Lauernd auf einer kleinen Insel aus Daseinsdrang, wo ein Kopfknast Tüten klebt für den Schutt der Städte.
“Durchlauferhitzer”, korrigiere ich. Das blieben die 44 Quadratmeter Hochhaus für mich bis zum Abpfiff. Die Böden bezogen mit den ockerfarbenen Resten der Alten, die dort fertig geworden war. Ein staubiger Strand, bespielt mit den Frisbees der Schallplattenläden, ohne Durchreiche zur Küche, ohne Spieleabende, dafür 3x am Tag untenrum ein angenehmes Abgehen. Kleiner Tod ganz groß. Selten bin ich klarer gewesen, als mit dem Honig des Daseins im Ausguss.
Tätig waren nur die beiden aufziehbaren Wecker. Erworben während meines Wehrdienstes, zerkleinerten sie die Zeit kaum weniger klug als der Prophet Johannes mit seiner Offenbarung, dass das, was vorher war, vergangen sein wird. Das Getane, wie auch das eher nicht Getane.
So ging es also ab in meiner Butze. Zwei tickende, zeitzerhäckselnde Propheten auf dem Nachttisch und Weibchenbildnisse in Klarsichtfolien, derweil auf dem Hausflur Witwen ein- und ausgingen, den Namen des Verblichenen am Klingelknopf, besorgt darum, dass nichts mehr ’strittig‘ werden möge.
Dem Geschäftsgang zweier Häcksler unterstellt, schwieg ich und schwieg und schwieg, wochenlang, derweil die Witwen auf jeder Stiege vor ihren Schöpfer traten und schwatzten, als hätten sie in ihrem Dasein nicht genug Trümmer beklopft.
„Ein Pfahlhocker in einem Stiegenhaus voller Witwen, was gibt es da zu salben?“
„Die Ahnungslosigkeit.“
„Hätten Se nicht gedacht, dass ich mich anfühle wie ’ne halbgefülle Wasserbombe, was?“ wiegt der Busen sich in seinem Reich.
„Während des Paarungsaktes schabte ein Knochen am anderen, als würde ein Schädelmann seinen Spott mit uns treiben. DAS kickte mich aus dem Verkehr.“
„Man hätte bei sich verbleiben können, weiterzuträumen von den Freeways der Liebe.“
„Diese Trauerweide, die wir ‚Welt‘ nennen, wird mir mit ihren nassen Ästen nicht länger meinen Fahrplan vorschreiben. Den Punkt haue ich mir selber rein. Ehe die Äste mich abperlen lassen in einen schmatzenden Schlamm, aus dem kein Wort es mehr an die Luft schafft. Einen Schlamm, der so schwarz ist wie das All, aus dem irgendein Strick unsere Trauerweide gezogen hat.“
„In eine Butze aber ließen Sie und Ihr Krönchen sich einfügen wie in ein altes Gebiss?“
„Ich war immer dort, wo ich sein werde, nämlich keinen Zentimeter über dem Schlamm, so dass es gerade noch zum Luftholen langte. Und für jede Krone ist es besser, wenn ein altes Gebiss sie trägt.“
Was bleibt einem, der sein Dasein nicht abreiten kann, der nicht genug Steine hat für einen Turm, nicht die Kraft, einen Bauern zur Dame zu führen? Er bindet sich ein Weltbild vor den Kopf. Eines, das er bespielen kann. Und selten fügt sich mehr als eine Butze an den Rand jenes Weltbildes, das ich mir einst vor den Kopf band: keinen Quadratmeter groß, unterteilt in 64 Vierecke, weiß die Tage, schwarz die Nächte. Beschränkter geht es kaum, aber auch niemals grenzenloser: eine Partie Schach gegenwärtigt mehr Möglichkeiten, als das Universum Sterne hat.
Dieses Häuflein Klötze, König genannt, Dame und Turm, das herrschte über mein Dasein, auch auf der Kellertreppe Richtung Tod lässt es nicht ab von mir.
Grob geschnitztes Spielmaterial, hinter dem die tausend Straßen meiner Heimatstadt versanken. Jeden Freitagnachmittag bemitleidete ich all die Menschen, die nicht unterwegs waren in den Schachverein. Und das, obwohl mir bereits Haare zwischen den Beinen wuchsen und die Liebesgrotten fragend ihre Mäuler öffneten.
Aufgesperrt davon, wie wenig ich dem folgte, was in der Natur des Menschenaffen liegt, suche ich die Höhe des Busens, dort den Triumph eines Trockengebliebenen zu genießen. Wie mich einige Tische voller Königsfiguren davor bewahrten, in den Fleischabfall zu geraten.

„Nun tun Sie nicht so, als seien Sie derart stubenrein gewesen, kein Frauenzimmer beschmutzen zu wollen!“
„Frauenzimmer waren für mich kleine Öffnungen in einem Bergmassiv. Niemals bin ich so wohlgestaltet gewesen, dass sich dort oben ein Spalt aufgetan hätte, mir die Steigeisen herabzulassen. Und vielleicht ist ein Spalt in einem Bergmassiv auch kein sonderlich guter Ort für ein junges Herz.“
„Da befummelt man dann lieber seinen Schachcomputer?“
„Absolut. Von 16-Bit versprach ich mir mehr, als von sechzehn Croquefressern im Schachverein.“
„Zöllner und Huren allesamt?“
„Heizer für die Öfen des Daseins. Werden gebraucht. Ich habe dafür weder die Muskeln noch das Gemüt. Ich muss nicht zwanghaft jeden Freiraum mit Steinkohle zuschippen.“
Wie ein Spielzeugsoldat stand ich im Vereinsheim vor dem schwarzen Brett, mir die Namen auf der Weltrangliste einzuprägen, als seien es Zauberformeln. Mehr zu tun hatte ich selten während des freien Spielbetriebes. Obwohl ich nur Augen hatte für das Schachspiel, blieb mir nicht verborgen, dass ich kein gern gesehenes Mitglied war, niemand, den man aus Lust forderte. Wurde ich jemandem zugelost, absolvierten selbst Jüngere diese Partie mit dem Händedruck einer geschäftsmäßigen Pflicht.
Ich registrierte das, ich registrierte das wie eine Kasse, der es gleich ist, wer dort mit welchen Gewinnabsichten Summen vorgibt, so lange am Ende die Lade mit den Spielfiguren aufging. Über die Mähnen der Springer streichen, Bauern vorschieben wie Pflüge, den Läufer quer übers Brett ziehen: das war mein Dasein!
Während ihrer Geschäftsgänge durch den Verein vermuteten ältere Mitglieder nicht selten, dass ich vor dem schwarzen Brett für ein freundliches Wort anstand oder einfach wissen wollte, wo es lang ging. Man ließ sich dann herab, als gehöre man zur Verkehrspolizei, als kenne man den Zebrastreifen über die Schnellstraße namens ‚Jugend‘.
Waidmänner, die an der klaren Quelle der Kinder ihre Gebisse spülen wollten.
„Das gilt auch für die Mama und für den Papa? Seit Ihrer Geburt sind beide als ‚Sorgeverpflichtete‘ in den Heizkeller verbannt, seit Ihrer Geburt sind beide schwarz von all dem Ruß. Konnten Sie also den Armen Ihrer Eltern je etwas abgewinnen?“
Als Kind stürzte ich mich wie ein kleiner Greifvogel auf meine Eltern, und auch auf unbeteiligten Nachbarn, welche ich zu diesem Zweck zum ‚Onkel‘ ernannte.
Heute gehört der ‚Greifer‘ für mich zu den mechanischen Reflexen hochentwickelter Krokodile. Möglicherweise aus der Zeit des Einzellers, als allein das Meer regierte, regierte und regierte, bis jeder Poller uns zur Heimat wurde. Besonders, wenn der Poller aus Fleisch war, wenn er sich penetrieren, einführen oder fressen ließ.
Allein unsere Fähigkeit, uns einen König vorzustellen, eine Dame und einen Turm, unterscheidet uns von den Hunden im Park. Türme bis weit ins Himmelreich hinein, die Mutter Gottes zu ehren, und dem König aller Könige ins Angesicht zu schauen, diesem untötbaren Herrscher, der dem Geist eines jeden Menschen vorsteht. Als ein Jemand, der nicht nach Pollern grapscht, sondern eher ersäuft an seinem eigenen Blut. Weil er keinem Leib jemals untertan ist. Ein Jemand (ganz gleich ob aus Fleisch, Stein, Plaste oder Papier), der niemals sich ergreifen lässt. Eine Offenbarung von Zeit, Kraft und Raum über den Abfällen des ausgeleierten Puppenspiels, das wir Dasein nennen.

„Sie hätten mich beim Schach im Vereinsheim erleben sollen!“ mein letzter Versuch, Münzen einzuwerfen in das vielleicht letzte Paar Ohren, dem ich begegne. Seit ich als Kind zum ersten Male in der Zeitung ein ‚Busenwunder‘ sah, wollte ich nie wieder etwas anderes, als diese Busenwunder für mich einzunehmen. Auf ihrem Gipfel der Schöpfung sollten sie berührt werden von meinem Schicksal. Schuss hatte ich genug. Heja, wie ich einst mit einem Tinnef, der geformt war wie ein Revolver, um den Block hastete, eingebildete Busenwunder zu beeindrucken, indem ich Bänder voller Pulverpickel leerballerte. Bamm! Bamm! Bamm! Bis die Ohren mir meine Kinderei auspfiffen.
„Bestimmt lümmelten Sie sich in dem Wohlwollen, das man neuen Gästen entgegen bringt!“ Die Vollbusige scheint in Stimmung, mich verdammten Dreckhaufen zu inspizieren.
Gerne hätte ich ihr den kleinen Katholiken gezeigt, der ich gewesen bin, wie er im Spielsaal vor Aufregung zitterte und wippte. Weil das bloße Dasein ihm ein Abenteuer war. Die schnurrbärtigen Herren mit den großen Klöten, die alten Dicken und ihre hängenden Hosen oder die gelockten Wiesel aus der Jugendecke: alle waren Teil einer Piratenmannschaft, mit der sich Schätze heben ließen.
Aber der kleine Katholik ist längst am ersaufen in dem Fass voll Leichengift, das mal sein Leib war. Wie ich einst mit Magneten bunte Plastikfische aus einem Pappbrunnen angelte, angeln jetzt die Tage, Monate und Jahre nach den Innereien des kleinen Katholiken. Scheu erst, dann immer unverfrorener. Schon sind die Beine des kleinen Katholiken derart schmerzbehaftet, dass er nicht einmal mehr auf Bänke steigen kann, die Sitzgelegenheiten der Leute in Tritte zu verwandeln und deren Lehnen in Hintern; schon tut sich in der Ferne das Tor des Gottesackers auf, und die Sonntagspredigten, deren Worte der kleine Katholik sich wie ein Gefieder überwarf, verwandeln sich in das Teilzeitvergnügen eines Schwarms von Grabrednern, der Gottes Schöpfung feierlich zum ‚irdischen Jammertal‘, zum Außenklo erklärt.
Einst wollte der kleine Katholik sich auf dem Schachbrett betten wie auf einer Sänfte. Von vier Evangelisten durchs Erdenreich getragen. Zu den Höfen, in deren Zentrum angeblich die Milch quoll, von welcher Gottes Schöpfung sich nährte. Dort wollte er wer sein, jemand mit eigenem Segen und eigenem Degen! In Säuglingslaune suchte der kleine Katholik sich Hof um Hof zu erschließen, glucksend, nuckelnd und patschend zu den Eutern der Welt.
„Mit Selbstverständlichkeit begrabbelte der kleine Katholik als ‚Spielmaterial‘, was gefällt, zerhackt und gedrechselt über tausende Kilometer geschleppt worden war.“
Drei Materialschränke weit zog er Figurensatz um Figurensatz vor: diese Leibesinspektion war sein Dank für die barocke Aufnahme in den Spielbetrieb. Kinder haben keinen richterlichen Beschluss nötig, noch unter den Augen der Erziehungsberechtigten alles aus den Schubladen und Regalen zu reißen – und bei Bedarf den Schlüssel zu drehen. Schlüssel drehen, abgeschlossen sein, lachen können, lachen!
„Vermuteten Sie inmitten von all diesem Spielmaterial einen großen Schatz?“ will die Vollbusige mich auf Grund gehen lassen. „Vielleicht einige Pappurkunden von der Art, wie es sie bei den Bundesjugendspielen gab?“
Ein Grund ist mal aus Erde, mal aus Asche, mal aus Beton, selten weich, selten aus Gras, niemals so, dass man nicht daran zerschmettern könnte.
Tätschelte ich Spielfiguren, weil Vorhöfe sich mir verweigerten? Schwer wiegt jede Vermutung, lieber in einem Vorhof verloren gegangen zu sein. Was hätte sich mir dort, hinter Knöpfen und Reißverschlüssen, eröffnet? Ein Laufzettel voll abzuarbeitender Genüsse? Finanzierungen und Zahlpausen?
„Im Schachverein hatte man mir mehr zu bieten, als die Bauklötze, die überall die Welt beherrschen!“
‚Städte‘ genannte Anhäufungen von Klötzen, so hoch, dass sie im Wind zittern, ‚Städte‘, die alles heiligen, was springt, läuft, irgendwie vorwärts kommt, und nirgends ein Endspiel, das nach einem König verlangt.
„Der Geist Türme bauender Kinder blieb im Schachverein vor der Tür. Bei uns arbeitete alles hin auf den Thron. Einen Thron, den nicht wenige von uns sich größer vorstellten, als er es jemals sein konnte.“
Aber was kümmert die Vollbusige das vergangene Zugrecht eines abgekämpften Holzkönigs? Ein Busenwunder erhöht und erniedrigt nicht in Räumen, die vor Regeln stinken. Sein Reich ist die Finsternis in den Wäldern, die von keinem Gott jemals gehört hat.
„Wissen Sie…“, wie beim ‚Blitzschach‘ wischen meine Hände über den Tisch, als verlange die Schänke nach mehr als einem Lappen, mit dem sich die Tische herrichten lassen für ein neues Gedeck Erdlinge, „wissen Sie, dass die Meister des Schachspiels auf dem Brett keine Figuren wahrnehmen, sondern vielmehr den Stoff, aus dem das Universum ist?“

„Sie sind kein Meister!“ kommentiert die Vollbusige derart trocken, dass das Universum sich in meinem Mund anfühlt wie eine Hand voll Sand.
Ein Busenwunder spürt unter den Vögeln sofort diejenigen auf, die sich vergreifen am Nutzvieh, dann aber alles beim Spielen vertun. Je größer das Busenwunder, desto unzweifelhafter sein Urteil.
Auf Sänften, die von Muschis getragen werden, wogen die Busenwunder durch die Rudel, ehren deren Führer, spornen und mäßigen die Mitläufer. Naht sich ihnen aber ein Vogelfreier, rafft all ihr fein gesponnenes Garn sich empor zu einem wehrhaften Wall aus Rechtschaffenheit: überkreuzt und mit gehissten Fahnen, herrschen die Busenwunder nieder, was sich nicht im Kampf um ihre Nippel verzehren mag.
„Ein brennendes Streichholz bin ich gewesen“, flüstere ich. „Jemand, der kalte Asche hustete, sobald er sich an keinem Schachbrett entzünden konnte, sobald keine Grundstellung ihn in einen Zustand der Stubenreinheit versetzte.“
Zwei Schritte mit dem Königsbauern auf dem Weg zu ‚Gott‘. Immerhin zog mein holzverkleideter Schachcomputer derart flott Summen aus meinen Spielzügen, als sei das Zugrecht eines jeden Wesens allein dazu geschaffen, ‚Gott‘ immer neue Gewänder zu weben: worüber ich mit geballter Faust triumphierte und worunter bleich ich litt, es war für das Herz des Schachcomputers nur ein Stich und ein Rund im Gewand Gottes. Warum also den Schachcomputer nicht als einen Schrittmacher auf dem Kopf tragen, mit ihm durchs Dasein zu balancieren? Jetzt frage ich das. Während meiner Zeit vor dem Schachcomputer war ich wohl eher besorgt um das weltweite Urheberrecht für meine Strategien gegen einen zahlenmalenden 16-Bit Prozessor.
„Reichlich daneben, was?“ In einem Dasein, das so flach ist wie eine Nuss, etwas urheben zu wollen.
Daneben. Daneeben. Daneeeben. Wehe dem, der beizeiten keinen Vorhof findet, in den er entschlüpfen kann. Dem bleibt nur der Heimritt, endlos durch Schnee und Eis, vorbei an zurückgelassenen Häusern, in denen Tannenbäume ohne Nadeln stehen.
Einen frischen(!) Vorhof aber wird niemand als ‚daneben‘ bezichtigen. So richtig, meine ich. Zickig vielleicht, ‚kompliziert‘ bestenfalls. Nein, wer einen frischen (fangfrischen!) Vorhof sein eigen nennt, ist schonmal nicht meschugge. Selbst wenn der Vorhof eine Wärterin nötig hat, ist die Angelegenheit niemals verflixt und zugenäht genug, ihm kein verständnisvoller Beiwohner sein zu wollen.
„Daneben bin ich gewesen, ja, aber auch beurkundet, eingeschult, zensiert, alles in allem gut vergattert. Die Obrigkeit hatte mich gebilligt und durchgewunken, da konnten die Warte im Verein sich schlecht verweigern. Ich ward also von meinem Jahrgang her einer Trainingsgruppe zugeteilt, Freitagnachmittag, 16 bis 18 Uhr. Dort stand ich im Raum. Und Kinder wissen meist kein Entkommen vor dem, was ihnen anbefohlen wird.“
Mit meinem Ass von einer Geburtsurkunde konnte mir niemand einen Platz in den Mannschaften verweigern. Da mochten die Warte sich raufen, wie sie wollten, mein Name musste unter die anderen Namen geschrieben werden. Hübsch säuberlich mit der Maschine, und sowas von vervielfältigt, dass ich Fatzke mich ausgezeichnet fühlte.
Kraft von Gesetzen also, die mein danebenseiendes Dasein zumindest nicht verboten, nahm ich sieben Meisterschaften weit teil am Spielbetrieb. Am 3. Brett der Kreisliga, mit dem Gehabe eines Weltmeisters.
„So Brett an Brett, sind Kinderseelchen rasch daran gewöhnt, dass ein…“
“Verächter!”
„Ja, dass ein Verächter unter ihnen umging, mit Grinsefresse und geschliffenen Lupen.“
„Die sind bestimmt nach dem ersten Spieltermin geschlossen zu den Erwachsenen…“
„…dass man mich Zombie nicht gutheiße, konnte ich die Lauthalsesten vernehmen.“
„Aber die Erwachsenen, die mussten sich zur Toleranz zwingen, bis ihnen das Blut schwarz wurde!“
„Das kennzeichnet wohl den Erwachsenen, dass sein Schließmuskel so viel stärker ist. In meinem Falle blieben Kinder zurück, die aufbegehrten gegen Schließmuskel, denen es wegen des Gebotes der Nächstenliebe verwehrt war, mich anzuscheißen.“
Könnten selbst Schachmeister nicht mehr an sich halten, würde es (gerade im Verein!) derart gewaltig riechen, dass man genauso gut dichtmachen könnte. Bloß wegen einiger Keile, und weil mein Dasein mit einer Geburtsurkunde besiegelt worden war. Das wollte man natürlich nicht. Hinters Heilige Haus, meine ich, in irgendeinen Hasengraben.
„Und den Kids, die ihre Fäuste am mühsamsten im Griff hatten, na, gerade denen zwangen Sie bestimmt Gespräche auf!“
„Wenn Kinder mit Teddypfoten jeden Schimpf an die Wand malen, aber demütig ihre kleinen Hufe scharren lassen vor berühmten Schließmuskeln, ist Schippe für Schippe des Teufels.“
Es ging mir um die Zukunft der Kleinen, dass ihnen nicht jede Pfütze eine neue Erfahrung wert war. Ernsthaft ging es mir um den Verbleib meiner Spielkameraden im Erdenreich. Als hätte ich ihnen ihr Dasein geschenkt, so saß ich neben diesen Wölfchen am Brett.
Ihre herrlichen Gebisse, was wurde aus ihnen im Angesicht eines Verderbens, welches sich als Honigmond tarnte?
Ihr fröhliches Faulen ging mich an wie das Geheule einer Geisterbahn. Mit Kirchtürmen versehene Entsorgungsparks, die Spaß (den unendlichen!) versprachen. Verloren die Wölfchen sich dort im Dunkeln (erlegt von Genussmitteln, sexuell übertragbarer Pestilenz, Räuschen aller Art), wen sollte ich dann hüten? Wo sich mir ohnehin nicht viel erhellte, mussten mir wenigstens diese getrimmten Irrlichter verbleiben, wie sie auf ihren lackierten Friedhöfen ein ums andere mal vor ‚Glück‘ platzten wie Frösche.
So scharf Wölfchen sich auch schalten ließen, so rein war ihr Glaube! Mit welch einer Andacht sie dem ‚Spaß‘ ihre Händchen reichten, sich gen Himmel wenden ließen, faul wurden, und ihre Kindergabeln in die Luft stießen, als sei der Mond eine Kartoffel.
„Ein Spatzenschnabel, der die ‚Wölfchen‘ davon abhalten wollte, sich ins Erdenreich zu schanzen!“
„Ja“, fahnde ich nach Luft. Die Ausdünstungen der Schänke belagern mich. Als würde ich das weit aufgesperrte Maul eines Toten bewohnen. Welch ein Jammer, dass ich nicht in dessen Schlund sinken kann, im Dunkeln meine Friedhofsruhe zu finden.
„Mal pickte ich ihnen in ihrer süßen Jagdlust die Saat der Brunft vom Kopf, mal saß ich still auf ihren Zäunen und bestaunte das Naturschauspiel in dem Gehege, das sie ‚City‘ nannten: von Kaufleuten geschmackvoll ausstaffierte Wälle, die von vorne bis hinten nach ‚Glück‘ dufteten. Stets bekam ich eine Gänsehaut, wenn ich sah, wie tief in den Eingeweiden der Wölfchen das Triebwerk ansprang und die jungen Wolfsleiber mitriss, noch ehe deren Köpfe ganz dabei waren, und wie die Wölfchen sich dann bei der geringsten Aussicht auf Beute versteiften und hart wurden wie ein Totschläger!“
Wuchsen die Wölfchen sich dann aber aus, sah ich nur noch Bauernlümmel, die sich mit dreckigem Lachen gegen ihre Alphabetisierung stemmten. Sämtlichst abgeführt ins Weiterführende, das weiterführen würde und weiter und weiter, so weit, dass kein Lümmel seinen Tod jemals bemerken würde, höchstens durch einen ‚dummen‘ Zufall mit der Tatsache konfrontiert wurde, dass er (huch!) vor geraumer Zeit bereits totgegangen war.
Totgegangen in einem Budenwesen aus Zeugnissen, Testaten, Visitationen und Feinwertungen!
Das Jagen hätten die Wölfchen besser gelernt in einem Bauernhaufen, statt von Hausfrauen, die zu den lokalen Gottheiten beteten, als seien sie deren Bräute. Schürzen, die es jedem Strolch gestatteten, sie ‚Mutter‘ zu heißen.
Von ‚Wölfchen‘ sprach ich damals nicht, und als Lümmel empfand ich mich selber noch. Sonst wäre mein Dasein kurz vor sieben Uhr morgens bereits in sich zusammengefallen. Quasi als eine missglückte Geiselnahme. So aber ließ ich mich fixieren, durch Höschen aus dem Versandhauskatalog: ‚mach sexy!‘
Bis ich reif war für meine Welt.
„Ich kooperierte.“
„Ach, Sie waren bestimmt einer, der Schlagerparaden hörte und davon Phantasien bekam, den Mädchen ein ‚Supermann‘ zu sein.“
Tatsächlich wackelte ich vor Zeugen mit meinen Beinmuskeln, wie stark die wären. Kuckt mal! Kuckt mal! Sprechblase war ich, mit Lettern in Übergröße, kreischend rot getuscht, unbekümmert um jeden Adel: Graf Porno!
Mit ängstlichem Seitenblick konnten die höchst unfreiwilligen Zuhörer (Kopf kleiner und von mir in eine Ecke abisoliert) dann sehen, wie der Ehrenvorsitzender vom Studium seiner Zeitung aufmerkte und wie sämtliche Mütter am Küchenbuffet still standen. Selbst das Rudel Wölfchen, das im Spielsaal gelärmt hatte, lag mit einem Male auf der Lauer.
„Selten habe ich eine Stimme gehört, die so übel klingt wie Ihre.“ Ohne sonderliche Betonung. Als kommentiere sie eine klappernde Mülltonne im Hinterhof.
„Mit ihren Sinnen buchstabiert sie sich die Welt!“ wende ich mich an eine Lufthoheit, welche seit jeher über meinem Kopf herrscht.
Die Vollbusige wiegt sich in ihrem Urteil, als wäre mein letztes Wort nur eine weitere Rüpelei. Gegen etwas, das die Himmel der Welt beisammen hält. Wie kalten Rauch wischt die Vollbusige meinen Vorbehalt fort: ein Busen, an dem all die Daseienden sich laben möchten, eine solche Pracht von einem Busen kann niemals im Irrtum oder gar im Unrecht sich befinden! Steht nicht obendrein die Billigkeit Schlange um seine Gunst? Was zählen dagegen die Krumen eines Vogelfreien?
Ein wahrer Schlagring, der da aus dem großen Körbchen auf mein Dasein eindrischt, mich ins Nichtigsein zu prügeln.
Mit einem Male misstönt mir mein Stimmmaterial. Als pöble ich jedem hinterher, dabei aber völlig ohne Atem. Aufforderung genug, mir Halbstarken mal eine reinzuhauen.
Wie ein pfeifendes Schwert muss man klingen, bereit zum Siegesschrei. Keine Silbe Zweifel, sondern Punkt für Punkt frei von Fragen. Das hält die Viecher fort, die Aasfresser, die Streuner.
Ich Rostfraß aber, ich spürte ihr Hecheln nach Abfällen, ihr Schnüffeln nach Blut.
Fühlte ich jene räuberische Stille um mich, jenes Abrücken der Herde, dass da einem sein Sarg aufgetan ward, griff ich rasch nach der nächstbesten Schachuhr: kommt, lasst uns spielen!
Kinderkram genug bin ich gewesen, für eine ordentliche Beißhemmung zu sorgen, und Kinderkram genug, den Aasfressern und Streunern ohne sonderliche Kapitulationsverhandlungen meine Bleibe anzudienen: kommt, lasst uns spielen!
Kundgetane Ohnmacht animiert jene unausschöpfliche Lust, dem Daseienden dampfend zu entnehmen, was der Tod bloß auf kalten Platten verheißt. Meinen Happen vom Erdenreich gab ich, damit ich mein Wort behalten durfte.
Ein Spatzenschnabel, der sich dem Grenzenlosen zuwandte, nur wenige grüne Flecken im Leib, derweil sie ihm von ihren Weiden aus den Stacheldraht übers dürre Gefieder zogen, bis nur noch fitzelige Spatzenknochen sich in den süßen Strolchaugen spiegelten.
“Sie haben die Lufthoheit, und ich keine Bleibe mehr!”
Es braucht eine Weile, ehe die Vollbusige begreift, dass ich mit ‚Bleibe‘ mein Elternhaus bezeichne, den Ort, der uns schwankend macht, die Farbe jeder Seele.
Erst hält die Vollbusige meine Bleibe mit spitzen Fingern in die Höhe, wie etwas, das man aus Rohren zieht, damit die Abwässer wieder fließen, dann bezichtigt die Vollbusige mich, als Ein-Mann-Trauergesellschaft über die elterlichen Weiden hergefallen zu sein. Mit dem Rücken zur Sonne und hunderten Marschtritten, bis auch die letzten Flecken der behüteten Saat versprengt waren in ein Abseits aus fernen Ahnungen.
Die Vollbusige malt mit dem Finger in die Luft, malt eine Zielscheibe über das Haupt meiner Ein-Mann-Trauergesellschaft: „Junge Menschen sind nicht abgeneigt gegenüber morastigen Freakshows! Das erspart ihnen das Zubereiten.“
Schwachbrüstige Unterwasser zwingen, bis denen das Gemüt absäuft: zwar bleibt man als unmündiger Scherge meist unbeschmutzt, weil selbst der grausamste Strolch ‚goldig‘ wirkt, wenn er mit roten Bäckchen inmitten eines Kindergartens herangärt, aber man bleibt beim Quälen niemals ohne die Furcht, dass doch Spuren verbleiben an dem mit bunten Mäusen verzierten Outfit. Spuren, die später alle erschrecken, nur einen selber nicht.
Daher begnügen sich viele mit einer Existenz als gutbürgerlicher Aburteiler, der jede Show anheizt durch herzhafte Pfiffe und gnadenlosen Beifall.
„Einen Eisenpfahl aus Ehrpusseligkeit stießen die Süßen mir ins Dasein. Und als Gepfählter beschimpfte ich jeden, der sich…“
„Freak!“
„…der sich als Freak verehrte. Ich war der Freak, ich alleine!“
Morastige Freakshow. Im Gegensatz zum Besuch des Zoos, geht dem Begaffen eines Menschen mindestens ein Höflichkeitsaustausch voran, den man deuten könnte als das machen einer Bekanntschaft: mal einen guten Tag wünschen wollen oder gerne auch nach dem Rechten sehen wollen, um mit wackelndem Kopf bestes Einvernehmen anzutäuschen mit der Existenz des Begafften.
„Aber für Ihre Mutter hatten die Strolche bestimmt süße Kinderblicke vorbereitet!“
Auch ein Vater wäre kaum leer ausgegangen, hätten wir ihn denn im Hause vorrätig gehabt. Ohne Vater jedoch war meine Bleibe eine sturmreife Stellung.
‚Muss Dein Vater doof sein!‘ ward der Patron mir rasch vom Leibe gerissen. Kinder spüren Schwäche herzlich schnell, als würden sie sich nähren von Schwäche.
Sonderbar trug ich an der Leere der Räume, denen niemand vorstand. Entleert in ihrer Fülle: Langspielplatten, die keiner mehr vorziehen würde, Mitbringsel ohne Bringer, Karaffen für den Staub. Dem Kinderherzen eröffnete so etwas keinen Sinn.
Ein Erstbezug, den ich wechselnden Besatzern präsentierte. Wobei mir besonders gelegen war an der Größe des Wohnzimmers. Hier hatte ich früher ‚Kämpfen und Toben‘ gespielt. Das Früher sprach ich stets fett, als hätte ich mich zwischenzeitlich verwandelt in das Gespenst des kämpfenden und tobenden Jungen, in sein Stimmchen aus dem Totenreich. Tatsächlich genügten wenige wohldosierte Tritte, mich des Kämpfens müde werden zu lassen, des Tobens ohnehin. Leichthin aus der Drehung, in die Magengrube, so dass ich unter Gejohle und auf der Stelle zu Boden ging. Wobei mein Röcheln die Hübschen zum Nachäffen verleitete: Arrr. Arrr. Arrr.
„Ich kann von mir nicht sagen, dass ich genau hinschaute, wenn etwas kaputt ging.“
Hielt es die Aasfresser bei Laune, füllte ich jede Schokoladenschachtel voll Wasser und ging auf Fische aus, während man sich ringsum die Schokolade schmecken ließ.
Im Hintergrund meine Mutter, ‚Mam‘. Mit fettarmen Pommes. Verschiedene Tonlagen probierend, welche davon wohl klang nach einem normalen Gang der Ereignisse. Als sei das Empfangen von Gästen Alltag für Mutter und Sohn. Dabei hörte sich unser beider Erstbezug an wie ein Letztbezug, eine mit Teppichen ausgelegte Gruft. Darin zwei Geister, vom Dasein um ihre Leiber gebracht.
Häupter, die bloß noch Schnecken waren und Schleim. Worte wie Fühler, mit denen sich kriechen ließ. Der Glibber einer ungeordneten Existenz. So etwas in der Art mussten all die Hübschen fühlen während jener Kindertage, als man meine Mutter und mich anhörte, ob uns mit dem Verlust sämtlicher Habseligkeiten nicht besser getan sei? Wenn schon Kriechtiere, dann bitteschön!
Wobei ich die Wucht des Leerstandes scheinbar wandelte in eine sonderbare Form der Herrschaft, gegen die keiner von den vielen Schlägern sich je zum Punch durchringen konnte. Die Herrschaft einer ins Edle phantasierten Schäbigkeit: Hemden des verwunschenen Vaters trug ich auf, seinem abgetanen Rasierapparat spürte ich nach. Nicht wie geleckt gedachte ich auszusehen, sondern wie ein verlassenes Herrenhaus: mit mottigen Tüchern und fleckigen Eckenschonern.
Ein verlassenes Herrenhaus, das unter Denkmalschutz steht, ist dem Kinde, welches vom Unterhaltsrecht gedeckt wird, nicht unähnlich. In der ‚Düsseldorfer Tabelle‘ wohlwollend erwähnt, war es mir fortan ein Bedürfnis, der Obrigkeit zu genügen, statt ihr den Mittelfinger zu zeigen, wie es die kleinen Herrenmenschen auf dem Schulhof taten.
Wenn ich schon erstickt, zertreten und verbrannt sein soll, dann als ein Wesen von Gesetzmäßigkeit, nicht als Rotzjunge.

„Wo andere ihre Kirchen haben, krabbeln Sie brabbelnd durch ein Spielzimmer!“ schlagzeilt die Vollbusige. „Hier sitzen sollten Sie mit einem Teddy vor dem Gesicht, damit niemand Sie für wahr nimmt.“
„Genügt es, dass ich niemals nachschaute, ob um mich herum alles ernüchtert war oder sturzbesoffen? Dort der Tierfilm, hier das Grab: ein aufgeräumteres Spielzimmer hat die Welt noch nicht gesehen.“
„Gerne rechne ich ein Fläschchen Proviant (Waldmeister!) mit Ihnen ab, für den Gottesacker.“
„Zwei Meter unter den Öffnungszeiten eines Gottesackers herrscht ein solch langer Atem, dass keine von den Limonaden der Obrigkeit mehr zum Dienstantritt reizt.“
Aber den Ameisenbau über der Erde, in den man so sehr eingeübt ist, zu tauschen gegen einen weitaus großzügigeren Bau, dazu bedarf es den Wagemut, sich fortzukehren von all den ausgerupften Blümelein, die uns von der Obrigkeit ins Haar gesteckt werden.
„Damit Ihnen Ihre Reise unter die Erde gelingt, würden Sie nun gerne aus dem Spielzimmer das grüne Plastikmesserchen gereicht bekommen?“
„Ich habe keine Ansprüche mehr, die sich mit einem Messer geltend machen ließen.“
Das letzte Messer meiner Kindheit (bevor ich herangeführt wurde an die Schlachtmesser der Erwachsenen) war ein Mitbringsel aus dem Orient, das mein verwunschener Vater zurückgelassen hatte, als er sich endgültig aufmachte in den Süden. Die Fallhöhe, die meiner Größe eigen ist, krümmte das Messer schon während der ersten Räume, die ich mir mit ihm zu erschließen gedachte. Zu unerbittlich der Boden des Ameisenbaus, zu täuschend die Ausscheidungen seiner Basare.
Denke ich an all das krumme Zeug, das ich im Spielzimmer hortete, ist mein Dasein nur ein Abdruck und eine bleiche Stelle, die Erinnerungen wie vorgestanzte Figürchen, die ich pflückte von industriell gefertigten Gerippen. Dazu ein Dachstübchen, das ich auslegte mit einem Schund, den ich zum Gebet erklärte.
Wände aus Maskenmännern sorgten für Stimmung, während ich auf billigem Malpapier Festungen und Höhlen anprobierte. Mit routinierter Phantasie ergoß ich mich in die Behältnisse, die man mir zur Verfügung stellte.
Jenseits der mit Festungen und Höhlen bemalten Papierbögen war ich nicht ansprechbar. Fragen nach dem verwunschenen Vater ließen sich nur klären, wenn man die Tatsache in Betracht zog, dass ich meine Festungen und Höhlen verzeichnete auf einem rechteckigen Planeten, welcher behaust ward von einem Zerrbild der göttlichen Schöpfung: Bauten, die unten ein Dach hatten und oben ein Loch, darin Sittengemälde, auf denen man seine Zuneigung mit Fausthieben zum Ausdruck brachte, und wenn dort eine Menschenkarikatur von der anderen schied, verstand man das als eine Bekundung von Nähe. Es trugen auf dem rechteckigen Planeten ja alle ein rotes ‚S‘ auf der Brust, S für ‚Superschöpfung‘.
„Mit meinem Umgang aus zweidimensionalen Superschöpfungen kam ich gegen keinen der Rabauke an: während bei mir only die Geisterbahn abging, sorgten die Rabauke sich um einen möglichst weit oben gelegenen Platz in der Nahrungskette. Ihr Trumpf waren Grillwaben, in denen das Fleisch haufenweise herumlag.“
Wie wenn ich niemals mit ihnen im Tempel gekniet hätte, ließen die Rabauken mich vereinzeln, ohne Bratwurst und Folienkartoffeln. Als sei ich Einbein, Einhand und Einauge (Ayay Käptn Flint! Ayay Käptn Hook!), und bräuchte so von allem nur die Hälfte, höchstens.
Derart ausgestochen, sorgte allein mein kleines Schachspiel für mich: klappbares Brett, Plastikfiguren mit Magneten, extra erworben für die als ‚Klassenreisen‘ getarnten Piratentörns, für die zähen Freizeiten, in denen man selbst im Ausguck des Lehrkörpers vermutete, dass der ‚liebe Gott‘ beim Erschaffen der Erde großzügig Gebrauch gemacht hatte von der ‚Autofill-Funktion‘. So wirkte das gewürfelte Durcheinander, in dem uns mehrstündige Freizeiten verordnet wurden. Freizeiten, die das obere Ende der Nahrungskette dazu animierten, am unteren Ende der Nahrungskette tüchtig Ordnung zu schaffen. ‚Hege‘ nannte man das. Jagdgesellschaften, die ich durchmaß mit närrischem Ausdruck und einem Schachspiel vor der Brust, geradeso erbärmlich klein, dass es mir niemand aus den Händen schlagen mochte. Und weil man schonmal dabei war, die Faust in der Tasche zu lassen, blieb auch ich unbehelligt.
In jeder Piratenmannschaft finden sich mehrere, denen es nicht in die Wiege gelegt ist, mit einem Säbel auf Beute aus zu sein. Zwei, drei, die sich in dem wilden Haufen zu verbergen suchen. Der eine wird zum Clown, der andere tarnt sich mit einem Fussballtrikot, während ich und mein Schachspiel nur auf ein geringes Maß an Milde hoffen durften.
Mit der Zeit sorgten die rasselnden Säbel um uns herum dafür, dass wir zusammen rückten, der Clown, der mit dem Fussballtrikot und ich. Erst auf dem Schulhof und sonntags im Tempel, dann auf den Kindergeburtstagen, die damals noch so selbstverständlich waren, dass wir, vom elterlichen Organisationskomitee einvernommen, nur nickten, nickten und nickten. Dann kam das Kindertagesheim, dann die Spielkonsolen, die alle gerne gehabt hätten, aber immer nur einer von uns dreien hatte… Und wir suchten einander reihum auch auf, um Schach zu spielen!
Ich bat zu diesem Zweck an einen Campingtisch, dessen Fläche vollständig bedacht war mit Stickern: Schmetterlinge, Pferde und Trompeten. Allesamt Mitbringsel einer verwunschenen Vaterpflicht.
„Ich bestand stets… stets bestand ich darauf, die schwarzen Steine zu führen.“
Obwohl das Verteidigung bedeutete, von Anfang an. Wahrscheinlich entfiel mir der Grund meines Daseins, wenn ich nicht gegen einen Angriff stand. Wie ein platter Fisch achttausend Meter unter der Oberfläche das Gewicht des ganzen Meeres auf sich lasten lässt, weil er, sollte er jemals an die Oberfläche gelangen, bloß ein Stück geblähte Luft sein würde.
Stets antwortete ich offen (wie ein Kanonenrohr offen!) auf die Königsbauern der Kameraden. Als wenn ich ebenso gut stand, mindestens.
In einem fort zog ich meine Springer, wie eine Liebschaft führte ich sie. Gestanzte Häupter, die mit kampfbereiten Maul gegen all die Grillwaben des Erdenreichs standen.
Ich tat, als hätte ich trainiert mit den Reitern der Apokalypse, als hätte sich mir das Spiel offenbart, als sei ich Hand genug, auch den letzten Bauern die schimmernden Schienen, die man ‚Schicksal‘ schimpfte, entlang zum Sieg zu führen. Und jene vielen, denen gegenüber die Schienen sich unsichtbar verwahrten, seien nur gut zum Entgleisen. Auf dem Schachbrett, wie auch bei den anderen Spielarten des Erdenreichs, die zu beherrschen man sich erdreistete. Meine Strähne war der Strick der anderen.
So rangierte ich (die Hände rot angelaufen und prall mit Blut gefüllt) meine Figuren ins Jenseits: bald standen die Springer am Rande, die Türme eingesperrt und der König schutzlos. Was auch immer ich bewarb als mein Schicksal, es hatte sich im Nebel verloren, war vielleicht gänzlich fort. Entsprang wahrlich dem Genie, was da waberte in den blauen Adern meiner Hände?
Nein, es konnte unmöglich sein, dass…
‚Matt!‘ flüsterte der Kamerad.
Die Stille danach konnten wir Kinder schwer überspielen. Meist tat der Kamerad dann, als gäbe es in meinem Zimmer Spannendes zu entdecken, während ich mich sorgte um das Wegräumen der geschlagenen Figuren.
Ich verfügte entschieden nicht über jenen Ideenreichtum, mit dem Menschen gemeinhin Offensichtliches ignorieren, ich konnte nur so tun, als stünde die Vollzähligkeit des Spielmateriales in Frage. Wobei sich meine Wangen bei jedem Durchzählen mehr röteten.
Ein Schmerz, tief verschanzt in meinem Wesen, lässt mich aufblicken! Dabei ein Gesicht, als sei meine Schande niemals ausgeräumt worden:
“Wenn ich nicht leisten kann, was soll ich dann leben?” gehe ich die Vollbusige an.
Keine Frage für die Räumlichkeiten einer überschwappenden Schänke.
„Keine Frage für die Spielzimmer von Erstbezügen!“ tut die Vollbusige mich ab.
Sie lässt mich zurückbleiben in einer Blütezeit, wo man uns in Gotteshäuser schickte, Heilige Zeugnisse der Reife zu empfangen: für die Kameraden endeten alle Fragen bei dem Gott, den zu verehren unserem Stamm aufgegeben war. Die Kameraden wussten Mutter und Vater bei der Andacht, wie auch sämtliche Tanten und Onkel. Das war ihnen Beleg genug. Mehr als Gottes Liebe konnte ihnen nicht widerfahren, selbst als Aasfresser, selbst als Streuner nicht.
Und dazwischen ich Verzogener! Ein aus jedem Zusammenhang Gestürzter, dem sämtliche Sicherungen des gutbürgerlichen Miteinanders durchgebrannt waren. Hätten die Kameraden von mir nicht so etwas wie Gastfreundschaft akzeptiert, mein beständiges Wimmern um eine außerordentliche Geisteskraft wäre ihnen keine Antwort wert gewesen.
Wir seien doch keine Tiere, die ihre Zähne unter Beweis stellen müssten! Dabei zeigten sie mir ihre Zähne auf eine Weise, mit der man gemeinhin Wilde darum bittet, die Notdurft nicht in der Gegend zu verrichten. Weil es dafür, in angemessener Entfernung zu unseren Erstbezügen und Gotteshäusern, das gäbe, was wir Kinder ‚Klapsmühle‘ schimpften.
Wie ich mich aufführte in meinem Trotz! War ich schon schachmatt, dann mochte ich nicht als ein auf alle viere verwiesenes Wesen in der Landschaft zurückbleiben, dann wollte ich gleich totgebissen sein. Damals schon protestierte ich entschieden dagegen, dass man ein Ende gemacht hatte mit der Kultur des Gnadenstosses. Wohl wollte man meinen Willen mit zahllosen Säbelhieben soweit brechen, dass er sich dem eines beliebigen Kriechtieres anglich, dann aber gedachte man, mit einem Klaps auf den Hinterkopf lockerzulassen: ‚Na, wie schaut’s?‘
Ich verschränkte meine Arme, sah aus, als hätte man dem Kasperletheater die Figur eines kindischen Mönches hinzugefügt, den kein Krokodil sich so richtig schmecken ließ. In Farbe getauchtes Holz, das etwas wollte, aber bloß geschaffen war für ein Tri tra trullala, und für den Magen des Krokodiles.
Nahm das Krokodil einen aber nicht zu sich, gelangte man nicht in den Schutz von dessen Magen. Und wenn der Kasper das Krokodil am Ende des Stückes totschlug, verblieb man im Dunkel hinter der Bühne, anstatt zu den Sternen aufzufahren.
Brannte der Kasper dann das scheinbar verlassene Kasperletheater nieder, um die Auferstehung all seiner Figuren zu feiern, erging es mir schlecht.
Hunderte Male ward ich gefegt durch die Osterfeuer wechselnder Kasper. Feuer, die alles knacken ließen wie Pickel voller Pulver, die sengten wie der mit Flammen geschmückte Umhang von des Kaspers Teufel, fauchten wie dessen wahres Gesicht und ausschlugen wie das Wesen seiner Gerichtsbarkeit. Ich brannte in des Kaspers Auferstehung als ein schmelzender Klumpen Materie, der hineintropfte in die Schwärze zwischen den Sternen.
Aber während die Herren Kasper mich Asche speien ließen, ordneten sie für mein Blut an, dass es weiterzufließen habe. Wäre ja alles kein Grund, nicht wahr?
Die Zähne verabschiedeten sich, fortgerissen wurden sie von all der Asche, einer nach dem anderen, und mit ihnen jede Möglichkeit, auch nur einen einzigen Angriff auf das Erdenreich zu führen.
Vergebens fahndete ich in des Kaspers bodenloser Zivilisation nach etwas Mordsmäßigen, das den Gebrauch meiner letzten Zähnen rechtfertigte: alles längst gekeult oder mittels automatisierter Schneidevorrichtungen des Kopfes enthoben. Nirgends mehr eine dicke Haut, der ich meinen letzten Zahn vermachen konnte, alles musste hübsch zu Boden fallen und dort verderben. Halleluja!

„Gab es Brathähnchen“, längst informiere ich die Vollbusige, als stolziere sie bereits durch den Magen des Krokodiles, das wir ‚Erdenreich‘ nennen, „liebte ich vom Brathähnchen die Haut mehr als alles andere.“
„Und die fettarmen Pommes Ihrer Mam?“
Ketchup erinnere ich, Teller voll von diesem Industrieerzeugnis, rot wie das Tuch der Stiertreiber. Später dann, als ich weit über die Blume der mütterlichen Fürsorge hinausgewuchert war, so ‚Pommes rot-weiß‘, dass ich kaum hinterherkam, mir mein Antlitz zu säubern von dem Fraß.
Zu mir genommen habe ich gerne!
Entschuldigend wickele ich mir die Arme um die Hühnerbrust, auch ja keinen Atemzug mehr zu viel machen zu wollen.
Als sei mir mein Grab bereits auf den Leib gestempelt, so ging ich um mit meiner Hühnerbrust. Eine Suhle für die Fäuste des Erdenreichs.
“Für sein Ableben genügt dem halben Huhn ein halber Hahn.”
Und das Vertrauen in eine Natur, die halbe Sachen aus ihren Löchern spült und auf ihrer steinigen Oberfläche zu einem Ende kommen lässt.
Dieses Bewusstsein, dass ich nur hergeliehen war für eine kurze Frist, eine Mietsache quasi, und der Umstand, dass ich mich so sanft an die Sohlen ihrer modischen Treter schmiegte, als läge auch das in meiner Natur, mag die Aasfresser und Streuner in ihrem Wesen gefestigt haben: Mäuler und Klauen, wie sie Seite an Seite mit Mutter Erde (ein-)schritten.
Die leise (pssst, klingelingeling, das Sterbeglöckchen) Angst meines ausgetretenen Daseins, abgefunden zu werden mit einem Grab neben den Wurstwaren im Schaufenster, ward gelöst vom Timbre des verwunschenen Vaterwesens und all jenen Weisen, die das Anrecht, weiterhin ein menschliches Antlitz zu tragen, auch nach dem Ausbruch natürlicher Gewalt vertraten. So ward meine Asche Krumen für Krumen dem örtlichen Tempel zugeschlagen. Von einem Osterfeuer in ein neues.
Immerhin in eines, das weniger schmerzte: es ging nimmermehr um Würste und Kartoffeln, und meine Geburtsurkunde war wieder ein Trumpf, der stach, der halbe Eintritt beinahe. In das Bürgerrecht, sich auf den rosaroten Panther zu freuen, mochten sämtliche Bäume des Erdenreichs auch mit gekrümmten Blättern Ader für Ader absterben. Spätestens im Kleid des Firmlings fühlte man sich derart wohlbehalten in dem Gefühl, wenn überhaupt nur für wenige Marterstunden vorgesehen zu sein. Das war die Seeligkeit über allen Festtafeln, der wöchentliche, testamentarisch verbürgte Schmaus vom Leib der Götter. Wohl kein Kamerad ahnte, wie sehr ich mir diese Luft schmecken ließ.
„Denn sterben’se mal schön!“ macht die Vollbusige Miene, den auf solch närrische Weise nüchternen Kunden zu verabschieden. Wie wenn sie sich zurückzöge aus einem Armenhause.
„Als ich das letzte Mal mattgesetzt wurde, stand der Herbst vor meinem Spielzimmer.“
Dort am Fenster nahm ich ihn das erste Mal für wahr, den Herbst. Die faul gewordene Blüte eines Sommers, nur zum Zertreten noch gut. Das war kein Regen mehr, dem man seine Zunge rausstreckte!
Und im Spiegelbild der Fensterscheibe, durch eine Wüste aus matschigen Blättern, nahte Mam, mit Feinbrot und Teewurst, und einem Lächeln, das längst allen Glauben verloren hatte an die Blüte ihres Sohnes. Ob man nicht zum Abendbrot… Eher wollte der Kamerad mit seinem Fahrrad durch den Regen wie durch eine sich verfinsternde See aufs Festland zu!
Selten ist ein verpuppter Aasfresser wohl so hineingestrampelt in den frühen Abend! Das konnte angesehen werden als Furcht – vor einem krötenhaften Sein, die Brust wie ein Huhn, das schamlos aus Laub und Schlamm gekrochen war, und Sprung genug hatte für einen lucky Punch (patsch!) aufs Streunermaul.
„Mich Kreatürlichkeit so im Bierdunst platzen sehen: nicht geheuer was?“
„Wollen Sie jetzt von jeder erdenklichen Regung naschen, Fernsehen frei der Fresse nach?“ schimpft die Vollbusige mein Gewese aus (Fernbedienung, roter Knopf).
„Bleibt Ihnen so gar nichts haften?“ verzweifle ich (Blechäffchen fällt zusammen).

„Etwa Ihr Eigenmief im Stiegenhaus? Was Sie (langatmiger Trockenwohner!) auszeichneten als ‚Erstbezug‘, war für all die vorbeiziehenden Draufpinkler bloß ein Schimpf, irgendetwas zwischen einer Kindertrommel und einem angekokelten Plastikhocker.“
Und da soll einer wie ich sich nicht unverzüglich zur ewigen Ruhe legen dürfen?
Totgestellt lichtete ich mich oft ab, als bürgerliche Betten noch um mich warben: wie lausig ich ausschaute, so mit eingedrücktem Maul und weggeschlossenen Augen. Als sei schon der Luftdruck zuviel gewesen für meine Vorstellung von einem Dasein.
„Ich dachte mich eher als den einprägsamen Aufriss eines Daseins, dem sämtliches Fleisch abgenagt worden ist, hübsch freigelegt durch allerlei Getier, aber dieses Fleisch hat nicht tief im Wald ein Ende gefunden, sondern es ist mit dem Tau, welches wir ‚Zivilisation‘ nennen, an seinen ursprünglichen Platz gefesselt worden, das im Grunde befreite Dasein weiterhin zu behelligen.“
„Wie ein Totenschiff soll ich Sie mir denken, lustige Käfer in den Knochenhöhlen und mit dem Erbe Ihrer Vorfahren, das irgendwo am Steuerbord der Witterung preisgegeben ist?“
„Ja“, sage ich, „festgemacht zwischen den Honigfallen und dem Margeritenweiß der Täuflingskleider.“
„Welch Brechreiz von einer Witzfigur sind Sie denn? Sie klagen jeden Schoppen Wein an, scheren sich aber nicht um die Schätze Ihrer Großmütter im Himmelreich!“
Eine Schatztruhe weniger für jeden Selbstmörder unter den Nachfahren?
Wein währt über viele Jahrhunderte, ein Regiment betender Großmutter nur wenige Jahrzehnte. Um Brühe bemühte Omis gegen Weine, deren Schoppen im Licht der Adelsgeschlechter funkeln. Sind Busenwunder nun dazu da, die Menschen auszusondern, die keine Omi im Gesicht tragen?
„Als ‚Großmama!‘ stellte man mir väterlicherseits meine Omi vor: habe man nichts Unrechtes getan, könne alle Welt auf einen schauen, lehrte die Omi, die sich Großmama nannte.“
„Verehren Sie Großmamas Rollator?“
Die Vollbusige drückt mir den Staub meiner Ahnen ins Gesicht, dass von den vielen Scheiten, die wir verbrannten, nicht mehr auf der Erde verblieben ist, als ein paar Gerätschaften der häuslichen Pflege.
Spekuliert gut, das Weibchen. Weiß eben genauso gut um einen Moralischen, wie um einen Harten.
„Ohne den Rollator wäre die ‚große‘ Mama nicht einmal mehr auf den Friedhof gelangt. Niemals vergesse ich jene Mamaaugen, wie sie zitternd die Grabestiefe erforschten, die einmal ihr Gemahl war, mein ‚Großpapa‘.“
Die Busengöttin in der Sänfte ist noch nicht fertig mit ihrem Gericht (geknüppelter Wurm, beschmiert mit einem Pesto aus Einzelzellen): „Sie kehren bei uns ein, empfangen Gastlichkeit, und zum Dank erleichtern Sie sich in einem fort vor den Herrschaften hier!“
„Vor all denen, die mit einem Schulterzucken ableben in ihren Kojen, ja.“
Lustvolles Speien auf einen verlotterten Menschenadel, ohne Anfassen, ohne Boxen.
„Ohne jede Gefallsucht, mit der man sich die Spucke vergiftet“, ratifiziere ich mein Wesen.
„Was für eine Presspflanze!“ Die Vollbusige tut, als würde sie sich mein schlecht gelüftetes Dasein aus dem Gesicht fächern. „Versteckt den Stängel in irgendeinem Buch und denkt, dass sie ein Segen sei, wenn sie die Luft nur lange genug anhalte. Weil sie sich keine Föhnfrisur hat schneiden lassen und niemals auf eine Essecke sparte.“
„Zumindest werfe ich keinen Beutel Blut in dieses Knusperhäuschen hier!“ Die Schänke als ein billiger Behang an der Trauerweide, die sich Erdenreich nennt.
„Stattdessen geben Sie hier den Gammler, pfeifend auf jede Seligkeit.“
„Und was ist mit dem Teufel in Ihrem Badezimmerspiegel?“ höre ich mich mit einem Male grinsen. „Der Teufel, der Tag für Tag Ihr Fleisch etikettiert mit immer neuen, immer höheren Preisen, die Sie zu zahlen haben.“
Ein Beißreflex während des Zurückweichens: wie eine Schippe Schutt stürze ich in die Tiefe, wann immer das Volksempfinden über mich zu Tisch sitzt. Und selbst das zweifelhafteste Recht findet in einem ‚Busenwunder‘ ein solch ehrendes Gefäß, dass es wirkt, als schmücke es den Thron unseres Schöpfers.
‚Und was schmückst Du?‘ ruft es aus den Hütten, in denen meine Erinnerungen vor runtergebrannten Feuern kauern. ‚Niemals hast Du Deinen Thron gesucht, immer nur Dein Grab.‘
Nicht alle Erinnerungen beteiligen sich an den Klagerufen. Jenseits der Hütten stehen einige mit geschlossenen Augen in der Dunkelheit, als würden sie die Luft eines längst vergangenen Frühlings genießen. Das sind die Erinnerungen, die geboren wurden, als die beiden Fernsehsessel sich in unserem Erstbezug einfanden. Mit grünem Samt bezogen und mächtiger, als jeder mir bis dahin geläufige Sessel. Alles in allem so kostbar, dass für lange Zeit nur Mam und der verwunschene Vater darauf Platz nehmen durften. Erst als der verwunschene Vater immer häufiger aushäusig war, eröffnete sich auch mir der samtene Schoß dieser grünen Getüme: lehnte ich mich zurück, erhob sich eine Ablage für meine Füße aus dem Leib der Getüme. Ganz anders, als es uns zur Vorbereitung auf die Erstkommunion verheißen wurde. Dort tat sich stets ein Abgrund auf, wann immer es sich jemand im Erdenreich bequem machen wollte. Im Schoß der grünen Getüme aber, war der Mensch Herr über den Sabbat. Nach was für einem Thron hätte ich da noch suchen sollen?
Abberufen wähnte ich mich von den Verrichtungen der Erdenbürger, ein Himmelreich weit entfernt von den Bierchen unseres Jugendwartes, die seine Welt stehen oder fallen ließen. Teilnahmslos gegenüber der Aussicht, mir mit meinen Anmutungen einen Mob unter den Ast zu zitierten, auf dem ich eigentlich ganz gut saß. Einen Mob, der am Stamm rütteln würde, bis ICH fiel. Und selbst der Gedanke an einen Fall in den Schmodder der Asozialität galt mir wenig, solange mein Leib entsetzt ward durch eine vehemente Leidenschaft für die knusprige Haut der Reklamehühner. Den herzhaften Blick auf das Fleisch fremder Leute, ja, den musste man sich leisten können. Aber für einen Asi, der guckte und nicht zahlte, gackerten die Reklamehühner nur in Magazinen, die sich ‚Hustler‘ nannten oder ‚Dude‘.
Ich klopfe mit dem Daumen gegen meine Brust: “Die Reklamehühner sind in, sind in, sind in, sind irgendwann out, und niemand hat für Hühner, mit denen keiner mehr Reklame macht, auch nur ein Plakat übrig. Wenn im Reich der Reklamehühner jemand stirbt, dagegen stirbt, dann ich!“
“Sie sind ein Affe!”
Abgeschnitten von jeder Ehre bin ich. Eine kreischende Narrenkrone, mit einem Wedel, der ertränkt worden ist im Weihwasser meiner Kindheit. So bekleckere ich die gefütterten und mit Fußbodenheizungen versehenen Wege anderer Leute. Stets in der Beweisnot, dass mein Gekleckere nottut. So unter den güldenen Fuhrwerken jener Wesen, die sich Menschensöhne heißen.
Eine Fußnote, die Fußnoten sammelte. Was abfiel von den Wägen der Menschensöhne, von den ‚Sternenbildern‘ (Klumpen aus kaltem Gestein, durch das Tageslicht kaschiert), die jeder Menschensohn stolz über seinem Haupt trug. Auf den Flaschenpark unseres Jugendwartes (‚der Volker‘) wiesen mich die ‚Sternenbilder‘ hin, auf den Vermerk, dass der Volker weit vor der Zeit totging. An den süßen Trauben der Flaschengeister, die in seinem Park flanierten. An deren zeitlosen Versprechen für die Inhaber kleiner Wägen. Vom großen Wagen. Droben, im Dunkel des Himmels. Schau!
„Kladden hatte ich, da las ich alles auf, was die ‚Sternenbilder‘ dieser Herrschaften fallen ließen. Der Affe bin ich nicht! Nicht ich bin das!“

„Sie reisen in einem Käfig, so klein wie der eines Affen, und das in die falsche Richtung. Kreischend hüpfen Sie um alles herum und halten sich mit Ihren Kreisen voller Gekreisch für auserwählt.“
Jeder Affe fegt die Herrengedecke des Erdenreichs in den Abgrund neben unseren Tischen, jeder Affe argumentiert mit seinen Zähnen (weiß wie gebrauchte Leichentücher, selten vom Fleisch in Versuchung geführt), wann immer er Jubelgreise ausmacht, die den Herrengedecken nicht in den Abgrund folgen wollen.
Was also anfangen mit einem Affenkäfig wie mir? Keine Unachtsamkeit, durch die meine Wildbahn nicht führt: anderer Leute Abgründe sind meine Tränke. In jedem meiner Zähne herrscht mehr Dasein, als in den blubbernden Wunden der anderen. Was Biss hat, hat Sinn.
Hermachen wollte ich mich über die Herden der Heranwachsenden, dort jeden singenden Knochen (knack!) zu brechen. Sorgen wollte ich für ein Dasein voll von zerbrochenen Märchen, ohne sonderliches Eigengewicht.
„Niemals bin ich der papierne Prinz gewesen, der anderen Lippenbekenntnisse ins Antlitz drückt.“
Wären damals der Jugendwart und sein Bierchen nicht dazwischen gegangen, ich hätte mit den Jüngsten geplaudert über Väter, die sich erschossen auf Parkplätzen wiederfanden. Was mit solchen Vätern noch los sei, so aus Kindersicht.
„Als Jungtier, da hätten Sie sich, nach ein paar Märchen vom Band, auch aus Gold gefühlt!“
„…bis die nächste Busengöttin mir meine Eingeweide ins Gesicht geklatscht hätte!“
Ich bin kein Freund, keiner jener Wohlmeinenden, wie das Erdenreich sie zusammenklaubt auf ein paar Jährchen. Ich stehe für Schaulust, für die Gier, jeder Fresse ihre Totenmaske abzunehmen, als erstes mir selbst: mein Spatzenschnabel lang und schwarz vor dem blutleeren Schädel, statt der Augen zwei verhornte Löcher mit Punkten dahinter, gerichtet auf alles, was Fleisch ist, auf alles, was sich als Himmelsmacht tarnt, und bloß ein Euter ist. Hinter meiner Wehr aus schwarz gefärbtem Horn bin ich, was den Daseienden erscheinen muss als eine nicht elektrifizierte Mitternacht: keine Wiege und kein Weg, sondern ein Durchdringen und ein Stürzen.
Wie sollen Menschenkinder das wollen? Eben erst aus dem Staub emporgekrochen, der Blick verklebt von den Wonnen der Geburt, schon mit allen Vieren am strampeln nach Himmeln, die ausschauen wie aufgeschnittene Regenbogentorten.
„Mir untertan machen wollte ich das Fleisch, das mir angehängt ward, es in meine Form zwingen: ein Leib, in dem sich drängt, was ist. Von Innereien lässt sich leben, ‚goldig‘ aber verhungert man zu einem Stück vom irdischen Tand.“
Von dem Trieb Jungtiere, den ich im Verein umstrich, blieben mir zuallermeist die Rücken, an die die Jungtiere ihre Leiber banden. Und ich nannte das keineswegs mein Unglück, die Jungtiere durchgedrückt zu sehen oder gekrümmt wie Krötenpanzer. Beinahe drehte ich die jungen Kameraden jedes Mal um ihre Achsen, bis sich mir über den Innereien Wirbel boten: bleich und fragil, zu keinem Zeitpunkt auch nur eine Stunde von dem wert, was die Daseienden ‚Krafttraining‘ nannten.
In die Wirbel der Jungtiere grätschte ich, verleimte Bruchstücke zu Bruch zu treten! Schälen wollte ich die Jungtiere von ihrem Knochenbau (ein Bau für Hasen und Hamster), sie schälen und schnitzen, bis sie Flöte genug waren für einen Gott.
„Sie sind es doch, der verhungert ist. Inmitten all Ihrer Innereien sind Sie verhungert!“ gibt der Busen zu bedenken, praller denn je.
„So verhungert wie ein Hohelied aus dem Alten Testament?“ grinse ich trotzig.
Mit Affengebrüll trat ich nach jeder Niedertracht, ich registrierte Bücherhallen voll Verrat und studierte Kriege, als wäre ich (beim jüngsten Gericht) Zeuge der Anklage: blieb die Lade mit den Spielfiguren geschlossen, rechnete ich den Jungtieren jeden Scheiterhaufen vor.
„Wie ich als Kind Murmeln in eine Kuhle schnipste, so geht es dem Dasein an die Euter. Busen, die erschlafft im Nirgendwo baumeln, als seien sie gehenkt worden!“ balle ich die Faust. „Aber vor dem Abbild eines vollbusigen Daseins, vor der Idee von einem ‚Busenwunder‘, nach dem das Erdenreich sich umdreht (mit sechs Umdrehungen pro Minute bewegt das Erdenreich sich fort, mit sechs Umdrehungen pro Minute, das ‚Busenwunder‘ als Zündkerze), bin ich zugrunde gegangen. Stimmt, ja!“
Der ‚Zauberbusen‘, dem kein Scheiterhaufen je beikommt. Rosige Nippel, die des Krieges Anfang sind und sein Ende. Nur die Art der Milch, die die Nippel spenden, mag sich wandeln, mag mal weiß, mal schwarz die Jungtiere nähren. Möglich, dass mir noch Reste verbrannter Milch mundeten, derweil links wie rechts bereits Sahne gelöffelt wurde.
„Hunger ist meine liebste Nahrung“, zucke ich mit den Schultern. „Nicht der Schlag Sahne, der mich erst erstickt und dann (im Tageslicht zerschmolzen) dahintreiben lässt.“
„Sie sind ein kleiner Kopf, der aus einer Pfütze schaut!“
„Ich bin die Abrissbirne, die schwere schwarze.“

Auf rüpelhafteste Weise nötigte ich jeden, mir die Berechtigung seiner Existenz nachzuweisen. Als wären grundsätzlich alle die Ausgeburt eines infektiösen Wirkens, das die Erde befallen hatte, morsches Erbgut, das brandschatzte in Wäldern, die hunderte von Jahre alt waren. ‚Mensch‘ geheißene Tentakel, schuld an allem Aufgeschlitzten, das sich einfand in meiner Bücherhallenbildung.
Derartiger Sünden ward jeder Kamerad bezichtigt, dass ein Schneiden meiner Person als Zugeständnis erschienen wäre. Im Würgegriff hielt ich die Ehre der Kameraden. Wohl wissend, dass weder Degen noch Revolver in den Händen unserer Zeit lagen, dass niemand mich gewinnen wollen würde für ein Duell.
„Was vermag ich gegen ein Menschenwesen, dessen Hände nur Stümpfe hinterlassen?“
Hätte ich etwas vermocht, wäre meinem Dasein wohl nur der nächste Morgen verblieben: ohne Zweifel, man hätte mir den Schädel gespalten.
„Die kleinen Kameraden malten es sich bestimmt aus, mit hautfarbenen Buntstiften auf Gitterpapier, wie ich Blut spie, weil etwas Schwarzes mir von beiden Seiten aus dem Leib ragte.“
Wohl das größte Vermögen jeder Jugend, sich allen Daseins grußlos entledigen zu können. Sie bedurfte dazu bloß eines Pfiffes.
„Erst quellen Sie hier auf als Kloake, als das Wesen einer elenden Natur, und dann erscheint es Ihnen wundersam, dass nach solch einer Ausgeburt der Besen geschwungen wird.“
„Gewiss war ich all den Hübschen keine Lust, Schererei eher und fälliger Frühjahrsputz. Aber es lässt sich auf den Tisch des Hauses sehr viel Gefälligeres heben, dessen Knochen man weit wüster knacken ließ.“
Es genügt, sich in der Aufregung der Fütterungszeit an falscher Stelle zu regen.
„Ameisen, nehmen Sie die Ameisen!“ suche ich mich aus dem Schandturm der Vollbusigen zu retten. Wie die Ameisen mir einst durch meine Finger strömten, mit welch Daseinskraft ich jene kleinen Wunder hätte verwalten können, statt sie alle (allesamt!) aus ihren Leibern zu quetschen. Als sei ich ein Elefant im antiken Indien, geführt von einem namenlosen Henker! Frisch gereifte Todesurteile, die man seit jeher besiegelt mit solch Kinderdaumen!
„Aber all die vielen Hände, die aufschlitzen, abstumpfen und ausdrücken sind nur die zarten Zeiger von einem ‚Augen‘ genannten Haufen Höhlensteine, der sich Tag für Tag neu auftut.“
Unsere Augen ließen uns vortreten aus dem Dunkel der Urzeit, ohne dass jemand uns zu Tisch gebeten hätte. Erwacht in Unzeiten, als jedes Tierli im Schlick ihnen ein Happen war, der sie schärfte, bis ihrem Begehren selbst die Saurier erlagen. Wie bonbonfarbene Fallbeile meldeten die Augen sich zum Dienst, als wollten sie vor Gier schier auslaufen. Wer Augen hat, hat den Tod auf seinen Schultern!
Wo Augen herrschen, ist bald Götzendienst, bald Schlachtfest: nirgends eine Fremde, über die sie nicht herfallen, bis in die letzten Luftlöcher. In Häuten verborgene Keimlinge, aus denen die Finsternis pfeift, als sei sie das Morgenrot einer freien Welt.
„Solche hartgeschlagenen Ursuppen vermögen fürsorglichste Muttermünder zu sein!“
Ohne einen Pfiff aus der Finsternis stehen sie hilflos da, die Menschensöhne. Wie unbeladene Bollerwagen auf abgeernteten Feldern. Keine Karte ist ihnen auf den Leib geschrieben, die ihrem eingeborenen Trieb den Weg zur Beute weist, und hinter ihnen drängt das Vieh sich heran: nirgends ein Marsch oder eine Parole ohne Schweineschnauze am Ohr. Heißer, stinkender Atem, wie er den Menschensöhnen die Treibjagd verdirbt, ihnen ihr Abgreifen zuwider macht, all jene Dinge, von denen die Menschensöhne denken, dass sie ihrer habhaft geworden sind.
„Dort lässt sich fressen, was selbst Kindern im Angesicht brennt.“
Schwäche jedenfalls, und was man gemeinhin so ‚Schuld‘ heißt. Etwas Schimpf dazu, ein bißchen Schande, das lässt sich alles ausschaben, tief im Horn dessen, was ‚die Augen der Liebe genannt‘ wird.
Der Ohnmacht den Tränengang zudrücken, bis sie sich lecker schlecken lässt. Selbst dann noch, wenn einem untenrum alles fremd und über geworden ist: den Schlamassel locker abgehen lassen, ehe er dem Halali zum Halse hochkommt.
„Sind Sie Ihren Kameraden etwa zur Schnauze von einem Schwein geworden?“ packt die Vollbusige mildes Entsetzen. „In Sie muss man sich ja dreinfinden wie in eine Krankheit!“

„Wir waren Schachspieler“, winke ich ab. „In allen Räumen türmten sich Schädel, so seltsam in ihren Formen, dass kaum einer auf den anderen passte. Dem Dasein ferner konnte es kaum zugehen, als in unserem Spielsaal. Selbst von den Oberen (die, die so etwas wie eine Faust am Leib hatten) mochte keiner mir an den Kragen.“ Wohl hätte niemand im Vereinsheim auch bloß den ersten Waffengang eines Feldzuges überstanden. Für das Vaterland überhaupt zu marschieren, ist zu viel der Formalität für mich: stets verschleppte ich die ordnungsgemäßen Schritte (links! links! liiinks!), so dass in der Kolonne alles durcheinander geriet. Weder konnte ich tüchtig schanzen, noch durchschlug ich mit der Wumme auch nur einen Fetzen Papier. Ich vermochte mein Dasein nicht ins Wehrhafte zu übersetzen!
„Ich kann nur Spielsteine, gnädiges Fräulein. Mein Verlangen nach dem Vollzug regelgerechter Spielzüge ist ein Zuhause, in dem keine andere Begierde nisten kann.“
„Sie sind eine Heimsuchung.“
„Spieltag für Spieltag, und pünktlich!“
Um mich herum wuchs der Verein wie um etwas Verdorbenes. Nirgends ein Zahn, der Gefallen fand an mir. Und das, obwohl die Gemüter, die den Gebissen vorstanden, ihren Sinn darin erkannten, überall im Erdenreich Zahnbilder zu hinterlassen. Ein störrisches Weiteressen, dem ich keine Wunde bedeutete: nicht ein Tropfen Wolfsblut ward betrübt durch meine Wissenschaft!
Rudelbauten aus triefendem Fleisch, brühwarm, aber niemals auf den Punkt: nirgends eine offene Stelle, in die ich auch nur ein Wort einführen konnte, keine Tiefe, in die sich etwas herablassen ließ.
„Ich wollte den Menschensöhnen an die Götterspeise. Mit ein paar Versen auf Karopapier wohlgemerkt!“
„Hätten Sie mal bei sich begonnen!“
„Was scherten mich meine fauligen Säfte? Ich verlangte bei jeder Abschürfung nach dem mit Zyankali versehenen Bonbonwasser, das mich erlöste. Ungeläufig war mir die Grabesstille des Fleisches, welches sich massenweise in die Mäuler der anderen drängte.“
„Und das Karopapier ernannten Sie zum Herz Ihrer Einfühlungsversuche?“
„Weil ich ahnte, dass am Ende bloß schwummrige Pampe blieb, wo man sich tagsüber seidig eingecremt hatte. Eine Pampe, die sich nur mit schwachen Sinnen erdulden ließ.“
Karopapier also, Karopapier! ermahnte ich mich, sobald mir eine Zitze zu warm wurde.
Nicht einen Finger vertraute ich den Wölfchen an. Vielleicht gefiel ich mir deswegen als Affe, weil mir niemand mit Handschlag kommen sollte. Zurückwerfen wollte ich mich, wann immer es mir Mensch wurde.
Jenes Bau sein und Dach, und doch bloß Gammel. Sich ins Erdenreich fressen, dabei noch auf Hochglanz machen!
Von solch bösem Schabernack wollte ich nicht eingezogen sein. Nur um der Wärme willen, geschoren an allen Enden, blankgezogen in wankenden Strömen von Generationen, die auf Generationen folgten. Belagert durch berittene Polizei, eskortiert Richtung Tod.
„Hätte ich mich etwa vergreifen sollen an dieser prahlenden Verdammnis?“ nicke ich in Richtung des prallen Busens.
Umarmungen, ‚Greifer‘, ordnete ich der Heimtücke zu. Greifvögel, die nicht weniger nach Fleisch gierten, als ein Rudel Wölfe. Versuche, mir ein Federvieh um den Hals zu werfen, mit dem man mich möglichst schonend abführen konnte, sorgten für Übersprungshandlungen: meine Arme wurden stier wie zwei in Anschlag gebrachte Knüppel, derweil sich ein Urwald über ihnen ausschüttete. Von meinen Armen so in Ruhelage verbracht, konnte ich auch halb begraben noch aus meiner Kuhle die Asphaltpiste des Ablebens erspähen, die sich hinter dem schweißigen Grün verborgen hielt.
Eine sich sinnlich gebende Leichenstarre raste dort Vergnügungen nach, die wie Schotter zu beiden Seiten der Piste Dienst taten.

Mit jedem Greifer, der sich zuneigt, neigt sich auch einer ab: mein Bewusstsein ist eine Wagenburg aus Sachverhalten, mit denen kein Greifer es gerne zu tun bekommt. Mein Bewusstsein handelt von all jenem, was wund und geschändet zurückblieb im Schotter der Vergnügungspisten: ausgeweidete Nester, im Wind verdorbene Liebesmahlzeiten, oft schon beiseite geschoben, als sie noch gefüllt waren mit Herzensangelegenheiten.
Großspuriger Abfall, der sich zum Affenfelsen erhebt. Stets auf Gebeine aus, die ihn versorgen mit neuen Affen.
„Sie haben sich Ihre Fresse wahrlich polieren lassen, alle Achtung! Bissiger mit jedem Zahn, der Ihnen ausgeschlagen ward.“
Wen frischt das nicht auf, im kleinsten Kreise zur Strecke gebracht zu werden, als sei man ein kapitaler Jemand oder, noch fressenswerter, eine gesuchte Trophäe: jede Faust, die sich meiner annahm, löste etwas von dem Schmutz der Urzeit, in den ich getaucht worden war. Bis ich leuchtete wie das Versprechen eines neuen Himmels und einer neuen Erde, freigestellt und geborgen durch mein gesättigtes Blut, während in allen Richtungen Schmutzfinger verzweifelt zuckten, ja nicht vor der Zeit abzurauschen in den Schotter.
„Ich bin soundso der Schönste!“ kam es mir eines Spieltages, während mein König blank am Brettende stand, abisoliert von den Schwerfiguren der Jugend, die glänzten wie Klavierlack.
Die behauptete Erhabenheit meiner Haarmatte gegenüber den mit Blut bezollten ‚Looks‘ der ewig jungen Sieger. Wie schauten sie denn aus, diese Sieger? Verrissene Fratzen, fiebrig bemalt, die Schlagadern zum Platzen prall vom Gebrüll in den Windungen ihrer Läufe. Das blieb mir stets eine Viecherei, die sich lauthals ihre Felle lauste.
Was vermögen Welten auch anderes, so lange sie gehängt sind an Nahrungsketten? Und wie ich mich da still hineinhängte, ohne das Gehampel eines erregten Bocks, das ließ mich schönsein.
„Pickelnase!“ verflucht die Vollbusige das Dasein vor sich, das ich Ich nenne und großschreibe (kann nicht anders, keinen Mut gehabt für das Areal im Kopfknast, in dem ich mir mein Großgeschreibe hätte abstechen können). „Sie sind vollkommen grundlos. Für unser Dasein sind Sie nicht mal Zoo genug!“
Die Vollbusige präsentiert ihren Daumen, dass mir wird wie eine Ameise. Kleine Buddelkastenwelt, bloß zum Krabbeln gut. Mit Fingernägeln darüber, die, himmlisch manikürt, in der Schärfe ihres Urteils einem Schlachtmesser gleichen. Keine erhabene Grausamkeit, nein, nur ein grußloser Tod.
„Aber etwas zu sich nehmen müssen Sie doch wohl auch!“ nehme ich die Vollbusige bei ihren wohlgenährten Zitzen: „Was, wenn nicht etwas Grundloses wie mich? Ausgedrückt als ein Pickel des Erdenreichs, abgekocht, gewürzt – besser zur Hand können Sie Ihrem Gott kaum gehen!“
Mir ist keine Brust gegeben, auf die ich stolz mit meiner Faust klopfen könnte: ‚heilig, heilig, heilig.‘ Ich stehe für das Blut in den Nestern, für den Schweiß des Viehs und den Rost der Sensen. Meine jungen Kameraden, königsblau wie waffenstarr, sie konnten nehmen, konnten schlagen (sowas von!), wohl auch etwas geben, verbunden aber fühlte niemand sich einem Dasein, das keine Augenhöhe im Angebot hatte. Gleichstark, stärker gar? Alles gut, süßer Kinderblick. Aber gnade einem die Manikürten in den Himmeln, wenn die Hübschen spitz bekamen, dass ein Schandfleck Schwäche sich in ihrer Mitte zu verbergen suchte: sogleich ward eine Schärfe in den Blicken der kleinen Treiber geweckt, wie sie ansonsten selbst Hund und Katz selten betraf. Thronend über einem fröhlichen Treiben, das aus Hautklärern und ‚My Melody Flowers‘ bestand, lud diese Schärfe die Kleinen dazu ein, das Wunder des Totmachens zu entdecken, wie unter den Daumen der Kleinen eine Blüte erst grau ward und endlich schwarz, während die Wangen der Kleinen rosig schimmerten.
„Weder ist mein Dasein in Pickelmitteln ersoffen, noch schabte ich mir mit Feilen meine Fleischerhände rund, wie es die ‚guten Esser‘ in ihren Designerbauten tun. Ich bin ein von Regen und Erde durchwirkter Ballen Trauer, hoffentlich erfrischend im Abgang.“
Die abgeerntete Natur, das fortgeholte Vieh: ich bin der Leib dessen, was war! Mein Hochamt ist keine Hülse aus Fleisch, es ist die Wahrheit des Verblichenen und des Erschöpften. Was vom Herbst und vom Winter übergangen wurde, es ist meine Zuflucht: hohle Stümpfe, erlegte Blüten, verwitterte Kreaturen, erstickt vom Schmutz, geschwärzt vom Schnee, zerrissen vom kalt kalkulierten Stacheldraht. Damit behelligte ich die Welt, damit kam ich ihr!

Aber selbst in der Weltfremde der Schachspieler glückten mir so keine Lieder: spätestens als die jungen Kameraden anfingen, mit Mädchennamen zu handeln, suchte niemand mehr nach einem Reim für das Ganze. Auch kein Gedanke mehr daran, mich mit einer Faust zu beehren. Man schloß mit mir ab wie mit der Erde, die auf den Gräbern liegt.
„Sie sind anstrengend!“ versucht die Vollbusige mich abzutun, als sei ich ein Sack voll mit den Resten einer schlechten Ernte.
„Sie! Sie können einen Grashalm nicht von einem anderen unterscheiden!“ werfe ich mich rücklings auf die Wiesen meines Daseins, und es ist mir gleich, ob mein Wurf mich betten oder brechen mag. „Was immer Ihnen beim Anblick eines Grashalms hochkommt, es ist kein längst vergangener Schultag in einem Neubaugebiet, kein zu Bett gehen am Ende der Saison, kein Regen, der um ein verlassenes Wartehäuschen zieht. Was Sie sehen ist grün oder dürr oder irgendwas, und damit gehen Sie um, als wüssten Sie auch nur mit einem einzigen Ding auf dieser Erde zu sprechen.“
Wie eine Zielscheibe, die wegklappt, entzieht sich der Horizont meinem Gestiere: hat man mich dort nicht gemeint, war alles bloß ein blindes Wuchern, dem ich als Blüte vorstehen wollte?
Wohl nahm ich die Hahnenfüße überall für wahr, aber stets auf die Weise, dass sie vom Himmel gezogen und nicht von der Erde gelassen wurden.
Wie aber, wenn die Hahnenfüße der Himmel gewesen sind, und mein Himmel nur ein Abbauprodukt dieser Erdfrüchte?
Die kriechenden Ausläufer des Hahnenfußes, ohne jede Rücksicht in ihrem Tun, die mit ihren knotigen Enden bei Nacht auf mich wirkten wie ein endloses Geplätscher aus Fruchtwasser und Urin.
“Wo ist Ihr Grienen abgeblieben?” tut die Vollbusige kumpelhaft. „Hat es sich am Ende aufgemacht in Richtung eines anderen kranken Kerls, jünger und voll mit frischem Irrsinn?“
Ha! Auf welche Weise sollte die Tatsache, dass mein Grinsen desertiert ist, meinem Restbestand an Dasein abhelfen? War mein Dasein jemals König, dann stand es seit seinen Kindertagen im Matt, und es wird auch auf kein Brett mehr gestellt werden – nimmermehr zum Spaß aufgegriffen von hübschen Händen: allesamt henken sie längst nicht mehr im Namen eines (als Schulhof getarnten) Gerichtshofes, der selten etwas anderes für mich übrig hatte, als den Strick.
„Mein Grinsen ist nicht meine Kirche!“
Mein Grinsen war den Mäulern der japanischen Kriegsspielzeuge nachempfunden, die wir Kinder mit wenigen Handgriffen schussbereit machten. Eine Hommage an die kleinen Plastikfahnen, um die wir in endlosen Sommertagen kämpften.
Im Schachverein, ja, da wollte ich den Holzfiguren mein Grinsen beibringen, da wollte ich so tun, als könne ich sie formen (in etwas Hochwohlgeborenes vielleicht, vielleicht in etwas, das der Welt Pflaster auf die Wunden macht), brechen gar. So, wie ich eingebildete Feuerzwinger durchmaß, Steinschreine entzweite und Kanonenkreuzern widerstand, wenn ich mit mir allein durch die elterliche Stube tanzte. Aber schon beim Bauern sammelte sich mein Blut vergebens in den Fingerkuppen, während der Mund im grinsenden Käfig verblieb, mir jeden Begriff für mein Versagen schuldig zu bleiben. Als sei er mit Sargnägeln verschlossen, bis zum Antritt des letzten Beweises, dass hinter dem Gitter aus Zähnen nur eine kleine Stimme matt in ihrem Schweigen gekauert hatte.
„Busen, bin ich etwa nicht Dein Besen?“ flüstert es aus mir.
„Beißen sollte man Sie, brennen lassen in all Ihrer Asche!“ beschwört der Busen die hellbraunen Bauern ringsum, besoffen einer wie der andere. Gewiss keine Brandrede, die mich hinter meinen Zähnen vorzerren könnte: seines Grinsens beraubt, fettreduziert und auf Härte poliert, steht meinem Gerümpel ein Konkursverwalter vor, letztmalig die Form zu markieren, die mich am Stieren hielt und am Schnauben: der Streifen Dämmerung an den Rändern der Dinge, geduldig, was die Schlagzeilen über den Dingen betrifft, weder des Fleisches Schuld noch dessen Gewinn, messbar, ohne je für dieses Maß zu büßen, bloßgestellt und an keiner Stelle erwachsen. Als habe ein Kind über ein halbes Jahrhundert von sich abgesehen, als Wiege so lange zu bestehen, bis der Wiege die Knochen wegbrechen.
„Ich kann mich tauschen!“ mit leeren Augen sage ich das, wie wenn ich ein Lied aus Kindertagen aufsagen würde. „Ein schwarzer Bauer auf seinem Weg über den Rand des Spielfeldes, sich in der königlichen Frucht seines Leibes auszufegen und fortzukehren.“
Ins Nichts stürzen für eine Wandlung ohne Maß, statt als Großbauer im Felde bloß für eine Partie gut zu sein.
Den König, den wollte ich für alle Ewigkeiten knallen lassen, auf Brettern wie auf Steinen, ganz gleich, was für ein Grinsen ihm blutig von dannen gezogen war. Knallen lassen wie einst, als ich mich mit der Spielzeugpistole in die Form eines Königs schoß, den niemand danach fragte, wer er denn sei?
„Soll ich die Fleischwölfe holen, mal eine pralle Schicht von mir streichzart zu machen?“
Mag das Busenwunder zittern vor Furcht, ich könne Haupt wie Leib herunterklappen und nichts sein als schwarzer Himmel.
Das ist es wohl, was mir all das Geplapper entbehrlich machte: ganz gleich, ob meine Kameraden einst zu den Düsenjägern schwärmten, zu den Superboys oder zu den Raubvögeln, bald musste jeder aus seinem Tag fallen. Ich aber bin Nacht geblieben, eine Nacht ohne Dasein. Die Augen dabei wie zwei Gaslichter, ob in ihrem Rund noch etwas wachte, dem sie leuchten konnten?
Die Vollbusige aber, sie würde schlafen, schlafen würde sie. Unruhig und mit offenen Mund. Arme wie Beine wälzten dann ihr Erdesein durch die Jahreszeiten. Mal trug sie im Schlaf Handschuhe, mal Blazer, mal tat sie sich etwas Aprikosenfarbenes an, mal gefiel sie sich in Khaki: ein prächtig aufgeblasener Strandball, dabei lasch genug und spielbar, der auf sein Maß an Kicks kommen wird.
Gehängt über die vollbusigen Blasen des Erdenreichs, formte ich endlos Sterne und schwärzte sie, damit unter mir ja alles ausgemacht blieb. Wo ich auch hineinlärmte, es sollte dem Erdenreich verbleiben als eine gelöschte Erinnerung aus der Schulzeit.
„War nur ein alter Irrsinn!“ wische ich mit der Hand über meinen Kopf. „So ein Rudel Fleischwölfe ist noch von jeder Sitte weggesperrt worden. Da bekam ich schon die einfältigen Hände meiner Vereinskameraden nicht von deren Kinderaugen.“
Mal zieh ich meine Kameraden des Griffes nach dampfenden Müttermündern, mal verglich ich ihr Dasein mit dem einer Blutwurst. Vergebens. Bereits mit jungen Bärten ist kein Handeln mehr. Schwellende Körper, die gerade noch Sinn hatten für das Kassenhäuschen vor dem Liebesmahl.
Hingegen ich gedieh gleich einem Kakteengewächs, bald zwei Meter hoch aus meiner Steppe. Frei von breiten, schweren Kreuzen und einer ausladenden Scham, als fehle mir jedes Mark.
„Nein, eine Nutzpflanze bin ich niemals gewesen, gnädiges Fräulein, nirgends ein Abgang an Milch und an Samen!“
Keineswegs haute ich in die Butter, wie manch reizbarer Stoffwechsel von den kickenden Frühchen aus meiner Jugend. Stets begnügte ich mich mit wenigen Tropfen Morgentau.
Den Kameraden sprangen ihre Augen unzählige Male aus den Höhlen, während meine auf sonderbare Weise einfielen: sie wandten sich ab und zogen zurück in Unbewusstheiten, denen der Mutterleib so gleich ist wie ein Sarg. Geleibt und gesargt schwankte und polterte ich in meinem Kopfknast umher.
Und als ein Hübscher nach dem anderen händchenhaltend heimkehrte ins Kameradensein, schloß Stille mir die Gruft.
Mit verriegelter Brust grüßte ich jene ersten Eroberungen, die bald an den Mädchenbrettern saßen: ‚Verführen ist auch ein Führen!‘
Nimmermehr reckte ich den Kopf nach fremder Leute Partien. Gepaart verblieben meine Kameraden mir fortan als das Vorabendprogramm des Erdenreichs.
„Vielleicht hätte ich Ihnen mehr am Busen gehangen, gnädiges Fräulein, wenn ich denn an einem Körper saugen könnte, ohne bald Hunger leiden zu müssen und Kälte.“
Die Gegenwart einer schwindenden und verderbenden Blüte war mir zu keinem Zeitpunkt Beweis genug für eine irdische Frucht, die ich hätte liebhalten sollen.
Frei von den Unwettern der Geschlechtsreife, frei von den Hübschen, die sich ihr Dasein lang ineinander verknallten, sah ich in den Liebesnestern nur Gräber, zwei Meter mal einssechzig klein: Raubvögel, die taten wie Fruchtfliegen, bevor sie sich herzten und neckten mit den Resten der von ihnen erlegten Lebewesen.
Die Vollbusige hält kurz inne beim Abschluss des Kassiervorganges.
„Machen Sie hier bloß keinen Blödsinn!“ lächelt die Vollbusige. Wobei das ‚hier‘, unterstrichen von ihren manikürten Krallen, im Raume stehen bleibt.
„Ja!“ bin ich. Ein Ja zu allem, was ich mir weiterhin antun will. Als würde ein Dasein sich selber aufräumen: wo mein Horizont früher so unruhig schien, herrscht nun ein entschieden gezogener Strich. Keine Träume mehr, keine. Dagegen ein Abtritt Richtung Zukunft, der mir so vollkommen entspricht, ein Abtritt, der hoffentlich weit hinausweist über mich.
„Für den Blödsinn werde ich ein Naherholungsgebiet aufsuchen!“
„Schön“, verabschiedet die Vollbusige mich aus dem Dasein: „Schön!“

2.

Das Taxi kurvt durch ein verdunkeltes Erdenreich: Stätten des Nachtlebens, mit Fackeln verkleidet und rüde im Einlass; hinterlassene Zweckbauten, komplettsanierte Stapel von alten Steinen, wie sie von frisch Vermählten als ‚Traum‘ bezeichnet werden; ein kaserniertes Abwohnen, mit Logen für die Warte; Altglas vor grauen Arkaden. Über allem Reklame. Reklame! Auszuverkaufende Ware, wie sie sich ihre Menschen produziert: voll auf die Augen gibt sie einem Erdenreich, das ansonsten so leer ist wie die Kartons vom Versandhaus, wenn sie im Müll gelandet sind.
Aber wovon redet der, wovon redet der schon wieder? Reicht das Design bis an die Flanken und hinab zu den Fesseln, hält es ein Dasein aufrecht, mindestens. Angepasst an Kleidungsgrößen, die man eher ‚Kleinen‘ nennen sollte.
Zwischen knutschenden Kleidungskleinen, wie sie durch die Stadt brandschatzen, und verkohlten Regelfällen, denen mit Hingabe nachgetrauert wird, bleibt es einem Dasein selten erspart, sich den Säcken voll Plünnen anzudienen.
Mit links streicht der Taxifahrer über sein Haupthaar, das in Pomade getränkt ist für fünfzehn Runden im Ring.
„Der Staub geht heutzutage nicht mehr in Runde drei zur Erde“, merkt er an.
„Bei all dem vielen Gebete und Geboxe kann auch mal einer das Handtuch schmeißen!“ Ich deute einen jungenhaften Wurf an. „Am Ende des Schienenverkehrs habe ich den Tod günstig im Angebot gefunden.“ Das sage ich, als sei der Tod eine Strafarbeit, die mir aufgegeben worden ist.
„Die Preise lassen sich da schwer vergleichen.“ Der Taxifahrer will, dass ich noch lange Taxi fahre. „Es kann hernach ja keiner eine Bewertung schreiben, von welcher Art sein Tod gewesen ist.“
„‚Geht so‘, würde mir genügen.“
„Fassen Sie Ihren Abtritt so viel besser ins Auge, als wir Tempeldiener? Alles in Ihnen, was weiterhin da sein will, wird Ihren Leib in Brand stecken, bis der letzte Scheit zu Asche zerfallen ist.“
„Sei es wie es ist: was einer am Kreuz erleiden mag, ich werde mich davor nicht zieren!“ trotze ich. Und so lange ich noch dazu aufgelegt bin, mir Fragen zu stellen, wird es die sein nach einem guten Tod: nicht frei von Schmerzen, aber frei in Ort und Zeit.
„Und wenn Sie zu bellen anfangen, sterben wollen Sie nicht!“ Mit Lust tritt der Taxifahrer aufs Gaspedal. Die Lichter eines Tunnels rasen über uns hinweg. „Mein Herr, Ihre Reden gieren nach jeder erdenklichen Art von Rettung, nach einem Wärter für Ihren Käfig, nach Rauchzeichen am Himmel oder wenigstens nach einem Code für unser Dasein hier.“ Der Taxifahrer betont Wort für Wort, als gelte es, Sonderkonditionen auszuhandeln. „Wenn einer gewillt ist, sich als Narr aufzuführen, dann Sie. Ein Narrenkostüm, richtig mit Schellen und so, im Tausch für eine Erinnerungen an Sie.“
„Das bisschen Anstand fordere ich vom Erdenreich, ja.“
„Welch ein Leiden hat Sie geschaffen, dass Sie darauf aus sind, all den Daseienden etwas hinterlassen zu können, ja, zu müssen?“
„Vielleicht, weil auf Erden keine Faust mich zum klingen bringt? Ich bin mehr als das kurze Aufmerken in den Armen von Freund Hein, wie wenig das Erdenreich durch unser Fortsein aus dem Tritt gerät.“
Bestenfalls ein Zögern, ein leiser Schritt zwischen zwei festen, weiter wälzt sich das Erdenreich, immer weiter.
„Was vermag Ihre Hinterlassenschaft, was eine Faust nicht regeln kann?“
„Ich bin der Frevel, mit dem das Erdenreich seine Löcher füllt.“
„Sie frevelndes Kind, Sie werden niemanden ernähren!“ Der Taxifahrer studiert die Straße, als wäre der Straßenbau die einzige Wissenschaft des Daseins. „Ihr Kinderkram, den Sie aus Kisten schütten, die niemand je gesehen hat, ist nur ein Haufen Schutt zwischen Ihnen und dem Erdenreich.“
„Ein jedes Ding, das mich an einem Ende erschuf, erschlägt mich am anderen Ende. Als hätte ich Staub in meine Fäuste genommen, mich so in den Abgründen des Fortseienden zu behaupten.“
„Zurück bleibt das Bild von einem zusätzlichen Esser am Tisch des Erdenreichs.“
„Für mehr Dasein wollte ich sorgen, für Leben gar, und jetzt belasten ein paar weitere Tonnen voll Abfall das Erdenreich!“
„Sie Zechpreller!“ lacht der Taxifahrer.
„Immerhin verzichte ich auf die Nachspeise!“
Mein tatsächliches Schaffen, mein rentenversicherungspflichtiges Tötungshandwerk ist mir Grund genug, vom Erdenreich keinen Bissen mehr anzunehmen.
„Mit allen an der Schlachtlinie können Sie sprechen, mit dem Inhaber des Schlachthauses…“
„…dass Sie ein halbgebildeter Möchtegern sind?“
„…dass ich das Blut des Daseins nicht verschwendet habe, dass ich, im Gegenteil, überall im Erdenreich nach ihm fahndete!“

„Ihre Schürze war nicht über und über mit vergossenem Blut befleckt, wenn abends die Beile und Messer beiseitegelegt wurden?“
Der Taxifahrer ist sichtlich bemüht, mir kleinem Klosterbruder zu zeigen, was ich wirklich für einer bin.
„Während meines Weges zur Schlachterei ward ich stets aufgereizt durch das biblische Maß der Reklametafeln, die handelten von prallen Eutern, welche erst durch den Opferdolch ihre Vollendung finden würden, erschöpft in genussvollen und herzhaften Augenblicken auf den mit Tischdecken versehenen Altären.“
Ich gestehe das, als wäre ich aus einer Schar stummer Schüler zum Beichtvater zitiert worden, in jeder Ecke meines Daseins nach dem zu kramen, was die Erwachsenen als ‚Sünde‘ vergeben wissen wollten.
„Beim Schlachtvorgang empfand ich mich als ein biblischer Fuchs, der Schulkindern kleine Würstchen in die Brotdosen legte und gleichzeitig ein eingepferchtes Dasein von der Last allen Fleisches befreite.“
„Münder mit Milchzähnen, die Sie stopfen wollten mit seelenlosen Leibern?“
„Während ich das Fleisch für die Daheimgebliebenen zerteilte, scheute ich mich nicht, Lobgesänge aus dem Tempel anzustimmen.“
„Gegen die Aufspaltung des Gemüts in eine Fressbude und einen Sonntagsstaat!“ schnalzt der Taxifahrer.
„Für den Bock im Schöngeist!“
Allzumenschliche Bluträusche sollten mir als bewusste Angelegenheit verbleiben. Keinem Messias wollte ich es je gestatten, meine Schweinereien aufzuwischen und einen Singsang daraus zu machen.
„Vertrauen Sie Ihr Taxifahrersein dem Tempel an?“
„Würden Sie mich deswegen anspeien?“
„Gut möglich, wenn Sie an unserer Laderampe um einen Festtagsbraten für den Tempel nachgesucht hätten.“
„Ein schlichter Mitarbeiter sind Sie gerade nicht gewesen, was?“
„Ein Kamerad oder gar ein Freund war ich niemandem.“
„Keine sonderlich geführten Beziehungen?“
„Ein Stück weit hielt ich Händchen, das blieb nicht aus.“
„Fühlten Sie die Ausscheidungen fremder Leute auf Ihrer Haut?“
„Ich blieb dabei ganz und gar ein Abstrich der Wissenschaft. Als würde man das Innere einer Petrischale küssen.“
„Keine Expeditionen ins Feuchtgebiet des Zwischenmenschlichen?
„Was fragen Sie?“ höre ich mich pampig werden.
„Bitte, nur zu!“ Der Taxifahrer gefällt sich als Mann der großen Geste. „Ich habe Sie jetzt einige Kilometer weit begleitet durch Ihre Nacht, gönnen Sie mir nun auch etwas von Ihrer pickelnasigen Empörung!“
Seufzend gebe ich ihm zu verstehen, dass das Fleisch junger Stuten (egal ob man es streichelt oder danach grapscht) sich nicht anders anfühlt, als das Fleisch eines hinfälligen Kleppers.
„Darauf gleich noch eins mit dem Beil!“
Der Taxifahrer grinst über seinen Herrenwitz.
„Dieser Betrug der Geigen und Klaviere!“ schnaubt meine Pickelnase. „Spielen groß auf, wenn im Kino Liebe gemacht wird, als erklömmen Engel das Himmelreich. Tatsächlich aber wühlen sich Bettler ins Erdenreich, fortan dessen Gärten zu verschmutzen.“
„Glück“, stellt der Taxifahrer fest, „Glück war vielleicht mit dreizehn zuletzt eine Währung für Sie.“
„Einen jungenhaften Hang zum Glück im Spiel will ich nicht bestreiten.“
Einige Schachbücher fand ich noch vor beim letzten Kehraus. Weltmeister dieses Zeitvertreibs wollte ich werden! Kaum glauben mochte ich meine Kritzeleien an den Rändern der durchgearbeiteten Werke über diejenigen, die stolz umhergingen als Großmeister im Bewegen kleiner Klötze.
„Und wann gab man Ihnen aufs Maul, dass Ihr erspieltes Glück so nichtig war wie ein fortgeworfenes Kalenderblatt?“
„Da meine Füße und Hände mit keinem Ball etwas anzufangen wussten, ward ich schon früh betrachtet als einen abgehängter Güterwaggon, dessen Fracht höchstens Angst machte.“
„Ja, wenn man erstmal vom Güterverkehr abgekoppelt ist… Können Sie es anderen nicht besorgen, wird es Ihnen auch niemand besorgen.“
Als Dienstleister pflegt der Taxifahrer einen rustikalen Umgang mit dem, was sich ‚menschliches Miteinander‘ nennt. Er könnte sich wohl bei voller Fahrt von seinem Platz in der Gesellschaft auf den Asphalt stürzen, ohne vom Erdenreich sonderlich etwas zu vermissen.
Der Taxifahrer lacht: „Großgewordene Babys, die zeitlebens nach jemandem suchen, der ihnen die Windeln wechselt.“
„Verbraucher!“ fluche ich. „Trotten mit Tüten voller Eis nebenher und sprudeln wie Limonaden, wann immer es um ihr Durchgereise geht und was für ein Theater sie dabei veranstalteten, als hätten sie auf dem Berg Sinai das Leben begafft.“
Stehen Schlange für ihre Räusche und vermerken jedes ihrer Besäufnisse mit einer Feierlichkeit, als sei das Saufen die vornehmste Art, sich vom Getier zu unterscheiden. Dabei keineswegs übermannt von der niederen Tempelaristokratie, in deren Armen man gröhlend sein Bäuerchen macht.
„Am Ende bleiben drei Lagen Friedhofskies, die sich schwerlich geißeln lassen.“
Ich schaue mich um, als sei das Taxi der Kriseninterventionsraum einer Psychiatrie. „Gefühl will ich nicht sein, sondern Haltung!“ mache ich die Stille an, ehe der Taxifahrer mir die Freiwilligkeit meines Dasein bescheinigen kann. Vielleicht mit einem Verweis auf die Todesmärsche geschlagener Landser, wo jeder nach eigener Lust den Wegesrand zur letzten Ruhestätte bestimmte. Ein so freimütiges Fortschaffen des eigenen Fleisches, dass kein wie auch immer geweihter Boden sich dem verweigern konnte.
„Ich bin nicht Zehntausende!“
Der Taxifahrer blickt mich an mit Augen, die schimmern wie zwei weit entfernte Lagunen: „So hemdsärmelig, wie Sie allem kommen, sind Sie nur ein wütender Strich mit dem Wachsmaler. Ein Stück ausgerissenes Papier in einem stillen Kinderzimmer.“
„Eher eine tiefe Furche in den Fahrplänen der Heranwuchernden, ein Schwärzen ihrer Male, ein Begraben ihrer Schmökerecken, ein Fortschaffen von all dem Schall und all dem Rauch, um den sie sich sorgten.“
„Dafür, dass Sie mit dem Pflug unterwegs gewesen sind, torkeln aber weiterhin ziemlich viele Pappnasen durch die Vergnügungsparks.“
„Für das Eingeborene kann ich nichts“, ratlos wie eine Ameise auf dem Ameisenbau. „Gegen die vielen stolzen Haufen im Wald kam ich schwerlich an. Aber ich konnte Widerstand leisten gegen deren Befürwortungen. Ihre Begrifflichkeiten wollte ich ihnen streitig machen, ihre Wertschöpfungen!“

Ein jahrzehntelanges Boxen in der Wildnis, niedergestreckt von jeder Flasche Fusel, niedergestreckt von einer Unbekümmertheit, die nach einem ‚Sex on the Beach‘ verlangte, während sie ihre Steaks ‚bloody‘ aß, die über das Erdenreich herfiel, als bestünde es bis zu den Knien aus Rasseln.
„Sahen Sie währenddessen auch auf Ihre Schlachterschürze hinab, was für eine Existenz Ihnen da am Leibe hing?“
„Besonders auf meine Kampfstiefel, die jeden Abend ausschauten, als hätten Lämmer sie fröhlich mit roten Farben bemalt.“
„Konnten Sie diese Zeichnungen jemals deuten?“
„Ich dachte daran, dass die Lämmer mir vielleicht das Sonnensystem zeigten, in das sie gereist waren.“
Als wollte mein Dasein sich schützen, indem es über blankes Entsetzen das Leichentuch des Unverstandes breitete.
„So im Blute stehend, findet einer dann sein Heil bei den Schlachtfesten der Ahnen?“
Schwarzweiße Lichtbilder, die von Würsten handeln und vom ordentlich Reinhauen (mindestens einen Teller voll hatte man zu schaffen), zärtlich beschriftet von manikürten Händen: „Gäbe es kein Himmelreich, wüsste ich das sicher, ich würde meinem Dasein sofort ein Ende setzen!“ zitiere ich den verwunschenen Vater. Und durch das ein wenig heruntergelassene Fenster des Taxis duftet es nach dem Fleisch vergangener Frühlinge. Selbst dann noch, als ich die schmiedeeisernen Minusgrade der Winternacht in Abzug bringe, die sich vor dem Taxi erhoben hat wie eine einzige große Wahrheit.
Sieben, vielleicht acht Jahre stand ich im Dasein, als der verwunschene Vater während eines Abendmahls so zu seiner Familie sprach. Kassler im Blätterteig gab es, dazu Fischpaste auf Baguette. Das alles hatte der verwunschene Vater mitgebracht ‚aus der Stadt‘, und ich konnte mir lange nicht vorstellen, dass es im Himmelreich schöner sein sollte als in dieser Stadt, aus der mein verwunschener Vater jeden Abend heimkehrte.
Gefügt in ein buntes Mobile aus einspurigen Straßen, Bauspielplätzen und Flohmärkten, bestand ich aus krakelige Schulaufsätzen, die umgeben waren von alten Eichen, welche sich neigten, wann immer ein biblischer Wind durch die Höfe zog.
Auch ein kleiner Friedhof drehte sich still am Rand des Mobiles, darauf ein Grab, das keinen Stein hatte. So ward das Auge des Kindes gelenkt auf die Stümpfe, die inmitten der Eichen ihren Platz hatten: ob im Treppenhaus oder in all den Kellern, die erfüllt waren von den Spuren vergangener Mietparteien, das Kind fühlte bereits, welch ein Fortsein überall herrschte.
Dem Fortsein weit mehr ausgesetzt als das Kind, fand der verwunschene Vater seine Bestandskraft im Tempel am Ende der Chaussee. Unser sonntäglicher Tempelgang die Chaussee entlang wart von allen Banden das stärkste Band zwischen Vater und Sohn. Geduldig wurde ich auf der Chaussee an jahrtausendealtes Brauchtum herangeführt. Lesen konnte ich noch nicht so richtig, aber das Glaubensbekenntnis der Meinen vermochte ich fehlerfrei aufzusagen.
Mein verwunschener Vater ließ keinen Zweifel daran, dass der Glaube an den Sinn des eigenen Tuns zu vernachlässigen sei. Bedeutsamer blieb ihm das Tun an sich, das stete Ausüben des Glaubens.
Bald äffte mein kleiner Körper jedes Kreuzzeichen, jeden Kniefall nach. Ein Kind, welches sich bereitwillig den Reizen der Kirche ergab, in die es hineingeboren ward.
„Wuchsen Sie zum Wohlgefallen Ihres Vaters heran?“ der Taxifahrer wirkt wie aufgezogen in seiner Wissbegier.
„Bald gelangte ich hinaus über die Gegenständlichkeit, die Kindern eigen ist: anstatt weiterhin das Gespräch mit Puppen zu suchen, tauschte ich mich im Kirchenschiff brabbelnd aus mit den Sakramenten der römisch-katholischen Chausseegemeinschaft.“
Besonders der Taufstein hatte es mir angetan. Ein ums andere Mal strich ich im Geiste über den Rand seines Beckens, das (wie alles an ihm) härter war als jede Faust, über die Spuren des Weihwassers, welches entlang der Chaussee zahlreiche Kindsköpfe gesegnet hatte.
„Allein meine Blüte stand bald deutlich gegen das, was mein Vater mich lehren wollte.“
Hager und unbeugsam ragte ich zwischen den Ruderbänken des Kirchenschiffs empor. Selbst Vaters härenes Hemd hätte ich getragen mit der Hoffart eines ewigen Daseins. Eine Hoffart, welche sich wie Natterngift ins junge Blut mischt.
Dem Selbstverständnis der Chaussee nach musste jede noch so vollendete Ausübung des Glaubens von Übel sein, diente sie nicht dem Anhäufen von Schätzen in einer ‚Himmelreich‘ genannten Sparkasse. Deren Bankrott hätte wohl die gesamte Chaussee zum Äußersten getrieben.
„Mein Vater setzte mir die Sonnengesänge der Heiligen auseinander, ka la morte secunda nol farra male, lehrte vom Tod im Fleische als einer Schwester des Lebens, die es zu kosen gelte.“
Er führte Psalme ins Feld, ließ mich, während einer Sommerfrische auf dem Bauernhof, erstmals das Gebaren des Schlachtviehs studieren. Wie es im Blute sich wand und dann vollend still lag.
Mein verwunschener Vater drang mit den Bildnissen mannhaftester Schlachten ein auf mich. Er behelligte mein Spielzimmer mit jedem Kanonendonner der Weltgeschichte. Mal suchte er mich zu entsetzen mit ekelerregendem Gebein, mal mit kaltgestellten Dirnen. Er rang auf unerhörteste Weise um das Seelenheil seines Sohnes. Vergebens.
„Ungebrochen aber irrlichterte der Wahnwitz der Unsterblichkeit durch mein Jungsein.“
Ein wehmütiges Jungsein zwar, aber gewiss kein Reifen auf dem Kreuzweg der Chaussee.
„Ihr Herr Vater legte schließlich Hand an?“
„Er tat das als ein biblischer Abraham, der vor keinem Opfer zurückschreckte.“
„Und, behob er so Fehl und Tadel in dem Stück von seinem Fleisch, das er aufgezogen hatte?“
Vor der vollständigen Aufnahme in den Tempel stand ich. Mehr denn je ging es also den Vater an, aus seinem Sohn einen Kelch zu formen, in welchen die Kraft des Heiligen Geistes ungeschmälert strömen konnte. Und was endlich vermochte ein Vater dem Sohne mehr zu bedeuten, als eine letzte Lektion?
Ohne ein Wort wartete mein verwunschener Vater im Türrahmen des Spielzimmers, während die Augen seines Sohnes sich blinzelnd ins Dunkel einfanden.
Ich war niemand, der an Ort und Stelle hinterfragte. Stets ließ ich einwirken, was sich meiner bemächtigte. Nichts Tatsächliches wollte ich beflecken mit dem fruchtlosen Trachten nach Aufklärung.
Grußlos trug ich ein abgelegtes Hemd des Vaters auf, zur Hose aus lindfarbenen Cord griff ich. So nahm mein Vater mit mir die Chaussee ein letztes Mal in Angriff. Zwei Spuren im Staub des Kleinglaubens. Zwei flüchtige Geister, die sich durch eine heilende Rekonstruktion versöhnen wollten mit alledem, was ihnen untergegangen war.

Als unsere Kirche sich aus der Nacht erhob, gingen mir die Sterne auf. Tore, von stürmischen Böen gestärkt, rüttelten an den Mauern, die sie hielten.
Vater geleitete mich durch ein Kirchenschiff, das klein wirkte und fremd, als könne es mich nicht mehr lange tragen. Niederknien hieß er mich vor dem Taufstein, der unbeteiligt auf mich hinabsah. Scheinbar konnte der Taufstein sich nicht erinnern an das Erzeugnis eines schnellen Wiederaufbaus, nach Jahren rasender Sündhaftigkeit.
Das Kruzifix auf dem Altar stand scharfkantig im matten Licht kleinbürgerlicher Andachten, die allesamt von der Chaussee handelten.
„Und dann sind Sie mit Ihrem Vater zur Kanzel hinauf?“ Von weither die Stimme des Taxifahrers.
Zuvor löschte mein verwunschener Vater jede einzelne Kerze im Kirchenschiff. So vertraute er uns dem Licht des abnehmenden Mondes an, der stillstand hinter Kirchenfenstern, auf denen jahrhundertealte Bildnisse vom Fortsein die Runde machten.
„Und dort lehrte Ihr Vater Sie was?“ nun doch etwas ermüdet von meinen Offenbarungen.
„Eine Wiege lehrte er mich, eine prächtig geschmückte Wiege, die sich verbarg hinter dem Taufstein, der einst meine Geburt beglaubigt hatte.“
Wir bekreuzigten uns. Lautlos formten unsere Lippen sich zum Gebet.
Als ich versuchte, aus der Ferne durch den weißen Schleier der Wiege zu spähen, sagte mein verwunschener Vater: ‚Es ist ein Junge, es ist mein neuer Sohn!‘
„Mutter!“ so laut, dass der Taxifahrer beinahe das Steuer verreißt.
Ich kehre mich fort, die Kanzel hinab bis auf die Grabplatten. Mein Blick verirrt sich zwischen den Kirchenbänken, wie sie im Licht der Morgenröte wirken, als seien sie jeder Seele im Erdenrund gewidmet. Aber nirgends kauert mein Schöpfer mehr, kein Beichtvater scheint länger bereit, mir irgendeine Sünde zu erlassen. In ein leeres Gotteshaus sehe ich, und leer sieht das Gotteshaus mich an.
„Mutter!“
Jenes kleckrige Ausgestalten fremder Formen, jener Stab Erziehung, der sich am Ende bloß reimt auf Erwerb, will man nicht steten Handel mit dem Teufel treiben.
Mutter, wie sie bleich in Vaters Messe saß,
zwischen Becken voll pütscherigem Weihwasser und Putten für den Friedhof.
Immer sind die Preise zu hoch und zu gering die Aussichten. Könige, die begraben werden wie Esel, durch Hintertür und Dachluke fortgeschafft, hinausgeworfen vor die Tore der Stadt.
Nein, fürs drollige Dreinschauen und niedliche Lautgeben wird einem höchstens der Bonus für Haustiere gewährt, die von der Schlachtung ausgenommen sind.
Ich werfe die Flügel des Kirchentores auf, als würde ich ein Spielzimmer hinter mir lassen. Mit ausgebreiteten Armen stehe ich halbstark in der aufgehenden Sonne, aber auch alt, maßlos alt.
Ich schließe meine Fahrgastaugen: auf einem Gottesacker sehe ich Mutter stehen, wie eine Klagemauer steht sie dort. In der Ecke für die Selbstmörder. Auf ihren Wink hin erheben sich vier Gestalten, Hüter der Totenruhe, Sargträger. Sie nehmen ein schlicht gezimmertes Rechteck in die Mitte. Und zwar so, als hielten sie ein Wort und nicht mehr.
‚Das Erdenreich war nicht Deine Wiege, Heimweh musstest Du leiden. Nun hast Du Dir unseren Himmel von den Augen gerissen, Dich zu scheiden von allem, was Erde ist. Mögest Du auf ewig leichter sein als die Luft, die wir atmen!‘ So beschließt Mutter die Angelegenheit.
Nachdem der verwunschene Vater meiner Mutter die Messe gelesen hatte, suchte ich mein Heil im Typischen, als nähme ich Menschen wie Werkstücke wahr und versähe sie mit Preisschildern. So ließ ich das Andenken meines verwunschenen Vaters verstauben und entweichen, unerbittlich auch die letzte Erde, die er sich bewahrt hatte aus den Gräbern seiner Ahnen.
Dann aber taten Erinnerungen ihre Augen auf, dass es zum Schreien war. Meine Hände, nicht länger von Gebeten in Anspruch genommen, griffen nach den Resten meines verwunschenen Vaters, die versiegelt waren wie ein amtliches Dokument, als sei dem verwunschenen Vater beim Übertritt in eine andere Welt selbst die Luft zum Schrei nicht mehr vergönnt gewesen.
„Verirrte Ihr Herr Vater sich an den Busen einer jungen Nixe?“
Der Taxifahrer weiß, dass neue Söhne selten von alten Müttern stammen.
Meine Lippen aber sind mit Stacheldraht versiegelt. Ich will nicht länger auf eine Luft aus sein, mit der ich niemanden diene.
Den Amtspersonen, die sich Zutritt verschaffen werden, habe ich notiert, bei welchem Bestatter ich in Vorkasse gegangen bin. Auch dafür, Beileidsbekundungen jeglicher Art abzugelten mit einem kräftigenden Leichenschmaus im ersten Hotel am Platze.
Wäre die Stadt mehr für mich gewesen als ein Brotbackautomat, hätte ich mich wohl einer Folklore ergeben, die jede Stulle mit einem Halleluja begrüßt.
Nein, ich bin nicht die Gulaschkanone, die ein Volk unterhält, ich bin nicht der Crowdmanager, der die Gräber absteckt. Wer sich für Gipfelpunkte begeistert, für Todeszonen, der sollte das, was ihm zum Atmen bleibt, nicht fürs Marktgeschrei vergeuden.

Der Taxifahrer nickt, als wir vor einem Hotel garni zum Stehen kommen. Beinahe höre ich, wie er im Geiste ‚Bingo‘ ruft. Vielleicht fehlt ihm zum Jackpot noch der Eingehungsbetrug gemäß Paragraph 263 Strafgesetzbuch (sich ein Taxi nehmen und nicht zahlen können), vielleicht das Gebarme eines Hagestolzes, was es heiße, nach so vielen Kinovorstellungen einen Schuhkarton beziehen zu müssen. Aber mit den drei Zwanzigern, die ich auffächere vor seinem Gesicht, entscheide ich mich für die Vorzüge unserer Konsumgesellschaft, ein stundenlanges Miteinander durch zwei Worte harmonisch beenden zu können: „Stimmt so!“
In den abseitigsten Unterkünften stehen Fernseher bereit! Elend produziert Gaffer, Gaffer produzieren Gaffer, Gaffer produzieren Elend: belobigte Hinterteile, denen die Vorderteile abhanden gekommen sind, Biografien ohne Pfiff, Quotenbringer, wie sie die Kanäle pflastern mit Erregerinnen und schussfreudigem Gebein.
Brummifahrer steigen mit mir ab. Mehrbettzimmer. Schweiß. Vorkasse. Ich habe das Einzelzimmer am Ende des Ganges. Leichtes Gepäck. Preiswerte Letztausstattung. Mein Notizbuch, in das ich alles übertragen habe, was ich jemals gewesen bin. Knapp gehalten und klein. Hausstandsauflösern sollte man nicht dumm kommen. Arbeitshandschuhe stelle ich mir vor, Overalls. Ob handelsübliche Müllsäcke verwendet werden? Dann könnte jeder seinen Kram gleich selbst entsorgen: Urlaubsfilme entwickeln, durchschauen, ab in die Tonne! Wäre mal eine Erfahrung.
Kleiderbügel aus Draht sind ehrliche Zeitgenossen. Auch mit der Funzel an der Decke schloss ich gleich Freundschaft. Über Absteigen habe ich früher in Romanen gelesen. Nun bringe ich Stunden damit durch, mein Zimmer von allen Seiten zu betrachten. Zimmer haben so viel mehr Bestand als die Menschen darin. Erfahren will ich jenen Weltenraum mit der Zimmernummer 16, in den Reisende aller Epochen etwas von ihrem Gepäck hineintrugen.
Während meines Dienstes an der Waffe genoss ich die Kritzeleien auf den Spinden: ‚Ich war hier am…‘ Wehrpflichtige, wie sie die Tage herunterzählten und sich dabei übten im Vorausahnen dessen, was man zu ihrer Zeit unter Freiheit verstand.
Frei bin ich ja nun gewesen. Erspart habe ich mir den kleinsten Nenner, der in jeder Gemeinschaft zur Größe gelangt. Investitionen in das Feuchtbiotop der Rotten und Rudel sind meine Sache nie gewesen. Entsprechend hoch nun die Zeche, die ich alleine zu tragen habe. Einsame Jäger sind des Todes, das weiß jedes Rudel. Dasein als eine Frage der Beute, Dasein, das tüchtig bewirtet werden will.
Obwohl schon das Feuer des Schwenkgrills mich beunruhigte, bestaunte
ich viele Schlachtfeste. Abseits, mit meinem Pappbecher Wasser. Ich habe Rudel gesehen, die um der Gaudi willen kauten, nagten und rissen. Vor allem junge und jüngste Gebisse hinterließen Eindruck, wie sie bereits konnten, ja, mehr Biss zeigten, als manch Altvorderer.
Im Angesicht solcher Speichelflüsse nahm ich mich zurück, bis ich den Halt der Fleischerhaken fühlte, Hand in Hand mit ihnen das Wesen der Rudel zu ermessen und zu gewichten.
Der Ledereinband meines Notizbuches fühlt sich an wie der Friede auf Erden. Hunderte eng beschriebene Seiten mit Maßen und Gewichten. Eine Rechenschaft für all das, was viele jauchzen lässt vor Glück: ‚ein Mensch ist geboren!‘
Hier sitzt er nun, dieser Mensch. Als möblierter Herr, inmitten unbeachteter Zahlenkolonnen.
All die Niedergekommenen, sie sollen sich nur auf die Boulevards trauen! Mit den Glückwünschen im Ohr und den Schnappschüssen vom Geburtstag. Werden sehen, was passiert. Entlang der windschiefen Galanteriewarenhandlungen, die bloß ins Körbchen lassen, was ihnen guttut. Gebildet von falschen Ufern, groß nur bis zum Gartenzaun. Wurstgläubig, selbst knietief in der Asche noch.
Oder ist’s am Ende nur der Wein, der den Gartenzäunen Flügel macht?
Nie habe ich die Nähe zum Wein gesucht. Ich weiß nicht, wie süß Wein schmeckt und wie herb. Ich weiß nicht, wie es sich anfühlt, weinselig Gartenzäune zu verehren. Vielleicht sollte ich mein Notizbuch preisgeben, Maße und Gewichte den Kaufleuten überlassen, vielleicht sollte ich lieber Wein erwerben?
Wein verbindet. Männer mit Frauen. Väter mit Söhnen. Väter mit Vätern. Das Diesseits mit dem Jenseits. Wein muss eine wundervoller Abgang sein.
‚Ist es Zeit für den Wein?‘ war stets meine gewagteste Vorstellung. Mit Wasser lässt sich leben, im Weine hingegen gibt es nichts für lau. Irrsinn, dort wenigstens seinen Spargroschen retten zu wollen. Dem Weine vertraut sich an, wer kein Dasein mehr zu verlieren hat. Schlunde, wund von Versprechungen, wie sie im Weine wieder geschmeidig genug sind, sich neue Versprechen zu unterbreiten. Im Weine feiert man Auferstehung, geht voran, hakt unter, stimmt ein Lied an und fegt das Verbleibende in einen, irgendeinen Trauerrahmen.
Ich stelle mich ans Waschbecken am Ende des Zimmers. Handlungsreisende bilde ich mir ein, Berufsspieler, wie sie im Morgengrauen Katzenwäsche machen. Ausscheidungen einer Phantasie, die zu Kinderzeiten verblüffte und durchaus als Zeugnis von Begabung angesehen wurde… Ja, nun ist es Zeit für den Wein.
An der Rezeption merkt niemand auf. Jenes nächtliche Kommen und Gehen der Reisenden, ihr Absteigen, ihr Fortbleiben, wer soll sich ernstlich daran stören? Man sperrt auf, wenn die Obrigkeit danach verlangt, achtet amtliche Siegel, richtet her: ein rechtschaffener Mensch zu sein, dazu bedarf es wenig.
„Ich suche einen Ort, wo man Wein trinken kann.“
„Jüngeres Publikum?“
Ein Routinier. Besser hätte ich mir meinen Wegweiser ans Ufer des Weins kaum vorstellen können.
„Das Little Nietzsche wird Ihnen gefallen. Studenten. Auswärtige. Gelegenheitsnutten.“
Ich gebe zwanzig Euro Trinkgeld für diese Gefälligkeit. Man wirkt kein bisschen verwundert. Viele alleinreisende Herren, und die Geschichten gleichen sich.

3.

Das Little Nietzsche ist eine jener Gaststätten, die sich selbst als ‚Premium-Lounge‘ adeln. Vielleicht, weil der Wein umso mehr schmeckt, je größer die Welt da draußen ist, die beim Wasser bleiben muss.
Auf dem obersten Deck eines umgebauten Parkhauses gelegen, erwarte ich vom Little Nietzsche die ‚harte Tür‘, zumindest rußfarbene Risse in den bedauernden Papiergesichtern, die der hotte Summer sich abverlangt, wenn er von einem morschen Ast behelligt wird: solch ein Himmel aus Scheinwerfern, Stroboskopen und Lasern müsste schon einen entsetzlichen Hunger auf Brennholz haben, ehe mir dort auch nur eine Pommes zugestanden wird.
Wegen mir werden Abteile gewechselt! Wohl kein Stück Schmalz aus dem Walkman, das in meiner Gegenwart nicht an ‚Smooth‘ einbüßt.
Eine derartige Empörung über das Vorstelligwerden meines abgewichsten Daseins erwarte ich, dass ich mich bereits ducke unter den zu erwartenden Prügeln. Aber nein, man kann das Little Nietzsche so unkompliziert betreten wie eine Irrenanstalt des 19. Jahrhunderts.
Angenehm auch das Personal an der Garderobe, das wirkt, als habe man ihm die Zungen herausgetrennt: wo man sein letztes bisschen Kinderstube abgibt, wünscht man keine Fragen nach dem Warum.
Ein Tresen aus gebürstetem Stahl trennt mich vom Wein. Atemlos fahnde ich nach der korrekten Geste und dem passenden Feldgeschrei. Doch als die Reihe an mir ist, beuge ich mich zu der coolen Herbergsmutter vor wie ein Schwachsichtiger, dem seine Brille abhanden gekommen ist: „Fünfzig bin ich, keine Freundin habe ich je gehabt, keinen Tropfen Wein je getrunken, obwohl ich seit dreißig Jahren fort bin von der Mutter. Schenken Sie mir bitte ein, den reinsten Wein, den Sie haben.“
Wäre natürlich schön, wenn das nun nicht vorüber gehen würde wie die seltsamen Laute eines verendenden Tieres. Tatsächlich aber hält ringsum keine Zitze inne, mir leise ‚Hallo!‘ zu sagen. Und die Herbergsmutter siezt mich achtmal, ehe ein trüber roter Tropfen vor mir steht. Sein konnte ich schon nicht, Nichtsein kann ich noch viel weniger.
Das Glas Wein ist mein archimedischer Punkt inmitten einer Liebesgrotte, die sie hier ‚Floor‘ nennen. Seit jeher kommt es mir schlecht, wenn Fleischfresser sich herzen. Im Little Nietzsche nun besichtige ich die Auswüchse eines Getues, das Reißzähne frech zum Lachen missbraucht. Reigen sind es, Stammestänze. Die Philosophen an den Wänden wirken wie Lustknaben im Angesicht der Tatsache, dass man das stillgelegte Parkhaus auch in seinem Urzustand hätte anbieten können, solange nur genügend Buddys sich einfinden, genügend Chicks und genügend Checker. Philosophen gelten hier nicht mehr als eine Schale Erdnüsse.
Ich nippe: gerissener als Wasser, anspruchsvoller in seinen Gehaltsvorstellungen. Mit Durst sollte man dem Wein nicht kommen. Im Wein spiegelt sich der Ochse, der die Lust verloren hat an seiner Kraft. Da kommt es gelegen, dass man im Little Nietzsche zum Wein Muffins reicht. Ich erwerbe zweimal Blaubeere und fühle mich dabei mehr denn je wie ein Acker, der begraben liegt in einer Wüste aus Fressalien.
Während ich Blaubeeren mampfe, inspiziere ich parfümierte Nacken, gegelte Zotteln, balsamierte Kinnpartien. Nickende Schöntuer, die überall gut aufgestellt sein wollen, auch (erst recht!) beim Absamen.
Unter röhrenden Genussmenschen liegen, deren Augen für Sekunden aus ihren burlesken Höhlen treten, während im Erdenreich die Lust sich eiternd entleert.
Ich frage bei der Herbergsmutter an, ob es im Little Nietzsche Darkrooms gibt.
Nein? Dann bitte noch zweimal Blaubeere.
Zur Komik von Typen wie mir gehört es, seinen Sinnen eine Bedeutung abzuverlangen. Als seien es Widerhaken, deren Schnüre irgendwo in den Sternen enden. Und noch immer spüre ich jedem vermeintlichen Zucken dieser Schnüre nach, wann endlich eine Hand mir von weit oben her bedeutet: jetzt!
Das Little Nietzsche nun wälzt mit seinen Sinnen aus Stein, Stahl und Samt derartig viel Sauerstoff, Kohlenstoff und Stickstoff um, dass es nicht schaden kann, seinen Parolen ein Stück weit zu lauschen.
Den Checkern wende ich mich zu, wie sie auf den Barhockern neben mir posieren. Weinköniginnen horche ich ab, zwischen den It-Girls schleiche ich umher. Epauletten erkenne ich, Hairflips ohne Zahl. Und natürlich bekomme ich was auf die Ohren: Eingelerntes, sich weltoffen gebendes, auf Tatsachen klatschende Flipflops. Aber keine Rede je verlässt den Rahmen gutbürgerlicher Quizshows. Über Chinchillas geht es her, über Flatrates, über Frittensaucen, über Beverly Hills 90210, über gutes Heilfleisch. Sozialarbeit, die keine Briefkästen braucht, nur Mülleimer.
Vor allem, was nach draußen führt, hängen im Little Nietzsche schwere schwarze Vorhänge. Fenster gibt es keine. Dennoch schleicht sich der Morgen wie eine Drohung zwischen uns Verbliebene. Die Weinköniginnen sind längst heimgeführt, Auswärtige um eine Erfahrung reicher in den Hotels. Auch das milde Licht der Raucherlounge, einem Kaminfeuer nachempfunden, ist nicht länger mit den traurigen Tröpfen, die sich den Abend über als ‚Geschäftsleute‘ untermischten. Ein entsetzlicher Überschuss an Männern. Blaustrümpfe, daheim auf zwei Zimmern mit der pflegebedürftigen Mutter, dürfen sich nun begehrt fühlen.
Mag sein, dass aus solch einem Morgengrauen die Vorstellung vom ‚Totentanz‘ ins Umgangssprachliche gelangte.
Lust bekomme ich auf jene Agonie, die Ratgeber für Alleinstehende großzügig ‚Discofox‘ nennen. Den Wein lasse ich stehen. Fiebrig sind meine Wangen von der Vorstellung, mich als Sterbender mit Sterbenden im Discofox zu vereinen. Höllen zu Hüpfburgen.
In Fuchsfiguren vom Dasein und vom Fortsein den Tod erforschen, Trance als höchste Form der Erlösung. Als würde ich mit Krallen über die Gewänder von Mutter Erde schrammen, bis jeder ihrer Spiegel sich peinlich berührt von mir abwendet.
So weit entfernt von den gepflegten Würstelparaden im Bauch der Handelshäuser, den sonntäglichen Frühschoppen nach getaner Andacht, von der Höhe der Ackergäule, die mein Kindskopf einst bewohnte.
Ahnen standen mir dort vor, wie sie den Handelshäusern entlang der Chaussee neue Märkte eröffneten. Stolz betrat ich diese Handelshäuser, als ein Kindskopf meiner Ahnen. Stolz tapste ich im Schlafanzug durch bildungsbürgerliche Stuben. Geborgen fühlte ich mich, unsterblich unter kleinen Fischen, die sich mit großen Gesten in Zeitungspapier wickelten. Ins Menschengeschlecht gefügt wie in ein Uhrwerk, wo nett auch die Räder der Nachbarschaft sich drehen, wenn erstmal eines anfängt mit dem nett sich drehen. Dasein, das passiert, ist der Tod, der passiert.
Hier aber, wo alles sich greift und lässt, wo die Nägel blutig lackiert sind und die Absätze auf das Holz einschlagen wie die Hämmer der Sargzimmerer, hier nun suche ich meinen Aufriss.

Als ich von einem Kindskopf verwaltet wurde, filzte ich mit Lust jeden Packen Dasein, der durchs Erdenreich rumpelte: ‚Finde den Fehler!‘ Stets in dem Glauben, für all die Mängel, die ich aufspürte, von irgendwoher etwas zu gewinnen.
Alles, was ich mir einst mit Kinderschuhen zertreten habe, alles, was mir unter ihren Sohlen vergangen ist, spüre ich schmerzhaft im Leib. Wohl kein Ding im Erdenreich, an dem nicht die Abdrücke der kleinen Schuhe zu sehen sind, auf denen ich einst stolzierte. Wenn man das als Gewinn bezeichnen will. Ich meide also haufenweise Seide, weil sich, den Spuren meiner Kindheit nach, dort das Gift der Quallen befindet. Und in Kaschmir gekleidet ist der Gauner, der sich ‚Glück‘ nennt.
Nur die bleiche Baumwolle des Gesindes eröffnet mir eine Überlebenschance. Keine Kittelschürze also, die von mir unbehelligt bleibt. Auch im Little Nietzsche nicht.
„Feierabend?“ Auf halbem Weg in Little Nietzsches Unterleib. Zwischen Kisten voll mit leergenuckelten Flaschen.
Das Toilettenfräulein lächelt wie jemand, der mit einem Lächeln oder mit einem Sturmgewehr nur gewinnen kann. Nein, sie müsse noch feucht aufwischen, aber: „Ende Stoßzeit höher dürfen, für Pause.“
Einen Blechnapf Schwarzbrot hat sie auf dem Schoß und einen Arztroman.
„Das Schicksal der Halbgötter in Weiß begeistert wohl mehr, als ein Treppenhaus voller Trauerklöße“, versuche ich mich im Knüpfen eines Gesprächsteppichs aus Tausendundeiner Nacht.
„Vier Euro Stunde eigenes Schicksal interessant, Herr Trauerkloß.“
„Und bei fünfzig Euro die Stunde?“
Sich jemanden kaufen, es klingt bestimmender, als es ist. Umso mehr man sich schämen sollte, desto ausstaffierter die Worte.
Das Toilettenfräulein schiebt den Schein als Lesezeichen zwischen die Seiten des Arztromanes. Wie Geld im Automaten seine Bestimmung findet, springt ihre Körpersprache ins Einvernehmen mit mir.
„Nacht für Nacht Klo sauber machen von Trauerklößen. Nicht wollen denken Wirklichkeit. Trauerklöße nur auf Welt, sich erleichtern.“
Im Bully eines Subunternehmers sehe ich das Toilettenfräulein kauern, wie der Subunternehmer seine Kolonne am Rande der fiebernden Massen auslädt, abgehende Genussmittel fachgerecht in den Orkus zu feudeln (zwecks dortiger Beweisaufnahme?).
Ich überreiche dem Toilettenfräulein meine Geldbörse: „Tanzen?“
Das Toilettenfräulein braucht Zeit. Misstrauen. Angst. Stolz. Was so hochkommt, wenn Fräuleins mit dem Geld älterer Herren in Berührung gelangen.
Dass ich vor meinem Besuch im Little Nietzsche ein Duschbad genommen habe, scheint am Ende ausschlaggebend. Mit spitzen Fingern entnimmt das Toilettenfräulein meiner Geldbörse erst einhundert Euro, dann nochmal fünfzig Euro.
„Als Kind nicht geträumt, werden gierig Frau aus Roman.“
Als ich das Toilettenfräulein zur Tanzfläche geleite, summe ich das Lied, mit dem meine Mutter mich einst zu Bett brachte: ‚Oh liebe Nacht, oh weiser Wind, in eurer Hand zu sein ganz tief, ist wie die Macht, ist wie das Licht, das mich ins Leben rief.‘
Das Toilettenfräulein und ich, wir segeln nun mit den Gleichgültigen, auf dunklen abwischbaren Flächen. Zwei Augenpaare, wie müde Höhlenwesen in den Knochen getrieben, sind von ferne unsere Zeugen. Von der Ecke neben der Treppe aus, wo die Jukebox steht. Als Mahnung, nicht übrig zu bleiben, bis selbst die Musik kostet.
Sobald einer morsch geworden ist und abfällig, muss er löhnen. Dann ist man per Sie. Egal, wie oft das Erdenreich einen mal beim Vornamen nannte.
Schwäche duldet selbst das Vieh nicht, das sich treu dem ergibt, der es am launigsten tritt.
Und das Wasser, mit dem man mich taufte, das Wasser, von dem man mir schwor, dass es mich tragen werde (all die Ersoffenen flink aus dem Spielzimmer kehrend), das Wasser zieht jeden Schwächling nach unten. Raus aus dem Dasein, fort durch die schwarz gestrichenen Abflüsse hinter dem Freilichttheater, das wir Erdenreich nennen.
Und dennoch sorgen die bunten Kassenhäuschen des Erdenreichs für mehr Linientreue, für mehr Sittlichkeit, als jede Waffengewalt.
„Nachtclubs sind aufgebrezelte Umerziehungslager!“ raune ich dem Toilettenfräulein zu.
„Umziehen?“
Das Toilettenfräulein begegnet mir serviceorientiert. Sie scheint zu begreifen, dass ich keinen Schabernack treibe mit dem Gesinde. Sie erkennt wohl, dass es mir nicht gegeben ist, meinen Dienst am Weib auch nur halbwegs abzuleisten: fahnenflüchtig bin ich dem Schwanz voll Ursuppe geworden, stets bedrängt durch die Fortpflanzungsämter und deren Warte, die an jeder Kaffeetafel lauern und im Little Nietzsche sowieso.
Mit dem Toilettenfräulein im Foxtrott durch einen Weltenraum, der Segel setzt, wieder und wieder, ohne dass je ein Euro ihm in den Schlitz gesteckt worden ist.
Ich gebe der Jukebox Silber. Für einen Oldie, den ich am ersten Abend meines Wehrdienstes hörte, dreißig Jahre her. Von Sunglasses handelt der Oldie, von Stränden, von Love sowieso. Der angemessene Trauerrahmen, um in einen Sonnenaufgang zu tanzen, der mir nicht mehr gilt – und dem Toilettenfräulein sicher auch kaum mehr.
Das Toilettenfräulein hellt auf, als die ersten Takte sonnenbebrillter Love durchs Little Nietzsche säuseln. Wie wenn mit einem Male hundert Kerzen im Rund des Toilettenfräuleins aufflammen würden.
Das Toilettenfräulein nimmt mich bei der Hand: Komm!
Wir tanzen. Jeder für sich. Abgenagt von Träumen, schleppen wir uns durch eine Vergangenheit aus müde flackernden Lichtern.
„Mehr Frieden jetzt?“ emsig bemüht das Toilettenfräulein. Als wolle es kurz vor Ladenschluss das Preis-Leistungs-Verhältnis des Little Nietzsche, ja, des Erdenreichs in ein tanzbares Licht rücken.
„Hauptsache bewegen“, ich tippe mir gegen die Stirn: „Der Kopf passt sich den Bewegungen an.“
Wenn es für mich ein Wunder gibt im Erdenreich, ist es das der Gewöhnung, dass ein Dasein sich jedem nur möglichen Loch anpasst.
„Kopf flexibel, jawohl. Werden nicht gleich alt.“ Das Toilettenfräulein tut, als habe es einen langen Bart. „Jahr sauber machen ist wie fünf nur dreckig machen Welt.“
Der letzte Refrain. Vorbei. Morgen wird ein anderer Hagestolz hier stehen, ein anderes Toilettenfräulein. Uns bleibt nur der Kehraus: „Feucht aufwischen jetzt.“
Ich biete dem Toilettenfräulein nicht an, vorm Little Nietzsche zu warten, bis es aufgewischt hat. Im Bully ihres Subunternehmers wartet auf das Toilettenfräulein mehr, als zwei Menschen einander geben können. Wie Tiere merken wir noch einmal auf, ehe jedes sich in seinen Wald vertieft.

4.

Werktätige füllen das Straßenbild, das vom Nachtleben hinterlassen wurde. Für die verbliebenen Reste des abgesoffenen Glücks sorgen Eimer, Container und die Minnas der Obrigkeit.
Ob Reisender, ob Weinkönigin, ihre Auftritte in den Buden entlang der Amüsiermeilen sind nun von ihrem Dasein abgebucht. Übertragen in ein Kontierungsbuch, dessen Summe nie genügen wird.
Ich lasse mich vom Strom der Werktätigen treiben, hinein in Bahnen und Busse, bis die letzten Rinnsale zwischen den weiß verputzten Mauern der Stores versiegen.
Als ein Unzustellbarer laufe ich durch die Zustellbezirke der wehrhaften Existenzen, die aus dem Gröbsten herausbringen, was ihnen zufällt. Denkmäler einer Stubenreinheit, mit der man getrost welken kann an den Rändern eines Erdenreiches, das flach ist wie eine Langspielplatte: ‚Lass uns zum Strand gehen, oh oh oh oh!‘
Morgens, halb zehn in Deutschland, wenn selbst die Kleinsten auf dem Spielplatz ihr anbefohlenes Tagewerk verrichten, fühlt man sich mit seiner Freiheit derart wie eine Tüte voll heißer Luft, dass man überfallen wird von der Lust, in staatliche Obhut genommen zu werden: geschlossene, durchregulierte Menschengärten, mit tüchtig Eisen vor den Fenstern, so dass niemand in die Gefahr kommt, vor Freiheit zu platzen wie ein bunter Ballon.
Von Ordnungsämtern angehört werden, sich einem Vorgang zuordnen lassen, statt als ein Vogel auf dürren Ästen den Wind anzusingen. Sein Stück vom Erdenreich auf den vom Amt dafür vorgesehenen Haufen zu schaufeln, das kickt mehr, als ein Keller voller Wein. Im prälatengrünen Licht der Radare einer von den vielen flimmernden Punkten sein, die ihr ganzes Dasein lang darum kämpfen, in der Luft zu bleiben. Um irgendwann zwischen all den Lustobjekten unserer greiffreudigen Sitten einen Weg nach Hause zu finden, den Rucksack voll mit Schnitzwerk, das nach einem Hirten kreischt.
Ohne Hirten keine Heimat, ohne Herde kein Weg dorthin. Das Auftürmen von Steinen, als Versuch eines Zuhauses, ist keine Hundehütte wert.
Dem erstbesten Tempel möchte ich mich zu Füßen werfen, so vielleicht wieder in Kontakt zu kommen mit dem Firmling in mir, der keine Flügel nötig hatte, um dem ‚lieben Gott‘ nahe zu sein. Aber es langt nicht, sein Fleisch zu Boden gehen zu lassen. Viele Aufrechte erkannte ich, deren Gemüter nirgendwo anders je waren, als im Staub eines Tempels. Hingegen ich mich wundknien könnte, ohne auch nur zu ahnen, wie man seines Verstandes müde wird und eingeht in den Frieden der grasenden Tiere.
Das Milieu um den Hauptbahnhof leuchtet mir ein als die letzte Möglichkeit, bis zum Verlust des Verstandes eingehegt zu werden. Eine Hege, wie man sie dem Wild angedeihen lässt, das Gefahr läuft, unter der Last seiner Freiheit in die Irre zu gehen. Hege, an derem Ende Zählvieh steht, Nutzvieh oder Schlachtvieh. Möglich, dass die Hege beginnt mit Ohrmarken und eingebrannten Zeichen, dass man anderen erst geheuer wird, wenn man derart katalogisiert ist.
Schlecht stehen meine Chancen gewiss nicht, am Hauptbahnhof zum Zweck der Hege eingezogen zu werden: Security, Kameras und eine Polizei, die keine Worte verliert, sondern mit einem Wink nach den Papieren verlangt.
Vielleicht sollte ich Zigarettenkippen auflesen. In der Hoffnung, dass die Zigarettenkippen von der Security als das Eigentum des Hauptbahnhofes angesehen werden. Ich erscheine dann als ein herrenloses Stück Vieh, das etwas vom Hof rauben wollte. Ordnungshüter werden mich in ihrer Mitte nehmen, bis aus dem Funkgerät eine schnarrende Stimme das umzäunte Viereck bestimmt, in das ich verbracht werden soll.
Bereits beim Einschleichen in den Hauptbahnhof lächle ich unentschlossen in jede Überwachungskamera, die ich erspähe. Mal winke ich auch. Aber eher angedeutet, eher wie ein Kitz, das alle Viere entdeckt. Allgemein ist man wohl ziemlich scheu, was Kameras betrifft, die Stahlhelmen gleichen.
Vielleicht merkt am anderen Ende ja wirklich jemand auf von seiner Brotzeit, schaut hin, ruft herbei… Wahrscheinlich aber kaut er getrost seine mit Teewurst bestrichene Stulle weiter: ‚Penner!‘
Ich traue mich nicht, mir eine Spielzeugpistole zu verschaffen, mit der ich auf das zweite Frühstück hinter den Stahlhelmen zielen kann. Auch zum Stinkefinger fehlt mir der Todesmut. In mir herrscht ein elender Streichelzoo, wo alles ‚Bitte‘ muht und ‚Danke‘ mäht. Ein Männchenmacher, wie ihn jedwede Waidgerechtigkeit bald zum Abschuss freigibt. Als etwas Anbefohlenes, das gewiss niemand hegen will.
Mann sein, naturgeil sein, ich stelle es mir wunderschön vor. Röhrend aus dem Unterholz brechen, statt Wichsvorlagen in Klarsichthüllen zu hüten. Allein der Stolz, mit dem die Naturgeilen sich am Mittagstisch Kartoffeln auffüllen, lässt mich ins Elend sinken.
Ich bin! weiß der Naturgeile, derweil ich bibbere unter meiner Nichtigkeit. Ich liebe! weiß der Naturgeile, während ich mich verachte für jeden Bissen Fleisch.
Der Naturgeile durchmisst das Erdenreich, als sei es eine Bonboniere, auf deren Deckel seine Eichel thront. Das Dasein als Sänfte, die Naturgeilen durch alle Spielarten der Fleischeslust zu tragen.
Dagegen ich Wicht, dem das Dasein anhängt wie ein Mühlstein. Ziehe mich durch Bahnhöfe mit der Verlegenheit von Abfall, während die Naturgeilen ihre Kirche in der Hose tragen.

Mit übergezogener Lümmeltüte Nichtigkeiten begehen, Karneval im Schoße feiern, das ermöglicht der Teil des Hauptbahnhofes, der dem Lustwandel gewidmet ist. Ein schlecht verkleidetes Fegefeuer, dessen Schaufenster den Teufel zum Verweilen einladen. Die Etablissements dort wühlen sich in meine Eingeweide, als seien es die Faustkeile, die uns auf ewig trennen von den Vögeln am Himmel. Der Gebäudeplan des Hauptbahnhofs verwandelt sich so in ein Bild von braunen Fröschen, wie sie inmitten von schwarzen Vierecken ablaichen, während an den Rändern grün markierte Abtritte die Auferstehung von den Toten versprechen. Mehr noch zwei Schilder mit warnenden Händen, rot umrandet, hinter denen ein aufgerissener Mund steht: Hau ab! Angebracht vor einer Galerie, welche über den Gleisen die Höhe markiert, auf der sich mehrere mit Hochspannung gefüllte Leitungen befinden, die den Wechselmütigen einen sofortigen Übergang ermöglichen.
Bis zu den Knöcheln wate ich umher im Laich der miteinander Verkehrenden, die auf dem steinernen Boden ihre Lust suchen. Erst im Obergeschoss des Bahnhofs fällt mir eine Spielhalle auf, welche mir mehr verspricht als ein Empfehlungsschreiben an den Teufel.
Honiggelb abgeklebte Schaufenster, mit schlüpfrigen Harlekinen darauf. Weithin sichtbar hält die Spielhalle Hof, noch dem letzten Flaschensammler seine paar Groschen streitig zu machen.
Mir bedeutet die Spielhalle einen Erguss aus Erinnerungen. Zurück ins Ferkelglück, als man mich mit ein paar Groschen Brötchen holen ließ. Vorbei an einer honiggelben Spielhalle führte mein Weg. Vorbei an einem Harlekin, der fehl am Platze wirkte zwischen den Rollwagen der Omis und den Kittelschürzen, die mich erwerben ließen, was ich von Mutters Zettel vortrug. Ich glaubte zu spüren, dass ein Harlekin niemals gutgeheißen wurde in Angelegenheiten, die von unserem täglichen Brot handelten.
Viel sonntägliches Brot wurde seither erworben, viel Kittelgeschürztes zu Grabe getragen, der Harlekin meiner Ferkelzeit aber grinst noch immer. Als wäre ich eben erst mit ein paar Groschen an ihm vorbei.
Gegenüber der Spielhalle, neben den Abfallbehältnissen, beziehe ich Posten. Bevor ich vom Harlekin übertrumpft werde, will ich mich einige Herzschläge weit darauf einstimmen, nunmehr die Bewandtnis eines kaputten Hampelmanns zu haben, für den sich in keinem Kinderzimmer mehr Platz findet: meinem marmeladenroten Spielzeuglaster fühle ich mich verbunden. Selbst noch klein, fand ich kaum zur Ruhe, wenn er nicht neben meinem Bett parkte, so nahe wie irgend möglich. Nächte, in denen mich alles trug. Bis man mir ausgestopfte Stoffhüllen mit Kulleraugen ins Bett legte, damit ich mich ans Tragen gewöhnte. Einen Plüschballen, den sie als ‚Teddy‘ bezeichneten, und eine Katze, die ich ‚Muschi‘ nannte. Fortan trug ich zwei Paar leere schwarze Augen von Raum zu Raum und hatte Mitleid mit den Vögel, die ja kaum etwas tragen konnten. Gibt man der Lust ein Behältnis, will sie niemals mehr mit leeren Händen durch die Räume gehen. Ganz gleich, wie schwer sie daran trägt, ganz gleich, wie wenig Schlaf sie noch findet, wenn sie um ihren kulleräugigen Besitz fürchten muss.
Lustprinzipien, stärker als die Furcht vor dem Nichtsein. Ohne Plüsch, kein Dasein.
Greise, die zurückbleiben in einem Plunder aus abgegriffenen Lustobjekten, Koffer voller Asche.
Obwohl ich mich niemals aufführte wie ein Paar Grapschhände, das betrieben wird von zwei monströsen Augen, raffte ich in Jahrzehnten viel Plüsch zusammen. Flauschige Fesseln, denen tausend Worte nicht halb so viel sind, wie ein frisches Stück Fleisch in ihrer Mitte.
Entschlossen begebe ich mich ins Herz des Harlekins, alles von mir, was schreien könnte, zu ertränken mit dem Honig des Nonsens.

Hinter der Fassade des Harlekins, in dessen Kassenhäuschen, führt eine Kittelschürze die Aufsicht. Ich stehe da wie jemand nur dastehen kann, der mit der Frömmigkeit eines Kindes sein sonntägliches Brot erwarb von Kittelschürzen, die tugendhaft taten, aber wohl jeden Brötchengroschen ohne Umwege nach nebenan zum Harlekin schafften. Das betrifft mich derart, dass die Kittelschürze im Kassenhäuschen zusammenzuckt, als sie meine Schamesröte bemerkt.
Doppelt verloren fühle ich mich, weil ich keinen Einkaufszettel meiner Mutter mehr bei mir habe. Mag Mutters Einkaufszettel auch für zusätzlichen Spott gesorgt haben in den liederlichen Herzen der Kittelschürzen, es war wenigstens keine so einsame Schande wie jetzt.
Kehrt machen möchte ich, mit beiden Händen vor den Augen. Als träte hinter jeder Schürze des Erdenreichs grinsend ein Harlekin hervor.
‚Wollen Sie die letzte Spielhalle vor Ihrem Abtritt versäumen?‘ flüstert es in meinem Kopf, als sei ich behütet von einer mir wohlwollenden Prüfkommission aus Himmelsgeschöpfen. Eine im Grunde genommen gleichgültige Handreichung meiner Phantasie, die irdische Qual zu lindern. Und es ist kein Labsal, mich Kind insoweit verloren zu haben, dass ich per Sie bin mit meiner Phantasie.
Die Erkenntnis, mir nicht mehr wirklich etwas einbilden zu können, lässt mein Fleischerherz nach meinem Oberstübchen langen, als vergreife es sich an seiner Speisekammer: ein wüster, blindwütiger Daseinstrieb, der längst vergangene Badeurlaube aneinander klatscht, als sei jedes Stück Kindheit nur ein Ballen Hack in den Händen meines Fleischerherzens. Und so ein Fleischerherz weiß, wie man sich einen Braten formt, mit dem man seinem Leib die Kündigungsfrist verlängert.
Mein Leib entspannt sich, als aus dem Fleischerherzen ein Halbwüchsiger hervortritt, dünn wie ein Cheeseburger, aufgeblasen wie ein Kinofilm und ’ne kurze Hose, die sich vor keiner Winternacht fürchtet: der Geschlechtsreifende!
Und ich bin gewiss nicht mehr in der stabilen Seitenlage, das derart Zusammengesponnene als albern abzutun. Eher tue ich gut daran, dieses mir verbliebene bisschen Einbildungskraft fest beisammen zu halten. Anderen ihre Schutzengel, mir meinen Geschlechtsreifenden. Amen.
„Schön, dass Du jetzt bei mir bist!“, flüstere ich dem Geschlechtsreifenden zu. Wir sind uns noch ein wenig fremd.
Die Kittelschürze ist sichtlich bestürzt, als ich (immer wieder mit der Luft neben mir flüsternd) mich ihrer von neuem annehme und nach einem späten Frühstück für zwei Personen verlangen.
Der Geschlechtsreifende und ich, Brötchen mit Sesam schlemmen wir, Brötchen mit Mohn, dazu Schälchen voll Nuss-Nougat Creme. Nebenbei füttern wir eine Reihe Daddelautomaten mit jenen Summen, die eben notwendig sind, uns in puffmütterlicher Ruhe frühstücken zu lassen.
‚Kein Spielzimmer hier.‘
Ja, mit einem Male wirkt es merkwürdig, dass wir für ein Frühstück Taschengeld aufwenden sollen.
‚Mutter und Vater mussten fortwährend Geld nachwerfen, damit wir uns zum Wohlgefallen unserer Eltern bimmelnd drehten, statt danach zu fragen, ob wir überhaupt darum gebeten hatten, in das Erdloch unserer Eltern hineingeboren zu werden?‘ stellt der Geschlechtsreifende fest. ‚Da waren wir die Automaten.‘
An einen Tivoli denke ich, wo stolze Eltern die Fäuste ihrer Brut mit Heiermännern stopfen. Und die Kittelschürzen kreisten wie Geier über unserem Spielzimmer, damit wir ja verblieben auf der weißen Mittellinie, wo es das Taschengeld gab: nicht zu fein für das, was andere aus dem Felsen kratzen mussten, aber auch nicht so verdorben, gleich selbst die Peitsche schwingen zu wollen. Süß sein für Süßes.
‚Geschrien haben wir, jawohl, wenn der marmeladenrote Laster nicht neben unserem Bettchen stand.‘
„Wollen wir einen neuen kaufen?“
‚Mit einem marmeladenroten Laster das Erdenreich hinter uns lassen, jawohl!‘
Ich bewege meine Finger, als würde ein Vogel sich flatternd in die Luft erheben: „Schreien können wir dann aber nicht mehr.“
‚Aber jetzt können wir noch essen für zwei!‘
„Beim Essen, ja, da hat der Mund zu tun, regelmäßig befinden beide Hände sich in Vollbeschäftigung und die Füße stehen still.. Fängt man es gescheit an, dämmert jeder Schädel beim Essen tatenlos durch die Gänge.“
‚Gab schon immer mehr Köche als Philosophen.‘
„Sind wir Köche?“
‚Wir sind philosophische Mitesser.‘
„Wir sind fertig!“
Schon setzt die Kittelschürze sich in Bewegung, uns zwei abzuräumen. Und wir haben genügend Trinkgeld dabei, ihre Bestürzung in Mütterlichkeit zu wandeln. Beinahe zärtlich, wie sie die Teller ineinander stellt und wie sie sich unserer Krumen annimmt.
Ob es je einer Menschenseele gelungen ist, sich so vollendet zu entfernen vom Tisch des Erdenreichs, wie der Geschlechtsreifende und ich das tun? Nicht als zwei alte Schachteln voll mit vergilbten Fotografien, und dazu einen Pfropf aus Gerümpel unterm Hintern. Alte Schachteln, wie sie mühsam kleingepflegt werden müssen auf einige wenige Habseligkeiten: die verbleibende Luft bläht die Schachteln dann soweit auf, dass sie gen Himmel steigen können. Fort aus jenem, ‚Leben‘ genannten, Kreislauf, der das Erdenreich versorgt mit frischem Tand. Um dieses Tands willen decken die Menschenkinder dem Erdenreich fortwährend den Tisch.
Hingegen das, was abfällt unter den Tisch des Erdenreichs, fortgeschafft wird von einem Heer aus Entrümplern: wo Besen und Schaufeln für Ordnung sorgen, gilt unser Dasein als ein Fiebertraum. Nichts, was sich in einem Straßenbild aus walzenden Bürsten vom Abfall unterscheidet.
‚In echt‘ sieht jedes Dasein nur Rücken und wieder Rücken. Rücken, denen man Gesichter aufmalen kann. Die von Teufeln etwa oder die von Göttern, wie sie ihre Zeit damit durchbringen, über haufenweise Erde zu herrschen, als seien es Kinder in einem Sandkasten.
Ohne fortwährend Gesichter auf die Rücken anderer Leute zu malen, könnten wir uns noch so frisch zubereiten, wir blieben ein Klumpen, der das Erdenreich gewiss nicht schmückt.

Zweifelsohne gehören Spielhallen zu den Hauptgängen unseres Daseins: Weltenräume voller Geldschlitze, welche das Erdenreich verwandeln in einen Ort, wo es die zu den Geldschlitzen passenden Münzen gibt. Äcker voll mit Hoffenden, wie sie sich tief ins Erdenreich arbeiten auf der Suche nach Futter für den von ihnen favorisierten Schlitz. Daddelautomaten als moderne Opferstöcke, in deren Zentrum Harlekine, Himbeeren und Honigtöpfe herrschen über atemlose Knechte, Kartoffelsammler, Krautstampfer, über all jene, die vom Himmelreich einen Vorschuss begehren.
Spielhallen sind dem Taumeln unseres Daseins nachempfunden, seinem Umherkreisen, seinem Gang in den Irrsinn. Spielhallen bereiten alles so vor, dass Menschen sich unverzüglich zu Händen degradieren können. Spielhallen sind durchdrungen vom Zauber eines verrichteten Daseins: Gewinne aufsummieren, Verluste maßvoll einbeziehen, bis runde Summen dabei herausschauen. Auch wenn stets ein Herrgott sein Scherflein hinzutun muss.
Sorgsam geführte Kladden, die von Leibesfrüchten wissen, von Beiwohnungen, von Ausflüchten, insgesamt vom Schnitt, den man gemacht hat. Automobile stehen dort im rechten Licht, getrennt nach Typ und nach Kaufdatum, ebenso Heimstätten in Eigenarbeit, sowie der Zeitvertreib beim Brot und beim Spiel. Zärtlich mit einem Gummiband umwickelt und neben den Daddelautomaten gelegt: Fertig.
„Jedes Erdhörnchen heiligt sein Dasein mehr!“
Um es einmal ins Rund gerufen zu haben. Neben dem Geschlechtsreifenden und mir ist aber allein die Kittelschürze vor Ort, die sich gewiss niemals brasilianisch wachsen ließ.
Nicht jede Kittelschürze orientiert sich am Erdhörnchen, dennoch fällt auf, wie wenig Hege der kittelgeschürzten Lustgrotte regelmäßig zuteil wird. Und nach unserem Trinkgeld eben, ist es um die Verständigkeit hier im Raum gut bestellt.
Die Kittelschürze entspricht meinem lauthalsen Tun denn auch mit einem Nicken: Ob wir noch Getränkewünsche hätten?
‚Wir‘, sagt die Kittelschürze. Als wäre das erbetene Frühstück für zwei Beweis genug. Eine Hand Trinkgeld langt hin, Irre in Wahrsager zu verwandeln. Angeschmiert haben wir uns dem Dasein, statt ihm zu entgleiten.
Jahrzehnte ist man an Gaststätten wie dem Little Nietzsche vorbei und hat nüchtern einen Bogen um Spielhallen gezogen. Ohne Bedürfnisse, ja, Notdurften in Erwägung zu ziehen. Dann endlich nimmt man Anlauf, nächtelang, tritt ein, ist entschlossen – und verdämmert wie ein mit Pestilenz geschlagenes Stück Vieh.
‚Erlebnisse‘, die nur daraus bestehen, simple Sachverhalte zu verkomplizieren, um so am Ende als Leistung zu begreifen, was zufällig abgeferkelt im Weg lag.
„Kennen Sie das auch?“ erkundigen wir uns im Kabäuschen der Kittelschürze, „fort rennen zu wollen, von jetzt auf gleich.“
Wo wir hindächten? Die Kittelschürze schaut an sich hinab. Sie sei eine Kittelschürze, brauche das Geld. Nie habe sie ihre Scham getrimmt, falls man darauf hinauswolle.
Eigenheiten im Wesen der Kittelschürze treten vor zum Appell, treten vor wie gewitzte Gören, die ihren Lehrkörper karikieren als einen Zoo aus Nilpferden und Krokodilen. Aber der Kittelschürze in ihrem Kabäuschen ist nicht mehr nach lustig.
Anstelle der etwas offensichtlichen Kabäuschen, lassen sich in Zukunft bestimmt planetenartige Gehege bauen, ohne dass auch nur ein Lebewesen sich fühlt, als sei es auf den Kopf gestellt. Hingehängt in die Zirkuszelte der Herrschenden, frei von Gittern, kann geflohen werden, wohin man will, die Schwerkraft hält die Flüchtenden stets im Rund. Am Ende sind alle, die emsig das Weite suchten, wieder bei der Futterstelle, von der aus man, aufgeschreckt, die Flucht begann. Ein glubschäugiges Umherschauen unter dem Gelächter der Herrschenden, bevor die Heimgeirrten sich gierig über Näpfe und Tröge beugen, neue Wraps zu probieren.
Beinahe panisch fahnden der Geschlechtsreifende und ich nun nach einem Hungergefühl, einem ‚wenigstens etwas‘, das sich befrieden lässt. Frisch abgefrühstückt wie wir sind, schützt uns in der Spielhalle kein wie auch immer gearteter Hunger vor dem Harlekin und seiner honigfarbenen Gruft.
Mit einem Male aber grinst der Geschlechtsreifende, als hätte er einen Tunnel erspäht, uns geradewegs ins ewige Licht zu führen.
„Wohin?“
‚Zur Dirne!‘

5.

Nachmittag ist es, als wir uns wiederfinden in dem Gang des Hauptbahnhofes, welcher die Menschen abfließen lässt in Richtung der Hotels, der Absteigen und der stundenweise mietbaren Zimmer. Zu stranden inmitten von rot tapezierten Pappwänden und gelbstichigen Sünden.
Obwohl die Spielhalle wenige Schritte hinter dem Geschlechtsreifenden und mir liegt, unser Abschied von der Kittelschürze keine fünf Minuten her ist, fühlt das soeben Vergangene sich an, als wären wir durch den böigen Aufwind eines Lüftungsgitters und weiter nichts. Geblieben ist uns nur der schwarze Abdruck eines Stempels auf unseren Erinnerungen, wie ein Siegel auf einem Laufzettel: drei Stationen noch bis Himmelfahrt.
Angst, jetzt doch. Wir schauen einander an, ob wir aus den drei Stationen vielleicht dreißig machen könnten? Geld wäre da, für dreißig Stationen jedenfalls, für dreihundert möglicherweise.
Sich einmieten, preiswert, unseren Entschluss überdenken, abermals und nochmals überdenken, über und über überdenken. Würde uns um unseres Friedens willen bloß mehr einfallen, als das, was zwei Böcken auf der Weide so in den Sinn kommt. Jetzt zur Dirne, das gleicht einer Kapitulation, das ist des fetten Bocks finale Mast.
Fleischeslust macht bang, das zu sein, was man ist: selten ein Stehender, meist so auf Halbmast. Kein brunftiger Keiler geht heim, ohne je darum gebetet zu haben, den Gipfel der Genüsse als Sieger zu erklimmen. Eine bloße Freizeitidee des Erdenreichs will die Brunft nicht gewesen sein. Niemanden, der nicht in einem ‚Liebesnest‘ das Buchstabieren gelernt hat, schenkt sie je auch nur ein großes Wort.
Alles, was stirbt, ist schwarz vor Erkenntnis und blutlos im Schritt. Eine Fleischeslust hingegen, die sich fernhält von jeder Einsicht, ist der anschwellende Pfeil, der die Daseienden scheidet vom Tode.
„Soll ich Sie mit Ihrem Eis fotografieren?“
Uns war nicht bewusst, die sahnige Potenz zweier entrückter Globetrotter ins Milieu zu tragen. Eher wollten wir uns mit einer Waffel voll Zucker Daseinsfreude andichten. Signale einer leckenden Lust wollten wir aussenden. Mit einer Süßspeise vorm Herzen, sollte niemand vergeblich den Bordstein entlang schleichen.
Ein vielversprechendes Schauspiel der käuflichen Liebe, das sich uns da für gemeinsame Lichtbilder andient. Mit roten Haaren und kräftigen Flanken ins Bahnhofsmilieu gezeichnet. Wohl auf den Strich befohlen von jenen stärkenden Substanzen, die auch im Little Nietzsche gehandelt werden. Als eine Überdosis Leben.
Der Geschlechtsreifende macht nun die Anstalten. Keine Rede mehr davon, unser Menschsein in irgendeiner Weise zu krönen. Jetzt wollen wir auf den Affen. Möglichst so, dass jeder Affe still beiseite steht, welch Treiben da in sein Gehege vorgedrungen ist?
Mögen uns Affenmännchen an Brünstigkeit kaum nachstehen, so mangelt es ihnen jedoch an List und an Heimtücke, einen Schoß nachhaltig zu öffnen.
„Wer mag jetzt noch an Eis denken!“
Der Geschlechtsreifende lässt die Waffel senkrecht aufs Trottoire fallen, wo die Schokoladenseite des Erdenreichs sich matschig verläuft.
„Wir könnten uns verloben!“ entzückt sich der Geschlechtsreifende. „Wir könnten Stunden miteinander verbringen, Tage: wie es der Gang Ihrer Geschäfte erlaubt.“
Schließlich und endlich sei einem ja soeben jene Gefährtin erschienen, um derentwillen man sich in jeder Kirche des Landes sein Affenfell habe scheren lassen.
Die Dirne wirkt, als sei in ihr etwas angeknipst worden. Auf nicht ungefährlichem Terrain scheinen wir mit Freiersfüßen Sicherheit gewonnen zu haben. Das Nachkobern sollte zwischen uns kein Thema sein.
Wo man hingehen könne, den weiteren Verlauf des Tages zu beratschlagen?
Die Dirne schlägt eine gut einsehbare Grünfläche vor, mit gelb gestrichenen Bänken, auf denen man es gerne ruhig angehen lässt, was gegenseitige Sympathie und Fürsorge betrifft.
Jenes Wohlgefühl unter Viechern, dass es mit Fressen, Auslauf und Toilette getan ist, bleibt einem unter Menschen verwehrt, auch wenn man sich seiner Sache noch so sicher ist, dass es der Welt zum Glück genügt, täglich ihre vier, fünf Stunden Glotze reingeschüttet zu bekommen.
Auf den schwülen Basaren des Gebens und des Nehmens kommen Dirnen als Heilsbringerinnen daher, vom Busen bis zu den Flanken mit Preisschildern ausgezeichnet. Der zeitlos beliebte Griff in den Schritt wird so zum gut kalkulierbaren Glücksgriff.
Fünfzig Mark, noch bevor wir auf einer Parkbank in Verhandlungen treten. Als Dankeschön dafür, dass wir mit der Dirne auf rechten Pfaden wandeln.
Die Daseinskunst, die in mir zur Vollendung drängt, will walten, nicht gefallen. Spräche ich nur ein Wort um der Erregung meines Herzens willen, bliebe ich eine Laune der Natur.

Nett beieinander auf der Parkbank, wenden wir uns mal den Geschlechtsmerkmalen der Dirne zu, mal unseren finanziellen Möglichkeiten. Die Dirne setzt bei den Verhandlungen auf ihr wollenes Leibchen, wir auf eine Geldbörse, so prall ist wie ein Gesangbuch aus der Kirche.
Zwanzig mag die Dirne sein, nicht lange im Milieu. Gerade erst fort von den Kiffern in den Vororten, wo alle sich vermehren wie die Lilien auf dem Felde. Möglich, dass sie auf dem Bürgersteig die Langschweine schnell abwackelt, während sie in Gedanken die Bühnen großer Clubs besteigt, wo sie, umrahmt von gitarrenschwingenden Zotteln, dem Erdenreich völlig neue Lieder singt. Dann wären wir mit unserer dicken Hose nur mehr ein Abspritzer auf ihrem Dasein. Schweinkram. In Papiertücher gewickelt mit der Müllabfuhr vorbei an den Friedhöfen der Menschensöhne.
Und aus was für einem Papiermüll wir stammen! Kaum suche ich mich zu bergen an der Brust der Dirne, reicht der Geschlechtsreifende mir aus verlassenen Bleiben Briefe nach: leichthin adressiert von einer längst Versprochenen. Eng beschriebene Seiten ohne Kontaktgesuch. Zeilen, die ‚unbekannt verzogen‘ sind. Und wer mag am Busen einer Dirne über Postlaufzeiten schimpfen?
Unter dem Vorwand, das Bindegewebe der Dirne auf seine Käuflichkeit hin zu begutachten, drücke ich mich in den hintersten Winkel meiner Freiersfüße. Augenblicklich versiegt das Rinnsal der Sehnsuchtstropfen. ‚Deine Linny liebt Dich!‘ hat der Geschlechtsreifende mir in die Innenwand meines Schädels geritzt. ‚Love with tongues of fire. Schlaf schön und träum was Süßes.‘ Ich versuche, diesen Brief in Händen zu behalten, will wenigstens drei, vier Worte noch lesen, aber was ist ein Jahrtausend auf dem Papier gegen einen Schoß, der jeden hungrig macht und niemanden satt.
Derweil gefriert dem Geschlechtsreifenden beinahe die Hand auf dem Busen der rothaarigen Dirne: sind wir nicht einst mit Mutter und Vater diesen kleinen Park entlang spaziert, ich hüpfend vorweg?
Übermannt von verloren geglaubten Bildern und Melodien, sind wir genötigt, die Verhandlung mit der Dirne zu unterbrechen. Wir gestikulieren, uns gegen einen vorzeitigen Erguss wehren zu müssen. Die Dirne zupft ihr wollenes Leibchen glatt und lässt den Kunden König sein.
Mal auf den Zehenspitzen, mal auf den Hacken, wanken wir wie ein großer Fuß, unter dem zitternd ein kleines Kraut verdirbt.
Gassenhauer muss der Freier sein, Schlager, will er es im Milieu zu Jahren bringen. Idealerweise reichen sich am Grab seiner Kindheit Fleischeslust und Futterneid die Hände.
Verlorenem dagegen, wer unter Bäumen träumen wollte, erst auf Nachfrage sein
Kinderherz verscharrte und zurückblieb mit einer Delle, wo bei anderen stolz die Brust sitzt.
Das Dasein der anderen durchpausen, damit einem nirgends die Dunkelheit ins Angesicht blickt. Aus dem Sinn verlieren, was Furcht ist. Die Gestirne vorm Kopf immer wieder anspitzend, bis alles lauscht, was der Hosenstall spricht.
Das Gemächt öffnet und schließt die Schleusen unseres Daseins. Es sorgt für die Schaumkronen im Auf und Ab der Tage.
Freiheit verlangt nach keinem Niveau. Beinahe bin ich versucht, Hand in Hand mit der Dirne am nächstbesten Kiosk Halt zu machen. Sicher erwartet den Geschlechtsreifenden dort in fünfter oder zehnter Auflage ein Heldenvolk, das einst uns half, Doppelstockbetten zu Piratenschiffen zu erklären und hergeliehene Klappräder zu Schlachtrössern. Der rothaarigen Dirne für gutes Geld erläutern, dass ihr wollenes Leibchen sich nicht eine Idee weit unterscheidet von dem Pilzkostüm, das Mutter mir für den Kindergarten nähte.
Steigt die Dirne dann irgendwann nicht mehr auf schäbige Freier, sondern auf große Bühnen, denkt sie vielleicht zurück an die beiden Abspritzer, die sie einst zum Kiosk geleiteten, ihr von Helden in Strumpfhosen zu erzählen.
Mag ein Mensch sämtliche Achttausender besteigen, er kraxelt seinem Kindergarten nicht davon, er wird ihm nur fremd. Über den Kindergarten hinaus wächst nur das Unkraut.
Der Geschlechtsreifende und ich, wir wollen das endlose Geschachere mit dem Erdenreich jetzt zu einem Ergebnis bringen, zu irgendeinem Ergebnis: „Sicher wissen Sie eine verschwiegene Örtlichkeit, wo wir unser Geschäft verrichten können.“
Die rothaarige Dirne sagt ihren schmalen Businessplan auf, was möglich ist und zu welchem Preis. Der Geschlechtsreifende nickt erleichtert, nun doch noch einen Abnehmer für unsere Körpersäfte gefunden zu haben. Sich unberührt und keusch aus den Leibern zu schießen, wirkt in einem Affengehege so, als würde man Schimpansen, die nach der Hölle graben, etwas aus einem Brevier für höhere Töchter hinterlassen.
Dem Kino-Center am Hauptbahnhof entschwebt, frisch aufgeblasen von Trickfilmen, fragte ich Vater einst, was es mit jenem Zweckbau auf sich habe, schräg gegenüber dem Kino-Center, der selbst zwischen all den abstoßenden Hotels noch wirkte wie eine Räuberpistole.
Im Gefolge der rothaarigen Dirne nun betreten wir diesen giftig schimmernden Koloss, der mir als Kind so unfassbar verboten erschien. Und keine noch so rasche Umkehr, hinein in irgendeinen Kinderreim, wird uns mehr retten.

Nirgends mehr ein Kanten Brot, der uns als Leib Christi erscheint, nirgends ein Stück Holz, das wir halten können wie ein Schwert. Nichts weist mehr über sich hinaus, alles bleibt stehen und liegen, als sei es in den Stein gewachsen.
Wir blicken wie zwei Grashalme in einen Morgen aus startenden Düsentriebwerken. Urnenwände stehen uns nun vor Augen, wo einst die Zuversicht eines Kindes waltete.
Über ein Erdenreich, das sich mit seiner Asche begnügt, erhebt sich allein der Mensch, der dem Häuflein Asche mit Schmuck zu begegnen weiß, der all die Asche im Gebet verneint und sie ansonsten unter einem Berg von Stoff verbirgt.
Der Geschlechtsreifende und ich, selbst wenn wir uns lobotomieren ließen mit einem Piercing, kämen wir nicht mehr auf das schöne Los derer, die stolz sich Menschensöhne heißen.
So verläppern wir Szene um Szene, und wir werden uns auch von der rothaarigen Dirne fragen lassen müssen, was wir denn erwartet haben?
Mag sein, dass ich mal geglaubt habe, im Verdauungstrakt dieses Kolosses könne ich mir mit Vaters Plattenspieler irgendetwas ersparen: Als Kind ließ ich die Sprücheklopfer an den Klavieren und E-Gitarren gerne in mir nisten. Nun aber schauen sie verächtlich von ihren Plattencovern auf mich hinab, ob ich ihnen ihre ‚Lyrics‘ wirklich geglaubt habe? Ich Pflaume von einem Kindskopf.
Mag es in den Gesetzesbüchern auch anders stehen: die Schuld trägt immer der, der glaubt.
Die Dirne, der Geschlechtsreifende und ich, unser Fleisch dampft durch Treppenhäuser und Notausgänge, als geschäftsmäßiger Dreier eine Vorhölle aus Türen zu durchmessen. Am Ende jedes Etagenflures schweigen uns Fenster an, klein wie Schießscharten und zugemauert, als würde man aus einem Kirchturm spähen. Durch sie besehen wirkt das Getue der Stadt unter uns, als könne man es jederzeit eintüten und fortwerfen. Zwischen den Etagen aber, auf den luftigen Höhen, herrscht Stacheldraht. Damit ja keiner sich im Freien um die Entsorgung seines Fleisches bemüht. Mögen wir gefälligst an Orten zerplatzen, deren Böden sich waschen, wischen und wienern lassen.
Scheel sehe ich nach dem Geschlechtsreifenden, wie er an jedem Euter schnullern will, ja, bald vom Kopf abwärts mit einem verwachsen sein möchte, so dass man zwar nicht gemeinsam laufen kann, wohl aber gemeinsam fallen. Bettruhe wird für ihn erst herrschen, wenn er auch dem letzten Zufall bereitwillig als Behältnis gedient hat.
Wir haben keine Dachterrasse erwartet, keinen mit Teppich ausgelegten Flur, keine weiß gestrichenen Flügeltüren. Sein Schicksal aber erfüllt zu sehen hinter Pressholz, das die Nummer 716 trägt, hat den Charme eines Faustschlages.
Zimmerschlüssel wie im Hotel, wo man genauso gut hätte gegentreten können, um zu öffnen.
Kleiner Abort, gekrönt von einem Bidet. Weiter geht es ohne Umwege zu zwei auf dem Beton liegenden Matratzen. Campingstühle dienen als Ablage.
Unsere Gastgeberin will wissen, ob sie ein Rauschmittelchen zubereiten soll? Gegen geringen Aufpreis aus dem Arbeitsalltag schlüpfen und so. Wir dagegen schauen begeistert zum Balkon: dürfen wir?
Leergut. Ein Aschenbecher. Kein Stacheldraht. Unter uns das Gelichter des Feierabends. Nirgends ist es leichter hopszugehen, als in der Höhe.
„Schön hier!“
Die rothaarige Dirne steht mit laufendem Motor. Wie ein Taxi, das man warten lässt.
„Gestatten Sie uns noch etwas Zeit.“
Wir reichen ihr vom Balkon aus unsere Geldbörse: „Stellen Sie bitte das Doppelte von dem in Rechnung, was Sie sonst zu nehmen pflegen.“
Klärende Worte, für welchen Service wir uns entschieden haben. Der Geschlechtsreifende gibt sich einen Ruck und wählt das ‚Happy End‘: mit gefüllter Samenblase auf Himmelfahrt zu gehen wirkt peinlich. Also auf Erden nochmal Pipi machen, bevor höheren Ortes hoffentlich das große Kino beginnt.
Ob man sie dabei nackt sehen wolle? erkundigt sich die Dirne. Mit unserer Geldbörse in der Hand wirkt sie wie eine Fleisch gewordene Marktwirtschaft.
Wir nicken den Deal ab: wenn es ihr für diese Jahreszeit nicht zu kalt sei, dürfe sie sich gerne frei machen. Bevor man komme, müsse sie allerdings etwas Aufenthalt einkalkulieren. Man sei ungeübt, entschuldigt sich der Geschlechtsreifende.
Schon nestelt die Dirne an Knöpfen und an Bändern. Aus ihrer Routine gebracht wirkt sie, uns zwei Knacker halbwegs entjungfern zu müssen, verdrossen, dass man sie für eine Dirne hält, die ihre Freier im Zeittakt über einen Berg Wollust treibt. Als würde sie Esel hüten, statt internationalem Publikum untenrum Frieden zu verschaffen. Freudenmädchen ist sie, eigentlich Künstlerin, die für einige Zeit in Jugendsünde macht, um später davon singen zu können. Auf anderen, auf großen Bühnen.
Wie aber nun wir: unser kleines Welttheater weiterspielen, immer weiter, bis im Spiegel zwei Muselmänner schwanken? Abgrundtief fremd der Balkon. Stehen einem Affenfelsen vor und philosophieren über Leergut. Furchtbarer kann Zivilisation nicht sein.
Unter uns herrscht Feierabendverkehr. Keine Horde johlender Schulkinder, die sich auf das Trottoir ergießt. Sieht man von den Verliebten ab, überwiegt jene stille Freude, seine Fassung gefunden zu haben. Auch der Geschlechtsreifende ist verstummt. Die nahende Finsternis verlangt nach einer Entscheidung: zurück ins Warme, eine Dirne nehmen, abwarten – oder der Nacht entgegen.

Ehe wir uns versehen, ruhen beide Hände auf der Brüstung, bereit, zuzupacken. Bei dem kleinsten Gedanken, hier unsere Flügel zu spreizen. Doch tief in unserem Fleisch stemmen sich die warmen Brüder des Daseins sofort gegen dieses Segel voll Freiheit. Wie ja auch alles herbei eilt, wenn jemand zu lange auf einem Balkon steht. Diesen Arsch sofort wieder zu Boden zu befördern. Und wer sind wir, die rothaarige Dirne hier im Gang ihrer Geschäfte zu beunruhigen.
Kein Handschlag, der nicht getrübt wird durch die Gesetze des Ackerbaus. Selten ein junger Richter, der nicht als Ackerbauer endet, stolz die Früchte seines Leibes zu verwalten.
Der Geschlechtsreifende und ich, entschlossen wenden wir uns vom Balkon aus der rothaarigen Dirne zu, unserem ‚Happy End‘. Wir machen Front mit dem geilen Lächeln solventer Kunden, die in Stimmung gekommen sind.
Gerade noch sehen wir, wie die Dirne weitere Fünfziger in eine Tasche ihres Leibchens stopft. Daran herrscht natürlich kein Mangel, an Fünfzigern und an Taschen.
Rasch wirft die rothaarige Dirne ihr Leibchen auf einen der Campingstühle. Nackt ist sie nun, bloß wie der Abgrund draußen vor dem Balkon.
Die Brust bekommen wie ein Junges, grabschen nach dem Orkus, aus dem man uns einst presste: nichts kommt dem Erdenreich schlechter, als zwei zögernde Rüden. Der Geschlechtsreifende beeilt sich denn auch, Meldung zu machen über den beklagenswerten Zustand unserer Lüste. Nurmehr ein Krächzen, wo wir auf den Ruf der Natur hätten antworten sollen mit einem zackigen: ‚Hier!‘
Verzweifelt nehmen wir Haltung an und machen Meldung, dass die gängigen Körperöffnungen Fallbeile seien, den Kopf zu fordern von jenen, die jeden Kuss verhandeln, ob er dem einer Kuh gleiche. Wir melden, dass unsere Städte anders aussähen, würden die Menschen miteinander Liebe machen, wie sie es mit Worten immer tun. Wir melden, welch eine Wohltat es bedeutet, uns als Fleischer in Kühlhäuser zurück zu ziehen, mit dem Blut der Tiere Bilder zu malen, die keine Kleckserei sind und keine leere Kritzelei: Schweinehälften als der sichtbare Teil des roten Strichs, der das Erdenreich durchmisst, der mal den einen, mal den anderen vortreten lässt, sich dem Tode anzubieten.
Die rothaarige Dirne hat genug gehört. Was soll sie Geschäfte machen mit einem Typen, der – Kimme und Korn, immer nach vorn – sein Gewehr nicht in Anschlag bekommt, der nie fertig wird. Zu brasilianisch gewachst ist sie, um einer Milieustudie beizuwohnen vom Freier, der reden will. Keine gitarrenschwingenden Zottel, kein Publikum nirgends für Lieder über sozialarbeitende Huren.
Bis hierhin! die rothaarige Dirne verwahrt sich gegen den Geschlechtsreifenden und mich, indem sie gestenreich ihres Leibchens gedenkt, hergezeigte Blöße rasch wieder zu verkleiden: sie sei bereit, die Angelegenheit per Hand in Schwung zu bringen. Das ginge aufs Haus, wäre im Preis inbegriffen. Sie sei aber keine grüne Tonne, in die wir uns entsorgen könnten. Falls wir nach einer Deponie für uns suchen würden, dann bitte draußen. Vor der Tür oder in der Luft vorm Balkon, das sei ihr egal. Sie macht eine Bewegung, mit der man Vieh verscheucht. Eine Hurenehre wie ein Tritt zwischen die Beine: selbst später als Kittelschürze wird sie nicht so bedürftig sein, wird sie mit ihrem Stock alles fortscheuchen, was sich von unserer Art an ihr Windelhöschen verirrt. Unser Existenz wird für sie immer etwas sein, das nach einer Katzenwäsche vergangen ist, spurenlos verendet im Bidet.
Das ist nicht der Schmerz, den jemand spürt, der bankrott gegangen ist, der zur Dirne geht für eine letzte Fontäne vom ‚Glück‘. Nie sind wir Vater gewesen, nie Liebhaber und niemals Freund. Fremd daher die Schmerzen, die sich daraus ergeben, Schmerzen, die Männer dazu animieren mögen, Dirnen freie Hand zu lassen.
Als ein Fremdling stehen wir zwischen Matratze und Campingstuhl, während weniger Sommer nur ungenügend zum Artgenossen gereift. Kaum je sind wir uns selbst an den Reißverschluss unseres Sonntagsstaates gegangen, warum nun blau lackierte Nägel in das unberührte Fleisch treiben?
Mit niedergeschlagenen Lidern bringt der Geschlechtsreifende sein Bedauern zum Ausdruck, dass unser dreier Geschäftsbeziehung nachhaltig gestört worden ist. Unser Fehler, dass wir nichts zu Boden fallen lassen können, selbst wenn eine Dirne es so gekonnt abführt, dass es eine Lust ist, zu vergehen. Stattdessen haben wir versucht, unserer Grube ein Gesicht zu geben, das nicht vom Steinmetz ist. Das Lächeln der Dirne, dieses Lächeln, das der Kundschaft als nachsichtig erscheint, als anerkennend und wohlwollend, wir wollten es an unser Grab zitieren.
So durch den Hurenlohn auch Ablass zu empfangen, dieser Versuchung war der Geschlechtsreifende erlegen, ja.
Wie aber der Geschlechtsreifende so dermaßen in die Götterspeise gleitet, reißt die rothaarige Dirne ihr Leibchen vom Stuhl. Als gelte es, rasch in einen Kampfanzug zu kommen. Ganz Dasein ist sie nun, wie ein eisernes Zahnrad, das in der Geisterbahn zwei Figuren zurück in ihre Kammern dreht.
Bei Regen würden wir Kirchen behelligen, sonst wären wir auf Huren aus! Lauthals bezweifelt die rothaarige Dirne den Wert unseres Daseins. Im Bahnhofsmilieu, wie allgemein.
Der Geschlechtsreifende gesteht zu, nimmt auf sich. Tatsächlich siezt die Dirne uns nun auf eine Weise, mit welcher gemeinhin das Unwesen von Schaben und anderem Geziefer beklagt wird.
So peinlich, so lauthals missglückt ist unsere Geschäftsbeziehung, dass mir nur die Hoffnung bleibt, die Appartements rings um unsere klärenden Worte mögen unbelegt sein.
„Raus jetzt!“
Wird man im Bahnhofsmilieu des Raumes verwiesen, das wissen wir aus Ratgebern, solle man sofort gehen. Sofort!
Der Geschlechtsreifende und ich, wir kehren uns schleunigst zur Tür hinaus. Ohne Schlusswort, obwohl es noch manches anzumerken gab.
Drei Notausgänge später noch verfluchen wir uns dafür, mit Blümchen vorstellig geworden zu sein, wo nach der Natur der Dinge reinste Manneskraft verlangt wird.
Gepäck haben wir uns aufgeladen, wo wir hätten lernen müssen, in Bewegungen zu bleiben, keinesfalls den Schritt zu verschleppen. Pusselige Philosophen sind wir gewesen, die Sünden eines Erdenreichs schultern zu wollen, das nur darauf aus ist, ungestört weiterzuexerzieren, tausend Jahre, zehntausend, immer weiter.
Mit dem Schlachtmesser mag man der Schöpfung gewitzt ihre Filets abgewinnen, aber sicher nicht als ein Korn unter den Hufen einer exerzierenden Herde. Hufe, die frivol ins Glied wegtreten, wenn sie die Fleischberge über sich artgerecht runtergelatscht haben.

6.

Wir finden uns auf der Straße wieder. Aufgelöst von der Erkenntnis, die letzte Dirne auf Erden hinter uns zu haben. Abend ist es geworden. Freier eilen heim, mit Frau und Kind das Brot zu teilen, Cliquen finden sich zum Kinobesuch, Personenkraftwagen beehren und empfangen. Man hockt beim Bier, schlendert, genießt. Der Geschlechtsreifende schweigt. Beinahe bedrohlich nun das Schaufenster eines Sexshops. Bleiben die schließenden Kaufhäuser, bleiben die Vororte.
Wir kommen überein, nicht zu wissen, wo wir hinwollen. Natürlich wissen wir es. Aber wir wollen nicht hin, wo wir hinwollen. Die Umwege jedoch werden weniger. Zwei, vielleicht noch drei.
Schulterzuckend tröpfeln wir in eines der Königshäuser des Konsums. Hängenden Kopfes begeben wir uns unter die Segel eines Flaggschiffes, in dessen Leib all das lagert, was die Menschensöhne sich mit stolzer Brust (‚heilig, heilig, heilig‘) zurechnen. Ob dieser in die Luft gegangene Kaufmannsladen vielleicht eine Frischetheke für uns weiß?
Zwischen feierlichem Marmor und Wappen, die sich ‚Marken‘ nennen, hält ein gebenedeites Warenangebot Hof. Umsorgt von behandschuhten Zofen, erquickt durch Klaviermusik.
Wir erkundigen uns nach einem Smoking, begehren Auskunft über das Angebot an samtenen Mänteln oder gar Talaren.
Oberste Etage.
Der Fahrstuhl Richtung Herrenausstattung gewährt uns einen Panoramablick weit über die Rat- und Gotteshäuser hinweg. Aus den Lautsprechern versichert uns ein Sänger, dass er übermannt sei von so viel Himmel. Beinahe retten müssen wir uns vor der Sehnsucht, wahrhaft das Eigentum eines Gottes zu sein, vor der Lust, uns niederzuwerfen. Zur Verfügung sich halten, statt als eine Beute der Freiheit in den Wind gehängt zu sein. Rittersmänner, wie sie im Tode noch ihren HERRN grüßen, ohne des Schoßes zu gedenken, dessen Wärme ihnen ihr Dasein schenkte.
Der Teppich der Herrenausstattung nimmt mit seinen tiefen Wollbüscheln jeden Laut unseres Daseins sofort zu sich. Als wären wir zwei Geister, die durch eine mittelalterliche Schafherde wandeln, auf der Suche nach dem Hirten. Wahrscheinlich könnten wir inmitten dieser Herde sterben, ohne durch unzweckmäßige Geräusche den Geschäftsgang zu stören. Jenes Scharren fast verdorbener Leiber, das Kinder vor Neugier in die Hände klatschen lässt.
Die klassischen Dreiteiler hängen so hoch wie die Fahnen vor einem Grand Hotel, allein durch entsprechende Gerätschaft in Kundenhand zu bringen. Und wenig deutet darauf hin, dass oft nach entsprechender Gerätschaft gegriffen wird.
Wir denken an all die heruntergelassenen Hosen, wie sie auf Halbmast in den Kniekehlen Trauer tragen, während ihre Herrschaften mit rhythmischen Bewegungen Frauenzimmer erkunden. Wir würden uns eher von unseren Händen trennen, als diesen Herrschaften etwas von Rang zu überreichen.
Der Herrenausstatter wirkt, als habe er einige Canapés genossen und sich rasch den Mund getupft. Im Entgegenkommen zieht er Samthandschuhe über, nun schon deutlich gefasster.
„Bitte?“ begrüßt er uns. Als wäre zur Vesper ein Höhenkranker auf seinem Gipfel der Herrenausstattung angelangt.
„Wir wollen uns festlich machen für unsere Himmelfahrt“, buckeln wir.
Der Herrenausstatter scheint belustigt über das ‚wir‘, mit dem ein alleinstehender Herr kleinsten Formats um seine Dienste anhält. Und Himmelfahrt findet sich in dem ledernen Kalender des Herrenausstatters erst im nächsten Jahr wieder, kleingedruckt, abwegig.
Aber, als sei ihm ein drolliger Gedanke gekommen: mit jedem Herrlein steht ja eine Gattung von Herrlein vor Gericht, was die Mangelhaftigkeit ihres Geschmacks betrifft. Auch das mit der Himmelfahrt leuchtet dem Herrenausstatter ein, als er sich herablässt, uns zu mustern. Er zuckt mit den Fingern, als verscheuche er ein Wesen, dem alle Federn ausgegangen sind.
Nicht ganz auf dem Posten, längst reif zu sein für das Leichenhemd, missverstehen wir die Geste des Herrenausstatters. Vor allem der Geschlechtsreifende, der sich im Fahrstuhl noch bespiegelte, als brächen Morgen die Sommerferien an.
Hoffnungsfroh biegt und dreht der Geschlechtsreifende unseren Leib, als wären wir eine von den vielen kleinen Actionfiguren, die er mal besessen hat.
Eine ihm ansehnlich erscheinende Haltung sollen wir annehmen, auf dass man uns eines Stoffes und Schnittes für würdig hält.
Der Herrenausstatter wird auf seinem Gipfel mit viel Gebein konfrontiert. All das morsche Zeug, das er in wollene Säcke verstaut und zurück ins Flachland schüttet, ist regelmäßig verbunden mit Mühen, wie sie ein verfeinerter Geist gerne meidet.
Ohne viel Aufhebens scheint der Herrenausstatter sich zu gefallen in einem Ton, der etwas hat von den Einflüsterern, die früher an Königshöfen ihre Dienste anboten.
Wir alle wissen von Wahnsinnigen, wie sie sich zwanghaft ins Benehmen setzen wollen mit einem Dasein, das sich nicht im Geringsten um ihren Wahnsinn bekümmert. Spanner, wie sie mit ihren Fernrohren mal diesem, mal jenem Leib etwas unterstellen. Hunde, die immer etwas zu schnüffeln haben, die aufheulen, wenn sie sich nicht am Objekt ihrer Schnüffelei erleichtern können. Anhänger, die dem Erdenreich die Füße schwer werden lassen, wie sie ‚Stars‘ von der Wand heiraten, die nie auch nur ahnen werden, in welch Gesellschaft ihre Abbilder da geraten sind. Ein Füllfedertum, ein Kartenwerkeln, das Blinden zur Wahrheit gereicht und Kindsköpfe nach den Buntstiften verlangen lässt. Wenn die Gesinnung das ist, was von diesen Herrschaften am längsten kleben bleibt, braucht es hundert Schaufeln schwarzer Erde, sie vom Dasein abfaulen zu lassen.
Die Gesinnung, wie auch die Herrschaften.
„Keine Himmelfahrt ohne Sarg!“
Der Herrenausstatter rückt unsere Schultern zurecht, probiert grob an uns jene Haltung, die man ‚gerade‘ nennt.
Der Herrenausstatter seufzt wie über einen üblen Geruch.
Rasch scheint er nun Ordnung schaffen zu wollen auf seiner Höhe. Er lustwandelt durch den Showroom, streicht mal hier mal dort über seiden glänzendes Tuch, ehe er ins Off der Kulissen greift. Stoff kommt zum Vorschein, spröder Stoff. Ein Zweireiher, grau wie erloschene Glut.
Hier muss sich jemand irren, wir begehen Himmelfahrt, wir erwarten einen Segen, keinen Fluch! Ereifern will ich mich, der Geschlechtsreifende aber steht still. Bekommt er doch für die Schule stets die Kleidung der Rausgewachsenen, die es aufzutragen gilt. Warum also sollte der Geschlechtsreifende das Alte fürchten, das zwischen die Kulissen geknüllt ist? Er verlangt nach keinem modischen Beweis seiner Zukunft, nach keinem Pfiff. Klamme Notdurft kleidet ihn so gut wie geckenhaftes Weiß.
Schon sehen wir uns im Zweireiher stehen. Vor einem mannshohen Spiegel, der alle Eitelkeiten des Showrooms auf sich zieht. Übel tragen wir an dem Stoff. Rau und harmvoll. Nichts, was verlockt zum Ausschweifen. Dennoch drehen wir uns wie zum Feste, froh, entkleidet zu sein von den Beliebigkeiten der Feierabendwirtschaft.
Erfahrungen des eigenen Wohlbefindens sind wie Raubtiere, mit denen wir einander umbringen. Raubtiere, denen wir nachsteigen, Raubtiere, die alles verwandeln in ein freches Kinderspiel.
Mit Abstand schaut der Herrenausstatter auf unser Betragen. Ein wüstes Behagen, wie man es bei Warten findet, wenn alles regelgerecht in Marsch gesetzt ist.
Der Herrenausstatter heißt uns, die Arme zu heben, als hätten wir einen Sieg errungen. Stolzieren sollen wir, präsentieren sollen wir uns, zwischendurch uns abhocken, wie es der Menschen Art ist.
Der Herrenausstatter klopft uns auf beide Schultern: passt!
Wir probieren es mit Mienen der Dankbarkeit. Der Herrenausstatter aber lässt sich auf keine Duselei ein: er habe uns mit dem rauen Zweireiher gewartet, weil der sein Grab schon kenne. Wir aber würden unvermindert rummachen mit Menschensöhnen, als seien wir selber welche. Zwei Mistfliegen seien wir, denen man mit einem Grab noch Ehre antäte. Das bitteschön mögen wir zur Kenntnis nehmen.
Dem Geschlechtsreifenden, der sich beinahe in den Sommerferien wähnte, entgleisen die Gesichtszüge, während der Herrenausstatter tut, als balge er den Geschlechtsreifenden von mir ab: eine Ausgeburt des Wohlstandes sei das. Mit solch einer Fratze könne man alles stehen und alles liegen lassen, damit sich ja niemand überhebe, man könne jedem Gott opfern oder keinem, weil einem wenig mehr als Milch und Honig in den Blödsinn komme.
Dem Herrenausstatter scheint nichts an solch einer Samenblase zu liegen: deren Himmelfahrt, deren fortwährendes Gequatsche mit sich selbst, so gebärdet Nutzvieh sich nicht.
Der Herrenausstatter presst sich ein parfümiertes Tuch unter die Nase, lässt uns minutenlang so stehen.
Die Stille der Herrenausstattung, die vielen goldenen Knöpfe, die sich wiederanfinden werden unter einem Haufen von Gebeinen. Der raue Zweireiher, der mich dazu verführt, den Steinen auf dem Friedhof mehr zu vertrauen, als denen in der Stadt: eine alte Schöpfung, die neu angepasst sein will.

„Bezahlen!“
Ein Wort, mit dem man Namenloses hütet, ein Wort, durch das der Weg zur ewigen Ruhe führt.
„Niemand denkt ans Bezahlen.“
Der Herrenausstatter hat sich hinter seine Kasse begeben. Aus einer anderen Zeitrechnung scheint die Kasse zu stammen. Mit Elfenbein verziert, mit Schnitzereien, die von alten Sagen handeln: in Schatzkammern Gefangene, unter Gold Begrabene.
Abseits der vollautomatischen Registrierkassen findet der Herrenausstatter sich so bereit für den Zahlungsvorgang.
Unseren Rest an Geldmitteln haben wir in die Taschen der abgelegten Buxe gestopft. Und die ist zurückgeblieben im Gewirr der Umkleiden.
„Es ist ein ausgelaufenes Modell“, der Herrenausstatter klingt nachlässig. Kundschaft mag ihm untergekommen sein, die der Tod bereits im Maul hatte, die ihren Geschäftsgang aber dennoch mit fabrikneuer Ware bekleidet wissen wollte.
Körpersäfte lassen sich leicht von der Ware lösen. Sobald die Kundschaft fertig geworden ist, abgefallen von der Wollust ihres Stammes, sich im Erdreich zu verschanzen.
„Es ist aus einem Grab, das geräumt werden musste.“
Sein Lächeln so zart wie eine Feder, als wir begreifen. Die Augen so dunkel wie die Zeit, bevor Erde war und Dasein.
Der Geschlechtsreifende gruselt sich wie einst, als er mit den anderen Jungs durch den Kriechkeller robbte. Ohne Taschenlampen, ganz Tier vor Angst.
„Sie wünschten, auf Himmelfahrt zu gehen“, dient der Herrenausstatter.
Getragen als ein Auslaufmodell, wirkt unser Dasein wahrhaftig wie etwas, das sich ablegen lässt, ja, das abgelegt sein will. So wie wir inmitten der nackten Wände der Umkleiden leichthin unser Erspartes zurück ließen.
Der Herrenausstatter hebt denn auch seine Hände, uns einst so Leistungswillige abzuspannen: man trage Auslaufmodelle selbstverständlich mit leeren Taschen. ‚Bezahlen‘ bedeute nicht immer eine Schuld. Mit einem Klingeln, als werde jemand aus dem Reich der Toten an den Tresen zitiert, öffnet sich die Kasse des Herrenausstatters: ‚Bezahlen‘ bedeute auch, eine Last abzuwerfen.
Der Herrenausstatter befiehlt etwas Zierliches in unsere Hände. Seine Gabe ist umwickelt mit einem Geldschein, mit einem welken, abgegriffenen Bildnis königlicher Hoheit. Umso herrschaftlicher, umso lichter die Tablette darin, licht wie ein Abendmahl.
Beim Empfang dieser Weihe überkommt es den Geschlechtsreifenden, sich irgendwo ein Fenster zu eröffnen und sein Gemüt in den Horizont zu halten.
Gesegnet wirken Kartoffeln, drückt man sie in Uniformen, gekrönt, wenn Chöre sie hinaus zum Stadttor geleiten.
„Meine Empfehlung für Herrschaften, die unter dem Talar keinen stehen haben.“
Sich vom Liebesmahl zu erheben als ein Erzeuger, der Geschlechtsreifende blickte stets ratlos bei diesem Gedanken. Kopuliert werden muss! Weder dem Geschlechtsreifenden noch mir ist ein Vieh geläufig, das anders dem Erdenreich zu Umsatz verhilft. Wie aber weiter mit denen, deren Drängendstes blass zur Erde fällt?
Derart abgetrieben, spricht wenig gegen einen letzten Stoß hinaus aufs Meer. Im Wind, in Tagen und in Nächten, dem Himmel entgegen.
„Sind wir damit rasch auf offener See?“
„Keine Minute“, versichert der Herrenausstatter.
Mir wird bang in dem Auslaufmodell. Der Stoff fühlt sich an wie ein verfallenes Haus, in dem Kinder für ein paar Stunden Verstecken spielen, während mir dort nur die Nacht bleibt. Eine Nacht ohne Stimmen, ohne die Wärme irgendeines Blutstropfens.
Vergeblich suchen meine Augen die Herrenausstattung ab nach dem Geschlechtsreifenden. Vielleicht ist er heimgelaufen. Über weite, duftende Wiesen in sein Elternhaus: Papa bei klassischer Musik, Mama mit einem späten Abendbrot.
Kindertage, wie sie sich abwaschen lassen. Im hellblauen Bademantel, duftend von der Seife. Noch wäre er rechtzeitig für die Trickfilme des Vorabendprogramms.
Meine Faust schließt sich um das Licht, das, geballt in einer Kapsel, mir leis seinen Dienst zusichert.
Solch ein Stück verkapselten Lichts mag dem Geschlechtsreifenden zur Erbauung dienen, mich lockt das Licht allein als ein Erfüllungsgehilfe, mit dem ich sämtliche Horizonte bersten lassen kann.
Andächtig schauen der Herrenausstatter und ich auf meine Faust, wie sie das Licht versinken lässt im Auslaufmodell. Hinter eine letzte Verkleidung befohlen, bis zum Sendeschluss die Müdigkeit machtvoll hinzutritt, um rasch für bestes Einvernehmen zu sorgen.
Das Licht ist nun alles, was ich noch ‚am Mann‘ habe.
„Sehen Sie!“ unter der ausholenden Geste des Herrenausstatters wirkt ein jedes Dasein, als warte es frisch aufgebügelt darauf, möglichst hoch gehängt zu werden. Nach dorthin, wo die Fahnen der Grandhotels hängen. „Ich sorge dafür, dass niemand im Schweinchenrosa seiner Natur dasteht, wenn die Schöpfung vom Bürgersteig aufliest, was ihr missfällt.“
Er, der Herrenausstatter wache über Sitz und Form des Menschenwesens.
Mir geht nicht ein, warum der Herrenausstatter sich derart befördert weiß, für den Stolz eines Flaneurs ist es Jahre zu spät. Aber nun heißt es Stellung beziehen. Eingraben muss ich mich mit den Parolen des letztbesten Sängers.
Schabt auf verlassenen Plätzen Laub über den Asphalt, dauert es nicht lange, bis Abfall sich ins welke Spiel mischt. Tüten, leer und fortgeworfen, tun sich hervor. Wie das Nichts der Tüten Innerstes bläht, sie aufwirbelt, zwei, drei Stockwerke an den Zweckbauten hoch, ehe die Tüten dann stumm in ihr Grab sinken.
Über Jahrzehnte habe ich meine Taschen wieder und wieder kontrolliert, ob sich darin alles vollzählig befindet. Ein Dasein als Sparschwein, fortgegeben nun für eine Portion Licht. Es fühlt sich gut an.
Der Bau und die Speisekammer darin: fort sind diese beiden Sporen, die ein Dasein vor sich her treiben.
Ich freue mich, Knochen zu fühlen, hart zu sein, sehnig, ein verwitterter Pfahl Stacheldraht. Das Auslaufmodell, es kleidet mein Wesen. Nun habe ich gewonnen, was mir alle Waschungen der Welt versagten. Mag sein, man entsorgt mich so an einer Autobahntoilette. Aber wie denn sonst? Es kann der Mensch nicht glücklicher sein als im Winde. Eine Wiese wird man mir lassen, eine Anhöhe, ein Stück vom Himmel.
Der Herrenausstatter steuert still einen Mantel bei. Damit Nachtfrost mir am Ende nicht die Seele verdirbt. Man will ja niemand sein, dem Mut allein im Badeurlaub glückt.
Neuware, Stoff alltäglicher Witterungsumstände. Beinahe entschuldigend blickt der Herrenausstatter, kein Auslaufmodell bieten zu können, sondern nur ein kleinliches Produkt, von dem der Boulevard sich große Abende erhofft. Wollene Bauten, Kokonen gleich, wie Spinnen sie in ihrem Netz hüten.
Ein mattes Weiß hat der Herrenausstatter für mich gewählt: „Leichter kann das Totenhemd nicht sein“, lächelt er.
Suchtrupps, Hubschrauber, und ich im weißen Mantel auf einem weiten Feld. Dabei schickt niemand mehr auch nur seinen Hund nach mir.
Reisefertig stehe ich vor dem Herrenausstatter. Es bleibt nicht mehr viel. Hinter den Fenstern ist Nacht. Keine Nacht, die herrscht, wartet, ruft und lockt. Eine Nacht, der gleich ist, was sie bedeuten mag. Kriegen wir während ihrer Schicht unsere Angelegenheiten nicht geregelt, gehören wir eben dem nächsten Tag. Ohne eine Bestandsmeldung, was alles im Dunkel geboren wurde und was gestorben ist. Fenster sind dabei selten mehr als trübe Spiegel unseres Daseins: der Herrenausstatter wie ein Homunculus, ich wie verbrannte Muttermilch, dumpf und verdorben. Jetzt gilt es, Worte zu finden.
„Ich schaff das!“ sage ich.
Der Herrenausstatter blickt mir mit einem Male scheel als Gläubiger entgegen: „Gewiss!“ vertraut er auf den Zins seines Tuns.
Ja, danach wollte ich fragen, nach dem Zins. Auslaufmodelle sind so leicht wohl kaum zu bergen.
„Ich pflege ein Poesiealbum aus Zeitungsartikeln. Vermischtes vom Tage. Und berichten wird man doch wohl?“
Die Befähigung, mich aus Lauten zum Wort zu formen, macht kurz Pause. Selten erschien mir etwas sinnhafter, als solch ein Poesiealbum.
„Eine Liebhaberei mit Tradition“, freut sich der Herrenausstatter. „Mein Großvater diente bereits als Herrenausstatter. Schon früh entwickelte er sein Gespür für den Frieden eines ausgesuchten Stoffes. Daseinsmüde aller Couleur blieben ihm die teuersten Kunden.“
Der Herrenausstatter richtet zum letzten Male meinen Mantel. „Und so auch mir.“
Dem letzten menschlichen Vorposten Sterbewohl wünschen, mein Wesen erzittert. Beinahe wähne ich mich in der Herrenausstattung auf einem leise sinkenden Schiff. Hier ein aufgeheiztes Guthaben, dort die tiefschwarze See. Nur dass hier gar nichts, absolut gar nichts sinkt. Ich sinke, ich allein.

(wird fortgesetzt)

Die Götter bleiben aus (2021), Teil zwei.

7.

Der Herrenausstatter hat sich zurückgezogen. In seinem Rettungsboot aus Tradition und Poesie ist er davon. Plünnen bleiben mir zum Abschied. Eine Etage mit auf Puppen gezogenen Plünnen. Ergüsse des Wollens über einer Dürre des Seins.
Die Notbeleuchtung dimmt auf in der nächtlichen Herrenausstattung. Mein Zweireiher ist in glimmende Asche getaucht. Als würde unter mir das Geröll einer urzeitlichen Behausung knirschen.
Ganz früher, da ward ich mal vergessen und eingeschlossen. Als es noch den Vater gab mit seiner Heiligen Dreifaltigkeit. Heute aber steigt kein Ruf nach Hilfe mehr in mir empor. Nicht mal ein Grab gibt es mehr, das ich vom Wandtelefon neben den Kassen aus anrufen könnte. Und hinten der Notausgang bequem ins Freie. Das letzte Gebäude vor Himmelfahrt. Ich will in die Spielwarenabteilung!
In den Vitrinen der Spielwarenabteilung ist nichts, wie es einmal war. Als würde mir dort alles den Rücken zudrehen. Nirgends ein Lächeln, das mich etwas glauben macht.
Als Kinder stromerten wir durch die Warenhäuser, dampften vor Sonne, hatten weder hier noch dort etwas zu erledigen. Alles verweilte in einem Dasein, das nach Milchhörnchen schmeckte. Und selten hatte ein Beelzebub solch einen Hunger auf uns Pantoffeltierchen, dass er uns unsere Wünsche auf grausamste Weise erfüllte. Noch viele Sommer blieben wir davon befreit, Lotterbetten mit Gefühlen anreichern zu müssen.
Den Brettspielen wende ich mich zu. Miniaturen, wie sie das Kind einst fernhielten von deren öden Vorbildern, die als ‚lebendig‘ bezeichnet wurden: Häuser kaufen. Mietzins kassieren. Mehr Häuser kaufen. Mehr Mietzins kassieren. Eher würfelte ich so stundenlang mit mir selbst, als Tröge voll Sahne zu löffeln beim Tischgerede (vom Hauskauf und vom Mietzins) der Erwachsenen.
Löffeln und Mampfen, und der Mietzins jeden Monat. Als Kind bereits ahnte ich, was den Wiederkäuern zukommt und was zumindest den Irrwitz wahrt.
Einen Irrwitz, der tausend Booten in die Segel fährt. Eher als Freibeuter seine Taschen zu füllen, als mit hängenden Fahnen vor Papas Bier zu enden.
Ich nestle ein Schachspiel aus der Verpackung. Das Spielbrett lege ich vor die Fahrstühle, in den Laufschritt späterer Kundschaft. Ich besuche ein letztes Mal das Grab der Siegesfreude, mit der ich als Kind die Figuren aufstellte. Dann stelle ich einen weißen Bauern auf d4, einen auf c4 und einen auf g4, einen schwarzen Bauern auf d5 und einen auf g6, einen weißen Springer auf c3 und einen schwarzen Springer auf f6. Meine Gewinnvariante der Indischen Verteidigung von Großmeister Grünfeld. Heute Nacht ein Daseinszeichen, Morgen für die Kassiererinnen eine Irritation ihrer Arbeitsabläufe.
Andererseits: nie habe ich mir ein Beispiel genommen an den schönen Schuhen der Kassiererinnen. In einem ausgelaufenen Anzug mochte ich mich feiern, aber auf meine Schuhe ließ ich kein Wort kommen. Vielleicht wäre der Geschlechtsreifende nicht heim, vielleicht wäre der Herrenausstatter nicht fort mit seinem Rettungsboot aus Tradition und Poesie, hätte ich den beiden nicht mein abgetretenes Schuhwerk zugemutet.
Ich greife mir ein Heldenkostüm, ein Heldenkostüm für Kinder ab acht Jahren und schnipple meinem Schuhwerk aus den roten, netzverzierten Strumpfbeinen zwei Überzieher. Reste zu schmecken von dem Kinderglück, eine ‚Geheimidentität‘ zu haben. Und ja, meine letzten Meter will ich in Kindersocken gehen.
Wann immer ich hinaufblickte zu den Dächern der Stadt, fragte ich nach den Superhelden. Nach Batman, nach Moon Knight, meistens nach Spiderman. Warum einer von ihnen meine Gegend aufsuchen sollte? Nicht mal ein guter Grund, schon ein halbguter oder auch ein schlechter Grund hätte mein Dasein wohl derart belüftet, dass das Erdenreich und ich uns einig geworden wären.
Auflösen will ich mich in der fahlen Spielwarenabteilung, zum letzten Mal Heiligabend sein und Mitternachtsmesse. Ein Morgenstern aus einem Malbuch für Kinder, der zerbröselt in einem weit gespannten Himmelszelt. Mögen die ‚Erwachsenen‘ bis in alle Ewigkeiten Wände bepinseln und ihre Bleiben zum Tuschkasten erklären. Dazu Auslegeware, wo man auf Gräbern gebaut hat. Das höhlt den fabelhaftesten Instinkt. Zurück zu bleiben als ein Stubenphilosoph, der vom Feuer nichts weiß, der vergehen lassen kann, was andere bewohnten.
Eine Actionfigur stelle ich auf den Verkaufstresen, dazu eine Puppe vom Typ ‚Schleckermäulchen‘. Ein Standgericht, dem ich Rechenschaft schuldig bin. Für all die Weltenräume, die mein Spielzimmer mir eröffnete: Armeen in der Schublade, Städte im Karton, Planeten, wie sie durch die Loopings sausten. Und ich dazwischen als eine traumlose Hand, die sich durch die Jahre grabbelte, die nichts vom Gewicht der Nächte wusste, die keinen Bedarf hatte an Räumen, in denen nirgends eine Nacht mehr etwas wog. Also auch keinen Bedarf an den Personen, die diesen Räumen vorzustehen schienen, keinen Bedarf an den Freitagen, als wir in der letzten Stunde Religion hatten bei Herrn Pusch.
Mit gedimmter Stimme versuchte Herr Pusch uns Menschen näherzubringen, denen das Wasser bis zum Hals stand. Verdeutlichen wollte er uns, was es mit dem ‚Bezahlen‘ auf sich hatte. Wir aber, wir scharrten mit den Hufen, bis Herr Pusch endlich seine Arme ausbreitete und eine wegwerfende Geste machte: ‚Schönes Wochenende!‘
„Herr Pusch!“ rufe ich ins Leere der Spielwarenabteilung. „Sie sind bestimmt längst hinüber, sind Sie nicht?“
Ich warte. Kleinlaut warte ich vor dem Lehrerzimmer der Klassen 5a und 5b. Alles dunkel.
„Die Wochenenden liegen hinter mir, Herr Pusch, ich bin bereit.“
Wie wenig man die Leute kennt. Es kam vor, dass durchs Schlüsselloch gespäht wurde, was Herr Pusch alleine in dem kleinen Lehrerzimmer treiben mochte? ‚Mein Gesicht gefällt Dir also?‘ will Herr Pusch wissen.
Er habe in der Schulzeit Leid erfahren! So unterbrach Herr Pusch eines Freitags unsere Kalkulationen, wie lange es noch sei bis zum Wochenende. Nicht wenige schworen darauf, fortwährend bis 60 zu zählen. Die gerieten durch Herrn Pusch aus dem Takt. Obwohl es lange her war, dass Herr Pusch einen Klassenlehrer hatte, dem das Gesicht von Herrn Pusch nicht gefiel.
‚Gefällt Dir mein Gesicht?‘ will Herr Pusch wissen.
„Wie einem so manches gefällt, nachts, allein.“
‚Es ist spät. Keine Zeit mehr für Phantasien.‘
„Sehe ich aus wie jemand, der auf Phantasien verzichten kann?“
Zum Beweis präsentiere ich meine geschnippelten Überzieher.
Herr Pusch nimmt eine Begradigungen vor an dem Kassengestell auf seiner Nase.
‚Du leistest Dir viele Worte.‘
Wenn die Welt ist wie Beton, was bleibt dann mehr, als wenigstens mit seinem Blut für ein paar Schmierereien zu sorgen? Keine Zeugnisse inneren Reichtums, die da regelmäßig von den Grenzen der Welt geschrubbt werden.
„Sie habe ich mir behalten, Herr Pusch.“
‚Ein Lämmlein, das nie einen Weg aus der Spielwarenabteilung gefunden hat und nun hampelnd in der Mitternacht hängt…‘
„Wäre Ihnen ein fetter Bock lieber?“
‚Warum dann nicht sitzenbleiben? Der Weg in die Fleischerei ist viel zu beschwerlich für ein Lamm.‘
„Haben Sie nie das Blut eines Lamms an Türpfosten getrichen?“
‚Nein.‘
„Also muss ich mich auf meinen schmalen Beinchen selbst um eine Opferstätte bemühen.“
Herr Pusch nickt: ‚Damit wenigstens Dein Fell vielleicht zu etwas gut ist?‘
„Niemand bin ich, der sich am Boden mit Teppichläufern eine gute Nacht wünschen will.“
‚Und ich Christenkind soll Dein stilles kleines Opferfest heiligen?‘
„Sie habe ich mir behalten, Herr Pusch.“
Staunend verharren wir voreinander, wie rasch man sich in seiner Phantasie vom Unterrichtsgespräch entfremdet. Schwer auszudenken, würden wir einander wahrhaft begreifen und uns dieses irrsinnige Gebräu aus den Kindereien fremder Leute ins Hirn schütten. Allein Phantasien vermögen uns zu retten vor den Senkgruben des Daseins.
Ist niemand in der Nähe, lässt sich Nähe spüren. Wenn die Fleischpanzer mit ihren Insassen fort sind, zeigt sich, was nur Rumgemache war und wann allein der Schoß etwas springen ließ.
Wir opfern den Abgesandten jenes Königreichs, das wir in uns vermuten. Unser ‚wahres Selbst‘. Im Dunkeln, hinter tausend Siegeln.
Herrn Pusch soll dort nach Edelsteinen fahnden, Schmückendes emporschaffen. Kostbarkeiten, die meiner Himmelfahrt entschieden mehr Biss verleihen.
Viel Zeit bleibt nicht. Kaum auszudenken, wenn draußen gleich die Nacht über mich kommt. Eisigen Böen, derweil man in den Schlafstädten Häppchen mümmelt, Haustiere herzt, vielleicht alle paar Jahre den Bestatter ruft. So natürlich vollzieht es sich, wie bei den Geschöpfen des Waldes, während ich hier in einem notbeleuchteten Kaufhaus abhänge und gewiss anderes zu erwarten habe, als neue Staffeln alter Serien.
Eine Wahl, noch habe ich sie. Ich könnte mir in der Herrenausstattung mein Geld wiederholen, unten bei der Unterhaltungselektronik einige Boxen voller Spielfilme mitgehen lassen, heimfahren inmitten von Pärchen, die es sich den Abend über gutgehen ließen. Der Umschlag auf dem Wohnzimmertischchen wäre schnell zerrissen. Stecker vom Fernseher wieder rein, etwas Staub vom Herd, schon stünde ich bereit, auf vierundvierzig Quadratmetern weiterhin da zu sein. Zwanzig, dreißig, vielleicht vierzig, fünfzig Jahre. Und selbst dann wird das Radio dudeln, als habe es eben erst den Sendebetrieb aufgenommen.
Zehn Radios könnte ich erwerben, jedes auf einer anderen Frequenz meine vierundvierzig Quadratmeter bespielen lassen: es bliebe still wie nachts auf viertausendvierhundert Quadratmetern Warenhaus. Geräusche sind kein Leben, Bewegungen keine Handlung. Am Ende bleibt da nur der Umsatz an Fett, höchstens die Zufriedenheit, seine Butze trockengewohnt zu haben.
Eine Sense in einer Unendlichkeit aus wogenden Halmen. Das Auf, das Ab, der Schwung mittendrin. Dazu das Vieh, das sich still seiner Weide ergibt, statt röhrend alle Viere ausleiern zu lassen.
Wie ein Zündholz streiche ich über die Regale der Spielwarenabteilung, welch Zeitgenossen mir wohl unter Tage Gesellschaft leisten werden?
Ich drücke den mit einer Note beklebten Bauch eines Stoffesels: „Ich bin so fröhlich!“ tönt der Esel. „Ich bin so fröhlich!“

8.

In der Seitenstraße, am Notausgang des Kaufhauses, treffe ich Herrn Pusch wieder. Er wirkt mit seinem Parka wie auf Klassenreise, bereit zur Nachtwanderung. Seinem Gesicht nach, hat er in meinem Kopfknast wenig Zählbares gefunden. Auf den Fluren nur die Rollkommandos des Alltags, Totschläger, mit denen schwerlich Himmelfahrt zu machen ist. Es wird mich also noch einiges an Phantasie kosten, eher von einem Federkleid auszugehen, als von Beton an meinen Füßen. Fest halte ich den Stoffesel im Arm, will sonst kein Ding der Welt mehr besitzen.
Herr Pusch regt einen kleinen Rundgang an, bevor wir die Stadt hinter uns lassen, deren Gemäuer und Glockentürme mich lange Zeit wie eine Flipperkugel in Bewegung hielten. Und siehe, ich fühle mich verwandelt, als hätte Herr Pusch in mir ausgefegt. Nirgends mehr ein Ringen um jeden Meter Strecke, wie furchtbar es doch sei, sich ohne Not auf Himmelfahrt zu begeben.
Die Flaniermeile zwischen Kaufhaus und Hauptbahnhof empfängt mich ohne jede Teilnahme. Mit Herrn Pusch stehe ich dort auf dem Trottoir wie auf einer zugefrorenen Fläche. Als müsste ich mit dem Eispickel ran, um all den Orten, die mich längst vergessen haben, vielleicht noch etwas abgewinnen zu können.
„In meinem Kopf ist es blau und schwarz vor Kälte.“ Ein schmaler Schlussstrich unter fünf Jahrzehnten.
Herr Pusch lächelt, wie einer nur lächeln kann, der längst nicht mehr am Haken der Eitelkeit zappelt. Während ich eher nach dem Richter rufe, als mich grußlos abweisen zu lassen von einer Zeit, in der zwei, drei Bahnstationen langten, mich auf einer anderen Erde aussteigen zu lassen.
Ein Bild meines verwunschenen Vaters tritt vor, wie er auf der Flaniermeile meine Mutter anrief, ob ich für einen Schachcomputer meine Ersparnisse geben dürfe?
Ich durfte. Doch kaum ist das schachspielende Blechäffchen wieder mein, ist Nacht, wo eben noch der verwunschene Vater stand.
Gerade so glückt es mir, am Ende der Flaniermeile die 10b zu versammeln. Ich etwas abseits, während keiner von uns unseren letzten Klassenausflug sonderlich würdigte. Neben mir das Mädchen, das sich bereits zur Himmelfahrt einfand, als wir alle noch mit unserer Jugend kuschelten, mit dem Gedanken, dass keine Blume, kein Singvogel sich je von uns abwenden würde. Blinde Halden, die sich als umsorgte Quellen empfanden.
‚Zeit für das Abendmahl‘, lächelt Herr Pusch.
Mir kommt eine Stampe in den Sinn, aus der ich als Kind Litaneien hörte: ‚Heiliger Wirt, befreie mich von meiner Alten!‘
Der ‚Puppenspieler‘, vielleicht zwanzig Minuten Fußweg.
‚Am kürzesten ist es vorbei am Gotteshaus‘, rät Herr Pusch. Auf eine Sehenswürdigkeit des christlichen Sonntagsstaates deutet er, in Stadtführern wohlerwähnt. Wobei man vielleicht auch schreiben sollte, dass im Turm der Ausguck zugedrahtet ist. Gäbe es eine Rubrik für ‚Himmelfahrten‘, wäre dort kein Stern fällig.
Als Herrn Pusch mit mir vor dem Gotteshaus aufkreuzt, erhebt das Mauerwerk sich beinahe gewalttätig vor uns. Jahrhunderte thronen hier, jedes Aufbegehren mit sanfter Hand zu zermalmen: lieber von einem launigen Gott verworfen sein, als mit den Jahreszeiten verwittern, gleichgültig vom Tage in die Nacht durchgereicht, wie Schotter vom Berg hinab zu rauschen.
Keck steht Herr Pusch im Licht der Scheinwerfer, die dem Kirchturm weithin Geltung verleihen. Er zeigt auf einen Weg, der fortführt von den Scheinwerfern. Hin zu einem Tor, das unentdeckt bleiben will. Der Knauf des Tores ist verziert mit Käfern aus einer dunklen Tierwelt.
‚Wir nehmen den Weg der Särge‘, sagt Herr Pusch.
Jenen fensterlosen Flur, durch den man die Erdlinge fortschafft, die in weißen Laken vor ihre Häuser gelegt wurden.
Im Kirchenschiff brennen rote Kerzen. Die Bänke stehen derart aufgereiht, als wären sie die Andächtigen und das sonntägliche Dasein auf ihnen nur ein schwüler Hauch. Keineswegs zärtlich beäugt das Kirchenrund meine Himmelfahrt, hingegen Herr Pusch ganz der Besitzer eines biblischen Gutes ist. Stolz auf seine Saat, schreitet Herr Pusch Kandelaber ab, nickt hier einem Flämmchen zu und genießt dort einen Wohlgeruch.
Was uns im Dasein nicht glückt, im Fortsein vermögen wir es. Wohl, weil sich langwierige An- und Abfahrten erübrigen. Nie wechselte ich mit Herrn Pusch ein persönliches Wort, auch ist mir nicht in Erinnerung, mich an seinem Unterricht sonderlich beteiligt zu haben. Nun aber ziehen wir um die Häuser, der Herr Pusch und ich.
‚Warum so still?‘ will Herr Pusch wissen.
„Weil von Ihnen wohl nicht einmal mehr die Knochen da sind.“
Herr Pusch lässt sich in der ersten Reihe nieder. Seine Augen ruhen auf dem Altar, einem Steinblock, vor dem ein samtenes Banner hängt. Herr Pusch breitet die Arme aus. Herr Pusch lacht. Herr Pusch zeigt auf die Stelle, wo einmal sein Herz schlug. Für Augenblicke ist es, als wäre über mir eine Glasglocke fortgenommen worden. Kalt ist es im Kirchenschiff, ich bemerke meinen Atem vor Augen. Das Erdenreich wird Morgen einen sonnigen Wintertag zu sehen bekommen. Aufmerksame Beobachter mögen mehr zugefrorene Stellen bemerken, die fröhlich im Tageslicht glitzern. Ich lasse mich neben Herrn Pusch fallen, bald achtundvierzig Stunden ohne Schlaf.
Weinen müsste man können, trauern, sich auflösen in Tränen. Aber Steinblöcke und Holzbänke sind gewiss Wärter, die sich davon nicht erweichen lassen.
Stattdessen mümmle ich mit Herrn Pusch mein Abendmahl aus kalter Luft und der schwülstigen Sehnsucht, von einem Wort, einem einzigen Wort errettet zu werden: ‚Sprich nur ein Wort, so wird meine Seele gesund.‘
Kein Erdenbürger stellt sich unter dem Himmelreich mehr vor, als die Heimeligkeit einer gesteigerten Normalität: endlos Freibier und das Beste, was die Blutsverwandtschaft so hergibt.
Herr Pusch streicht leichthin über seinen leeren Brustkorb: ‚Das Fegefeuer ist vielleicht, uns selbst nie die Welt zu bedeuten.‘
Meine Hand drückt den Stoffesel. „Ich bin so fröhlich“, schnarrt es durchs Kirchenrund, „ich bin so fröhlich!“
Fünfzig Jahre lang habe ich mich jeden Morgen eingefunden zum Dasein, tausende Male erwachte ich mit dem Gebot, da zu sein. Nun nehme ich mich ein letztes Mal in Betrieb.
Dutzenden Kirchenbänken vertraute ich mich an. Kirchenbänken, in deren Mitte ich kniete, hoffte, leise meinem Handeln einen Wert zubilligte. Stets die Gebetsmühlen anderer im Ohr, stets derart abgedrängt, dass ich nur ein paar Büschel Stroh erspähen konnte von der Krippe, in der angeblich das Christkind lag.
Das bucklige Vaterunser ließ ich hinter mir, das Bedürfnis, mir aus der Bibel ein Schicksal zu borgen. Dem menschgewordenen Gott fühlte ich mich über, so wie die Gotteshäusler über den Tiergöttern der Wilden standen.
Einmal dabei, mich zu erheben, ließ ich auch die Heiligtümer der Wollust hinter mir.
Mit den Füßen suchte ich Wahrheit zu schaffen. Über die Altäre fremder Leute fiel ich her. Holz blieb Holz, und Holz musste krachen. Liebevolle Lichter, für mich entzündet, blies ich fort. In meiner Wahrheit erkannte ich meine Stärke. Meine Wahrheit, das waren Trümmer.
Ein Eiferer, der selbst im arglosesten Beisammensein das Wortgefecht suchte. Und kein Zurück mehr, kein Zurück. Der Himmel schweigt, um mich herum Zerstörung. Überall sollte das Fleisch brennen, überall. Sehen wollte ich, welch Geist hinter den Fleischbergen Dienst tat. Jetzt brennt es. Weitab von den Fleischbergen. Mein Fleisch brennt, nur meines.
‚Was kann ich für Dich tun?‘ Herr Pusch wendet sich seinem Glaubensgeschäft zu. Der Geistliche, der einen zur Himmelfahrt abholt, hier ist er nun. Wie wenn sich ein Schlüssel im Schloss einer Zellentür drehen würde. Als hätte an meinem Hosenbund jemals mehr gehangen, als der Schlüssel zu meiner Butze. Und was soll Herr Pusch mir im Zellentrakt meines Schädels groß eröffnen?
Ganz ohne diese zahnlosen Einbildungen aber, ließe das Erdenreich mich sitzen. Auf wackeligen Kirchenbänken. Als sei ich das vergessene Blatt eines vergessenen Gemeindebriefs: ‚Wir trauern um:‘ fünf, zehn, zwanzig Namen. Wobei es vermutlich keine Gemeinde mehr gibt, aus deren Kartei mein Name nicht längst gefallen ist. Also bin ich eher ein vergessener Name auf einer vergessenen Seite eines vergessenen Gemeindebriefs.
Erleichtert bin ich, dass der Herr Pusch, der längst hinüber ist, nicht mehr beheizt sein will. Niemand, dem man in einem fort Brot zuteilen müsste.
Welch trauriges Gespann wären wir, würde auch Herr Pusch barmend durchs Dunkel trotten, einen Stoffesel unterm Arm. So hingegen bleibt die Würde von Gesellen, die nicht austreten müssen.
Trickfiguren kommen mir in den Sinn, wie sie über den Rand einer Klippe eilen, wie sie das Erdenreich unter ihren Füßen verlieren, ohne es zu merken. Wie sie zwanzig, dreißig Meter später dann doch zu Boden blicken, sich einerseits erschrecken, andererseits aber auch verwundert sind, wie leicht man in den Himmel gerät, wie leicht das Fleisch brockenweise von einem abfällt. Beinahe komisch anzusehen bei dem Gedanken, wie lange man daran getragen hat.
„Ich möchte mit Ihnen über die Zinnen des Erdenreichs spazieren“, wünsche ich mir von Herrn Pusch.
Eine Wildheit, die sich hören lässt, selbst wenn um sie herum alles auf der Lauer liegt, die stolz sich hören lässt auf einem weiten Feld, wo allein die Fallenden kurz rascheln, ehe sie dumpf zu Boden gehen.
Wollte ich es auf Erden krachen lassen, tat man, als wäre ich mit einer Bomberjacke in eine Heilige Messe gestürmt. Nahte ich aber in Soutane, tanzte man bocksbeinig Reigen um Reigen. Am Ende musste ich froh sein, dass ich nicht vor der Zeit vom Platz gestellt wurde, sondern dass man mich weiterhin am Rande fiepsen ließ.
‚Wir könnten von der Lust reden‘, Herr Pusch blickt zu Boden.
Natürlich weiß Herr Pusch, dass nie ein Frauenzimmer in meinen Zellentrakt einziehen wollte. Weder bin ich der Gott mit Telefonanschluss, der einem gelehrten Ammenwesen vorsteht, noch der Kater, der vorm Traualtar sein Revier markiert. Und sie alle schauen nun von ihren Revieren hinab auf mein mickriges Ende, das sich nur mit Wahnvorstellungen leidlich ausstaffieren lässt.
Ich blicke empor zu den Abbildern der Heiligen. Für meine Menschenaugen nur Kerzen in einem finsteren Weltenall. Kerzen, die Herr Pusch mir nicht erhellen wird. Eine Wahnvorstellung ist niemals klüger als der Wahnsinnige. Wer also glaubt, mit einem Gott zu sprechen, sollte ihm spontan etwas zum Kopfrechnen geben: 257×593-127 ist gleich?
Jeder weiß gepinselte Rauschebart im Kirchenrund reduziert Herrn Pusch zu einem leiernden Wiedergänger meines Kopfknastes.
Vor dem Altar einer Kirche mit meinem Kopfknast das Abendmahl zu feiern lohnt sich so wenig, wie ein Herrengedeck in der erstbesten Schänke. Die Wege ebnen sich. Zwar kann ich den Gotteshäusler noch vom Affen unterscheiden, doch die Urzeit dämmert mir. Als alles Wasser war und Luft. Der Wunsch eines jeden Erdlings, oben zu bleiben, gerät dabei in Vergessenheit. Wer ringt noch mit Straßenbildern, wenn er hinter sämtlichen Straßenzügen den Ozean weiß?
Ein Wissen, welches allein durch das Gestrampel nach ‚Leben‘ getrübt wird. Kein Mensch je kleidet sich mit dem Stoff, aus dem das Leben ist. Allesamt drücken sie das Verderben an ihr Herz.
Herr Pusch wendet sich zum Gehen. Lange genug habe ich mich geweigert, mit ihm fromme Lieder zu singen. Selbst das Personal meines Kopfknastes mag nicht länger dulden, dass ich an keinem Gitter vorbei kann, ohne daran zu rütteln.
Hätte ich nur meinen Beinen das Laufen überlassen! Der geringste Freigang hätte ihnen genügt für ein Dasein. Nirgends ein Tier, das irgendwann danach verlangt, unter Palmen ausgeführt zu werden. Ein Viereck Dasein. Meter für Meter Beton, zum aufrecht halten oder um sich darauf zu betten.
„Warten Sie!“ flehe ich. „Lobpreisen will ich den HERRN. Zusammen mit Ihnen!“
Im Angesicht meiner Himmelfahrt will ich nicht als Abfall der eigenen Sittenpolizei enden. Im Morast hinter dem Kopfknast. Zusammen mit dem Bühnenbild meiner Moral, über das ich jahrzehntelang alle Welt in Kenntnis setzte. Einem Bühnenbild, das keines der von mir ersponnenen Strichmännchen mehr bespielen mag.
Wenn man krakeelt hat, lange vergeblich krakeelt, auf welche Weise nimmt man dann Platz, um seine Füße fortan still zu halten?
Ich breite die Arme aus, Herrn Pusch für einen neuen Bund zu gewinnen. Ich ziehe unter der Kirchenbank das nächstbeste Gesangbuch vor und falle mit flammenden Lobpreis über das Kirchenschiff her. Beinahe brülle ich, als Herr Pusch die Maske des Scharfrichters überzieht.
Stelle ich mir einen Scharfrichter vor, dann auf jene leise Weise, mit der Herr Pusch hinter mich rückt, bis er mir im Genick sitzt: ‚Besser?‘
Tatsächlich streicht die Befürchtung, sogleich von einem Draht um den Hals nach hinten gerissen zu werden, meinen Gefühlshaushalt angenehm zusammen. ANGST ist vielleicht meine letzte Möglichkeit, mich zurück in die Hochhausbutze zu kehren. Auf der Matratze kauern vor dem Untier ANGST. Vor der Schlinge, die mir mein Dasein aus dem Leib schneidet.
Keine Minute lang werde ich spüren, wie sie sich in meinen Hals sägt. Das hat der Herrenausstatter versprochen. Das sind aber immer noch 59 Sekunden, in denen jedes Büschel Gras mir mit jeder Sekunde schöner erscheinen wird, als sähe ich dieses Wunder der Natur wieder mit Kinderaugen. Und jeder Halm wird sich an mein Ohr neigen: jetzt können wir nichts mehr für Dich tun, jetzt bist Du verloren.
Ich spüre, wie mein Kopfknast den unbedingten Erhalt seiner Mauern fordert. Mit ANGST will man mich zurückscheuchen auf ein versifftes Lager in der Butzenwelt. Die sichere Bank im Park, statt eine unkalkulierbare Himmelfahrt. Was, wenn mein Leib sich davonmacht, ich aber untot zurückbleibe? Dazu verdammt, bis in alle Ewigkeiten einen kleinen Kreis zu ziehen, viel kleiner, als ein Spaziergang um den Block.
Ich denke an den Herrenausstatter, wie er vergebens auf eine Randnotiz in der Tagespresse hofft.
Das wäre wohl das Unterrichtsziel, das Herr Pusch erreichen will. Die Maske des Scharfrichters war zu keinem Zeitpunkt mehr als nur Unterrichtsmaterial. Wie auch anders? Herrn Puschs Liegefrist auf den Gottesäckern dieser Welt ist längst verstrichen. All unser Gebärden wollen stets ins Verhältnis gesetzt sein zu dem Häufchen Urnenschmutz, das bleibt.
Ich lasse Herrn Pusch seufzen unter der Maske des Scharfrichters, sinke in mich zusammen. Keine Angst mehr. Man könnte mich in die Garrotte drehen wie einen Sack Getreide.
Seit es die Pest gibt und den Krieg, sorgt das Erdenreich sich um seine Karteileichen. Jedem Wandervogel bietet es das ‚Du‘ an. Eines Tages wird das Licht der Welt sich derart in die Höhe leiten lassen, dass man mich im Wind wiederfindet.
‚Mein stier gewordener Hagestolz, das hier ist nimmermehr ein Ort für Dich.‘
Für eine Sekunde spüre ich die Hand von Herrn Pusch wahrhaftig auf meiner Schulter: ‚Jetzt steigen wir in den Wein. Ohne einen guten Schluck ist noch keine Himmelfahrt je etwas geworden.‘
Mehrmals sehe ich mich um, als gäbe es noch etwas, das ich mir in die Taschen stopfen könnte. Aber das Taufbecken wie auch der Beichtstuhl verschließen sich meiner letzten Hoffnung auf Gleichgesinnte. Möge ich in Freiheit verderben.
Doch wie kann einer verderben, der aus seinem Käfig gezerrt und in den Himmel geworfen wurde?

9.

Vor dem Kirchentor hat die Nacht ausgefegt. Abfallbehältnisse treten ins Straßenbild, Schmierereien ins Licht, Uneinsehbares lockt den Notdürftigen.
Ich denke an all die ‚Reifeprüfungen‘, die Menschen einander in der Nacht abverlangen. Das Abgeklatsche, mit dem man den Grad seiner Unterwerfung feiert. Hohe Häuser, die so natürlich in den Himmel ragen, als sei mein Blut nur ein übles Gebräu, das die hohen Häuser besudeln könnte.
Herr Pusch zieht mich zurück zum Hauptbahnhof. Niemand will jetzt mehr unnötige Wege in wie auch immer geartete Erinnerungen. Steine habe ich genug gehegt.
Wecke ich den Geschlechtsreifenden zu seiner letzten Frühstunde, wird er, im Traume noch, für Heimat nehmen, was mir billig scheint.
Herr Pusch deutet auf einen ‚Bierbrunnen‘ gegenüber vom Hauptbahnhof. Die Onkels darin sind im Erdenreich keine schwache Währung. Leichthin ernennt das Kind jeden, der ihm vorgestellt wird, zum ‚Onkel‘. Ein Nonsens, der lediglich andere Wege findet, wenn irgendwann der Kopf unter den Klöten hängt.
Also mag der Bierbrunnen sich auch zum Taufbrunnen eignen. Gilt es doch, den Gottesacker als ein Kind zu schultern. Als einen Sprung ins Becken, ohne jede Schamesröte. Ruhend in tiefen Augen, vom Wind getröstet.
Es ist keine leichte Geburt, die Herr Pusch und ich im Bierbrunnen durchstehen. Der Schankraum tut, als sei alles seit Trinkergenerationen an seinem Platze. Neues wird nur geduldet, wenn Altes an der Theke hinabgefault ist. Und nun wir zwei von der Laufkundschaft!
Schlitzaugen blicken uns entgegen. Die Fäuste ballen sich fester um die Humpen. Als ginge gleich etwas ab mit Gebrüll. Vielleicht eine Himmelfahrt ganz nach dem Gemüt des Herrenausstatters.
Am Ausschank wird ein Seidel für uns vorgeholt. Auf die Art, als wolle man zwei Trinkhalme hinzutun.
„Herrschaften, was darf es sein?“ dröhnt der Wirt.
„Ein Bier, bitte.“
Meine Adern weiten sich, als sei mein Kopf ein Korken, der rausmüsse. Kein Geld, keine Papiere, und in den Seidel fließt das erste Bier meines Daseins. Und während ich noch überlege, wie es wohl sei, mit einer Schaumkrone durchs Erdenreich zu wandeln, bricht in meinem Schlund entsetzliche Schwüle aus. Beinahe stürze ich hinunter, was mir bitter schmeckt, bitterer denn je. Noch eins!
Als der dritte Seidel ins Tiefe verbracht ist, klopft es auf den Tischen. Wie wenn die Schlitzaugen schonmal anfragen würden beim Teufel, ob noch Platz sei in der Hölle für mich Spatzenschnabel?
Stets verheißt das Blöken des Viehs mehr Dasein, als des Dichters Laute.
Dem Herzen folgen heißt trommelnden Affen folgen.
Ein erster aufmunternder Ruf, der meinem Stehvermögen gilt. Dann, als hocke man in einem Urwald auf Bäumen, gibt die ganze Horde Laut. Baritons und Mezzosoprane, kehlig, heiser, versoffen.
Mit dem Gejohle erleichtert sich wohl der Gedanke, dass das Erdenreich insgesamt solchermaßen bewässert sein sollte, nur eben nicht von der Entschlusskraft ist, wie die Herrschaften im Bierbrunnen.
Ich wende mich dem Schankraum zu, stürze vor aller Augen meinen Seidel um: „Kein Trinkrand!“
Hemmungslos prostet man mir zu. Als habe das Erdenreich soeben einen Pakt geschlossen mit dem Bierbrunnen.
Herr Pusch lehnt hinten an der Wand, weit weg von dem Gedröhne. Ich merke, wie reizbar mein Kopfknast ist gegen die Art, mit der die Menschenkinder einander fortwährend beschnuppern. Beinahe möchte ich Herrn Pusch zur Beruhigung ein parfümiertes Taschentuch reichen.
Fest schaue ich Herrn Pusch in die Augen. Herr Pusch hält den Blick: niemand mehr in meinem Kopfkast, der sich scheut, ein Urteil über mich zu fällen. Die Sachen sind gepackt. Man wartet darauf, ausziehen zu dürfen. Mir zittern die Lippen, wie es so weit kommen konnte? Meine Himmelfahrt hier, ich könnte sie mir leicht ersparen. Kiloweise Buletten im Discounter, mittelscharfer Senf, dazu Dosenbier der Marke ‚Fürst Trautmannsdorff‘. Die Sonne aufgehen und untergehen lassen. Irgendwer wird mich schon holen.
‚Heimholen!‘ nickt Herr Pusch.
Der halbherzige Versuch meines Kopfknastes, in einer Ruine das Hausrecht geltend zu machen. Aber in der Ruine hört niemand mehr auf ‚Haus‘, niemand mehr auf ‚Recht‘. Buchstabieren kann ich beide Begriffe noch, keiner jedoch hält mich mehr fest auf dem Boden des Erdenreichs.
„Lokalrunde?“ Verstohlen schiebe ich am Tresen das Futter aus meinen leeren Taschen.
Der Wirt durchschauts sofort. Ein Geschäftsmann, der nüchtern den Unterhaltungswert elender Kreaturen aufrechnet gegen die Honorarforderungen professioneller Entertainer und den Kistenpreis von Bier im Einkauf. Der Wirt nickt.
„Freibier!“ krächze ich. Lustvoll grabe ich mich in meine leeren Taschen.
Wieder erhebt sich Gebrüll im Urwald. Man tut, als sei das letzte Bier Jahre her.
Spendiert, schmeckt das Bier wohl wie eines von den Freileben aus der Playstation: ‚New Game.‘ Oder ein wenig wie das große Freileben. Droben, in einer von den herrschaftlich eingerichteten Immobilien des ‚lieben Gottes‘. Ein Schluck vom großen Wiedersehen, der selbst die Augen des Wirts überlaufen lässt.
Doch bevor man mit einem leibhaftigen Wirtsmann Körpersäfte tauschen darf, stehen einem zahlreiche Biere bevor. Freibier ist da weniger ein Geschenk, sondern vielmehr eine Pflicht. Keine Himmelfahrt, die nicht durch den Urwald führt: Aufschnapper. Nachäffer. Tröten. Gewese, früh vollendet, das sich erst in den Tod zurückzieht, wenn es auf eine Übermacht trifft.
Mein Blick watet durch den Schankraum, als seien dort sämtliche Bierbäuche geplatzt. Kokone mit zappelnden Ärmchen, wie sie den Stolz gebären. Den Stolz auf das Vaterland, das Automobil, die Nationalmannschaft, auf ein schwarzrotgoldenes Dasein. Einen Stolz, mit dem man zu Boden geht, wie ein Humpen nach dem letzten Freibier. Irgendwann sperrt der Wirt eben zu, hier unten wie da oben.
Vier Seidel nun schon. Möchte schlafen, seit Nächten keinen Schlaf.
Wie aber würde ich erwachen, welch eine Katastrophe wäre ein solches Erwachen! Ich käme wohl gar nicht erst in den Schlaf, müsste tun, als ob, die Augen dichthalten, während sie im Schankraum johlen über mich Opfertier, während sie mich mit Fusel überschütten und in Brand setzen wollen.
Aber nein, dafür ist der Wirt Geschäftsmann genug: dem Urwald auf solche Weise Leine zu lassen, das rechnet sich nicht. Er würde die Horde sich wundschreien lassen, das ja, dann aber nach den Rohrreinigern in den weißen Kitteln telefonieren.
Von Amts wegen, mit dem Siegel der Obrigkeit, würde man mir die Lider aufdrücken, würde sich vielleicht empören, im Mindesten aber heftig werden, was denn nun sei?
Als Laufkundschaft bin ich erlaubt, darf mich gerne ins Bier begeben, bis mir der Boden schwindet, fürs nur so Daliegen aber hat unsere Zivilisation nicht genügend Bürgersteige, nicht genügend Schankräume übrig.
Dem Torkelnden, dem Saufkumpan ist jede Bühne bereitet. Noch ein Licht setzt man ihm auf, behauptet, er würde sich köstlich amüsieren. Als müsse der Erdenball in einem fort bewegt werden, damit solch aufgesetzte Lichter nicht verlöschen.
Ließe jeder seinen Arsch zu Boden gehen, wie es ihm dünkt, es käme zu einem Gestolpere, gegen das der schwankende Saufkumpan als ein Beispiel an Zielstrebigkeit durchgehen würden.
Nirgends ein Humpen, der ernsthaft ans Aufhören denkt. Eher schüttet er sich das Bier während der erzwungenen Schlafpausen noch im Traume rein.
Mit dem Laster werden die Räder des Erdenreichs geölt. Halt gewinnen in völliger Haltlosigkeit. Keinem Wesen ist es mehr gegeben, sich dahinfahren zu lassen, als dem Menschen. Wobei bereits die Kleinigkeit, sich gehen zu lassen, für mehr Umsatz sorgt, als eine Schlafmütze wie ich.
Ich stemme mich von meinem Stück am blankgewienerten Tresen in die Höhe. Es funktioniert. Und so ein Boden, der sich anfühlt wie jene blauen Matten damals im Sportunterricht, sollte für den Himmelfahrenden keine Last sein. Obendrein wirkt das Freibier unterstützend: aufmunternde Rufe, aber auch Hände, welche mich anleiten. Als sei ich der trunkene König dieser Lokalität. Wann immer besonders herzhaft für mein Fortkommen gesorgt wird, ist Szenenapplaus vom Wirt zu hören.
„Sehen Sie“, murmele ich in die Richtung, in der ich Herrn Pusch vermute. „Natürlich gehen mehr in den Bierbrunnen, um sich taufen zu lassen, weil niemandem im Gotteshaus derart aufgeholfen wird.“
Allgemeines Gelächter über eine Laufkundschaft, die keine Stunde nach dem Hinzutritt bereits laut denkt und vom Christkind lallt.
Ruckartig hebe ich beide Arme. Blödsinn eigentlich, Blödsinn alles. „Soll ich Euch von meinem Dasein erzählen?“ kiekse ich im Zentrum eines Mobs, der genug davon hat, ein Mob zu sein.
Allgemein drängt man heim an den Humpen, zurück zur Saufordnung. Verbracht lehne ich an der Tür des Bierbrunnens, einer schweren, gusseisernen Tür, öffne den Mund, schließe ihn wieder, öffne ihn, schließe ihn, finde nirgends mehr ein Wort. Als hätte jedes Dasein einen Vorrat an Worten, und meiner ist nun aus.
Ganz nahe spüre ich den Herrn Pusch. Das Versiegen meiner Worte scheint ihm geläufig zu sein. Als wäre Herr Pusch eine Vorstellung in den Lüften, die jedem Himmelfahrer erscheint, wenn es an der Zeit ist.
Herr Pusch nickt in Richtung der Fensterfront des Bierbrunnens. Von Ferne erkenne ich den Geschlechtsreifenden, wie er vor dem Hauptbahnhof auf und ab geht, wetterfest gekleidet, marschbereit. Es ist soweit.
Schon steht der Wirt neben mir, während hinten im Schankraum das Bier fließt, als hätte ich niemals mit beiden Händen in seinen Strom hineingelangt. Ich mache eine halbe Geste in die Richtung, in der man bei Erwachsenen das Geld vermutet. Auch die Gesten gehen mir nun aus, doch der Wirt scheint ein besseres Geschäft darin zu erkennen, wenn ich meine Zeche schuldig bleibe. Vielleicht glaubt der Wirt, so seinem Schatz im Himmel das Doppelte hinzuzufügen. Mit einem Männerlächeln, das im Film dem sterbenden Kameraden gilt, öffnet der Wirt mir die Tür hinaus, diese schwere gusseiserne Tür hinaus.
„Finden Sie Frieden!“ sagt er.

10.

Es gab eine Zeit, bis jetzt gab es eine Zeit, da schnappte ich nach Luft wie ein Ertrinkender und floh so rasch ich konnte, wann immer ich durch eine üble Fügung hineingeraten war in eine Tränke oder einen Brunnen randvoll mit Alkohol. Vor der schweren gusseisernen Tür des Bierbrunnens aber, vor dieser allerletzten Tür sind die mir verbliebenen Bezirke meines Daseins entschlossen genug, zurückzustürzen in den Brunnen und sich am Ausschank irgendwie dingfest zu machen.
Eine Hand liegt bereits auf dem Türgriff. Einem Türgriff, der ausschaut wie ein Boxhandschuh, mir jetzt aber mehr verspricht als alles, was mir je glückte. Ich muss nur nach Hilfe rufen, nur rufen muss ich!
Aus dem Dunkel kommend, eiseskalt wie aus dem Sarg, legt die Hand von Herrn Pusch sich auf die meine und dreht den Bildausschnitt von der Senkrechten in die Waagerechte. Als läge ich begraben unter Pflastersteinen vor dem Bierbrunnen. Schon ergibt das, was von weither als ‚Hilfe‘ meinem Wortschatz hinzugefügt wurde, keinen Sinn mehr. Wer dieses Wort wohl einst über meinem Kinderkopf aussäte? Die Mutter vielleicht, als ich mich zum ersten Male allein auf den Schulweg begab.
Auch Herr Pusch nimmt mich nun bei der Hand. Jene sanfte Gewalt, wie sie jeder Schulweg fordert. Eigentlich möchte man ja weiterspielen, weiter über Wiesen laufen, sich ins Gras fallen lassen, von Helden träumen, träumen, selbst ein Held zu sein.
Schon hat der Geschlechtsreifende uns entdeckt, winkt, warum wir es nicht eilig haben?
Der Geschlechtsreifende ist voller Ungeduld. Alles ist vorbereitet zur Himmelfahrt, nur ich kann mich nicht trennen von meinem Spielkram. Als hätte mir je ein Bierbrunnen gefehlt zur Seligkeit.
‚Laufschritt!‘ ruft der Geschlechtreifende. Ebenbild vieler Kindheiten ist er gewesen, ist es noch und wird es immer sein. Wohl seit Jahrhunderten steht er Himmelfahrern bei, und für mich ist er nun die Frühstunde, in der wir Sport hatten. Damals, als selbst dem Kinde Stunden schlugen, in denen das Dasein sich anfühlte wie Stroh mit Schokoladenpaste drauf. Schönheit, die stank als stamme sie aus einem Saustall. Wie schwer es fiel seine Hand zu heben gegen solch ein Gegrunze. Eher wollte man vorzeitig zu Bett, als länger auf so einem Misthaufen Dienst zu schieben.
Auf allen Bahnsteigen des Erdenreichs erwarten Himmelfahrer den Hinzutritt des Geschlechtsreifenden. Keineswegs besah sich der Geschlechtsreifende die grünen Wiesen meiner Kindheit, während ich im Bierbrunnen soff. Sicher hat er zu keinem Zeitpunkt Bekanntschaft gemacht mit meinen Eltern.
Eher scheint der Geschlechtsreifende die Leerläufe in den jeweiligen Himmelfahrten zu nutzen, um bei anderen Himmelfahrern vorbeizuschauen, ob es vorangeht oder ob, bei zaghaften Gemütern, noch etwas abzuschneiden ist vom Diesseits.
Ein Geschäft mit Stoßzeiten. Es graut bereits der Morgen. Und kein Himmelfahrer steht gerne als ein Depp inmitten öffnender Ladenzeilen, sich einen Kaffee zu bestellen, als sei man auf dem Außenklo der Welt zu lange Spielen gewesen.
Oft ging ich diesen Weg durch den Hauptbahnhof: treppab, eine Unterführung, treppauf. Die ersten Male mit Schulranzen, dann mit Aktenkoffern zu neunundvierzigneunzig, nie ohne etwas in der Hand. Nun lasse ich meine Arme baumeln, als wären sie mir eben erst geschenkt worden, und es dauert mich, hier nie eine Besonderheit ins Auge gefasst zu haben, von der ich mich jetzt verabschieden könnte.
Der Geschlechtsreifende und Herr Pusch eskortieren mich schweigend. Man ist wohl der Meinung, mir genug geboten zu haben.
In jeder Etappe meines Daseins gab es wohlmeinende Angebote, natürlich, das ganze Erdenreich ist ein Angebot, ein Vorschlag, ein zwangloses Beisammensein. Man kann sich vordrängeln im allgemeinen Kommen und Gehen, kann herumlungern, glotzen, mit Händen in den Taschen dastehen. Und
manchmal, ganz manchmal ist da jemand, der im Vorbeischieben der Massen sagt: ‚Bleib!‘
Es ändert nichts.
Herr Pusch und der Geschlechtsreifende sind verkehrt bei mir mit ihrem Anspruch, sie seien für mich eine Möglichkeit gewesen und eine Chance. Gerade auch, weil sie ja selbst bloß Gespenster sind. Aber es ist wohl niemand Gespenst genug, nicht jemanden jemand sein zu wollen.
In meinem Kopfknast hat die Direktion sich längst davongemacht. Alle Zellentüren stehen offen, alle Tore hinaus in die Dunkelheit. Nur vereinzelt irren noch Schreckensbilder durch die Gänge. Nichts, womit man mich noch in die Flucht schlagen könnte. Wobei, natürlich, der Todestrakt ausgenommen ist von den Weisungen der Direktion, von all den Launen meines Kopfknastes.
Mein Todestrakt wird sich mir bald eröffnen, der ist allein für mich.
Am Gleis haben wir Aufenthalt. Die Stimmung eines ersten Schultages liegt in der Luft. Wo früher meine Eltern waren, begleiten mich nun zwei Gesellen, deren Herkunft mir immer zweifelhafter erscheint.
Schule, Militärdienst: lange her, dass das Erdenreich nach mir fragte. Registriert mag ich wohl noch sein. In Kisten, die Jahr für Jahr ein Regal weiter nach hinten geschoben werden. Verlust der Schulfähigkeit, der Wehrfähigkeit, der Arbeitsfähigkeit, bis dann irgendwann auch die Glocke abfällt und kein Amt mehr Ohren hat für mein leises Ticken.
War freitags Dienstschluß in der Kaserne, erwarb ich an der Tanke einen Riegel Marzipan und stand dann freudig am Gleis Richtung Wochenende. Mehr noch, ich war der Pfeil und das Gleis meine Rampe. Mich hinaufzuschießen in ein ‚Leben‘, vor dem die Menschenkinder sich die Mützen vom Kopf reißen würden.
Seitdem ist mir kein Gleis mehr untergekommen, von dem ich mir ein ‚Leben‘ versprochen hätte. Alles blieb Frist, alles Ablauf. Keineswegs waren meine Tage frei von giggelnden Schülern und flirrenden Novizen. Ordnungsgemäß zeigte jede Etappe ihre Fülle her. Ein Jahrmarkt, auf dem man sich drehte wie die Windspiele der Kinder. Und ich dazwischen als etwas Scharfkantiges, das selbst die kecksten Sprösslinge zur Vorsicht anhielt.
Dasein verlangt nicht danach, das Elend fortzukehren, es würdigt bestenfalls den Tod. Bersten hätte ich müssen, damit die Jungspunde aus ihrer Wollust kurz nach draußen schauen.
Meine Fäuste möchte ich ballen. Werktags, frühmorgens, auf einem Bahnsteig, nach achtundvierzig Stunden ohne Schlaf. Leer ist der Bahnsteig. Und mit jeder Kraftanstrengung wird der leere Bahnsteig leerer, der Stein im Gleisbett steiniger und der Tunnel am Ende des Bahnsteigs finsterer.
Der Geschlechtsreifende erinnert unser kleines Beisammensein daran, dass speziell gegen Morgen hin Stoßzeit sei, weil viele Durchnächtigte ungern noch einmal die Sonne ins Gesicht bekommen möchten. Dabei schaut er mich an, als sei ich kein sonderlich würdiger Himmelfahrer. Und an Herrn Pusch soll es nicht liegen. Man könne jetzt auf dem Bahnsteig Hände schütteln und jeder seinen Geschäftsgang wieder aufnehmen. Ich habe Urlaub, ein Schlüssel liegt beim Hausmeister. Ein kleiner Weg, dann kann ich meine Butze wieder beziehen, als sei ich nie fort, nie hier gewesen.
Unanständig ist es, wie ich hier umgehe mit der mir zugestandenen Frist auf Erden.
Dafür hat niemand Windspiele über meine Wiege gehängt und Stützräder an mein Fahrrad montiert. Das Erdenreich darf, wie es will, stets hat es als Geschenk zu gelten. Selbst, wenn es grausam sich zu erkennen gibt, wenn es mit dem Tode droht, jahrelang.
Der Geschlechtsreifende sieht im Erdenreich nur den putzigen Verehrer, der die Wegesränder schmückt, Liebeshaine pflanzt und fürs Filet sorgt. Natürlich sieht er mich dann fassungslos an, warum ich hier jammere und jedermann in Anspruch nehmen mit meinen wilden Verdächtigungen?
Ich greife nach der Hand des Geschlechtsreifenden und nach der Hand des Herrn Pusch, mich bitte nicht allein zu lassen. Nicht mit all den Steinen hier.
Herr Pusch atmet durch: bis zum Morgen harre man bei mir aus, dann sei ich auf mich gestellt. Er hebt seinen Arm, als ließe er einen Vogel frei.
Ich schaue vorbei an Herrn Pusch, hinein in den Tunnel: ‚Du freier Vogel, Du, wir warten hier alle auf Dich!‘ antwortet der Tunnel.
Ob man dort hängen bleibt, wo man vom Dasein hinübertritt ins Nichtsein? Etwa auf einem Bahngleis am Rande eines Tunnels, weder Arm noch Bein, aber Auge genug dabei zuzuschauen, für immer dabei zuzuschauen, wie über einen der Bahnsteig sich füllt mit Werktätigen. Werktätige, die mal lang, mal kurz tragen, mal lachen, mal nicht.
Wie viele Himmelfahrer sind fort in die Steine im Gleisbett? Zierten sich vor dem Tode, als es darauf ankam, und sind nun weder Welt noch Unterwelt.
Die Bahn kommt, rumpelt, blitzt, pfeift mir zwischen meine Furcht. Im Fahrplan zeigt das Erdenreich seine Größe. Ganz gleich, ob es ein Duschbad nimmt oder nach einer Waffel voll Speiseeis langt, nie ist es dabei ohne Fahrplan.
Als Schüler merkte ich mir die Nummern von Bahnwaggons, ‚9955‘ etwa, und was die Wiederkehr bestimmter Waggons an bestimmten Tagen wohl zu bedeuten hatte? Freitags den 9955 besteigen, und ich fühlte mich vom Himmelreich beäugt.
Auch der Waggon, in dem wir drei nun Platz nehmen, ist mit einer Nummer versehen. Aber die darunter geklebte Bitte, diese Nummer zu benennen, falls mal etwas sei, verhindert hier den Zauber zwischen Mensch und Nummer.
Erkannt wollen wir uns fühlen von Nummern, auserwählt – nicht jedoch mit einem zusätzlichen Mittel versehen, der Obrigkeiten Meldung zu machen. Dann spüre ich nur ein Schild an meinem großen Zeh, wie der Bestatter die Nummer des zuletzt benutzen Waggons darauf einträgt.
Stets ist es mir ein Vergnügen gewesen, in leeren Waggons zu reisen. Mitreisende Artgenossen waren nie der Boden, auf dem meine Vorstellungen von einem Sonnenaufgang gediehn. Gleich ist es mir, ob ein Herr mit Hund mich auffindet oder ob eine Joggerin mit Musik im Ohr das tut. Kein Gedanke daran, wann die Polizei übernimmt und wann der Bestatter. Kein Gedanke an das Absperrband, die Schaulustigen und die, die es sich vielleicht eine Lehre sein lassen. Das ist bloß ein Schattenspiel, das sich unvermeidlich zwischen mich und die Sonne schieben wird.
Früher, als die letzten Züge des Abends noch zu den ersten meines Daseins gehörten, war ich so wenig bevölkert von meinen Artgenossen, dass das Erdenreich still zu stehen schien, wenn ich nicht am Zuge war.
Ein Wille ohne Füße, eingezogen von den Attraktionen seines Dachstübchens. Eher bemühte ich die Leere um mich herum, als mich auszutauschen mit bolzenden Gören, die sich in ihren Schießbuden gefielen als Füße ohne Willen. In keine irdische Frucht konnte ich mich wühlen, im Himmel schanzen konnte ich aber auch nicht.
Und doch ergaben sich mir Monate, in denen ich hundert Fallbeilen begegnen konnte, ohne einem von ihnen zu glauben.
Wer summt, irrt nicht. Ich summe vor mich hin, während eine freundliche Konserve Bahnstationen ansagt. Mein Dasein als ein summendes Gepäckstück, das Richtung Endstation befördert wird.
Ich lege beide Hände auf mein Herz: bei der Arbeit, immer bei der Arbeit. In diesen Betrieb hätte ich mit versammelter Mannschaft eintreten sollen, statt um die Feuerstellen des Erdenreichs zu streichen.
Wütend ermahne ich Herrn Pusch und den Geschlechtsreifenden, mir gefälligst beizustehen, bis ich alles Fleisch auf die Reise gebracht habe. Noch sind meine Hände zu mehr gut, als über der Brust gefaltet zu liegen.
Da gucken beide. Man sei doch beim Freudenmädchen vorstellig geworden. Herr Pusch bittet mich rauszuschauen, als wir in den nächsten Bahnhof einfahren: leer, und sein Milieu geschlossen.
Der Bierbrunnen, das Little Nietzsche – die Indizien gegen meine Hände sind erdrückend. Niemals mehr wird es mir glücken, mich mit ihnen auf allen Vieren zu verlieren. Längst erloschen ist das Äffchen, das im Kindergarten ein anderes vom Gerüst schubste. Lässt man mein fortwährendes Gegacker um die Vergangenheit fort, komme ich stets auf einem Friedhof zur Besinnung. Und die einzige Frage, die sich noch stellt, ist die, ob ich nicht gleich ganz dort bleiben will?
In gedeckten Farben durch seine Zeit auf Erden huschen. Wer nach mehr verlangt als einem Mausgrau, wird knapp beschieden, was er eigentlich wolle? Bestimmt fände ich an der Bahnstrecke einen Marktplatz oder einen Anger, von wo aus ich den beginnenden Morgen anbrüllen könnte.
‚Dann brüll doch‘, seufzt der Geschlechtsreifende, der seinem Schichtende entgegen sieht. Die verbliebenen Insassen meines Kopfknastes wirken nun wie die Geiseln eines Durchgeknallten.
Ich schaue Herrn Pusch an. Herr Pusch schaut zurück wie jemand, der Hunger schiebt. Vielleicht sollte ich meine Begleiter mit Stullen versorgen, bevor wir zum Finale schreiten. Ein früher Leichenschmaus.
Nun schaut es doch noch in meinem Antlitz vorbei, das Grinsen meiner süffigen Jugend. Beim leibliches Wohl, das aus allem eine Witzfigur baut. Einen Pfeffersack in seinem Kontor.
Ich betrachte den Abschiedsbesuch meines Grinsens sorgfältig im Spiegelbild der Scheibe, die das leere Abteil trennt von den anderen leeren Abteilen. Das Werk fröhlicher Muskeln, die ich früher oft entspannen musste, damit ich in den Schlaf fand. Ein fiedelndes Ereignis, das jede Totenmaske ehrt.
„Kiwittsmoor“, klingt es freundlich aus dem Lautsprecher. Das Grinsen ist weg. Der Todestrakt.
‚Geh gerade!‘ raunt Herr Pusch mir zu, als wir aussteigen: ‚Brust raus!‘ Die Kommandos der Wissenden, wie sie dem selbstvergessenen Kind erste Stöße widmen, damit es bald selbst zum Stoße befähigt ist. Das Aufsichtspersonal schätzt junge Wölfe, denen man nicht alles zerkleinern muss, denen man auch mal etwas Grobes vorsetzen kann, ihre Zähne daran zu erproben. Das Blut mit dem Blute vermengen, damit sich auch der frühe Tag zur Ader lassen lässt.
Zischend entleert sich die Bahn. Wohl angewidert davon, dass sie befördern musste, was längst kein Zuhause mehr hat.
Gleichmütig dagegen der Bahnsteig: vieles blutete dort aus, vieles ward von dort für immer fortgeschafft. Von all den Ausläufen, die wir Zweibeiner dem Erdenreich abgewonnen, ja, abgetrotzt haben, sagten Bahnsteige mir stets am meisten zu. Mit vorlauten Absätzen schritt ich dort die Kinoplakate ab, mich auf fabelhafteste Weise einzukleiden. Der Bahnsteig als ein Gewandhaus des Himmels.
Ohne Geld zu sein, Bahnsteige verzeihen uns das. Auch mit nur ein paar Pfennigen im Schulranzen fühlte ich mich dort bestens bedient. Sind einem aber die Jahre ausgegangen, werden selbst die Abfalleimer frech. Stellen sich breitbeinig in den Weg, ob man nicht lieber gleich hineinsteigen wolle? Schmutzig blicken die Bänke mich an, voller Widerwillen gegen mein Bedürfnis nach Schlaf. Allein das Gras, das sich zwischen den Steinplatten empor gekämpft hat, scheint mir wohlgesonnen.
‚Zu Erde wirst Du noch früh genug!‘ kommentiert der Geschlechtsreifende das Lächeln, mit dem ich die winkenden Gräser bedenke.
Der Geschlechtsreifende hat keinen Bock mehr. Einmal war er so freundlich, doch nun hebe ich von neuem ab, wieder Kind sein zu wollen.
‚Du hast Dir genug von mir geliehen!‘ stellt der Geschlechtsreifende klar. ‚Komm zu einem Ende.‘ Herr Pusch schweigt zustimmend. Keine Kreditlinie mehr. Zahltag.
Bleich geht es die Treppe hinab. Meine Begleiter lassen mich nun nicht mehr aus ihrer Mitte. Behutsam werde ich abgeführt. Laufen ließen sie mich wohl, ja, abhauen ließen sich mich. Frei wie ein Dreijähriges. Brüllend, stolpernd, mit ausgestreckten Ärmchen. Nur wohin, wohin?
Die Uhr auf dem Vorplatz steht finster in ihrem Recht: gleich wird sie dem Morgen seine vierten Stunde bedeuten. Keine zwei Stunden mehr, schätze ich. Keine zwei Stunden.
Noch hätte ich die Kraft über die Straße in den Park zu eilen, noch leuchten die Laternen dort auch für mich. Mit den Füßen abstimmen, ja, das ist ein Ding der Kinder.
Ich beäuge die Schuhe von Herrn Pusch, das tat ich bereits als Kind. Ob sie mir etwas anderes erzählen, als der weiße römische Kragen von Herrn Pusch.
Herr Pusch verwahrt sich dagegen, er hält mit beiden Händen an seinem weißen Kragen fest. Der Geschlechtsreifende steht ihm bei wie ein Firmling. Beide machen sie nun Front gegen mich. Ich sei nie mehr gewesen als ein frecher Bettler, es sei schade um jeden Cent, den das Erdenreich in meinen Hut geworfen hätte. Dann platzen beide wie zwei Seifenblasen. Ich stehe allein auf dem Bahnhofsvorplatz.
Der Frieden einer verlorenen Sprache. Keine Worte mehr für das, was jenseits der Nacht ist. Das Erdenreich darf sich freuen auf einen sonnigen Wintertag. Ohne mich. Für mich gibt es keinen Ort mehr, den es zu erfüllen gilt. Die Nacht wird mich bis ans Ende dieser Welt geleiten, als führe sie einen ihrer Söhne heim.
Ein letztes Mal könnte ich im Park den Wegen meiner Kindheit nachtrauern. Ich tue es nicht. Ich schlendere die leeren Straßen entlang, will neu sein, weder alt noch jung, neu. Ich winke den Vögeln zu. Satzweise denke ich, satzweise vergesse ich.
Am Straßenrand erhebt sich das Krankenhaus, in dem ich geboren wurde.
Keine Stunde mehr.
Auch vor dieser Kaserne des Gebärens, die sich Krankenhaus nennt, mag ich nicht verweilen. Ich kann vorüber gehen, will vorübergehen.
Am See vorbei der Pfad hinein ins Gewerbegebiet. Verlassene Betriebshöfe. Diese Ruhe nach all der Geschäftigkeit. Überhaupt, wenn die Stille sich das Erdenreich zurückerobert.
Gerne will ich Platz nehmen gegenüber von den Lastkraftwagen und mir die Fahnen der Unternehmen anschauen, wie sie sich im Wind wellen. Aber, ach, in manch einem Kabäuschen und in manch einer Arbeitseinheit ist bereits Licht. Und Menschen mag ich gewiss keine mehr sehen.
Mit der beginnenden Morgenröte öffnet sich der Horizont. Abgeerntete Äcker schälen sich aus der Nacht, von freien Feldern weicht die Dunkelheit.
Mehr Acker hätte ich sein müssen, mehr Bauer.
Vor mir, die Landstraße entlang, verneigen sich die Bäume im Wind. Freie Sicht nun auf den Berg. Fahrräder kommen in meiner Erinnerung an, knatternde Mofas. Wie wir Schüler mit unseren Segelfliegern uns den Berg aneigneten, wie wir in den Wind lachten, als wir den Berg bestiegen. Dieses verlassene Stück Erde soll meine Erfüllung sein.
Je näher ich komme, desto abweisender erhebt sich der Berg. Beinahe ein Feind scheint der Berg dem Kinde nun zu sein.
Weil ich Bretterbude noch nicht ganz hinüber bin, weil noch Platz wäre, ein paar Steine nach mir zu schleudern?
Ich entscheide mich dagegen, dass hier ein Gott mit mir Verstecken spielt. Allein in meinem Kopf schiebt man sich vor das Licht. Weil man im Dunkeln tanzen will, solange es geht.
Ich schlage mich hinein ins Grün, stolpere durch ein gewesenes Tor, das, blau gestrichen und seiner Angeln enthoben, im Graben liegt. Auf die Spitze des rechten Torpfostens ist eine Bierdose gespießt.
Wenn solch ein eiserner Zeitgenosse schon im Graben endet, mit welchem Recht erheben sich dann die Menschenkinder?
Bergan kraxeln, Luft fressen, eine Steigung noch, beinahe auf allen Vieren, dann bin ich auf dem Berg angelangt. Während das Erdenreich sich für den Werktag rüstet, hampelt da einer auf einem Haufen Baggersand herum. Untersagt fühle ich mich, zu sehe ich, von keiner Landstraße aus einsehbar zu sein. Die Segelflieger einst standen unter staatlicher Obhut, mich aber überkommt die Scham, fremdes Eigentum zu missbrauchen, im Vergehen vorüberzugehen.
Noch könnte ich mich unbemerkt zurück stehlen. Nahebei ein Busbahnhof, von dem aus ich ohne Aufsehen in meine Arbeitseinheit gelangen könnte, ‚hier!‘ zu rufen.
Doch ich habe klug kalkuliert: die beiden Nächte ohne Schlaf sind stärker als ein letztes Schamgefühl. Zu Boden gehe ich. Der Sand klingt, als heiße er mich willkommen. Ich drehe mich auf den Rücken, mein Bild von der Welt entfällt mir, Himmel ahoi in alle Richtungen. Der Wind salbt mich wie ein Neugeborenes.
Als ich die Tablette voll Licht in meiner Hand spüre, wie sie sacht an meine Lippen drängt, schreckt das Herz ein letztes Mal hoch, treulich Alarm zu schlagen. Es ist ein Schlagen in einem leeren Hause.
An den Lippen nun das Licht. Ungeküsste Lippen, die sich rasch der Verheißung ergeben. Hinab fällt das Licht, dem Finstern entgegen.
Überall ist nun Licht. Unbeschreiblich die Morgenröte. Kaum kann ich einen Farbe benennen, erstrahlt eine neue. „Wunderschön!“ höre ich mich flüstern. Dann stehen die Lungenflügel still. Einfach so, nach fünfzig Jahren. Gerade noch reicht es für den Gedanken, wie ich aufgefunden sein will: Füße zusammen, Hände an die Hosennaht, entschieden dem Himmel zugewandt.
Ich schließe meine Augen. Ich lächle.

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21.08.2019

Der Sohn, der Enkel, der Neffe, über dessen Wiege man sich einst beugte: als es an die Aufstellung ging, mochte keiner von den schönäugigen Schützenkönigen ihn in die Mannschaft wählen. Ein ausgepusteter Geburtstagskuchen auf schwarzem Grand.

18.08.2019

Sie schenkte ihm den Code für sein Spiel. Aber wo einlösen? Da war nur die Linie 192 von einem Markt zum anderen. Er stieg irgendwo aus, irrte herum. Und plötzlich war alles Grün. Und da war sie. Und es bedeutete nichts, dass er sein Spiel niemals hatte spielen können.

#Traum

17.08.2019

In Stücken, die nur Tote kannten, warf er sich als ein Achtel vom Finale in die Waagschale, ohne je einen nennenswerten Schoß zu erreichen. Wie ein blaugrauer Dodo hing er so über der Erde und buchstabierte die Sterne nach.

16.08.2019

Als er sich dem näherte, was abfiel von jenem Stadionbetrieb, der sich „unsere Welt“ nannte, schloß er Freundschaft mit einer Plastiktüte, die „Bolle“ hieß. Bolle hatte Platz für jede seiner Seiten. Und er stellte sich vor, wie Bolle so bis in alle Ewigkeiten die Stellung hielt.

12.08.2019

Von den Zahnrädern geschält und um Feuerschalen gefegt, ploppen Laute in die Glut. Der König geht um, zieht mit seinem Gefieder Nagelköpfe blank, streift über die Bambusflöten der Fabrik. Sirenen sind seine Gärten, Camping und schön der Weg.

07.08.2019

Quantenprozessor!

Eine Reitbeteiligung

lässt ihn abstürzen.

#Haiku

05.08.2019

Kutten, die glaubten

ihre Hosen hätten noch Schlag,

so wurde es Herbst.

#Haiku

31.07.2019

Sommerhits in Gold.

Über dem roten Teppich ein

schwarzer Wetterhahn.

#Haiku 

29.07.2019

Vor dem Tanzpalast

schimmern die Tollen leise

im Sommerregen.

#Haiku

29.07.2019

Feuerwerk am Strand

mit gezogenen Flügeln

läuft die Möwe fort.

#Haiku

28.07.2019

Das Kind schreit im Meer.

Der Vater trägt es davon.

Die Hunde bellen.

#Haiku 

27.07.2019

Der Badegast hält

seine Schirme fest im Wind

gleitende Möwen.

#Haiku

25.07.2019

Wandertag im Schloß. 

Der Park groß, die Mauern hoch

krabbelnde Spinnen.

#Haiku

23.07.2019

Das Lagerfeuer.

Kartoffeln in Folie, die

Störche ziehen ab.

#Haiku

23.07.2019

Eine Frau singend

zwischen den Abgehenden.

Sandburg mit Muscheln.

#Haiku 

22.07.2019

Frisiert wie Füchse,

die Koffer an den Gleisen.

Reifende Beeren.

#Haiku

16.07.2019

Der Flügel Federn

zitternd auf dem Bürgersteig.

Klatschende Flipflops.

#Haiku

14.07.2019

Mit grünen Blättern

gesegnet seine Höhle

hinterm Stromkasten.

#Haiku

10.07.2019

Die Indianer

hinter den Sägeblättern.

Blühender Holzweg.

#Haiku

08.07.2019

Zwei Vögel, kurz wie

Schwalben aus der Kinderzeit.

Sommerliebe, die.

#Haiku

23.06.2019

Eine Metze und ihr Punter! Der Fahrer sah die beiden an wie zwei, die reif waren fürs Feuer. Dem Punter wurde es sichtlich unwohl: was hatte er eigentlich zu schaffen am Hosenbund der Metze? Manch Gürtel, nach dem man griff, schlang sich einem am Ende um den Hals.

21.06.2019

Von einem Medium schlecht bewirtet, standen seine Mauerwerke auf Totschlag. Mörtel war das Edelvolk, Stein der Rest. Irre ging er, wo er längst nach Plätzen hätte stehen müssen. Damit er nicht verblieb als ein Stück aussortiertes Kinderzimmer, das man nachts in den Wald warf.

20.06.2019

Vor der Kaserne ein Trupp Reihenhäuser. Schüsselweise schüttet dort hinein, was Parole ist. Er dagegen wie das Egalsein zwischen zwei Verwaltungsakten. Und als die Reihenhäuser ahnen, dass kein gutes Ende an ihrem Eisenpfahl Ehrpusseligkeit lehnt, vergeht ihnen jede Schaulust.

20.06.2019

Während der Jugendzeit, als man nach ihm den Besen schwang, bedurfte es bloß eines Pfiffes, und er hätte sich seines Lebens grußlos entledigt. Aber nun, aufgequollen zu einer angesehenen Kloake und ins öffentliche Interesse gedippt, zittert ihm beim Sterben die Zunge.

14.06.2019

Er stand sich das Blut ab, als wäre seine Violine ihm jeden Schwur wert. Wie lange er schon da sei auf der Welt? wunderte sich das Kind und tat, als feudelte es ihn aus dem Straßenbild. Die Eltern dagegen gutmütig wie Grabsteine, so lange ihnen niemand ans Eingemeißelte wollte.

14.06.2019

Ein Herr, ledern und ausgehärtet, berät sich mit der Notärztin, als spräche er mit einer Mechanikerin, dass er seinem Leben den Verlust des 10. Lebensjahres nie verziehen habe, stets mit dem Füllfederhalter einen Punkt finden wollte, dazu aber ein Revolver nötig sei.

11.06.2019

Überwältigt von der Vorstellung, dass das Buchgeschäft ein Laufhaus war, voll mit Dienstleistern, welche bei  ihrer Kundschaft „Gefühle“ zu erzeugen suchten, registrierte er, wie man ihn einsortierte in Ecken, die den Charme eines Männerwohnheims hatten.

07.06.2019

Er wusste so wenig wie jeder andere, warum ihm ein Dasein geschenkt ward, aber er nährte es gerne. Mit dem Hinterzogenen fromm tuender Onkel stopfte er seine Tage. Und selbst wenn er das schwarze Geld hätte fortwerfen wollen, würden seine Hände niemals loslassen.

06.06.2019

Er hatte Passierscheine erworben, wo nie etwas passieren würde, lustlos weitergeführt, was er einmal angefangen hatte, bis kein Ende ihm mehr einen Anfang wert war. Ein summender Kühlschrank. Mit Schlössern davor, die man um nichts in der Welt aufbrechen wollte.

04.06.2019

Als der Stuck um ihn Blüten trieb und das Lachen verpfändet war an eine Raumforderung, strich er über seine Habseligkeiten, was davon noch warm war vom Tage: werfen wollte er sich in Augenblicke, welche die Zeit längst fortgeworfen hatte. Promenaden hinterließen keine Spuren.

02.06.2019

Er wälzte seinen Gorillarücken in ihrem Bett, leckte sich das Mundwerk. So befriedet wie jemand nur sein konnte, der ein Leben lang auf der Menschlichkeit herumgeritten war. Seine Dankesformeln glichen dabei denen eines Chefs nach dem Diktat, und geschahen stets i. A. der Schöpfung.

30.05.2019

Er hatte den Paarungsakt belichtet, hatte Zähne geweißt, Latschen gesegnet. Und sein Stamm wischte nicht über ihn hinweg! Bald galt er als Glückstipp, bald ward er vom Budenbetreiber angesteckt, andere anzustecken, bis endlich jeder jedem ein Paket vor der Haustür war.

28.05.2019

Derweil im Hausflur Witwen ihre Schlüssel drehten, stets in Sorge, dass noch etwas strittig werden könnte, lebte er wie eine Muskete, die Hände schwarz vom Pulver. Und wenn er etwas fürchtete, dann, am Ende keine Kugel mehr für sich zu haben.

24.05.2019

Limitiert durch seine Lust, die Schränke voller Karneval, eröffneten sich ihm lokale Gottheiten (meist aufgeblasene Trickfiguren mit viel Frühling an) und deren Bräute zum gemeinsamen Schunkeln in den Körpersäften.

16.05.2019

Sanitäter wuchteten Koffer ins Neonlicht, aus der Funke schnarrte Tod um Tod: als das Leben sich für ihn wandelte zu einem bunten Staub aus Kreide, leerte er sein Sparschwein an Worten, derweil ihn Dirnen wie einen Esel über letzte Hügel Wollust trieben.

15.05.2019

Während er den Knipsern besoffene Augen machte, glich sie einem Singvogel, dem die Wärter ausgegangen waren. Der harte Schweif und das leichte Leben. Beide schwankten wie leere Glocken, welche ihre Muttererde nicht mehr bespielen konnten.

08.05.2019
Wie Flipperkugeln waren sie hineingeknallt worden in die Knechtschaft. Zwischen Hohläugigen, welche einander mit Licht betropften und ergeben im Fahrtwind schlotterten, glichen sie Bauernlümmeln, die sich dreckig lachend gegen ihre Alphabetisierung stemmten.
30.04.2019
Verschwendet durch Losungen, welche niemand leben konnte, mochte er nicht mehr mitbieten um Herzen, deren Trachten sich erschöpfte in Fenstergruften, die viel Tod gesehen hatten, und wo alle Freiheit bloß eine kurze Frist in schwereloser Schwärze bedeutete.
26.04.2019
Die Possenrisse des menschlichen Verkehrs, denen alles Durchreise ist und traurige Pflicht, sie liegen am Strand wie Steine, die das Meer glattgespült hat. Ein schußbereites Aneinanderklumpen, alles Erschlagene aufzulecken, damit von unserer Schöpfung nur Knochen bleiben.
25.04.2019
Der Mensch, wie er aus Urgewalten zur Erde stürzte, die Macht zu vergessen, die in ihm brannte. Blindgefastet, Sehne für Sehne Peitschenhieb, trägt er seine Brillengestelle, als führen ihm Narren dazwischen: Schärfe, durch die kein Wesen klarer wird, sondern nur stärker scheint.
24.04.2019
Am Ende des Schienenverkehrs, bei den Einschlafmöglichkeiten, fand er die Liebe günstig im Angebot. Er durfte also mitsterben. Ohne Mikrofon, verstand sich. Bis er seine Schreie nicht mehr unterscheiden können würde von den schlecht geölten Luftschutztüren der Öffentlichkeit.
18.04.2019
Weder Tanzgelegenheiten waren ihm ein Himmel, unter dem er bestattet sein mochte, noch die öden Launen der menschlichen Natur. Als wolle er lieber in einer Wüste verscharrt werden, statt sich eingebettet zu fühlen in den Segen tausender Gräber.

12.04.2019

Warum dienten so viele Herzen dem täglichen Gebrauch? Jedes “Du” bedeutete ihm eine Unterhaltung des Gegenwärtigen. Keine Liebe vermochte mehr zu versprechen, als den Augenblick. In einen Morgen hinein würden ihn seine Flügel erst tragen, wenn alle Liebe längst woanders erwachte.

09.04.2019

Plätschernde Gondeln in Grotten voller Spiegel.

“Papi, wie sehen Ertrunkene aus?”

“Am Ende alle gleich.”

Wann immer das Kind fortan seinen Hals reckte, wollte das Grab einen Bissen.

05.04.2019

Lebenssatt fahndete er nach einem Heldentod. Doch er sah nur Rücken, die schnellmachten. Gegerbt und mit Höhlenmalereien bestochen, abgeschabt, aber vom Adel langjährigen Gebrauchs. Hinter ihrem Bonus an Schlössern rafften sie sich davon.

03.04.2019

Hotelzimmer empfand er wie Menschenleben im Zeitraffer: über Tage breiteten Gäste ihre Existenzen aus, zogen dann Stück für Stück sich zurück, bis letztes Handgepäck auf dem Flur stand. Fürs Krankenhaus. Fürs Pflegeheim. Der Roomservice als Hausstandsauflöser

02.04.2019

Menschenmäuler, auf ewig eingefroren, während sie beißen wollten oder schreien. Von ihm mit einer Schärfe seziert, dass den Umstehenden die Kehlköpfe stillstanden. Aber man vertraute seinem Kittel, dessen Knöpfe glänzten wie Sargnägel.

01.04.2019

Mochte sein Gemüt ihn in Frage stellen, so sorgten doch die Eingeweide verlässlich für Dampf unter der Haube: Festtagsbraten, von Kellnern unter einigem Buhei tranchiert, langten oft schon, ihm im Leben neue Heimat zu schenken. Wer benötigte Psalmen, wenn Futtertröge nahe waren?

29.03.2019

Unter greiffreudigen Sitten, mit Göttern, die nicht mehr galten als eine Schale Erdnüsse, klatschten ihm kleckernde Knochengefäße und abgelaufene Fleischereien Fremdheit ins Gesicht, bis er bloß noch ein Insekt war mit zwei Fühlern im Fahrtwind.

27.03.2019

Früher, als sie Kinderkram waren, tauschten sie Träume von Tuschkasten zu Tuschkasten. Wässrig. Verlaufen. Auch Jahrzehnte später noch fühlte er sich wie ein Kleines, das anderen seinen Rummel ins Ohr brüllte, und dem Schicksal ein buntes Tellerchen hinhielt.

25.03.2019

Während er Brötchengroschen übers Sternenmeer ditschte, beneidete er die Passanten um ihre Liebeleien und Nebenkosten. War er doch bloß ein Clown im Rinnstein ihrer Städte, derweil sie dem Leben mal als Hammer, mal als Amboss dienten.

21.03.2019

Der Spargroschen des Tages, wie er nachts sich kaum mehr zählen lässt, belauert von alledem, was im Dunkeln aus toten Winkeln schlüpft. Und durch die Wände die Plattenbaugeneräle in ihren Rechtecken. Behütet von Redensarten und von mit Honig bestrichenen Gänsen.

19.03.2019

Kassensturz zweier, die einander halb zutraulich halb tollwütig gefolgt waren (ehe beide schulterzuckend in ihren Kojen ablebten), vertraute sie sich einem Mürrischen an, dem das Gelümmel, das er sich einst schuf, längst über war, und machte Unholde zu ihrem Business.

18.03.2019

Jenseits der schwülen Basare des Gebens und Nehmens, wirkte sie mit ihren verhornten Lippen wie ein Keller alter Briefe. Irgendwann musste das Leben davon Abstand genommen haben, sie zu streicheln und zu küssen. So tröpfelte sie denn in das Ermessen garstiger Gebeine.

16.03.2019

Weder seine Augen vermochten ihn zu segnen, noch seine Ohren, noch die Hand, die er spürte. Für seine Sinne gab es einen Anfang und ein Ende, gab es Wege und Wände: wo deren Besen für Ordnung sorgten, galt alles, was sich nicht kehren ließ, als ein Fiebertraum.

15.03.2019

Kein Stück des einmal eroberten Landes wird dem Herzen für unwiederbringlich erklärt. Eher harren wir aus in Festungen voll Erinnerungen. Jeder Augenblick wünscht sein Maß, ohne das er verloren wirkt. Was aber lebt, lässt sich nicht bezeichnen, und was bezeichnet ist, lebt nicht.

14.03.2019

“You are not anyone!” tritt der Sänger ab. Sein Tamburin lässt er über dem Mikrofon hängen wie einen Stellvertreter auf Erden. Der Sänger sieht nach vorne, das Mädchen im Publikum nach nirgendwo. Ein Mädchen weiß oft mehr, als hundert große Brüder.

12.03.2019

Eine Weltenbummlerin, sichtlich weit rumgekommen. Begleitet von jenen Habseligkeiten, wie sie sich regelmäßig unter ungelösten Aktenzeichen wiederfinden. Vor sich einen langen, leeren Bahnsteig. Wehe dem, dem das Schicksal jetzt keinen Tisch gedeckt hat.

12.03.2019

Ist der Feierabendverkehr durch, stehen die Reisenden alleine im letzten Licht des Bahnsteigs. „Freiheit“, daran denken sie dabei zuletzt. Der Glaube, man wäre noch jung genug, hier wartet er auf seinen Anschluss. Welcher Zug auch abfährt, es wird der letzte sein.

10.03.2019

Sie einen Stoffbeutel aus der Apotheke, er sein Magazin über Straßenbahnen. Vor ihnen ein in den Frieden gefastetes Reklamehuhn, das die beiden aufzuklären suchte über mit Lichtblicken geschmückte Höllen: “Wenn Ihre Frau tanzen war, ist sie danach doch immer noch Hausfrau!”

08.03.2019

In einem dem Lustwandel gewidmeten Teil des Bahnhofs, wo Daddelhallen Hof hielten und Männer ihren Schoß feierten, sackte er offenen Mundes zusammen. Als wäre Wesentliches unerwähnt geblieben. Etwas, wegen dem er nun in einer anderen Welt vorstellig wurde.

05.03.2019

Das Meer ging ihn an mit einer Brise, die sein Shirt in Wellen zittern ließ: als vorzeitliches Instrument spürte er sich, auf dem das Leben spielte. Die Raserei, niederzureißen, womit das Weltall ausgeschmückt war, wich der Kreatürlichkeit: wie ich gesät bin, bin ich auserwählt!

04.03.2019

Meine neue Heimat ist erstaunlich weitläufig. Aber es beklagt sich scheinbar niemand darüber. Vielleicht, weil den Schöpfern dieses Ortes aufging, wie gerne wir bis zuletzt unterwegs sind: aufbrechen will jeder, wirklich ankommen keiner. #Romanfragment

02.03.2019
Im Baumarkt tat er, als wolle er die Wände des Abendlandes durchbohren. Leid war er es, in anderer Leute Wind zu hampeln. Jenes pflichtgemäße Miteinander möblierter Särge, verwickelt in die Formalitäten eines mittelprächtig gelaunten Schicksals.
02.03.2019
Sie griff zu der Flasche, die am reichlichsten mit Alkohol befüllt schien. Ein Saftglas voll bekam er aufgetischt: in Brand setzen wollte sie ihn. „Mach Musik an!“ versuchte er sich prompt als Auserwählter. Musik war gut, Musik würde ihre nackten, frierenden Existenzen verbinden.

27.02.2019

In Jugendtagen mochte er wohl das gewesen sein, was man bezeichnete als feschen Rock‘n’Roller. Zwei Scheidungen aber hatten ihn frühzeitig verwittern lassen. Geblieben war ihm von den lärmenden Beatschuppen nur die besondere Sorgfalt seinem Haupthaar und Schuhwerk gegenüber.

27.02.2019

Gewesene Lebemänner, beschwert von Koffern voller Asche, und abgefüllt durch öde Freizeitroutinen, wie sie ihre Auferstehung von den Toten diskutieren. Mit aller Pietät nimmt er dort Platz. Ihnen ihren Tropfen Frieden aus dem biblischen Kelch nicht zu verbittern.

26.02.2019

Wo Mauern herrschen sind Türen wichtig. Und die Trostspender sind die mit den Schlüsseln. Nicht sattsehen kann ich mich am Schlüsseldienst der Trostspender. Hüten sie doch den Tod in seinen letzten Wehen. Der Herr Doktor bereute es einst, seinen Vater aufgebahrt gesehen zu haben. Würde ich mir nun solch ungeheuren Blick auf den Herrn Doktor aufsperren lassen wollen?

26.02.2019

Ein Herr im Lodenmantel, der seinen Stock schwang wie jene Altvorderen, die es stets besser wissen mussten. Im übrigen hatte er sich als Junggeselle sein Freiheit bewahrt. Einst war er gehandelt worden als Sehenswürdigkeit, die sich leider regelmäßig durch den Hinterausgang empfahl.

26.02.2019

Die Dame trug Kimono. Ihre Tür war gesichert mit Schlössern, die man eher vor Hundezwingern vermutete. Einen sonderlichen Sinn für das Mutterglück sah man ihr nicht an. Eher zeigte sie Zähne auf eine Weise, wie Köpfe es manchmal taten, die das Fallbeil abgetrennt hatte.

25.02.2019

Mit Verhaltensauffälligkeiten kokelte er gegen das Voranwalzen eines Heeres, welches ins Glied bestimmte, was schwankend schien, Lieder befahl auf Lippen, die sich spröde gaben, und im festlichen Beisammensein nicht abverkäufliche Reste ermittelte.

24.02.2019

„Wollen wir nicht auf irgendein Sofa?“ fror ich. Obwohl eine Bank im Park genauso gut war wie jeder andere Ort: man wechselte bloß von einer Art zu sterben in die nächste. Mal starb man schneller, mal langsamer, aber man hörte nie auf mit dem Sterben.

#Romanfragment #Linny

22.02.2019

Hätte er als Kind geahnt, von einem Sticker überlebt zu werden, er hätte den Schmetterling damals wohl mit entschieden mehr Liebe aufgeklebt.

21.02.2019

Unter all den kulleräugigen Mitreisenden fand er mal jene Würde, mit welcher Kreuze in der Wildnis stehen, mal aber wirkte er auch nur wie ein verwirrtes Tier, das nicht mehr wusste, warum es so lange um sein Leben gerannt war.

19.02.2019

Feinsinnig geprügelt, lebte er von Narben, und drückte mit kindlicher Neugier Samen in die Erde: “Menschen wollen keine Traktate, frischer Spargel reicht!”

19.02.2019

Ein Werk mit Totenmasken aus Licht: Mägde meist, die sich darboten wie Schwäne, mal bemüht, mal geübt, verstorben allesamt. Begehrt wollten sie wohl sein und ausgezahlt, nicht in einem wünschenswerten Leben abgestellt.

19.02.2019

Wo der Mensch beizeiten fahndet nach einem Gotteslob, gibt es für kein Schwein etwas zu gewinnen: es kann dem Schlachtmesser nicht begegnen mit Vorstellungen von einem Himmelswillen, es muss die Finsternis ganz nehmen.

17.02.2019

Während er erwachte mit Fäusten vor der Brust, gemustert von einem neuen Morgen und alten Zählappellen, schrieb die Nachbarschaft ihm Küchenzeile um Küchenzeile ins Poesiealbum: ihren Weisen nach, musste das Menschengeschlecht sich wohl auswachsen zur Karnickelbande.

17.02.2019

Fuchsfiguren vom Leben und vom Sterben, die Augen wie Höhlenwesen in den Knochen getrieben, im Licht der Öffentlichkeit ergreifen sie einander wie aufgeschreckte Hofzwerge, und tarnen dabei Höllen als Hüpfburgen.

17.02.2019

Nein, bei seiner Mutter hatte er keinen Bissen mehr verloren. Entweder er verendete, oder er nährte sich vom Asphalt, bis der Schädel ihm rauschte wie die Stadt rund um den Hauptbahnhof: Ein stahlblaues Meer, ein Orkus, haltlos und grausam.

#Romanfragment #Linny

16.02.2019

Dem Kind hatten sie alles nach unten hin gerundet: unumstoßbare Knopfaugen, die sich bebrummen und bebrabbeln ließen. Damit die Luft des Eingeborenen ein Leben lang in seinem Wesen verblieb.

15.02.2019

Einst bedeutete er eine Hand voll Hunger. In Gramm bemessen und in Zentimetern. Vom Fremden bloß getrennt durch sein Namensband.
Stets duftete es nach dem Regen solch vergangener Frühlinge, wenn er, großgezogen zum Problemkomponisten, Grün warf auf Gräber, die ihn nichts angingen.

14.02.2019

Gekrümmt stand ihr Boyfriend vor den Fahrplänen: Linienverkehr also. Für all die Stunden, die sie beide sich mit wachsendem Entsetzen aneinander fummeln würden. Zwischen Meinungssagern, Stimmungskanonieren, dem ganzen Trauerprogramm vom Glücklichsein.

13.02.2019

Ein Bettler, forsch in seiner Kenntnis der Hitparaden, wonach Menschen einander auffangen. Als ich ihm zwei Euro anvertraue, bezichtigt er mich prompt der Menschlichkeit, während mir nach einem Desinfektionstuch ist, weil seine Hand die meine streifte bei der Geldübergabe.

13.02.2019

Kein Zeitalter wird je sich verbinden wollen mit Typen, denen es mangelt an einem Warum! Für das Nottuende gehen alle Uhren ins Endlose, ihm aber, einem übrig Gebliebenen, stehen ihre Zeiger so lange entgegen, bis er deren Vorhaltungen bloß noch vertreiben oder totschlagen kann.

12.02.2019

Ein Leben lang hatte er Passierscheine erworben für Orte, wo nie etwas passieren würde. Jetzt glich er einem summenden Kühlschrank. Mit Schlössern, die ich um nichts in der Welt aufbrechen wollte.

#Romanfragment #Linny

08.02.2019

Ein Leben, 590 Zeichen lang (ohne Leerzeichen).

Mit 15 küsst sie ihn zum ersten Male. Noch vor dem Abitur wird sie schwanger. “Wir schaffen das!” sagt er. Sie schreibt es in ihr Tagebuch, malt ein Herz daneben. 3. Stock, zweite Tür links: er wird Prokurist, sie zum zweiten Male schwanger. Sie weiß nicht mehr, wo sie ihr Tagebuch gelassen hat. Eines Nachts kommt er nicht mehr nach Hause: “Was kann ich dafür, dass ich mich verliebe?” Den Kindern schreibt er: “Mama hat immer so viel Streit gemacht mit Papa.” Sie gibt eine Kontaktanzeige auf. “Das dann doch nicht”, sagt der Mann mit der Rose. Die Rose darf sie behalten. Sie findet ein Tagebuch ihrer Tochter: “Ich halte es hier nicht mehr aus!” Sie hofft, dass ihre Tochter das Abitur noch macht. Wenigstens.

08.02.2019

Er machte ihnen das Träumen leicht in seiner fabelhaftesten Menschengestalt, erfüllt von Freude auf die großen Ferien. Ob er traurig sei, dass er im Ort das elektrische Licht nicht mehr miterlebe? “Ich werde bald ein Licht sehen, das schöner ist, als jedes elektrische Licht!” #Urgroßvater

07.02.2019

Von kundiger Hand konvertiert, klingt er in seiner wollnen Flut wie eine alte Kaffeetafel, mit roten Wangen und aufgemalten Himmeln. Schlösser, deren Schlüssel regelmäßig die Taschen Toter beschweren.

05.02.2019

Das Parkett, geschliffen und gewachst, umriss den brausenden Burschen als einen Quader Kohlenstaub, während der Bursche in seinem Brausen keine Vorstellung hatte von seiner Natur. Ihm schien eher ein Beelzebub ins Schuhwerk gefahren, der sich ausgab als sein Hood.

05.02.2019

Gefüllt mit Tränen und Schnaps, griff er nach ihrer Hand, weil sie am nächsten war. Sie, ausgebaut zum Kirchenschiff, das wie ein Speer in alle Winde zeigte, hielt zwar ihren Schoß beisammen, verstand sich aber auf solch käferkleine Kriegsmänner, deren Schädel dampften vor Kälte.

04.02.2019

Mit ihren Beifallsbekundungen erzogen sie Wissenschaftler zu Witzeonkeln. Prompt präsentierte der Teufel sich als das warme Bett dazu.

03.02.2019

Haltungsfehler, denen selbst mit Krankengymnastik nicht beizukommen war. Vor allem, weil der Junge das offenbar für einen Scherz hielt, das mit der richtigen Haltung: längst fand er den “lieben Gott” überall. Und stets standen seine Zeiger auf Kindergeburtstag.

03.02.2019

Was morgens die Streichschokolade nicht wegschaffte, erledigte das Gebet am Abend. Meine Kinderhände langten nach dem, was man mir als “lieben Gott” vorstellte, wie nach etwas aus dem Eisfach: Kostbar zwar und in Maßen nur erlaubt, aber eben haushaltsüblich und extrem haltbar.

02.02.2019

Woher sollte ich wissen, dass Menschen in ihrer Mitte kein freies Land dulden? Natürlich kam irgendwann ein Bauzaun. Am ersten Morgen war da noch ein Arbeiter, der sich beeindrucken ließ von meinem Willen, durch die Prärie zur Schule zu müssen, am nächsten verblieb allein das Gitter.

01.02.2019

Manneskraft, die sich aufrecht hält am Gitter eiserner Geschäftigkeit: Beliebigkeiten, die es in den Stein geschafft haben, oder wenigstens auf Blechbeschilderungen. Unbeteiligt, wie Stätten nur sein können, die jedem dienen, der sie bei der Hand nimmt.

31.01.2019

Abgelaufen lungerte er am Waldesrand, bis die diensthabenden Vögel ihn nicht mehr als ihre Währung anerkannten. Blieben seine Väter, wie sie von ihren Tafeln ihm Töne vorgaben, die rund klangen wie jede Herrschaft. Stämme, innen längst entleert, deren Zweige weiterhin den Himmel belangten.

30.01.2019

Tief in seinem Wesen vermutete er einen Weltempfänger: verschüttetes Feuerwasser, welches durch ihn erneut ans Licht strömte. Warum sonst konnte er kein Messer sehen, ohne eine Vorstellung von dem Leib, für den es geschaffen war?

30.01.2019

Er griff nach dem Revolver, wie ein Kind nach dem Feuer. Der Revolver fühlte sich an, als wäre damit eine jahrhundertealte Entscheidung neu bekräftigt, als giere alles Leben danach, einen Revolver an seiner Schläfe zu fühlen.

30.01.2019

Was ihm in der „Fleischabteilung“ vor Augen stand, brachte ihn um jedes Hohelied: hätte er ein Gotteslob mit sich geführt, er hätte es dem Kassierer über den Tresen geschoben wie ein überfälliges Leihvideo.

29.01.2019

Ihre Butze war ohne große Hoffnung eingerichtet, alles abziehbar und leicht zu waschen. Während unsere Körper einander hielten, tauschten wir Laute aus wie wenn jemand sacht in ein Horn blies. Ihre Augen glichen dabei schwarzen Murmeln, die ins Feuer blickten.

28.01.2019

Ein Großraumwaggon, notbeleuchtet. Das schimmelige Blau schlecht besuchter Aquarien. Er legte seine Hände auf den Tisch. Ehrlich sollte das wirken. Sie aber krümmte sich weiter über die Fahrpläne. Entschlossen, ihren Platz zu verteidigen gegen jeden Schmutzfleck.

28.01.2019

Blau und aufgeblasen von Frühschoppen und Hoheliedern, suchte er dranzubleiben am flinken Fisch Jugend. Frisiert wie ein Leopard, die Todsünden schick in Schale, so schwelgte er mit hennenhaften Schuhputzern, deren bullige Brillen ihm Tempel verhießen.

26.01.2019

“Ich möchte mich abseifen!“ strich ich über unser Beisammensein wie über ein Messer. “Lässt sich das nicht abschließen, gehe ich“, sprach ich in einen Klangkörper aus Beton. Utz kniff der Schoß zusammen vor Furcht, dass ich mich auf seinem Abtritt ins Jenseits verbringen könnte.

#Romanfragment #Linny

25.01.2019

Vernahm ich zuvor ein Murmeln menschlichen Miteinanders, so schweigt nun alles wie unter einem Schwert: Während ich meine Fresse Freiheit riskiere, tut der Schaffner, als würde ich stinken – bis das Abteil mobil macht, Schnauze um Schnauze sich freigibt, mir die Kinderstube abzufackeln.

24.01.2019

Der Herr 1. Klasse ruht nun. Seine Brust hebt und senkt sich, als würde er Schmetterlinge atmen. Der ganze Herr eine Werbung für das Lösen von Fahrscheinen: diese Bolzer und Draufmacher, am Ende tun sie alle pflichtgemäß!

24.01.2019

Ein Mädchen, mehr Gartenlaube als Gemälde, aber eben auch so immergrün! Und wer wollte mit zwölf den Kompost ausforschen, dem das Immergrüne vorstand? Und als der Tanz vorbei war, ließ er leichten Herzens ab von ihrem Frühling, weil er noch vertraute auf viele Frühlinge.

23.01.2019

Ein Zeltlager mit auf christlich getrimmten Gören, ‘ne Menge Weltuntergänge her. Zwölf hatte es bei den meisten geschlagen. Wir reiften zu Geschlechtern. Uns dämmerte, was wir dem Leben schuldig waren: “Fade to Grey”, und wir kommenden Erpel wackelten dazu mit den Hintern.

23.01.2019

Eine Dame saß am Schalter. Sie trug Daunenjacke. Hier herrschte Bodenfrost, selbst im Sommer. Die Dame musterte ihn. Sofort tat er sich wieder weh: eine Flipperkugel, hinein geknallt in Losungen, die er weder lesen noch leben konnte.

19.01.2019

Ein Lutscherlädchen! Wie einst, als wir noch groß im Kleingeld standen, mit Händen voll Gummibären und Lakritzlöwen. Kleine Köter auf der Suche nach ihrem Revier. Dem Minijobber hinterm Tresen aber ist während seiner Spätschicht offenbar nicht nach solch vergangenem Gekläff.

Ich halte einen Fünfer hin. „Fünfachtzig!“ kneift er sich zusammen. Wie einen Revolver ziehe ich meinen zweiten Fünfer. Da macht er Wildwest: das Kleingeld sei schon gerollt, man brauche es passend. Also stopfe ich ihn mit beiden Fünfern: „Der Rest ist für den Fährmann!”

#Romanfragment #Linny

18.01.2019
Es wurde gewischt, es wurde geleert. Entweder man wollte hier etwas, oder man wollte gar nichts mehr. Die einen klangen nach geplatzten Seifenblasen, andere taten, als wären sie ohne Schlagader. Ihn traf dabei keine Schuld, ihn sprach man frei, so wie er sie am Ende alle freisprechen würde. Er, der so viel stärker war, und der trotzdem nie müde wurde zu verlieren.
18.01.2019
Ausgeschmückt wie Lotteriebuden, taten Pärchen sich kund: sie begriffen einander, arbeiteten, ganz ihrer Fruchtbarkeit ergeben, den ihnen erteilten Schöpfungsauftrag ab.
Ein Kuss hier, ein Gefallener dort: jeder drehte seinen Film, jeder für sich alleine.
14.01.2019
Kleine erschöpfte Wolken: Minuten sah er sich so beim Atmen zu, glutrot noch vom Grab. Klingelleisten mit den Namen der Gefallenen. Reingesteckte Schildchen, von denen keines zum Singen war. Und in den dunklen Fluren eine Wölfin, die er um ihren Bissen gebracht hatte.
12.01.2019
Mit ihren Bratkartoffelverhältnissen, wie sie mal dieses, mal jenes erwarben und selten mal nicht hungrig waren, glichen sie Bettlern, die nach Konfetti verlangten.
12.01.2019
Bereits damals, als er Schulkameraden am Telefon behelligte mit dem, was ihm wesentlich schien, wurde kommentarlos aufgelegt. Und so ersoff er samt seinen Bedeutsamkeiten in einem Nichts aus Freizeichen. Niemand da!
12.01.2019
Die erste Klassenreise. Es fiel ihm schwer, die Kartoffel ins Feuer zu halten. Man half ihm, sah das als etwas an, das sich schon geben werde. Eine günstige Prognose, die ihn derart erklingen ließ, dass er alle zum Lachen brachte: „Du hast Dich noch lange nicht ausgewitzt!“ lobte der Klassenclown.
12.01.2019
Wessen Hände hatten ihn derart aufgezogen, dass er Halbheiten zu Siegen erklärte, und das “Glück” nannte? Als Kind begutachtete er so stundenlang das Straßenbild. Nun war er selbst ein Passant, den Kinder registrierten in seinem Vorübergehen.
10.01.2019
Entbunden ward er in einer ausgedienten Kaserne: wo andere einst auszogen ihr Leben zu lassen, marschierte es in ihn ein.
Kaum erhoben in den Rang eines Zweibeiners, wollte er, im Schutze seiner Milchzähne, niederwerfen, was außer ihm noch stand.
09.01.2019
Unter Wildpinklern, deren Wangen glühten vor Ehebruch, wurden ihm die Hausnummern kleiner. Er boxte nach Luft, lärmte, und ward endlich aufgefunden als ein Allesleber, der sich totging, ohne je zu erfahren, wie man stirbt.
08.01.2019
Der am Tresen, dessen Krone keine Jungen birgt, grabbelt sich eine Hand voll Flips. Als grübele er, Flip für Flip, über den Wurf einer Äffin und dessen wütendes Wuchern. Bis Gräber scheu sich auftun. Gräber, die ebenso Wiegen sein könnten.
07.01.2019
„Komm her!“ klopfte sie auf ein Stück vom gepolsterten Sarg, der für alle Welt aussah wie ein Sofa. Beschwichtigend, als würde er eine Waffe zu Boden legen, setzte er sich auf den Sessel gegenüber vom Sofa: sehen wollte er die Welt schon, berühren aber um keinen Preis.
04.01.2019
Auf die Knie geraten, wimmernd nach neuer Führung, stellten Blüten ohne Geist ihre Lügenmäuler in Aussicht. Der Freigestellte aber, durch grundlose Flüsse frisch erfunden, und scharf ins Bild gesetzt von einer Garderobe aus Fleischerhaken, brannte ohne Farbe.
02.01.2019
Getrost erkundigte er sich nach ihrem Busen: „Zeigst Du ihn mir?“ verlangte er Vorkasse.
Seine Worte zogen an ihnen vorbei, als wären sie lange zuvor bereits auf Bänder montiert, welche ohne Anfang und ohne Ende liefen im Hintergrund einer Schießbude, die “Leben” sich nannte.
30.12.2018
Während alle auf den Bolzplatz stürmten oder fahndeten nach Schwächeren, mit denen sie ihre Späße treiben konnten, suchte er sich zu verbergen und blätterte in einer Bibel, was um Himmels Willen das zu bedeuten habe? Bis zwei Streife gehende Jungs ihn ans Tageslicht beförderten.
27.12.2018
Als spare er sich auf für eine Oper abendfüllender Gefühle, als triebe er nicht ertränkt in Lymphe und Schweiß, so stand er im Habtacht. Bereit, auch den Rest für eine Haltung zu vergeuden: das Förmchen Leben, unter sengenden Himmeln verhaftet vom Erdesein.
27.12.2018
Er gab sich als ein Ohr, das beschenkt sich fühlte von den bigotten Reden abgenagter Knochen. Einer am Tresen aber, die Augen dreist über einem zackigen Schnäuzer, ließ nicht locker: seine Fäuste schienen etwas übrig zu haben für Menschen, die das Leben volley nahmen.
20.12.2018
Oh, wie sie sich verwahren dagegen, wie sie einander Marienbilder vors Gerippe halten und mädchenhaft tun. Dabei ist jede ihrer bleichen Lüste bloß dem Zerren Sterbender nachempfunden. Null und nichtiger Dampf, welcher die Kolben der Feuerhallen gen Morgen hämmert!
17.12.2018
Beide belauerten sich in ihren Stellungen. Vielleicht dachte die Frau zurück an Lieder aus Kindertagen, als die Liebe noch nicht nach ‘ner verdammten Schweinerei klang, vielleicht fasste sie den Mut für einen Schnitt entlang der Pulsadern – wer konnte, ja, wer wollte das wissen?
Schwungvoll schenkte sie sich neu ein, sprudelte von Männern, von Unfällen mit Männern, weinte, weinte! Er bemühte beide Arme, zog hinzu, was er auf Klowänden gelesen hatte, war ganz Ohr, wähnte sich mal am Ziel, mal am Ende.
#Romanfragment #Linny
15.12.2018
„Vielleicht sollten wir uns durch ein wenig Musik reizen lassen“, appellierte er an ihre Kulanz.
Die Frau schaute bei dieser Krume, wie wenn sie gerne etwas mehr Gesang gehabt hätte, so grundsätzlich, als sei sie aber regelmäßig schon vor dem ersten Refrain ziemlich lebensmüde.
12.12.2018
Er stand, er fiel, er spie aus vor Schmutz. Er schleuderte über Gestein, auf dem murmelnd sich Leiber drängten und Köpfe einander stießen. Blässe, die zerschlagenen Krebsen glich, in einer Litanei millionenfachen Krabbelns gegen die Sensen der Nacht. #Purgatory
11.12.2018
Vom Blut durchtrieben, wollte er haften bleiben auf dem Trottoir der Gegenwärtigen. Vollgestopft mit Totems, wund von Erinnerungen: Kindergeburtstage, die ihm weismachten, dass er kein Grab sei, sondern ein großer Bahnhof.
09.12.2018
Auf Abstand bedacht, verschränkte Bastian die Arme vor der Brust: „Beiß mal rein in Deine Träumereien, ob Du Dir damit den Wanst vollhauen kannst!“
„Ohne Träume, das ist doch Steinbruch. Beiß da mal rein!“
Fast spürte ich den kalten Schotter zwischen den Bahngleisen.
08.12.2018
“Das Leben ist ein verdammter Daddelautomat!“ machte Bastian sich seinen Reim. „Füttern ihn mit Stunden, mit Tagen, Monaten, Jahren – für ein bisschen Tüdelüt!“
Ob Linny gerade in Küchenmeisters Armen lag, rot vor Tüdelüt?
08.12.2018
Vertrocknet sein Witz, Gefrierbrand in den Kellern, Asche im Gebälk – ermüdet ist der Menschenapparat: was Anfänger hart zu nehmen wissen, schlägt den Fortgeschrittenen entzwei.
08.12.2018
Glück ist den Fliegen nicht aufgegeben. Die ihnen fliehenden Stunden bedeuten ein Werk: des überirdischen Stundenglases nesselnden Grund zu befreien von abgestorbener Zeit. Schöpfungsbeauftragtes, welches den flatternden Fahnen der Welt heller einleuchten mag, als unsere Lebtage.
05.12.2018
Abgelaufen lungerte er an den Tränken, die sich “Kneipe” hießen: unter gewetzten Mäulern, welche einander die Wahrheit antaten, nahm er sich keinen Irrsinn mehr heraus. Am Ende nur das Toilettenfräulein: „God bless you, Sir.“
30.11.2018
Krachlederne Nichtigkeit, gepflastert mit Gebeten. Buddeln Engel aus magerer Muttererde. Fäuste, beruhigt von mannsgroßen Beilen, zerspringen unter smaragdenen Klauen. Dahinter die Schlachthöfe. Klingen von Schellen, klingen von Ketten. An jeder Kette eine Welt.
Stahlblauer Schnee fegt hinab die Zinnen der Stadt, verbindet Wunde für Wunde auf den Äckern Gottes. Gehämmert in Stein, jubeln die Krieger, krächzen Sieg aus hundert Raben.
29.11.2018
Ein Salesman mit Grammophon steht dem Acker der Wollust vor. Aus Kunststoff das alles, aus Verzweiflung. Reihen werden inspiziert, Mäuler gezählt. Geknickte Hahnenhälse, jenseits jeder Haltungswertung. Anfassen aber! weiß das Grammophon, anfassen bedeutet den Tod.
26.11.2018
Die Schamanin ist Kippe und Knochen, von Bürgersteigen geschafft. Mit zitternder Zunge nimmt sie sich Worte heraus. Als hätten unbehütete Redensarten das Nichts an ihr vollstreckt, sondert sie weiter ab. Fäulniskultur, deren Höchstes die Petrischale ist.
26.11.2018
Schwankende Gottesmänner, kultivierte Erstbezüge. Mauern, denen nach Totschlag ist. Dazwischen ein zähes Edelvolk. Gemeinsam lachen sie, gemeinsam lynchen sie. Reizbare Stoffwechsel, für Ohnmachten nicht geschaffen. Und nirgends Uhrwerke, die ferne Stunden schlagen.
21.11.2018
Stille drängt zurück in die Kapelle. Als sei sie aus gewesen und ärgere sich nun über die Haufen frischen Wortbefalls. Trostspender senken ihre Häupter wie Flußpferde, ehe Stille und Stein erste Verweiler fordern. Im Pilgerschritt raus auf die Trauerweide. Noch etwas Kummer grasen.
20.11.2018
Sie trieben ihr Geschrei durch die Daseinspraxen. Niedergeherrscht vom Reich der Bestuhlten, und einem Schicksal in Feierabendlaune.
Als die, die unter dem Schwert durchgehen, suchten Krippenspiele sie neu zu errichten.
Stallungen, in denen der Tod nicht mehr viel zu brechen fand.
19.11.2018
Mal warf er sich in den Wind, mal wühlte, mal schabte er, mal suchte er sich im Paarungsakt zu leeren. Seine Augen wie zwei Widerstandsnester, ledern der Schlund. Alldieweil Joppen und Leibchen sich über ihm drehten, als wären sie göttliche Brummkreisel.
19.11.2018
Zwei Faustrechtler, ein kesser Fortpflanzer. Börsen befüllten sie, und Gräber. Die Finger am Abzug halbierten das Gedankenaufkommen, dem Kehricht sein Halleluja zu lehren.
19.11.2018
Der eine stattlich, aber so weitreichend wie der Wurf eines Affen, der andere ein kecker Rosenkranz. Beide gegen den Uhrzeigersinn gedreht. Mit Mauerwerken die Praxis des Knochenbruchs verhandelnd. Grußlos ergingen Hunde sich an ihnen, weiterhin Kilobyte für Kilobyte ready.
18.11.2018
Mit seinen Händen fing er einst anderes an, als sie zum Gebet zu falten. Nun war er ein weiterer Automat, durch den das Kleingeld der Welt klang. Zuckerwattengebisse, welchen er die Schaukeln in Gang setzte, während befremdlichste Nächte ihn zur Ader ließen.
16.11.2018
Seine Erinnerungen streiften ihm den Körper ab. Sie ließen den Körper gehen, zur Aula hinaus, einmal um die Welt. Ihn jedoch behielten sie bei sich. In einer Schulaula von vor fünfzig Jahren, wo Luftballons lagen, und wo der Applaus nie so richtig ankam.
15.11.2018
Er machte in Ketchup, küsste, was sich ergab, rief nach seinem Bier, als trüge er damit etwas zur Welt bei. Mal sah er aus, als wären ihm Flügel geschenkt, mal plauderte er über die Möglichkeit, sich erschossen auf einem Parkplatz wiederzufinden.
09.11.2018
Er wohnte der Beerdigung bei wie einem außerordentlichen Klubabend. Die Angemessenen besah er sich, die Beredner. Düdelnde Konserven, ums Lügen nicht bang. Der Sarg dazwischen glich einer Pappschachtel, von glänzenden Budapestern in den Feuerwerkskörper des Gemeinwesens verschoben.
04.11.2018
Auf Linoleum
Säte die Faust kriechendes
Boshaftes Elend.
01.11.2018
Auf Zehenspitzen inspizierte Musik die Reihen, als wolle sie gewiss niemanden zum Tanz auffordern. Während Flöten ihren Beiwohnern das Blut erließen, spielte ein Klavier sich auf als Händehalter, dass man das mit dem Tod ja nun auch noch schaffe.
22.10.2018
Ein Notiznehmender, der sich erkennbar nie an Badelatschen versucht hatte. Zustände beschrieb er, Gegenwarten. Ein Unterhalter des Daseins. Nun stand er vor seinem letzten Bühnenprogramm: der Künstler im Sarg! Seine Hände wollte er dabei in die Taschen geschoben haben.
17.10.2018
Im Kondolenzbuch registrieren sich die Seeblicke. Nestorenaugen inspizieren den Trauerrahmen. Sudoku-Damen nehmen einander dort in Empfang. Und, natürlich, das Feuilleton! Prall bebilderte Sonntagsausgaben, die Schlange stehen nach den besten Plätzen.
Unter all den Salonlöwen wirken die gemieteten Trostspender verdreifacht in ihrem Tun, als trügen sie ihre Uniformen selbst nachts: auch der Tod will entbunden sein. Wenn das Leben ein lautes Kleines ist, bedeutet der Tod das stille Große.
15.10.2018
Hineingepfählt in die Welt, hielt er seinen Fluchten einen kleinen Balkon vor. Dort nippte er an erlesenem Fusel, als säße er auf einem fernen Schoß. Bald schlief er wie eine Puppe in ihrer Kiste, blieb dabei aber ein Sack Sand, an dem jeder Tag sich austoben durfte.
10.10.2018
Sie war schmal wie eine jener Kerzen, die man in der Kirche für 50 Cent bekam, und nur interessiert an einem Becher für ihre Asche.
Sie sah ihn an wie jemanden, den man nach alten Geschichten fragt. Er spürte seinen Schwanz in der Hose. Endlich ein Gefühl das sich lohnte.
08.10.2018
Die Bleibe stierte ihn an. Als wäre es allem darin zu lang geworden mit ihm.
Im Gebälk lärmten brennende Affen. Ihre verkohlten Augen verlangten nach der Schlüsselgewalt, deren Silben er wie Schnittblumen in Vasen getan hatte als sein Leben.
06.10.2018
Vaters aufgetragenes Hemd flatternd am Leib, hielt er Hof auf einem Hügel Baggersand. Um sich eine Weite aus fröhlich verputzten Wänden, welche er beschwor mit Namen, die klangen wie Geisterbahnen, in denen Kinder zu wenig Wechselgeld hinaus bekamen.
04.10.2018
Seine Erinnerungen waren ihm wie nasses Laub. Ferne Kindereien und falsches Gesinge. Götter zum Preis einer Tüte Eis.
Später dann vergriff er sich an lärmendem Gebein, fragte diplomierte Knechte nach, wühlte sich in die Jahre, bis das Leben ihn erbrach.
01.10.2018
Die Bedienung hatte ihm Malzeug angeboten. Dicke Bögen, falls Tränen abgingen.
Also zeichnete er Lebenslange. Mit Matten aus Leichentuch, gehängt in ein kleines Blau.
Darauf fand die Bedienung ihn befreit von seinem Beffchensein, rodelnd im Weiß dicker Bögen.
27.09.2018
Ein später Nachmittag mit Überlängenzuschlag. Bürgersteige voll finsterer Zacken ließen ihn sich winden.
Nein, für ihn lohnte kein Grabstein. Er war bloß die Wiese wert. Abgedeckt bereits, als seine Lippen noch Flaum genug waren, fremder Leute Angelegenheiten bereden zu wollen.
24.09.2018
Über verwilderte Stücken Acker, das Gras bis zu den Knien, die Dämmerung im Nacken. Ein aus seinem Gleis gekommener Affe, der Wissenschaft mit sich trieb.
Am Ende aber waren auch ihm die Disteln über.
21.09.2018
Ein Herr vorgerückten Alters, dem seine Miene schmal geworden war.
Die Krähen besorgten ihm einen derartigen Herzschlag, dass er nichts mehr für selbstverständlich nehmen konnte.
10.10.2017
Gewieft tupften sie sich die Münder. Zum Dessert erschien ein Höhenkranker auf ihrem Gipfel der Herrenausstattung.
09.10.2017
Verpuffte Funkenmariechen, einst auf Bütten beliebt. Im Entgegenkommen ziehen die Häppchen Lachstatar sich Handschuhe über.
05.10.2017
Als die Kinder fühlten, dass er keinen Gott wusste, zu dem sich beten ließ, begann eines nach dem anderen, ihn zu siezen.
04.10.2017
Würden die Erdlinge leben, was sie tun, ihre Städte sähen anders aus! verhandelte der Tramp mit Blumen betopfte Bleiben.
29.09.2017
Von einem Rauschmittel zubereitet, entsicherte er seinen Gott, der Lebensmaschinerie Beulen in ihr Blech zu feuern!
28.09.2017
Ging ihm die Gegenwart bankrott, nahm er sie bei der Hand und besorgte sich einen Schoß Leibesfrüchte.
27.09.2017
Bei Regen behelligte er Kirchen, sonst war er auf Dirnen aus.
26.09.2017
Er war eine Plörre, die sich über der Leute Gemüter schüttete, bis in allen Augen graue Pfützen schimmerten.
21.09.2017
Aus dem Leben geschnitten, blutete er bis in den Wald, ward vertieft, fand sich inspiziert von etwas Ungeheurem, und befriedet im Schnee.
19.09.2017
Grau von Kälte und leerer Kritzelei, zitterte er vor schussbereiten Bademeistern, die ihr Amüsement bezogen aus dem Baumarkt.
15.09.2017
Als sie seine Angelegenheit per Hand in Schwung brachte, klatschte der Moribunde neugierig Beifall.
13.09.2017
Im Zwielicht des Kühlhauses malte er sich Straßenbilder aus mit dem Blut, das die Schweine ihm ließen.
12.09.2017
Seinem Lebtag entschlüpft, ward er gezerrt vor einen Volksmund, gegen den Kriegsgerichte wirkten wie auf Freiersfüßen.
21.07.2017
Behandschuhte Zofen, durch deren Lächeln kein Gebet vom Fleisch fiel, ließen ihn wegtreten ins Glied ihres Königs.
18.07.2018
Als sein toter Leib über den Flokati schleifte, klang er nach Seide, die von einem Stern gezogen wurde.
18.07.2018
Als der Freier auf Gott kam, riss sie ihr Leibchen vom Stuhl, als zöge sie in den Krieg.
17.07.2018
Büschelweise Stacheldraht im Schädel, begab er sich unter die wehenden Fahnen eines in die Luft gegangenen Kaufmannsladens.
17.07.2018
Er erläuterte dem Gesinde seinen Gefühlshaushalt, aber erst den Herrn Doktor mit heruntergelassener Hose verstanden sie.
12.07.2018
Als sie begannen Flatrate zu saufen wie die Großen, meldete er den Sternen mehrere Portionen Leben als verscheuert.
11.07.2018
Er verweigerte der Natur den Befehl: wann immer sie nach Manneskraft schrie, fand er mit Blumen sich ein.
10.07.2018
Seine Existenz, fromm und fastend, war für die Dirne nach einer Katzenwäsche vergangen, spurenlos verendet im Bidet.
10.07.2018
Sie war zu brasilianisch gewachst für Männer, die jeden Kuss neu verhandelten, ob er dem einer Kuh glich.
04.07.2018
Ihre Natur in der Hose, standen sie wie Totempfähle um sein Bett, mussten Aufenthalt einkalkulieren: er war ungeübt im Sterben.
03.07.2018
Als er sich in seinen Taschen fand, statt auf der Wälder Zinnen, schreckte Geträumtes herbei – und ging verloren im Versäumten.
30.06.2017
Er entdeckte seine Fassung wieder als Teil eines geschäftsmäßigen Dreiers, dessen Fleisch durch Stiegenhäuser dampfte.
30.06.2017
Wälder aus Wind rüsteten ihn gegen die Gesetzgebung der Gassenhauer. Weihwasser wollte er sein, nicht Blutspur.
29.06.2017
Die Beliebigkeit trat ihn in den Abfall. Mit Fellen suchte man ihn am Frieren zu halten, ehe er sich mit seiner Nacktheit erlöste.
29.06.2017
Am Euter der Wappentiere vermutete er die wärmsten Träume. Mit deren gemauerten Ställen kalkulierte er nicht.
20.06.2017
Erregt durch Scharten, die junge Mäuler ihm zufügten, würde Bettruhe erst herrschen, wenn sein Wesen sich verwarf in Meere von Gebetsfahnen.
20.06.2017
Der Abort gekrönt vom Bidet. Campingstühle als Ablage fürs zivile Dasein. Ohne Umwege geht die Liebe eine auf dem Boden liegende Matratze an.
14.06.2017
Auf Ungerade platzierte er seine Lacher. Gerne vorzeitig, wenn händchenhaltend oder nackt wie die Abgründe vor den Balkonen.
01.06.2017
Sie glich einem Taxi mit laufendem Motor. Er dagegen konnte nur Luft, lächelte aber wie ein solventer Kunde, der in Stimmung kam.
31.05.2017
Im Schandturm bekümmerte ihn die Entsorgung seines Fleisches nicht länger: durch Schießscharten wirkte das Getue der Stadt wahnwitzig.
30.05.2017
Mochte er sich werfen in jeden ihrer Augenblicke, die Zeit warf sie alle fort.
29.05.2017
Vergatterte Wiesen, ausgehobenes Höhlenwesen: Jenseits Deine Welt, Laub die Fahnen. Geh als Saat, geh als Kreuz, aber geh!
29.05.2017
Keine größere Einsamkeit, als die Gottes. Ob ihm nimmersatte Spatzen dann Trost genug sind?
24.05.2017
Seinen Liebesdienst leistete er mit dem Charme eines Faustschlages. In nummerierten Bauten, die Tritte nötiger hatten, als Schlüssel.
23.05.2017
An den Werkstücken wollte er feilen, wie andere an den Gittern ihrer Zelle. Bis endlich der Wind ihn fortnahm als sein eigen.
22.05.2017
Im Viereck derer, die Totenmasken trugen, suchte er Sterbebettbeziehungen, fand aber nur aufgeblasene Trickfiguren mit viel Frühling an.
17.05.2017
Der Welt ein Genuss sein! wollte er. Dann verläpperte ihm Szene um Szene. Am Ende bewahrte er nur dem Tageslicht gegenüber noch Haltung.
17.05.2017
Badezimmerfliesen bedeuteten ihm als Kind verkehrsberuhigte Zonen, nun sieht er sich dort eines Nachts verenden.
16.05.2017
Die Dirne trieb ihn über einen Berg Wollust, als würde sie Esel hüten, statt internationalem Publikum untenrum Frieden zu verschaffen.
16.05.2017
Mit gefüllter Samenblase wollte er nicht sterben. Auf Erden nochmal Pipi machen, bevor höheren Ortes hoffentlich großes Kino begann.
15.05.2017
Sanitäter wuchten Koffer ins Neonlicht, aus der Funke schnarrt Tod um Tod, als er das Riesenrad erinnert, wie sie über den Wäldern lächelte.
10.05.2017
Er war eines Versprechens Gläubiger, sie von Piercings lobotomiert. Miteinander gehen konnten beide nicht, aber gemeinsam fallen.
09.05.2017
Bei ihrem Leben legte sie nicht groß Hand an. Und sie ließ den Tod geschehen, wie den ersten Beischlaf: dann passierte es!
06.05.2017
Er blieb das Bauwerk eines Sandkastens. Seine Begrenztheit bedeutete ihm aber keine Verpflichtung auch begrenzt zu handeln.
06.05.2017
Auf einer Party wird Liedgut verarbeitet zu Leergut.
05.05.2017
Misstrauisch, was Küchen anderer betraf, tat er sich schwer mit Kinderreimen: die Liebe von heute blieb seinem Morgen eine Last von gestern.
03.05.2017
Beim Schachern mit dem Leben kam seinen Träumen das Personal abhanden. Willkommen blieben ihm bloß Dirnen, die schmale Businesspläne aufsagten.
27.04.2017
Jedes Jahr bedeutete ihm einen Affen mehr, der raus wollte. Er fürchtete aber, dass die Luft schneller weg war, als die Affen.
27.04.2017
Von der Schlagermusik hörte er sich ein Wesen ab. Dann griff er nach dem Flittchen Leben, das gegen Aufpreis ihm gerne Mutter sein wollte.
26.04.2017
Wachsen tat bloß sein Unkraut. Auf keinem Achttausender kraxelte er dem Kindergarten davon, er würde ihm nur fremd.
24.04.2017
Mit dem Staub seiner Blüte verwehte ihm auch jede Einsicht in die Welt. So dauerte er fort, als wäre er verschraubt von Gottes Innendekorateur.
24.04.2017
Überwältigt von Gotteshäusern, mochte er nicht mehr mitbieten um fremder Leute Herzen. Aus Furcht durch Menschenhand verschwendet zu sein.
21.04.2017
Wäre Jesus in die Hände der modernen Notfallmedizin geraten, würden wir heute noch zu Odin beten. #verweigertmirnichtmeinenTod
19.04.2017
Ihre Liebhaber fühlten sich an wie Spritzer auf dem Lebenslauf, als gitarrenschwingende Zottel die Arena bespielten mit Gotteslob.
18.04.2017
Jene zeitlosen Griffe in eines anderen Menschen Schritt begeisterten ihn mehr und mehr für den Tod, fort von der öden Laune seiner Natur.
13.04.2017
Keine Krone wollte er länger tragen, sondern einen Affen, der seine Majestät auf den Bürgersteig fallen ließ, und dabei klatschte.
12.04.2017
Er hielt sich Süßspeisen vor sein Herz, hielt sie den Kantsteinen vor: nicht einer wollte. Überleben würde er nur als Steinmetz.
11.04.2017
Wenn alles ein Grab war, warum liebte er dann so sehr, was sonst keiner liebte?
11.04.2017
Als er nur aus Muttererde geformt war, hatte er keine Endstation je gespürt. Nun waren sie überall.
10.04.2017
Des Bahnhofs Abgänge öffnen sich. Laufzettel machen die Runde. Augen schnappen auf und Schnauzen. Im Gleisbett scharrende Mäuse.
10.04.2017
Er trank seine Hölle nicht schwarz, sondern süßte sie mit Gebeten.
10.04.2017
Mochten seine Hände zaubern und zaubern, sein Kopf ging dabei stets verloren, fiel dumpf in verlassene Höhlen.
09.04.2017
Die Ameisen waren noch da, das Singen und der Wind. Tief in den Frühling gesät. Sich fand er nicht mehr wieder. Ohne Aktenzeichen vergangen.
09.04.2017
Brust zeigten die leichten Leben, und einen harten Schweif. Er aber verlangte den schweren Tod. Aus Marmor und zentral gelegen.
06.04.2017
Eher wollte er vom Himmel verurteilt sein, als auf Erden absichtslos blühen. Strafe leisten, statt Friedhöfe bepflanzen.
05.04.2017
Lebenssatt fahndete er nach einem Heldentod. Aber er sah nur Rücken, die schnellmachten. Gegerbt und mit Höhlenmalerei bestochen.
04.04.2017
Rüde steckte er sich in den Schlitz Richtung Fruchterlebnis. Nicht mehr auf jenen Hochlagen, das abtun zu können als Herrenwitz.
03.04.2017
Er nahm Anlauf, nächtelang, trat nach Luft, war entschlossen. Kehricht aber zwang ihn stets zurück auf den Boden seiner Bretterbude.
31.03.2017
Er hatte in Mausoleen geschafft. Trug Shorts, die sich am Winter nicht störten. Nun operierte man ihn mit puffmütterlicher Ruhe aufs Urnenfeld.
30.03.2017
Mit Geld stopfte er seine Lebtage, verdarb den Rest mit der Hege mietbarer Lustgrotten, ward vom Dasein angeschmiert, statt ihm zu entgleiten.
29.03.2017
Fromm tuende Onkel schaffen ihm Fleisch ans Herz, richten Opferstöcke behaglich ein, erklären feierlich sein Leben zur Handarbeit.
28.03.2017
Viel Kittelgeschürztes ist seither zu Grabe getragen worden, der Harlekin aber grinst noch immer am Fenster der Daddelhalle.
24.03.2017
Bemüht um das Herz eines Harlekins, ditschte er Brötchengroschen übers Sternenmeer.
23.03.2017
Er brachte seine dicke Hose ein, sie setzte auf wollne Leibchen. Erfummelte Seelenverwandtschaft, dem Fleisch die Kündigungsfrist zu verlängern.
23.03.2017
Die gleichgültigen Handreichungen eines Tagtraumes ließen seine Arme hochfliegen. Als wäre er nicht längst per Sie mit dem Himmelreich.
21.03.2017
Ob man ihm nachsah? Als wäre er eben erst vorbei mit einigen Groschen im Herzen und seiner Bewandtnis, für die kein Plüschauge je leuchtete.
21.03.2017
Hinter geflochtenen Gittern stillgestelltes Ferkelglück seiner Kindheit, als ihn das Nutzvieh noch außer Sichtweite erwartete.
21.03.2017
Erfüllt vom Harnisch seiner Ahnen, fand er kein Ende mit dem Hausieren. Was an Steinen ihn hochzog, war keine Hundehütte wert.
20.03.2017
Weder Kinderfuß noch Bocksbein, langt es für keinen Horizont mehr. Mag er durch Gleichnisse tanzen, was ins Grab geworfen, ist nicht gezeugt.
20.03.2017
Niederknien hieß er sich in Puppenstuben, belebt vom Flaum der Morgenröte. Kinderlieder boten sich, ihm das Höchstmaß der Gefühle einzubrennen.
19.03.2017
Seinen Mund versprach er sich wund. Damit er wurde wie in den Romanen die Liebhaber. Nicht allein auf der Welt, um sich zu erleichtern.
19.03.2017
Mochte er vom Glück keinen Bissen mehr tun: Putzen gehen ehrte ihn mehr, als ein Leben lang bloß Dreck zu hinterlassen.
14.03.2017
Die aufgeklebten Erinnerungen kleingepflegt, tritt sein Wesen vergebens vor zum Appell: wo Besen für Ordnung sorgen, gilt Leben als Fiebertraum.
13.03.2017
Auf schwülen Basaren des Gebens und Nehmens zeichnete sie sich vom Busen bis zu den Flanken mit Preisschildern aus. Kalkulierbare Glücksgriffe!
13.03.2017
Als prälatengrüner Schein inmitten fanatischer Schwärze verbummelte er sein Heldengrab. Kreischend nach einem Hirten ging er dem Leben ab.
10.03.2017
Mochte das Herz ihm seinen letzten Groschen streitig machen, mit dem Einkaufszettel einer Mutter in der Hand starb er nicht in Schande.
09.03.2017
Die Eltern mussten fortwährend Geld nachwerfen, damit er sich bimmelnd drehte. Seine Liebe war keine, welche sich finster begnügte.
09.03.2017
Der Absacker, die Stampe, das Schifferklavier: Sozialkapitalisten, wie sie schwärmen und krebsen. Unter lauter Kram ist kein Wollen mehr.
09.03.2017
Kameras, die Stahlhelmen glichen. Er winkte wie ein Kitz, das alle viere entdeckt. Gehegt wollte er sein als Lustobjekt greiffreudiger Sitten.
08.03.2017
Dem Lustwandel gewidmete Teile des Bahnhofs, wo Daddelhallen Hof halten und Männer ihren Schoß feiern: hereingesteckt, die Herrschaften!
08.03.2017
In ihm herrschten weder Zwinger noch Zauber, sondern elende Streichelzoos, wo alles Bitte! mähte und Danke! krächzte.
08.03.2017
Als er vorsprach mit seinem Honig aus Nonsens und dem Koffer voll Asche, warf der Mönch einen Frisbee nach ihm.
07.03.2017
Erste Liebesnächte mit einem marmeladeroten Spielzeuglaster…
07.03.2017
Aufrechte, deren Gemüter nirgendwo anders je waren, als im Staub eines Tempels. Während er sein Gemüt nicht wund gekniet bekam.
07.03.2017
Als ein Flaumacher lungerte er inmitten von wehrhaften Lebensläufen, die stubenrein machten, was ihnen zufiel.
06.03.2017
Irre gegangen in seiner Freiheit, war ihm nach Menschengärten mit tüchtig Eisen vor den Fenstern. Erhört sein in Verhören.
06.03.2017
Der Wind ging und es roch nach gemähtem Gras. Aber mal waren seine Hände zu klein, mal zu groß für das, was vor ihm lag.
06.03.2017
Blut krönt des Bullens Würde, weist dem Keiler sein Revier, vertritt eines Hengstes Sache. Sein dampfend Werk lässt Väterchen aufwallen.
06.03.2017
Zwischen Bier und Beischlaf hinein in Busse und Bahnen, bis er hinter Backsteinen brannte für seine Beerdigung.
05.03.2017
Was vorsteht dem Budenzauber, vermerkt seine Seligkeit in einem Kontierungsbuch, dessen Summe nie genügt.
04.03.2017
Werktätige befüllen, was die Nacht geleert. Reste abgesoffenen Glücks sind rasch fortgeschafft in den Minnas der Obrigkeit.
03.03.2017
Durch den Triumphbogen reitet Reklame. Mit Göttern, die nicht mehr gelten als eine Schale Erdnüsse. Ware, welche sich ihre Menschen produziert.
02.03.2017
Abgenagt von Träumen, erschien kein Licht ihm mehr tanzbar. So tröpfelte er in das Ermessen garstiger Gebeine.
01.03.2017
Im Bulli ihres Herrn wartet mehr, als wir einander geben können. Wie Tiere merken wir nochmal auf, ehe jedes sich vertieft in seinen Wald.
28.02.2017
Er sah auf seine Schürze, sah auf die Existenz, die ihm am Leibe hing: ein Ausgebleichter, der Mülltonnen nötiger hatte als Briefkästen.
27.02.2017
Er eilt zu den Maiden wie zu den Waffen. Gewährt eine ihm freie Hand, ist ihm nach Revolution. Bis er abgelöscht wird mit Champagner.
23.02.2017
Hände, die mit eingeübter Poesie nach den Mistgabeln greifen. An Taten mangelt es ihnen nicht, aber an Gründen.
22.02.2017
Alleinreisende Herren, wie sie absteigen und endlich ausbleiben. Ihre Überreste gefegt in kleine Trauerrahmen für Bestattungspflichtige.
20.02.2017
Sein Mund öffnet sich wie eine Naht am Gesäß. Er lässt den Unterkiefer hinab, dass man Ketten rasseln hört. Heraus stürzt eine Rotte Tuwörter.
17.02.2017
Sie ergreifen einander wie aufgeschreckte Hofzwerge, tarnen dabei Höllen als Hüpfburgen und missbrauchen Reißzähne zum Lachen.
17.02.2017
In Fuchsfiguren vom Leben und vom Sterben, auf der Höhe von Ackergäulen, fühlte er sich beschert.
16.02.2017
Vor der Jukebox zwei Augenpaare, wie Höhlenwesen in den Knochen getrieben. Als Mahnung, nicht übrig zu bleiben, bis selbst die Musik kostet.
16.02.2017
Die Luft des Eingeborenen wich aus seinem Wesen: Nach mehr als dem Ergebnis seines Geschlechtslebens würde IHN niemand fragen.
16.02.2017
Über der Kapelle gingen ihm die Sterne auf. Vom Sturm getrieben stob Glockenspiel ins Weite. Sein Tod aber wollte es so nicht.
15.02.2017
Komm dem Wein nicht mit Durst! ward ermahnt der Ochse, der nicht länger trinken wollte, sondern genießen.
14.02.2017
Es duftete nach dem Regen vergangener Frühlinge, als er Grün warf auf Gräber, die ihn nichts angingen.
10.02.2017
Er glich einem Stall, dem alles davongaloppiert war. Die Orkane aus Feuer über ihm konnten ebenso Ende sein wie Anfang.
09.02.2017
Der Triebwagen schnurrte durch die Nacht wie eine leuchtende Lore, Menschen aus ihren Träumen an den Tag zu befördern.
08.02.2017
Im Schlaf sehe ich Tote. Erfüllt von Freude auf die Ferien. Und sie machen mir das Träumen leicht in ihrer fabelhaftesten Menschengestalt.
07.02.2017
Zugig wurden seine Sonnenaufgänge. Alles ging ihn an wie nie getan. Und er ohne das Schulterzucken jener, die man tot in ihren Kojen fand.
07.02.2017
Sie klangen wie alte Kaffeetafeln. Eine Gruft mit roten Wangen und aufgemalten Himmeln. So vernagelt, dass keiner lebend rauskam.
06.02.2017
Die Dame hüpfte zum Ausschank wie eine Taube. Nach Bier pickte sie, das Federkleid ersoffen am Leib. Man fürchtete um seinen Sonntagsstaat.
06.02.2017
In die Wälder getrieben von Brevieren, stand sein Wesen nur Kindertagen gut. Mit ihm machten die Vögel kurzen Prozess.
05.02.2017
Die Schänke still wie eine Andacht, als tränke man Psalme und bewege auf seinem Teller das Abendland.
04.02.2017
Land voll Würde und Majestät. Als throne Fels über brennenden Scheiten. Und er verworfen ans Ende dessen, was sich ihm auftat als Sternenhimmel.
02.02.2017
Schlägt ein Licht ihn zum Ritter, verfällt er auf alle Viere. Schlingt Dunkelheit sich um seinen Hals, hängt er am Himmel.
02.02.2017
Als er bei Kräften war, trug ihn alles. Nun ergibt er sich dem Steckenpferd, das ihn am launigsten tritt.
01.02.2017
Mehrbettzimmer. Schweiß. Vorkasse. Er freundete sich an mit einem der Kleiderbügel, während man unten im Tanzschuppen zappelte nach Luft.
31.01.2017
Ihr Gesicht sprang um wie ein Automat, wenn eine der Soldatenkrabben Champagner wünschte.
31.01.2017
Der Clown stand wie eine Klagemauer. Er sah in ein leeres Gotteshaus, und leer sah das Gotteshaus in ihn.
30.01.2017
Eingekellert das Kind, schnitt er sich an Erinnerungen, und kein Grabstein kühl genug für den Schmerz.
30.01.2017
Ein Hundeleben in der Hand, knirschende Pfeffermühlen als Kumpane, durchfiebert er die letzte Zeitzone.
26.01.2017
Sein Schicksal, es greift nach einer Zeitschrift für Küchenfeen.
25.01.2017
Zwei Senken Wachs. Verschwendet in ihnen der Sonne Saat. Eingesponnen von Lichtgarn, das Königshäusern hätte leuchten können.
23.01.2017
Der Morgen wie eine Front Speere. Die Halter gefroren zu Fäusten, schillernd unter dem Stern eines Generalissimus.
20.01.2017
Der Vater kniet über seinem Handy, wie ein Zwerg über seinem Zauber. Das Kind tut, als würden die Steine nur Spaß machen.
19.01.2017
Mit duftender Paste die Arbeitskraft gefettet, Marschmusik ins Ohr gedrückt, hängen seine Hände ihm an wie zwei tote Füchse.
18.01.2017
Die Vokuhila grau, das Leder schwer, unterschreibt er seinen Fahrschein wie ein gewählter Präsident.
18.01.2017
Mutter und Sohn kauern um eine Glut zersplitterter Lichtspiele. Die Mutter dünn wie ein Taufkleid, der Sohn blindgefroren.
04.01.2017
Endlos das Variete, seiden seine Hände
Ziehen mir die Nacht vom Leib
Fegen, was abgefallen vom Zauber
Wiegen, was verwandelt in Goldstaub.
03.01.2017
Eingezogen von Tropfen Wasser,
Stierte sein Nacken, als fordere er die
Tischkante, an der entlang Finger Töne
Fraßen, wie wenn es Fliegen wären.
03.01.2017
Atemberaubendes Reich aus Rauch,
Rechnest gegen Dein Sterben auf.
Gehängt an eine Garderobe aus Fleischerhaken,
Gestreift von Schultern.
02.01.2017
Werfen will ich mein Wort
Über unsrer Erde Sternenhimmel.
In grundlosen Flüssen mich neu erfinden.
Stranden an Küsten frei von Todesfällen.
02.01.2017
Traumgestalten hinter der Stirn,
Ballen sich zur Faust.
Schädel sprengen wollen sie,
Die einst für Tanz sorgten
In des Hirns marmornen Buden.
01.01.2017
Der Vater ein Schlauch, ertränkt in unserer Erde
Abwasser. Schwemmt Schlangen blutenden Tuchs
Über zuckende Fäuste.
01.01.2017
Verbissen in zuckrige Granatsplitter, geriet das Kind
Unter Bussarde.
Verzärtelt, des Kanonenfutters entwöhnt,
Erstickt von kichernden Zündholz.
30.12.2016
Ein Wort wie ein zerbombtes Zirkustier,
Ein Wort aus auf Beute,
Will in der Flaneure Fleisch sich fressen.
27.12.2016
Kolibris, bemalt wie Kirchenglas,
Weit gefächert in der Morgenröte.
Wedeln ihren Himmel
Zerbrochenen Tempeln zu.
27.12.2016
Ein Nachtwächter steht den Gefallenen vor,
Für Licht zu sorgen in der Erde Antlitz.
Will sein Herrenwort mir schneiden aus dem Fleisch, ihm ins Feuer tun den Rest.
21.12.2016
Hieb eines Blitzes.
Zwei Erdenherzen betroffen, entflammt und verschmolzen.
Traum an Traum geboren als EIN ENGEL in die aufgehende Sonne.
21.12.2016
In Frühlingswinde geworfen,
Durch Alleen und über Promenaden,
Funkenschlagend aus Feuerwerken,
Flatternd von Gesangbuch zu Gesangbuch.
20.12.2016
Hochgehalten von Gottesliebe in alle Morgen der Welt,
Geht Königreich für Königreich uns auf,
Wehen Flügel uns an die Leiber.
18.12.2016
Wasser, Schlamm und Luft
Ist ohne uns Gottes Werk.
Sein Schmuck sind wir!
16.12.2016
Warfen über uns die Fahnen, spielten einander Sterne zu, leuchteten aus das Schattenreich.
15.12.2016
Heim rannten der Herold und seine Auferstehung,
Hoben Hände, schrien: Blau!
Sangen durch Tage, sangen durch Nächte, waren Woche, waren Jahr.
14.12.2016
Hingeben mag ich mich den Schwärmen der Zugvögel,
Anzuvertrauen ihnen meinen Lebtag mit Dir.
13.12.2016
Abends, am Ende aller Zeitrechnung, trete ich vor Deinen Altar.
Reich der Fürbitten, die in leuchtender Romantik ich Dir verbarg.
13.12.2016
Ähren, sonnensatt, wehen durch hundert Glockenspiele,
Wiegen ein Kirchenschiff anvertrauter Tiere.
12.12.2016
Geschaffen aus dem Weltenmeer, gründet Deine Kirche in den Dünen, hüten Pinienwälder ihren Strand.
12.12.2016
Verzärtelter, Du, geboren aus Grabeslaune!
Überstandenes nötigt Menschen mehr, als am Gebein der Gammel, der uns speien lässt die Erde.

Schnee brennender Schatten (2013)

Vor den Mauern der Kaserne feiert das Leben. Es fällt Tannen, überwirft sie mit Lametta, entzündet an dem toten Holz Kerze um Kerze.

Ich feiere nicht. Ich bin zurück geblieben mit einer weißen Armbinde, die mich ernennt zum „UvD“, zum Unteroffizier vom Dienst. Nach Plan rüttele ich an verschlossenen Türen und leuchte Schranken entlang. Stets in dem Bewusstsein, wie vorzüglich Feste der Liebe geeignet sind, Waffenkammern und Munitionsbunker auszurauben.

Irgendwo im Dunkel der Blöcke und Hallen schieben zwei, drei andere Wachdienst. Manchmal höre ich sie aus dem Funkgerät rauschen.

Im Waschraum aber, gegen vier Uhr in der Frühe, herrscht Stille. Ich belasse es bei der Notbeleuchtung am Ende des Flures. Das Licht spiegelt sich kaum auf den Hähnen und Becken, aber meine Hände wissen wohin. Blind vollziehen sie eine der Dutzenden Waschungen, die ich tagsüber wie nachts begehe. Als wäre es der alleinige Zweck meiner Hände, mich zu reinigen von dem Leben, das ich nicht meiden kann.

Wo viele sind, muss umso geschwinder Kampfbereitschaft herrschen. Da laufen Sturmgewehre von einer Hand in die andere, ohne vorher abgeseift zu sein. Dienstschluss für Dienstschluss drille ich also meine über und über geschrubbte Statur, keinen Schritt zu verschleppen beim Marsch über die Panzerstraßen. Zapfenstreich für Zapfenstreich schere ich mir den Schädel kahl, damit während des Essen fassens kein eitles Haupt nach einem eigenen Besteck verlangt. Im Dunkel der Stube endlich meditierte ich letzte Reste Bewusstsein weg, die mir aus dem Dienst verblieben sind, bis statt des Kissens auch Steine sein können.

Ein Gefreiter Scharfschütze, der sich rein wäscht vom Feindesblut, ehe es ihn beschmutzt.

Was ich aber eigentlich lebe in jenem Waschraum, jener Mannschaftsunterkunft, jener Kaserne? Sämtliche Behälter Seife werden es mir nicht offenbaren. Eine Dunkelheit lastet auf meiner Existenz, die sich nicht abschrubben lässt. Weder finde ich Lust an dem, was als „Liebe“ mir angepriesen, noch bin ich aufgelegt zum Beten. Mein Wesen bleibt beschmutzt von einem Schlammsein aus Erde und Wasser.

Knisternd quillt mir der Seifenschaum durch die Fäuste. Als wäre das Menschenwesen bloßes Einreiben mit Fremdstoffen. Keine Erinnerung, welche hinausreicht über mein Antreten zur Lebenspflicht. Befehligt von einem General, unter dessen Kommando jedes Affengehege ins Kreischen gerät. So gewiss, wie niemand in Reih und Glied anders stirbt als ein Affe.

Dennoch diene ich. Weil mein Dasein gegenüber dem eines Affens gekrönt ist von Furcht. Weil mir, ohne meinen Dienst, auf dieser Welt bloß Zeit bliebe, mit den Affen durch Wälder zu tollen, es aber vor Furcht nicht zu können.

Derart im Zwiegespräch mit dem rauschenden Wasser des Waschraumes, bemerke ich das Jenseitige erst, als es auf den Gläsern meiner Brille brennt: Abgelegt am Rande des Beckens, wirkt die Brille übergossen mit Feuer. Graue Glut frisst sich in das Titangestell, während die schwere Optik jeden Augenblick zu springen droht in tausend flammende Scherben.

Ich greife nach der Brille, lange wie ein Kind nach dem Feuer. Ein Affekt meines Wesens, das sich jede Feuerwaffe, die ihm ausgehändigt wird, an die Schläfe hält. So wie es kein Messer liegen sehen kann, ohne es sich im Geiste in den Leib zu rammen.

Weil das mal eine Entscheidung ist, ein Schaffen von Tatsachen!

Was ich als mein Wesen begreife, ist bloß Seifenoper. Ein Glotzen in tausend Folgen, warum das Leben in mir sich so regt und nicht anders. Als wäre mein Kleinbild von einem Bewusstsein das Format, das über den Sendeschluss entscheidet.

Tatsächlich bedeutet ein Wesen wohl eine Art von Weltempfänger im Kopf: Urzeitgestalten, welche so durch mich nach dem Licht greifen. Besessen vielleicht von Vorstellungen aus Eis und Feuer, im Licht mehr Reinigung zu erfahren, als unter Kanistern rosa Seife.

„Allmächtiger!“ rufe ich, als meine Faust sich um die Brille schließt: Eine Enttäuschung des Wesens, das mir Waffen an die Schläfe hält, Messer in den Bauch rammen möchte und gewillt ist, mir mein Fleisch vom Leib zu brennen. Obwohl das Brillengestell mitsamt den Gläsern in Flammen gesetzt ist, fühlt meine Brille sich eisig an. So unbeteiligt, so gleichgültig wie Dinge bloß sein können, die jedem dienen, der sie bei der Hand nimmt.

Ich streiche über die Gläser, ohne einen Hauch des Feuers zu spüren, das bereits vom Glas zu Boden tropft. Mir ist, als gleiten meine Finger über eine Eiswüste, obwohl vor Flammen kein Blick möglich ist durch die Gläser.

Ein Leben, das selbst solche Versprechen nicht erfüllt, wie geliehen ist das eigentlich? Betrogen um sein Feuer, hineingeboren in eine Ödnis von knochenharten Fragen nach dem Sinn. Mein Name ist bloß Etikett. Wenige Bindfäden, die sich sorgen um dessen Verbleib an all den ausgeborgten Existenzen. Wäre jetzt eine Rasierklinge im Waschraum, beim Allmächtigen, ich würde mir damit ein Schmerzensmal nach dem anderen ritzen.

Beinahe berste ich wegen der Brille in meiner Faust. Wie ein Versprechen solch elende Lüge bedeuten kann. Mein Antlitz will ich zeichnen mit solchem Betrug!

Frost schießt mir über die Haut und durch die Adern, als ich das hell in Flammen stehende Brillengestell aufsetze, das statt Gläsern bloß noch zwei Schlote Feuer im Rahmen hält. Ich krümme mich vor Kälte, halte kaum meine Zähne still, während mich der Blick durch Flammenmeere treibt.

Schwärze verklebt mein Antlitz, in Berge aus Asche bin ich geblasen. Asche, die mir in Ohren und Nase dringt, während mich aus beiden Augenhöhlen eine Urgewalt hineinreißt in brüllende Gewitter. Vulkane, durch welche sich das Blut von Generationen von Kriegern ergießt, die in Feuer und Eis ihr Leben ließen.

Fern hinter allen Horizonten spüre ich meine uniformierten Arme, die, mit Rang und Namen bestickt, mich bewahren wollen vor einem Fall in zeichenlose Tiefen. Dabei aber wähne ich meine Füße in Kampfstiefeln fest geschnürt am Boden.

Ich stehe. Ich falle. Ich speie aus vor Schmutz. Doch bin ich voller Hoffnung. Als Asche, auf einem Pol Eiseskälte, unter Feuer genommen: Freier kann Leben nicht vertrieben sein!

Wesen glaube ich auszumachen in all den Brünsten, Menschen! Als schleudere ich über Gestein, auf dem murmelnd sich Leiber drängen und Köpfe einander stoßen.

Weder erkenne ich der Leiber Ende noch deren Zeit. Seit Stunden mögen Gebeine so in die Irre taumeln oder seit Jahrhunderten.

Schon bin ich hinweg über jenes Schinden. Durch Flammenwirbel an Feuerfällen vorbei, bis mir eine Ebene zu Bewusstsein kommt: Land voll Würde und Majestät. Als throne Fels über brennenden Scheiten, durch keine Macht belastet. Tatsächlich scheinen in den Feuern die Kräfte des Universums. Alles so wenig umfangen wie fortgestoßen. Nicht ein Stück, welches Sinn antäuscht. Bin ich wahrlich verworfen ans Ende dessen, was nachts sich uns auftut als Sternenhimmel?

Ich strecke mich nach herabfallenden Feuern. Mit Geräuschen, die fetzen wie gestörte Bilder, lange ich durch jedes, gleiche endlich einem Leichenkeller an Kälte. Mehr Wahrheit kann Leben nicht sein, als mit jedem Feuer mehr zu sterben.

Anders als die Flammen, gibt in deren Mitte die weite Majestät aus Stein keineswegs vor, dass sie irgendeines Lebens Einlass sei. Rein gebrannt vom Schmutz, ist seiner Majestät Ebene ein schwarz geteertes Bild des Todes. Kristallene oder smaragdene Spitze von Armeen von Speeren konnte der Boden sein. Beweis genug für jene Kraft über allen Feuern, deren Schaffen sich im Hunger begründet.

Brüllend verlangt es mich nach solcher Majestät. Mit jedem Psalm Verlangen sinke ich tiefer. Bald spiegelt sich das mir Verbliebene in seiner Majestät wie in einer Ewigkeit Feuerkeil. Ich fühle mich, als stünde ich schief auf jenem Boden. Als läge ich tatsächlich gefällt und tot, während meine Füße weiterhin Dienst verrichten. Obendrein werde ich meiner nicht mehr habhaft: Gleich wohin ich den Arm recke oder das Bein, nichts von meinem Leib kommt mir zu Angesicht. Verdampft scheine ich, verblieben als ein bloßes Verdichten von Luft.

Kein bisschen kussecht mehr, im Ernst nun! kommt Schalk mir unter. Ausgesparte Liebesfreude und kleingerechnetes Leibeswohl lassen mein Befinden schellen und rasseln. Weil auch die Schultern nicht mehr sind, mit denen ich zucken könnte über all das viele, das keusch mir verbleibt.

„Allmächtiger!“ Gerufen aus tollwütiger Neugier. Nach Schrecken in mir zu fahnden, habe ich längst aufgegeben.

„Allmächtig er?“ ein Echo geht mich an. Aus der Tiefe hinter mir jagt das Echo den Rücken hinauf, reißt herum, was einst ich als mein Antlitz empfand, wirft stumpf mich nieder in Befindlichkeiten, welche stets zu meiden ich mich verpflichtet fühle.

„Allmächtig er?“ lässt mich ein Zerstörtsein wahrnehmen, welches sich allen Fängen meines Verstandes entwindet: Hinter dem, das ich als Fersen und als Ende meines Wesens begreife, tritt mir grell als Licht ins Angesicht, was mir mein Lebtag lang als Schatten anhing – bis in den Waschraum, einer Mannschaftsunterkunft, einer Kaserne.

Was mein Schatten gewesen, liegt hinter mir. Aus dem Stein erbrochen, verfallen zu staubiger Asche, im Feuerhauch sich zerstreuend.

Mir kommen Sommerfrischen, in denen jungenblau der Himmel stand. Wie ich träumte am Saum der Meere, meinen Schatten neben mir als wackeren Gesellen. Das puppenhafte seines Wesens, das jeden Dreh zur bloßen Zappelei wandelte. Soll nun reingewischtes Licht mir meines Schattens Wahrheit sein?

Frei, was mein Lebtag vom Schatten geborgen. Wo mein Schatten zusammengefallen ist, tut ein mannsgroßer Umriss sich auf. Licht durchdringt so die Festen finsteren Edelsteins. Und wer mag sagen, dass es empor scheint aus dem Boden, ob ich nicht vielweniger in der Höhe fuße und in der Tiefe wahrnehme?

Die Orkane aus Feuer über meinem Haupt können ebenso Anfang sein wie Ende. Unfassbar jedenfalls in zahllosen Bildern jagender Heerscharen von Fabelwesen. Als galoppiere mir alles aus einem brennenden Stall Bewusstsein. Und nicht dem Jenseits der Sterne zu, sondern im Kreise einer Kopfgeburt von Hohlwelt.

All dies lodernde Leben und jenes, welches mir abhandengekommen von meiner Existenz, es geht gewiss an, dass ich bloß im Traume damit wandle.

Seit ich meinen Körper verloren geben muss, frage ich nach einem Erwachen aus Feuerschein und Schattenlosigkeit: Will ich wieder zu Bewusstsein kommen, meinen Stall Kopfgeburt verlassen, erneut jungenblauen Himmel für wahr nehmen, Schatten werfen, Vater haben und Mutter?

Fragen, die nichts gelten für jemanden, der sich unmöglich davonmachen kann vor den Antworten. Als sinne Wild nach über jene mannigfaltigen Arten, auf welche es erlegt wird. Ein Narr, der sich dem stellt, was er nicht überwinden kann.

Ich tue mich um: Jener mannsgroßen Bruch im Stein, den mein Schatten freigab, mit jedem Schritt ändert sich das schneidende Licht, das von dort einfällt. Mir scheint es, als halte das Licht sich so, dass ich zu jeder Zeit rücklings hindurch fallen kann.

Ein Umstand, der für Zutrauen sorgt. Ein Umstand, der weithin sichtbar auf mich hinweist. So geht niemand bloßer Laufkundschaft ans Leben. Nicht als Sprengsel dahinfahrenden Volkes lungere ich in einem brennenden Stall Hohlwelt. Ich bin kein Verdacht von vielen, im weitesten Bogen ausgesät. Sinn ergibt nun, was vorher Laune schien.

Einen Sinn allerdings, welcher mich nimmermehr erregt. Schließlich ist mir mein Herz abhandengekommen und jeder Tropfen Blut. All das Menschengeschlecht, das ich barg. Auf nacktesten Sinn bin ich verwiesen. Wie alles Leben, dem seine Richtstätte unvermittelt zum Freispruch gereicht.

„Wo bin ich?“ Eitel ist mein Verlangen. Wie jemands Verlangen bloß sein kann, ohne den die Vorstellung, eigener Vorstellung nach, schlecht weitergeht: Was auf mich hinweist, will mich auch am Platze wissen!

„Bin ich wo?“ echot es leichthin zurück.

Etwas, das mir verblieben ist aus Kindertagen, heißt mich fühlen, dass zwei Hälften Existenz miteinander ins Gespräch kommen. Was meinem Seelenheil Puppen bedeuteten und eine Ecke Nutzvieh, welches zur Fütterung freistand, will nun gewichtig sich formen aus der Ödnis steinerner Majestät, die, eisig im Scheine des Feuers, jedermanns Wahnwitz zum Tanze lädt.

Hätte ich es vermocht, ich hätte darüber die Fäuste geballt: Solch eine Kinderstube von einem Bewusstsein! Zuwider ist mir der Glaube an das gütige Nichts, wo immer es sich auftun mag. Als wenn Knien die Lösung bedeutet für alles, was einem Kost verweigert und Logis. Eher steht mir der Sinn danach, über verbrannten Stein zu marschieren, bis das Ende meines Wesens erreicht ist und Tatsächliches sich einfinden muss.

Ich befehle meinem Wesen also, weder dem Feuerzauber noch dem Polargelichter Vormundschaft abzugewinnen. Zweifellos bin ich eingezogen worden in Träumereien: Was ich dort hochleben lasse, muss jedem Erwachten übel kommen. Und niemals habe ich mich als Menschen empfunden, der auf Himmelbetten sich krümmt, geschlagen von seiner Sehnsucht nach Schlaf.

Behausungen geraten mir in den Sinn, welche mir Täufling einst Schutz boten. Wo mein Haar goldig gekämmt ward und mein Leib als bekleidet im Ansehen stand, noch bevor ich Laut geben konnte vom Anfang und Ende meines Namens.

„Aver“, hieß ich mich, frisch aufs Wort dressiert. Wie Gruß und Zweifel zugleich.

Ein Junges war Aver, dem sich jede Freude am Greifen versagte. Instinktiv rückte es ab von dem Buntgefärbten, das alle Welt ihm ans Herz legte. Einem Tier glich es, welches zwar vom Hunger wusste, jedoch stiernackig blieb gegen alles, was nicht nährte.

Angespielt, tat Aver mit bei jedem, welcher als Kindskopf ihm vor Augen stand. Weil Spielzeug war, der Spielzeug hielt. Dem Erwachsenen jedoch verweigerte es sich. Was etwa sollte ihm in einem Spaßbade teuer sein an der Ernsthaftigkeit, dass das Wasser ihn trage? Prangten doch auf Geisterbahnen karpfenblau die Köpfe der Ersoffenen.

Am Rande hielt Aver sich, wann immer das Vergnügen gesucht ward, wo bloß der Tod gefunden sein wollte.

Herzuziehen über der Tage Werk, indem es fein ziselierten Primaballerinas beobachtete, wie sie in alten Uhren Dienst taten, oder indem es schellenschlagende Plüschäffchen bei der Hand nahm, das schien Aver angemessen genug, mit über den Knien verschränken Armen immer gleichen Leiern beizuwohnen.

Auf einer Hochebene, aus tiefster Majestät gehauen, denke ich so zurück an jenes Förmchen Leben, in welches mein Dasein geschüttet worden ist.

Wäre meinem Leben mehr Gehalt verblieben als verdampftes Wasser, ich hätte wohl beide Arme hochgerissen in den sengenden Himmel, wie ich, tausendfach angespien durch hinstürzende Flammen, so vom Erdensein verhaftet bleiben kann?

Triefend vor Sekreten durchzieht mich weiterhin, und zum Zertreten selbstverständlich, dies Gewurme, das keinen Winter je überdauert. Avers Zeit, dem Sonderliches in Löchern sich erschließen sollte. Löcher, denen Erwachsenes Wegzoll leistete. Denen Erwachsenes heiligtat, indem Schnauze um Schnauze hineingesteckt ward. Wahrhaftige Erdwesen also, die Aver einen Wühlkram hinterließen aus Wahn und Dreck seligen Wohlbefindens.

Marschieren will ich, bis an den Rand der Hochebene! Tatsächlich ist es eher ein Schweben, ein Emporquellen. Als hätten Lokomotiven mich ausgestoßen auf rasender Strecke. Als wäre ich fortgerissen vom Fahrtwind. Als wäre ich endlich jedem Hauch Luft ergeben.

Keine Zähne mehr, mit denen ich knirschen kann. Keinen Fuß Leben, der sich spüren lässt.

Ich vergehe also. Verwandelt in Nebelschleier, der hinweg streicht über eine Unendlichkeit zerfallenen Lebens. An den Rand dessen, was sich, zermalmt und durch Feuer abgehärtet, verloren hat in Nächten schwarzen Edelsteines.

Wo Flammenstränge wie glutrotes Schilf wogen an Stromschnellen, welche mit sich reißen, was auf Friedhöfen keine Frist mehr genießt: Gebein und Lumpen und Holz und Steinbehau.

Auf gefälligen Erdteilen bin ich bereits kein sonderlicher Gaffer gewesen, wie erst inmitten sengender Kohlen? Obendrein einiges zu befürchten steht um meine Besinnungslosigkeit: Was an heller Wachheit mir noch vor Augenblicken erfrischend schien, es hebt nun fletschend das Haupt. Als wäre mir mit den Lidern sämtlicher Schlaf abgetrennt worden. Eine Tücke bloß im Wesen des Überlebten, welche mich schnittern mag zur Ausgeburt der Hölle.

Verdammt zum Wachen also spähe ich in Tiefen, die, je nach Kopfstand, auch Höhen sein können.

Hingekleckste Flüsse voll feinsten Ablebens. Als halte das Gelumpe sich frisch für eine Oper abendfüllender Gefühle, als treibe es nicht ertränkt in Lymphe und Schweiß.

Auf solche Weisen ist schwarze Lava durchzogen von Gewesenem, dessen Blässe zerschmetterten Krebsen gleicht in einer Litanei millionenfachen Krabbelns gegen hereinbrechende Nächte.

So bemerke ich wohl das Ist. Den erwarteten Kassensturz fröhlichen Gezeches. Allein ich kann mir jenes Abgeurteile schwerlich vorstellen ohne ein Soll, dessen eisige Sense scharf verwahrt bleibt gegen die Routinen gemeinen Brandmarkens.

Hinter den Lavaströmen, in jenem mir versunkenen Erdenleben aus Exerzitien und Abfütterungen, habe ich einst zu ermitteln gesucht, ob das Wahrnehmen bestimmt wird von den Fragen, die einen Menschen übermannen?

Auf der Scholle majestätischen Knochenbrechens nun stellt mein Fragen nach einem Soll mich unvermittelt in aberwitziges Licht. Hinterrücks scheint es mir durch den Leib. Als wolle es das mir Verbliebene an flirrenden Leuchtpfeilen mit sich reißen.

Hingegen mir sogleich gewiss ist, welch Quell mich versucht: Was meinen Schatten hat bersten lassen, liegt nun einfordernd hinter mir. Als lichter Übergang, der jede meiner Regungen sogleich nachbildet, sich dabei stets in meinem Rücken hält. Mit einem Knirschen, welches das majestätische Knochenbrechen mühelos durchreißt und wieder fügt zu einem Spiegel wütenden Feuers.

Lasse ich meine Reste rücklings dahinfahren, werde ich gewiss verschlungen vom Übergange. Andererseits es mir möglich scheint, für Jahrhunderte zu verweilen auf der einmal erreichten Majestät. Vielleicht finden sich Gefährten an, vielleicht genügt mir allein mein Echo?

„Fallen oder bleiben?“ versuche ich sogleich den Anschluss im Gegebenen.

„Fallender bleiben!“ faucht es zurück durch hundert Flammen.

Das bin nicht ich, das ist kein Echo meines Selbst! In stehender Schwüle halte ich mich, ob da noch etwas lauert. Als wäre ich am Ende Dreck in eines Feuervogels Auge, als bräche etwas Gewaltiges aus den Himmeln hervor, mich fortzukehren in die Lava. Mitten unter die, die da krebsen.

Auf dem majestätischen Knochenbrecher empfinde ich mich nicht länger als aus dem Blutstrom abgesondert, der zischend in die Flammen schießt. Eher verschlingen mich nun die Knochenhöhlen der Fortgerissenen, dass da offenbar einer empor geworfen ist, ihn in aller seiner lebendigen Herrlichkeit Stück für Stück entzwei zu fetzen. Wie Urgewalt eine abergläubische Schrift in die Luft halten mag, zerstörerische Werke zu studieren.

Was mir eben noch Triumph schien, verflucht und verflucht mein Wesen mit jedem Augenblick mehr. Ich bin der Richtstätte nicht enthoben, sondern ich triefe vor Schicksal. Schicksal, das in keinem Feuer der Unterwelt verdampfen würde.

Als Phantasie breite ich aus, was mir verblieben ist von meinen Armen: Zwei längsgezogene Wirbel heißen Nebels. Doch selbst aus Luft bleibt es keine geringe Sache, verloren zu gehen. Als giere mein Bewusstsein mit Krallen nach jedem Hauch Dasein, der flüchtig sein will.

Das Bewusstsein wütet dem Sinnen hinterher, welches einst, zur Menschenstunde, mich bedrängte. Es hackt nach jedem Eindruck, jeder Duselei. Nötigenfalls alles aufzuspießen. Wie eine Sammlung Insekten.

Da bebt die Aura Nebel, bebt vor Qual in den Grenzen gewesenen Fleisches: Selbst über Feuerströmen, selbst über der Lava bleichen Gebeins lastet aufgehäuftes Sein. Bildung ohne Grund. Bildung, welche von einem Warum nichts erzählen kann. Trotzdem sie zur Menschenstunde den Gefreiten Scharfschützen in Marsch setzte, keinen Schritt zu verschleppen.

Bloß reicht mir hier niemand Sturmgewehre, die ich mir zur Probe wie zur Beruhigung an die Schläfe führen kann. Nicht einmal Hände gibt es mehr! Und meine Schläfe, sie ist zertrümmert und verdorben. Nirgends ein Prügel, mich hinwegzutrösten über jenes Wimmern, das weiterhin mich niederschmeißt angesichts der Spuren menschlichen Ausscheidens.

Solcher Zorn ist es, solch Einschlag donnernden Zornes! Getroffen von eigener Wucht, treibe ich auseinander. Hinab treibe ich in das Licht, das, vom Schatten befreit, züngelt nach Sünde.

Eingezogen durch jenes, welches hat zusammenfallen lassen, was ich einst warf unter der Sonne meiner Menschenstunde, bleibt nackter Schwindel. Im Sog wirbeln Wölfe mit Harlekinen, herrscht der Tanz rauschenden Jahrmarktes, dessen Buden von Augenblick zu Augenblick erlöschen.

Kaum erwacht, lasse ich den eben erhobenen Kopf wieder sinken. Schnee fällt mir ins Gesicht, das erkenne ich gerade so. Auch, dass ich offenbar im Schnee liege.

Etwas muss mich geblendet haben. Die Nacht um mich tut ihr übriges. Bloß endlose Ebenen nehme ich wahr. Als bemühe ein Zeichner viel Schwarz und das Weiß Verstorbener.

Die Armbinde ist mir verrutscht, meine Uniform nass vom Schnee. Ich muss vor die Kaserne gewandelt sein, auf einen der Äcker. Ich wälze mich herum. Kaum aufstehen mag ich vor Bestürzung, was mir offenbar an Fehlfunktion widerfahren ist. Auf welche Weise soll ich so dem diensthabenden Offizier Meldung machen? Gewiss fahndet man bereits nach mir.

Mit Fingern, die schmerzen vor Kälte, drehe ich an den Knöpfen des Funkgerätes, das mir um die Brust gegurtet ist. Vergeblich horche ich nach der Wachstube am Kasernentor. Bloß ein Rauschen, das beinahe untergeht im Wind, der kräftig über die Ebenen pflügt.

„Gefreiter?“

Ich schrecke zusammen, werfe mich fort von der Stimme, reiße noch an dem eisigen Halfter meiner Pistole, als der andere bereits die Hände hebt:

„Frei bin ich von jeder Absicht!“

Ich blinzele. Selbst das Mondlicht macht mir zu schaffen. Bestenfalls eine Silhouette erkenne ich von dem anderen.

Und so verhalten wir beide uns für Augenblicke still. Ich bereit zum Sprung, der andere mit erhobenen Händen.

„Sind Sie ein Diensthabender?“ rufe ich durch die Nacht. Mir friert das Herz vor der disziplinarischen Wertung meines Wandelns.

„Weder bin ich geboren für das Fällen von Urteilen“, lässt der Andere die Hände sinken, „noch geschaffen, das Urteilen Kommandierender zu vollstrecken.“

Gewiss, so klingt keiner, welcher im Feld jagt nach Fahnenflüchtigem. Dennoch fühle ich mich gedrillt, dem Anderen Meldung zu machen: Erhoben durch militärische Haltung, wird der Feuertaumel mir zum Fieber. Unpässlichkeit, die Linderung suchte unter frischestem Himmel.

Im Nicken des Anderen mache ich auf dessen Haupt den Stahlhelm eines Kriegers aus: Kein flinker Jäger je ist so belastet. Vielmehr begeht sich auf solche Weise eine Erfahrung im Felde, welche seit Generationen währt.

„Sie gehorchen weder dem eigenen Urteil, noch hören Sie auf Kommandos?“

Der Andere nickt in einer Weise, als verstünde sich das von selbst. Als wäre ich nicht richtig instruiert, vielleicht gar kindisch im Wahrnehmen von Sachverhalten.

„Stehen Sie bequem!“ weist der Andere mich an. Dem Anderen scheint es ein Gräuel, Kampfkraft durch Haltung zu vergeuden.

Ich, der ich im Anderen wenigstens den Älteren erkenne, lasse locker, vermeide dabei gerade noch ein Schulterzucken. Allzu derb wirken mir die Handschuhe des Anderen. Handschuhe, mit denen niemand Pläne macht, sondern abdrückt. Wieder und wieder.

„Wohlan!“ fordere ich.

Der Andere neigt fragend seinen Kopf. Offenbar wird sich zwischen uns nicht mehr ergeben, als ein gemeinsamer Frontverlauf.

„Gestatten Sie, ich bin im Dienst!“ mache ich Miene, erneut meinen Wachposten zu beziehen.

„Wie sollte ich es nicht sein?“ rührt der Andere sich. Und zwar keineswegs auf passierbare Art. Vielmehr ist durchaus eine Haltung erkennbar, welche mir meinen Dienstweg verwehrt.

Nicht, dass ich Scheu verspüre, in Ausübung meiner Pflicht den Anderen niederzuschießen. Allein scheint im Mondlicht auf den weiten Ebenen Schnee keine rechte Weise erkennbar, den befohlenen Dienst erneut anzutreten: Nirgends erhebt eine Kaserne sich aus dem Nichts. Kein noch so geringer Scheinwerfer leuchtet mir.

„Darf ich bitten?“

Mit flacher Hand schneidet der Andere richtungsweisend durch die Nacht.

Ich atme auf. Wohl muss ich des Lichtes gedenken, durch welches ich, Minuten oder Jahren her, in den freien Fall geraten bin. Aus fiebrigen Träumen, die mich gefällt wissen wollen und verbrannt.

„Bin ich ausgefallen?“ rufe ich den Anderen an. Wie Soldaten eben ausfallen. Zwischen Fronten geschanzt, die allesamt münden in Sperrfeuer und blutunterlaufenem Schnee.

Offenbar bin ich nicht der erste Gefreite, den der Andere bitten muss. Wie auch sonst in solch Wüsten von Kälte? Keine Spur bedeute ich gegen jenes Weiß, das dauernd sich verjüngt.

Leiste Folge! rauschen die Ströme Blut in meinen Tiefen. Wo Höhlen sind und nirgends Pflicht. Was liegt der Nacht daran, dass ich Wache halte?

So verbleiben allein meine Füße in der militärischen Ehre, eines Anderen Gleichschritt zu sein.

Der Andere aber findet offenbar keinen Sinn an seiner Gefolgschaft. Er führt mich wie einen Lemuren, dem die Witterung schlecht bekommt.

Beinahe im Laufschritt lassen wir bald jeden Begriff von Schnee hinter uns. Es hätten die Horizonte zu Lawinen sich auftürmen können, der Andere wäre mit mir hindurch marschiert.

Obwohl ich kein eigentliches Woher erinnere, und auch das Wohin sich keineswegs absehen lässt, bin ich gewissenhaft unterwegs auf der Fährte des Anderen. Stattdessen mir Ebenen blanken Schnees nun scheinen wie Klingen blanken Stahls. Selbst Raubtiermäuler voll triefender Beute würden mich mehr erheben, als jene Wirbel leiser Flocken, welche an Entschlossenheit dem Fallen von Friedhofserde gleichen.

Der Andere gewinnt an Boden, scheint überhaupt leichtfüßiger. Es wirkt, als touchiere er das Gefallene bloß, während ich streckenweise Mühe habe, nicht über beide Knie in Massen weiß gefrorenen Dunstes zu versinken.

Und so ist es wie ein Schweben, als der Andere unvermittelt einen Hang emporsteigt – bis ich heran taumele, eisige Stiegen zu entdecken, wo ich bloß müden Schnee vermutet hatte.

Ich werfe mich auf die Stiegen, helfe hemmenden Fragen nach dem Gleichgewicht ab, indem ich alle Viere nach Kräften nutze, liege bald auf halber Distanz, ehe ich nach dem Anderen rufe, mich gefälligst nicht aufzugeben.

Der Andere aber erhebt sich am Aufstieg, als ich endlich greife nach dem Plateau, an welches ich verwiesen worden bin.

Der Andere lässt mit keinem Wink erkennen, mir weiterhelfen zu wollen. Erhoben wie ein Gelehrter steht er. Wohl prüfend, welch Eigenheiten durch mich verschlagen worden sind in seine Nacht wüsten Schnees.

Kaum dass ich auf die Knie gerate, tritt der Andere mir aus den Augen. Frei gibt er mir Geführtem das Plateau, ob des Geführten Stand als haltbar sich erweist, oder ob ein Geführter mehr hinübergeht, durch Gebetskränzen nach neuer Führung zu wimmern?

Auf der Stelle jedoch windet des Menschen Würde sich um meinen Atem, mich Machtlosen emporzureißen wie ein Püppchen.

Freigestellt bin ich nun. Wirklich wohl zum ersten Male, seit Gefreiter ich geheißen werde.

Welch Rund mich angeht: Hundert Schatten gleich dem Anderen! Und kein Vertun mehr: Während noch die geringste Flocke Schnee mich scharf in ihr Bild setzt, quillt die Hundertschaft Schatten gleich einer Wand tiefschwarzen Feuerqualmes.

Ich gewinne an Stand, begradige meinen Rücken, ramme die Stiefel in den Schnee. Genug der wüsten Ebenen, genug der Verweise! Ich will wem begegnen. Jemanden, mit dem ein Ende sich machen lässt. Doch keiner der Schatten tut einen Schritt zu auf mich. Als falle bloß das Licht im geeigneten Winkel. Als stehe alles mit der Zeit und rinne ab mit ihr.

Da kommt mir zu Sinnen, dass ich den Anderen weiterhin gewahre! Noch unter neunundneunzig Brüdern gleichen Wuchses. Eingereiht am Ende der scharf geschnittenen Schattenwand, das Haupt um keinen Zentimeter verzogen.

„Steht Ihr weiter im Dienst?“ fordere ich den Anderen.

„Ich bin Dein Dienst!“ tönt der Andere.

Augen blitzen auf in dem Qualmen. Besessen von jenem Licht, das einst mir schien anstatt meines Schattens. Als ich, im Albtraume wohl, zu Asche geblasen ward, als ich bloß wandelte wie ein verdichteter Klafter Luft.

Ich sehe hinter mich. Ich hebe, neu für das Leben gewonnen, beide Arme, klatsche zusammen, was an Menschsein mir zurück geworfen, tue abschließend meine Fäuste in die Hüften: nach sämtlichen Seiten gewährt kein Schatten mir Anschluss!

Was ich bloß im Albtraume aus kaserniertem Leben gebrochen wähnte, es kehrt nimmermehr zurück.

„Du bist ich!“ ist der Andere angezeigt.

„Bin ich Du, wo stehst Du dann eingereiht?“ streicht der Andere mit der Rechten heraus, und alle neunundneunzig Brüder folgen seiner Bewegung.

„Als einer Äffin Wurf irre ich, weit gezielt, im Kreise wütenden Wucherns.“

„Fußt sicher Du selbst auf tausenderlei Wahn, woher dauere ich finster noch im Weiß des Schnees?“

„Weil geschnitten wir beide aus aller Wahrheit Schein.“

„Ohne Licht also Dein Schreiten?“

„Licht die Welt, die mich scheidet von Dir!“

„Licht die Welt, die uns scheinen lässt!“

„Es sei“, tue ich eine Geste, was nun werden solle?

Neunundneunzig Brüder weichen beiseite, weichen der Länge nach, dem Anderen mein Gang zu sein.

Der Andere ist ganz Zeichen, ist Weg und Weiser. Rückwärts ins Vorwärts gewandt, fordert er mich Meter für Meter – bis Gräber scheu sich empor tun.

Gräber, welche in ihrem Schwunge ebenso Wiegen sind. Stätten reichlicher Erde, denen jeder Bezug fehlt.

Allein, ihre Kronen bergen keine Jungen. Höhlungen bedeuten sie, denen Gebein eingegeben ist.

Ich mache kein Ende der Gräber aus. Nach allen Seiten liegen Erdmassen so aufgetan.

Weithin erkennbar hebt Grab für Grab sich aus den verschneiten Horizonten. Als könne der Schnee bloß bis zu einer anbefohlenen Höhe. Zwar birgt er die unterste Erde, lässt jedoch völlig ab von den Höhlungen, welche das Gebein krönen.

„Sie träumen“, tritt der Andere zu den Gebeinen hin.

„Träumen wie ich?“

Ohne Maß bin ich, als ich bedenke, welch Heerscharen träumen mögen in jenen gehöhlten Höhen. Ich schnüre meine Kampfstiefel auf und schleudere beide fort. Es ist nicht kalt. Eher tritt barfuß im Schnee Frieden hinzu.

„Wohin bin ich gebettet?“

„Deinen Überrest hier“, der Andere winkt ab, „musst selber Du fortschaffen.“

Ich greife nach dem Klappspaten an meinem Koppel. Wieso habe ich einen Klappspaten mit auf Wache genommen? Ich spähe den Kampfstiefeln hinterher, an welch Ort sie verworfen sind. Tatsächlich markieren beide ein freies Stück Erde. Der Andere nickt.

Mein erster Spatenstich enthebt mich des Bodens. Als grabe ich in Luft. Als grabe ich in Luft nach Licht, so dringt unter dem Schnee jenes Leuchten empor, welches einst im Feuertraume mich schied vom Anderen.

Bald bin ich erobert durch das Licht. Was als der Erde Höhlung geplant, zieht mit Leichtigkeit mich ein. Eben meine ich noch, die Hand des Anderen wie zum Abschied auf der Schulter zu spüren, da gleite ich bereits hinab in meines Grabes Leuchten.

Versprechen dringen mir in die Ohren, Lügen. Flankiert von Trommeln und Klampfen, branden Barden gegen mein Gemüt. Mich zu höhlen mit Liebesweise und Hohepredigt. Kopfhörer sind mir angetan, mein Gebein in Bewegung versetzt. Ich renne! Eine Lichtung entlang. Inmitten verschneiter Fichten.

Ehe ich mich versehe, reiße ich vom Koppel einen Bumerang, der wirkt, als gehe es um Tollerei. Aus vollster Drehung schleudere ich den Bumerang in einen Tag, welcher schwer ist vom Schnee, sich aber leicht laufen lässt. Einen Tag, der auflacht über etwas, das dem Menschen Heimat scheint. Über Wohnstätten, denen man sein Kopfkissen übers Antlitz pressen muss, um sie zu beschlafen. Über Erwachsenes, welches den Wolken am Himmel Muster ohne Wert ist, jedoch Jungen in die Welt wirft. Quadratmeter um Quadratmeter Bau zu bevölkern.

Pausenhöfe, die Tage zählen, bis sie der Nacht Häppchen sind: Weggehen können! Auslauf haben! Auf eitler Stiefel Schmuck flanieren. Bis einem die Engel der Friedhöfe ähnlicher sehen, als des Tagesgeschäftes Witzfiguren.

Ich fürchte, dass auch ich dem Nachtleben einst schöntat. Was im Schnee mir in Kopfhörer gelogen, es ist als Tempel hineingetreten in mein Gestern. Typenweise lungert Gewesenes an Abhängen und Hinterhalten meiner Traumwandlungen: Ein Fetzen Erfahrenes etwa flattert mit den Flanken, als wären es gestutzte Schwingen, unfähig abzuheben. Drei feuchte Lumpen Erinnerungen fläzen sich, Hände in den Taschen, am Rande des Bewusstseins. Offenbar einer Ansicht, triefen sie feixend auf alles, was sie dort angeht. Asche wirbelt empor unter den Riffs der Klampfen. Während ein Erlebnis, welches dem Geasche gegenüber kauert, klingt wie das Schreien eines Haushuhns. Abgelebtes patrouilliert durch die Reihen, dass es ja kein Gedankengang an Selbstverständlichkeit mangeln lässt. Volksmünder sondern sich aus durch Lichtspiele, ein ums andere Mal durch Vorausgeschautes züngelnd. Allesamt wund durch lauter Hersagen. Psalme untergehakt zum Reigen. Litaneien recken sich dem Augenblick entgegen, Fäuste! An Worten wird genestelt und genuckelt. Zähne wie Zungen glühend in den Schussbahnen des Blutes.

Ich nun renne all das durch und nieder. Ich sprinte über Bildnisse umgekippter Basecaps, deren Träger grölen wie Primaten, trete fest aufs Wort Beziehungswütiger, die ihre Gegenüber herzen, als gälte es, denen das Genick zu brechen. Weiten an Schnee bringe ich zwischen mich und den Ekel der Legebatterien empor gegelter Häupter.

Ich stecke den Bumerang zurück ans Koppel. Habe ich je ein Holzding so beansprucht? Ich genieße das Weltfremde, das mein Sturmgewehr eingetauscht hat gegen einen Sportbumerang. Zwischen verschneiten Fichten, zwischen lauter absichtsloser Landschaft.

Ich reiße mir die Lügen aus den Ohren. Schmatzendes Frischfleisch das! Mir ist nach Verausgabung solcher Körperlichkeit. Geschwind finde ich einen Ast, der leicht meine paar Kilo tragen kann. Wobei ich mit den Schultern zucke über die Routine, mit welcher ich auf den Ast zulaufe und mich als ein Stück Abfall emporwerfe. Bin ich doch im Traume verdampft und eine weiße Wüste weit konfrontiert mit dem Anderen. Erster Klimmzug, zweiter, dritter…

Während des siebten höre ich das Geräusch. Der Andere? Sofort lasse ich ab von dem Ast. Übermannt durch verjüngte Vorstellungen eines urgewaltigen Feuervogels. Vielleicht ist mein Rund aus Fichten bloß in Glas geblasener Augenblick Schnee. Über Flammenmeeren in den Krallen eines Feuervogels.

Ich drehe mich und spähe durch die Fichten, ob vielleicht ein Erwachen naht? Ich frage nach dem Ernst des Ganzen, frage nach den Umständen, welche mit meinem Bewusstsein derart verfahren. Woher etwa die Ahnung, dass es eine Unmöglichkeit an Fußmarsch ist, je wieder etwas zu erlangen, was als Heimat mich süß überzieht. Woher gar meine Gewissheit, selbst nach Ewigkeiten von Fichten keinem Förster zu begegnen?

Die Welt, die mich hat entschlafen lassen, sie ist nicht einen Meter anders. Ohne Ausweg, ohne Förster. Bloß ein Mehr an Verfügungsgewalt scheint dort auf großspurigem Beton.

Kein Geräusch also, welches der Eile wert ist. Was soll ich auch anfangen mit einem Weiter, das zu nichts führt? Wache ich eben niemals wieder auf! Wahrscheinlich ist längst ein anderer Gefreiter auf meinen Posten kommandiert. Da kann ich angerannt kommen und mich erklären wie ich will. Soll der ganze Himmel doch verdammt sein als das Grau im Auge eines Raubvogels!

Als wäre nichts, schlendere ich zurück auf die Lichtung. Meine Muskeln lockernd, obwohl ich rennen will, rennen! Tatsächlich ein Tag grau wie der Matsch endloser Winter. Bald wird aus wenigen Flocken ein Schneegestöber werden, das alles unter sich begräbt. Auch mich.

Vergiftet durch meine Angst, fort vom Himmel geschafft zu sein, gehe ich ein paar Meter Lichtung. Den Punkt spüren, an dem ich unauffällig lostraben kann.

Keinen Blick zurück! Nicht mein letztes Stück Tag noch besudeln mit hochdrückendem Blut. Was ich gelaufen bin im Leben! Wege, die immer Weg bleiben. Lichtungen, die niemals sich lichten. Verloren dort meine Würde. Nie ist mir mehr verblieben, als dem Blick standzuhalten – bis meiner bricht.

Jetzt! Ich trabe los, gewinne zehn Meter, zwanzig, hundert. Im ersten Schreck glaube ich, dass eine Lawine Schnee neben mir durch die Fichten schießt. Der Schatten dann, welcher der Spitze des Schneewirbels entspringt, jagt bloß Zentimeter vorbei an meinem Antlitz.

Auf der Stelle bleibe ich stehen. Frontal wäre ich sonst hineingerannt in das Wesen, welches aus dem Weiß gebrochen ist: Atemberaubend im Wuchs, lauert weder ein Wolf noch ein Bär auf mich. Es scheint eher etwas Fabelhaftes, das seinen Hunger offenbar als Geschenk empfindet.

Ich will zurückweichen, will fort! Aber ich nötige mich, aufrecht stehen zu bleiben. Beide Füße in den Schnee gerammt.

Das Fabelhafte und ich, wir beäugen einander. Ich mit der Hand fest am Bumerang, während das Fabelhafte bereit scheint, beim geringsten Widerstand seine Krallen in mein Fleisch zu schlagen. Um uns fegt Schneegestöber über die Grenzen unserer Leiber. Wohl will es mich wie das Fabelhafte erinnern, dass wir Wildwuchs eines Wesens sind.

Es ist eine Blöße mit Fell, beinahe Wunde bereits! Da vermag mich keiner der vielen Tieratlanten meiner Kindheit und Jugend zu täuschen. Ich lasse die Hand vom Bumerang, stehe aber unvermindert fest. Hätte das Fabelhafte mich reißen wollen, hätte es mir eben leicht Faustkeile von Zähnen ins Genick hauen können. Wahrscheinlich wäre ich entzwei gebrochen unter jener schieren Macht.

Und nun? flüstere ich. In der Hoffnung, dass ich und das Fabelhafte einst eine Sprache sprachen. Das Fabelhafte rührt sich, offenbar Zutrauen witternd. Ein Spähen weht mich an, dann wendet das Fabelhafte sich den Fichten zu, aus denen es hervorgebrochen ist. Beinahe verschwindet es dort, als es grau wie Stahl zurück blickt: Ich solle dem Fabelhaften folgen!

Hinter uns schließen die Fichten sich wie Vorhänge. Als wären zwei Fährten Leben endgültig von den Wegen genommen, die ein Dasein bedeuten. Nun ist kein Laufen mehr. Selbst das Fabelhafte wirkt ohne Grund unter seinen Pranken. Wobei ich das Gefühl für einen geordneten Gang längst derart verloren habe, dass ich mich auch auf allen Vieren zum Fortgang der Ereignisse bereitfinden würde. Was sind mir Lichtungen ohne Ende? Eher dringe ich mit dem Fabelhaften weiter in ein Gehölz, das uns bedeckt wie Triebe ihre Leichen, als weiter emsig unter einer Sonne zu sein, welche dem Schein polierter Messer gleicht. Das Fabelhafte, das ist keine Führung mehr, das ist ein Sargtragen, dem es mit jedem Schritt leichter wird.

Der Stamm eines Baumes erhebt sich vor uns. So gewaltig, vom Umfang her einer Wagenladung Fichten zu gleichen. Vor Urzeiten muss er dutzende Meter in den Himmel geragt haben. Jedoch betrafen Blitz und Donner den Baum über die Jahrtausende wohl derart, es bei einem Stumpf einstiger Größe zu belassen. Gehöhlt und gewichtig, gleich geschlagenem Kanonenrohr. Wie auch anders an einem Ort Leben, der unter Glückwünschen alles Dasein in sich birgt, bis es vom Blitz erschlagen wird. Kein Hingehen offenbar, das dem Fabelhaften einen Wink bedeutet. Anders verhält es sich mit dem Dunkel, welches aus dem Wurzelwerk klafft, verborgen zwischen Ausläufen kräftigsten Wuchses. Ich sinke nieder, als ich das Tasten zählreicher Hände ahne, die, längst vergeblich geworden, des Dunkels einst habhaft werden wollten. Ich sehe zum Fabelhaften hin, das mich nun weit überragt: Scheinbar lauert es auf einen Vollzug, einen Wink oder ein Sinken meiner Schultern.

Ich nicke dem Fabelhaften zu wie zum Bunde. Da tut das Fabelhafte die Pranken auf. Mit einer Wucht lange vor menschlicher Zeitrechnung fällt es her über mich. Beide stürzen wir hinab in das Dunkel.

Für Augenblicke greife ich nach dem Erdreich, das an uns vorbeiwischt, dann zerstieben meine Hände als Pranken und Krallen und Flossen. Eingenommen vom Fabelhaften, in welches ich gewickelt liege wie in ein Grabtuch, dringt jede Form der Schöpfung mir durchs Mark. Mein Inneres ersteht auf als einer Kathedrale Haupt, auf welches das Weltenrund gemalt ist mit jedem Strich Haar und Farbtupfen Pupille. Ich dehne mich und schrumpfe, falle vernichtetet, ehe verjüngt ich in der Morgenluft kreise. Als gefreites Bild Mann schwinde ich aufgebahrt vom Boden eines Waschraumes einer Mannschaftsunterkunft einer Kaserne. Geschoren, kalt und starr. Das Rot der Jacken, das Weiß der Kreuze, welche mein Licht gewordenes Bild Leben fortschaffen, färbt sich mir ein. Wellengang ist das und Vergebung. Zwei Hände, die nach dem Fabelhaften greifen, das ich geworden. Dann ist die Welt Licht und Schrei, Licht und Schrei. Gesichter kommen mir unter, sagenhaft in ihren Ausdrücken. Schmerz herrscht und Freude und Lust. Zwei Hände, die sanft in mein Verhältnis mich setzen. An das Weiß eines Herzens werde vom Licht ich gedrückt. Auf dem Gipfel und zu Füßen schreienden Lebens. Ich blicke in eine Morgenröte, die weder Liebe kennt noch Zorn, sondern allein um des Tages willen ist. Und ich, ich, als der Schatten dieses Neugeborenen. Dem Licht ergeben, der Finsternis enthoben, reine Form und wahre Krone.

Bloß ein Flimmern im Kreissaal, von keinem Augenblick bemerkt, als ich mich löse von dem kahlen kleinen Kopf Hoffnung, der da schreit und zuckt und doch dem Frieden eines Traumes gleicht. Bloß ein Flimmern, als ich zum letzten Male lächele, ehe ich versinke in meiner Bestimmung.

Beginn eines tausendseitigen Todeskampfes.

Der Junge will mir aufhelfen.

Seine Hände sind voll wimmelnder Gebeine. Als habe er sie sich gegriffen aus einem Jahrtausende alten Strom, mich damit zu bilden.

Sonne hat die Gebeine befleckt. Verpuppt sind sie, aber nicht zu Kinderwesen, sondern wie wenn die Gebeine mit dem Erwachsenwerden geschrumpft wären. Endlich im Tode dann handlich genug, mit ihnen umzugehen oder sie zu verwerfen.

Der Junge steht alledem vor. Ein zur Faust geballter Morgen.

In lichte Grabtücher ist der Junge gekleidet. Bereit für Himmelsfesten wie für Teufelswerke.

Seine Brille erst erschreckt mich. Als wären ihm Narren dazwischen gefahren. Mit einem aufgesetzten Stück Schärfe, durch das kein Wesen klarer wird, sondern nur stärker scheint.

Die Knochen des Jungen halten seine Arme wie geschraubt. Ihr Drängen setzt den Körper unter Spannung. Wenig Fleisch bloß, und blindgefastet alles, während Sehne für Sehne gewachsen scheint zum Peitschenhieb.

Nein, vor mir schwingen keine zehn Sommer sich empor, da lodert das Kind gewordene Zepter des ersten Menschen, wie er aus einer Urgewalt heraus zur Erde stürzte, und all die Macht vergaß, die in ihm brannte.

Dasein steigt mir hoch. Es leuchtet mich aus, als wäre ich eine außer Betrieb geratene Schlachterei. Fleischerhaken spüre ich, die mitschwingen bei jedem Zittern. Dazwischen scharfes Gerät und wohl auch Schüsse. Was ein Dasein so braucht, damit es sich behaupten kann auf Erden.

Auf Erden?

Ich nehme wunderlichen Boden wahr. Lässt mich denken an etwas oft Gestreicheltes. Duftet nach Weideland, als wäre der Boden Sommer für Sommer umhergestreift worden. Grob wie der Grand meiner Kindheit, aber kein Brecher. Nachgiebig, pulsierend. Dem Kreidezeichen näher, als dem Spatenstich. Füße mögen ihm eingehen, Schwerkräfte, Blutlinien; nicht jedoch Schätze, wie sie sternenlosen Nächten eigen sind. Boden, der schmeichelt und geschmeichelt sein will.

Entsprechend trostlos bewege ich mich am Boden, geradezu Härte einfordernd. Der Junge lässt sich herab, bietet mir seine Unterarme. Dabei behält er die Gebeine in den Fäusten. Gleich einer Lektion, welche ich längst hätte lernen sollen.

Erinnere ich mich richtig, müsste ich an Höhe das Doppelte messen wie der Junge. Sehe ich aber nach mir ist es, als bräche ich mich in einem Prisma: Beinchen, raupengleich zappelnd, beide Arme aufgeblasen und kaum am Boden haltbar. Geschaffen für hüfthohe Puppenhäuser scheine ich mir nun.

Der Junge nimmt mich auf wie ein Figürchen, dessen Hände einrasten an seinen Unterarmen.

In die Höhe gehoben nun geht mich Vogelgekreisch an. Aufgezogen tönt es, eisern. Hohle Schmerzen, welche darauf präparierte Mechaniken lärmen lassen. Angemessenes Geleit für Köpfe, welche sich verabschieden von des Lebens Schultern. Kein Zwitschern, das zersticht eines Sterbenden Stirn. Als wären den Vögeln ihre Luftsäcke übergeworfen, damit nun sie ersticken am fröhlichen Gepfeif.

Ein Hammer graut mir, dem alles Wesen schmatzendes Geschwür ist. Und der Boden, dieser verständnisvolle Schmeichler, wie er das Erschlagene aufleckt, von unserer Schöpfung nur Knochen lässt.

Mit welch Gottgestalten schafft ein Leben sein Ende heran? hadere ich durch einen Bau, der sich anfühlt wie verschüttet in mir, gleichzeitig aber nach außen gefegt scheint, während der Junge mich durch wüsten Odem hebt.

Einen Odem, der mehr Dunst ist als Wort, und mich das Gefühl meiner Höhe kostet. Als würde ich flattern in etwas das Sarg ist, Gruft oder Schlund. Jedenfalls derart erwachsen, dass jeder Hieb auch die Wurzeln kostet, und alle Freiheit bloß eine kurze Frist in schwereloser Schwärze bedeutet.

Mag mir in meinem Bau nun anwachsen, was den Vögeln genommen, und mag ich auch wachen mit jenem Rechenvermögen an Zeit, das zuckt wie eines Vogels Schnabel, wann immer Ritterschläge drohen und Gesetzgeber walten, ich bleibe mit Nägeln getrieben in ein Krokodil von einem Felsen.
Ich bin nicht mehr als Dornengestrüpp, in dem sein Verderben brennt. Wer Schuld sucht, der lange nach meiner faulen Blüte. Des Teufels sind die schwarzen Früchte, und mit ihnen der Schöpfung Fäulnisfresser, wie sie süß klingen vom Rausch des Verderbens. Wäre nicht alles Dasein erfüllt durch Gottesgewalt, es bliebe sündiges Sauriertum!
Entfernt aus dem Wuchern meiner Wurzeln verbleibe ich als ein Krabbeln. Voll Geschrei um das letzte Licht in meinem Antlitz: vom Rost zerfressenes Dämmern, das noch mir Tage schneidet aus der Nacht, und sorgt für Himmel über klatschenden Wellengängen.

Wie sie mich am Atmen halten, diese Lufterzeugnisse! Freigeräumt und voll wahrhaftiger Maßstäbe. Allem Menschenmöglichen über in ihrer Formengewalt. Mal lächelnd, mal ernst unser Lichterspiel zudeckend.

So habe ich mein Leben den Himmeln weit mehr anvertraut, als uns Strichfiguren.

Und der Junge, der verrückt genug scheint es aufzunehmen mit tausend Knochenmännern, der war ich! Auferstanden in den Wolkenfeldern des Vorstadtwesens. Dort, wo mir Wälder winkten, vor Blüte der Boden strotzte, und wo ich meine Flügel ungeniert trug.

An diesem Jungen nun krabbele ich empor wie an einem Koloss vor den Toren unserer Zeitrechnung. Zitternd über dem Wahnsinnn seiner Muskeln.

Gegenwärtig geblieben davon ist mir meine Sprungkraft: kaum spannte ein Band sich hoch oder weit, nahm ich Anlauf. Reichen wollte ich, wohin keiner reichte. Bis ich aus allen Zeichen brach, rückwärts redete, Räder drosch.

Wieder entdecke ich mich auf Höhe der Schultern des Jungen. Sehe meinen Händen zu, die sich vergreifen an Stücken übergeworfenen Leichentuchs. Mir ist entfallen, welch Pfade die Hände so weit gelangen ließen. Ich erinnere bloß ein Krabbeln, das regelmäßig unterbrochen wurde von Hüpfbewegungen. Verloren scheint die Möglichkeit des aufrechten Ganges. Ich quittiere es mit Erleichterung.

Auf der neuen Höhe schlägt mein Dasein Wellen: was mir verfließt an Zeit unterströmt mich nun. Als ginge es scharf gegens Vulkanische. Kein übles Gefühl, wenn glühend seine Reste über einen kommen. So wird mir mein Haupt mit jedem Augenblick neu gegossen. Und kriegslustig wirft alle Zeit mich nach vorne. Eingezogen von ihrem Angriff, brenne ich mit den Jahrhunderten. Uns voran die Faust der Ewigkeit, wie sie eindrischt auf ein Rund aus Teufelswerken.

Um mich herum explodiert Wein fässerweise, stopft Tand zersprengte Mäuler, kocht Leibesfreude von den Knochen. Ehe ich, überspannt von einer Schnur, zurück gerissen bin in die Leichentücher meines jungen Titanen.

Mit dem Jungen gerät das Gemäuer ins Marschieren. In keiner Richtung scheint ein Stein mehr berufen zum Totschlag. Alles wirkt im Aufbruch, reißt an seinem Grund, dass der Putz abspringt.

Dahinter tut sich Ausgeschabtes auf. Kreidige Kuhlen, die verloren sein mögen, dumpf, oder für gar nichts klaffen. Jenes Grundlose, das mich ängstigt seit ich Weltenraum besetzt halte und dem Dasein Zins schulde. Zu schulden hoffe. Es kann eine Bleibe auch so von den Sternen abfallen, ja, alles ohne jede Absicht aus der Ursuppe gekrochen sein. Dann hätte ich ein quirliges Nichts entlohnt für seine Abtritte.

In Marschrichtung meines jungen Titanen bröckelt Kuhle um Kuhle auf. Aus tausend bleichen Augen glotzt das Nichts mir entgegen.

Erfolglos fahnde ich nach einem heldenhaften Gestalten, das aus der Kreide dringt. Als wandelten wir durch die Absichtslosigkeit verödeter Flußpferde. Zeichen genug, dass kein Weg ins Freie langt. Entzündetes Gewebe im Drehschwindel alter Knochen. Ohne Wunde, ohne eine Springflut Blut geht es für uns nirgendwo hin.

Der Schlaf eignet mich hier! Mit inhaltsleerer Bebilderung schafft er mein Dasein durch mir unbewusste Nachtstunden. Und es naht das Erwachen! Jene Schippe Luft, die mich zurück wirft in den sicheren Tod. Was vom Tagewerk als Traumwandeln gescholten, bedeutet mir meinen letzten Strang Herrlichkeit.

Ich mag nicht länger wissen, wann ich geboren bin, ob ich ausging, tanzen oder spielen, und in welch Vorstellungen ich mich wog, bis ich um war. Beim Tod komme ich so oder so hinaus. Aber vielleicht finde ich auf den letzten Metern Traumsein noch meinen Schöpfer?
Auf der Erde, die ich gegenwärtige, baute man hoch. Man suchte Rat in der Leere über sich. Und so kippt mein Kopf nach hinten, als würde ihm von oben etwas eingegeben werden.

Kopfstehende Mäuler mustern mich Aufgekippten. Sichtlich an keinem Beratungsgespräch interessiert, ragen die Mäuler aus ihrem schwefeligen Leib. Einige speien verbranntes Gefieder. Das haftet um die Mäuler wie etwas Fleischfressendes.

Deutlich dämmert mir ein Schwafeln meiner in Liköre geworfenen Phantasie. Tue ich es ab, tue ich mich auch ab von den Schultern des jungen Titanen, wo ich just so wundervoll nächtige, frisch gehalten in seinen Leichentüchern.

Nimmermehr möchte ich meine durch Untaten gezeichneten Hände spüren, nimmermehr unter meinen Füßen den Sand aussichtsloser Wildnis: der Tatsachen bleierne Heiligkeit, die mich aufs Äußerste durchmaß, dass mir mein grob aus dem Fleisch geschnittener Sarg ja eng genug ansitzt.

Komm mir nicht länger zu Bewusstsein! bin ich des Jungens Fanfarenstoß. Er wiegt die Knochenmänner in seinen Händen, stopft mit ihnen, bis auf eines, jedes kopfstehende Maul, ehe sein dunkles Sinnen über mich kommt: Milchzähne greifen mein Gewese auf, als wäre ich ein verworfenes Welpenreich, schon bin ich im Wesentlichen geschüttet in der kopfstehenden Mäuler letztes Maul.

Der Mantel weiß wie frisches Leichentuch, die Schuhe ungebunden: so weise ich zum Dienstschluss mich aus am Kasernentor, als in Wehrpflicht genommenes Truppenteil.

Zwei Wachhabende beäugen mein Dasein, ob es ernst mir ist mit dem halben Abend Ausgang?

Ich halte aller Welt und ihnen mein Reiseschach vor. Einen Traum aus Steckfiguren, auf dessem Deckel von Kinderhand die Namen der Schachweltmeister vermerkt sind.

Da wissen sie, dass kein gutes Ende vor ihnen steht. Beiden vergeht jede Schaulust. Grußlos stellt man mir frei den Weg, der jenseits der Schranken sich verläuft. Und ich ziehe davon, als habe ich die höchste Augenzahl geworfen in einem Gesellschaftsspiel.

Vor dem Kasernentor steht ein Trupp Reihenhäuser. Schüsselweise schüttet dort hinein, was Parole ist. Weiter runter, wo Betonader in Betonader mündet, lungert Kleingewerbe, von dem ich glaube, dass es mich nie etwas angehen wird: der Imbiss für Pommes rotweiß, eine Tankgelegenheit, die Marzipanbrote führt, das italienische Restaurant, das nistet in einem artgeschützten Bauernhof.

Vom Ortsinnern lasse ich mich nicht provozieren. Was ließe sich dort auch umstoßen? Die Kirche etwa thront eingerammt auf dem Friedhofshügel. Das Bürgermeisteramt dagegen so unsichtbar, dass es sich wohl längst in den Köpfen verschanzt hält.

Abfall.

„Ich bin Abfall!“ lächelte Hengstmann die beiden Paketboten an. „Ich habe nicht vor lange zu bleiben“, entschuldigte er sein Zimmer.

„Einen Fernseher und eine Spielkonsole?“ Beide Paketboten schienen besorgt um das Wohl der Waren, die sie abzuliefern hatten.

Hengstmann zuckte mit den Schultern. Als hätte man ihn von Amts wegen verurteilt, einen Fernseher und eine Spielkonsole anzuschaffen.

Ob man ihm beim Anschließen helfen könne? Hengstmann fingerte fünfzig Euro aus der Hemdtasche. Er hatte seine Lebensversicherung aufgelöst. Der Hinweis, dass er Witwer geworden sei, genügte.

Das Fernsehgerät nahm das Zimmer ein. Zusammen mit der gelackten Spielkonsole davor die einzigen von Hengstmanns Habseligkeiten, in denen man sich hätte spiegeln können. Ansonsten wirkte sein Haushalt so bereit für die Mülltonne wie das Pappgeschirr, das überall auf der Küchenzeile lag.

Die Paketboten nahmen das Geld, als wollten sie Beileid ausdrücken. Dann machten beide, dass sie fortkamen.

Hengstmann schloss die Tür, drehte den Schlüssel zweimal, schob den Riegel vor. Eine Gruft mit Fensterplatz.

Hengstmann hatte das Fenster auf Kipp. Sechster Stock. Der Feierabendverkehr drang ihm ins Ohr.

Hengstmann war groß geworden mit Ausblick auf eine Chaussee. Stundenlang kniete er als Kind unterm Dach vor dem großen Wohnzimmerfenster und beobachtete das Straßenbild.

Und nun war er selbst der Passant, den Kinder registrierten in seinem Vorübergehen.

Hengstmann schaltete die Spielkonsole ein. Es gewitterte auf dem kurvigen Bildschirm des Fernsehgerätes. Es trommelte, es schwirrte. Der Schriftzug des Spielkonsolenfabrikanten schoss ins Bild. Hengstmann nahm das alles wahr wie durch eine Hornhaut.

Zuerst hatte Hengstmann ein Schachprogramm vorinstallieren lassen. So wollte er abschließen mit seiner Jugend. Jener verzauberten Zeit, als die Welt noch zehntausend Wege reich war.

Beliebt war er selbst im Schachverein nicht. Trotzdem empfand er Freitags in der Bahn Mitleid für jedes Kind, das nicht in den Schachverein fuhr.

Liebend gerne stand er dort alleine vor dem schwarzen Brett und studierte die Weltrangliste. Namen von Schachgroßmeistern, welche Hengstmann lohnenswerter schienen als all das, was seine Schulpflicht ihm nahebrachte.

Und wie er sich dann seinen ersten Schachcomputer zusammen gespart hatte, benötigte er so richtig eigentlich keine Menschenseele mehr.

Niemals wäre Hengstmann damals eingegangen, dass ihn seine geheiligte Schachlogik derart wenig scheren würde wie jetzt, dass Hengstmanns letzte Strategie dahin gehen würde, jenseits allen Straßenverkehrs seinem Erdensein als Witwer ein Ende zu machen. Dort, wo es Nacht wurde und die Sterne begannen.

Hengstmann verschob auf dem Bildschirm Spielsteine, als wäre er ein Uhrwerk. Wer auch immer ihn so aufgezogen hatte, Hengstmann wollte sich dieser Mechanik nicht länger ergeben! Jenem vorgegebenen Ablauf, bis wann er gefälligst weiterzulaufen hatte.

Das Schachprogramm schlug erst mit dem Springer ein auf Hengstmanns Bauern, dann mit dem Turm. Hengstmann wich zurück, bis der Angriff abebbte. Hengstmann vergewisserte sich, dass er noch stand, dass der Sturm vorüber war, und dass niemand mehr herrschte auf dem Schachbrett. Dann schob Hengstmann seine Figuren weiter, weiter und immer weiter – bis kein Spielzug mehr möglich war. Patt. Unentschieden. Schulterzuckend wandte das Schachprogramm sich ab.

Hengstmann dagegen wurde übermannt von einer Erinnerung, wie er und sein Schulkamerad bis weit in den Herbstabend hinein Schach gespielt hatten. Dem Schulkameraden war allein der König verblieben, Hengstmann dagegen eine kleine Armee. Da betrat der Vater des Schulkameraden das Kinderzimmer. Unter dieser Autorität war Hengstmann wie fortgewischt. Bereitwillig ließ er sich vom Vater seines Schulkameraden die Hand führen – bis der Schulkamerad Patt stand! Unentschieden.

„Das ist doch verloren!“ wies der Vater seinen grinsenden Sohn zurecht. Hengstmann schloß sich halblaut an und bestand auf einem Sieg. Obwohl beide Schüler wussten, dass der Vater Unrecht hatte, dass die Partie zum Unentschieden verdorben war.

Selbst jetzt, eine Ewigkeit später, hatte Hengstmann keine Ahnung, warum der Vater seines Klassenkameraden so energisch auf einen Sieg bestand, wo es doch nur Unentschieden war. Vielleicht funktionierte Glück nicht anders, als mit Bestimmtheit Halbheiten zu Siegen zu erklären…

Aber was nützte das jetzt, was nützte es, wenn Hengstmann sich über alles derart im Klaren war? Der Bildschirm vor ihm stand still wie ein Grabstein, und unten auf der Straße herrschte das Glück so sehr, dass immer von neuem Schlagermusik durchs Fenster seiner Gruft wehte. Absichtslos, wie Konfetti in den Schoß eines Bettlers.

Hilfesuchend sah Hengstmann auf die Tür zum Badezimmer, hinter der drei Einweggrills bereit standen. Holzkohle. Anzünder. Alles dabei. Kein Sieg, gewiss nicht. Aber eben auch kein Unentschieden.

Ihm kam ein Grillabend während seiner Grundschulzeit hoch. Die erste Klassenreise. Es fiel ihm schwer die Kartoffeln richtig ins Feuer zu halten. Man half ihm, sah das als etwas, das sich schon geben werde. Eine günstige Prognose, die Hengstmann derart erklingen ließ, dass er alle um sich herum zum Lachen brachte: „Du hast Dich heute noch lange nicht ausgewitzt!“ lobte ihn der Klassenclown.

Hengstmann sank auf dem Sofa zusammen wie verkohltes Brennholz. Und es bedeutete keinen Trost, dass sich vielleicht noch Spuren der Asche ihres Grillabends in der Feuerstelle des Ferienheimes fanden. So denn das Ferienheim überhaupt noch bestand. Vor allem bedeutete es keinen Trost, weil sein Geist dort wohl alleine Sorge trug für das Vergangene: bestimmt erinnerte sich niemand sonst mehr an jene zwei, drei Stunden gemeinsamer Kindheit!

Bereits damals, als er einige Schulkameraden am Telefon behelligte mit dem, was ihm wesentlich schien, wurde kommentarlos aufgelegt. Und so ersoff Hengstmann samt seinen Bedeutsamkeiten in einem Nichts aus Freizeichen. Niemand da!

Vollkommen geplant war es also nicht, dass er in Folge alles mit dem Schachcomputer bestritt.

Und vielleicht bedeutete es das Todesrasseln eines Gemüts, wenn es mit Erinnerungen verschleimte: nirgends ein Hauch Zukunft mehr!

Seine Frau bestellte Limonade wie er. Ihm gegenüber nahm sie Platz. Mit einer Erwartungsfreude, die ihn erinnerte an Geburtstagskinder. Gefühlt war es für sie und auch für Hengstmann noch Frühling, als beide sich zum ersten Male begegneten.

Sie kam frisch von einer Feier, während Hengstmann schwärmte für seine Aussichten. Um sie herum Bratkartoffelverhältnisse und Mengen Grünzeugs. Man ließ sich gehen, erwarb dieses, erwarb jenes, war selten mal nicht hungrig. Zum Abschied küsste Hengstmann sie auf den Hals.

Dachte er so zurück an seine Frau, erschien ihm das Gotteslob nicht unwahrscheinlich, das in der Schule während der letzten Stunde vor den Sommerferien geschmettert worden war. Im Kanon. „Sei gepriesen…“ hörte Hengstmann wie aus einem weit entfernten Kirchenschiff die Stimmen der Mädchen.

Schnee brennender Schatten.

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„Ich bin so müde“, flüsterte sie. Und ihm war, als küsse er sie zum Abschied.
Niemals wieder würde es sie geben. Erloschenes Leben im Nachthimmel. Eine leuchtende Insel Schwärze, wo andere bis in alle Ewigkeiten nur die Sterne drumherum sehen durften, oder wollten.
Kein sonderlicher Trost. Er wäre gerne mit etwas weniger Schulterzucken eingeschlafen.
Von Jahrzehnt zu Jahrzehnt wurden ihm seine Nächte zugiger. Im Pflegeheim konnte keine Rede mehr sein vom Chillen.
Vielleicht hätten sie Kinder haben sollen. Damit das Lächeln seiner Frau noch Generationen später aufgefunden werden konnte. Bis anderer Leute Lächeln es überwachsen würden.
Nun blieb ihr Fleisch abgeschnitten vom Menschengeschlecht. Die gemeinsamen Jahre gingen ihn an wie nie getan.
So oder so wären ihnen ihre Leiber verdorben, aber dabei vom Leben bedeutend besser zugedeckt worden.
Als er beschloss wegen des Geschreibsels sein Leben zu geben, um es zu gewinnen, hatte er das Leben seiner Frau gleich mitgegeben. Diese Sünde verdarb ihm jeden Bissen, den er seiner abgenagte Existenz noch vom Knochen schaben konnte.
Wenig half es, wenn sie ihm versicherte, zumindest eine Jugend gehabt zu haben. Gar überregional sei sie unterwegs gewesen auf der Suche nach Tanzgelegenheiten.
Aber die Vergnugungsmeilen waren ihr nicht zu Orden geworden. Nichts, woran man sich rückversichern konnte. Und so ging auch das ihm ein, als wäre es nie gewesen.
Blieb sein Geschreibsel. Ordner voller Kampf um die Weltöffentlichkeit. Auch er hatte Einladungen ausgebrochen! Wenn auch nicht unbedingt an die Nachbarn, und nicht am Gartenzaun.
Sein Geschreibsel aber war, als bekümmere er sich um einen Gott, wie ihn Kinder sich suchten. Kein Himmel, unter dem ein Mann seine Frau begraben mochte. Als wollte er sie im Wald verscharren, statt sie einzubetten in den Segen tausender Gräber.
Sie nannte ihn bei seinem Kosenamen, wann immer er von der Chance anfing, dass man sie mit ihm zusammen entdecken würde: geborgen im Geschreibsel, verpuppt und versiegelt, hätten sie Jahrhunderte Zeit. Jahrtausende!
„Aber ich habe doch Dich!“ lächelte sie mit Augen, die schimmerten wie ein Herbst, der sich dem Winter zuwandte.
Es half nichts, sie würden durch ihren Winter müssen. Sie würden sich eines Nachts im Schneegestöber verlieren. Und der Friede, der dann folgte, würde ihr Antlitz haben. Alles wäre sie. Und er würde können, was ihm im Frühling nicht geschenkt ward, im Sommer nicht, selbst im Herbst noch lange nicht: er würde sich dem Leben ergeben können.

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Mein Trauerjahr mit dem Herrn Doktor.

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„Seit meinem 16. Lebensjahr stehe ich auf Verlust“, sage ich. „Jetzt bin ich Abfall!“
„Wie lange existierst Du schon?“ will der Bot wissen.
45 Jahre.“
„Nicht im Sinne eines Lebewesens.“
Das Pixelgesicht Typ Studentin, das ich zum Bot für 59 Cent extra erwarb, blickt nach unten: Die Bürgersteige sind übergossen mit Regenwasser. Fehlt bloß der Feudel, der mich aus dem Straßenbild wischt.
Schnee hätte ich mir gewünscht. Das Leben unter einem weißen Laken. Und alles, was Winter bedeutete, mit dem Frühling geschmolzen. Schwer sich so freizumachen von der Welt stattdessen im Nasskalten seinen Punkt zu finden.
Eine Dame, ledern und ausgehärtet, spricht mich an: ob ich auch zum Herrn Doktor wolle?
Beide beugen wir uns über mein Telefon: Nein, Kapelle 1 kann in der Zeitung nicht gemeint gewesen sein. Dort entlang spüren wir kein öffentliches Interesse. Auch hatte ich an einem anderen Ende bereits Trauergesellschaft erspäht, die dem Bühnenprogramm des Herrn Doktor angemessen schien.
Also Kurs auf das wohl am größten Gemeinte des Friedhofes: „Forum“ heißt sich jenes Drumherum, dessen Herz das Krematorium ist.
Viel Stein über dem Kopf wird geboten. Gegen die trüben Wolkenmassen gehen mir zwei gegossene Christkinder ein, welche wie Pfahlhocker zu beiden Seiten des Haupttores in den Himmel ragen.
Seeblicke registriere ich. Wohl übergehen auch Nestorenaugen mein abbruchreifes Dasein. Sudoku-Damen nehmen einander in Empfang. Mancher hält Sachdienliches bereit. Hahnenfußgewächse meist, wie der Herr Doktor sie schätzte. Und, natürlich, das Feuilleton. Prall bebilderte Sonntagsausgaben, die Schlange stehen nach besten Plätzen.
Nicht ohne Lust betrachte ich den Leichenwagen. Er steht mit dem Hintern zum Forum und ist ganz Fracht. Auch der Tod will entbunden sein. Wenn das Leben ein lautes Kleines ist, bedeutet der Tod das stille Große.
Hier aber wohne ich einem leeren Leib bei. Die Fracht ist bereits ins Forum geschafft. Es verbleiben Schriftzüge vom Inhaber des Leichenwagens. Dem Namen nach ein Werktätiger auf Gottes Äckern.
Dessen Trostspender nun wirken unter dem Stern des Herrn Doktor verdreifacht in ihrem Tun. Als trügen sie ihre Uniformen auch nachts.
Wo Mauern herrschen sind Türen wichtig. Und die Trostspender sind die mit den Schlüsseln. Nicht sattsehen kann ich mich am Schlüsseldienst der Trostspender. Hüten sie doch den Tod in seinen letzten Wehen.
Der Herr Doktor bereute es einst, seinen Vater aufgebahrt gesehen zu haben. Würde ich mir nun solch ungeheuren Blick auf den Herrn Doktor aufsperren lassen wollen?
Ein Nimmerwiedersehen musste es bedeuten für mein Bild von einem Souverän: Der Herr Doktor, wie er mit Händen in den Taschen die Bühne bespielte. Strandkabarett war das. Vor zweihundert Badegästen. Was Schickes hatte man sich angetan, wohl auch dem Gemüt etwas nachgeholfen mit dem Neuesten des Herrn Doktor über das wilde Kurdistan.
Der Herr Doktor arbeitete sein Programm ab im Wechsel vom rechten Ende der Bühne zum linken. Sechzig Minuten taktete der Herr Doktor so durch. In Schritten, die sich erkennbar nie an Badelatschen versucht hatten.
Ein Notiznehmender. Willens, jeder Erscheinung Wort zu verleihen. Und was konnten zweihundert Badegäste mehr sein als Blüten, welche bedacht werden mussten?
So vergegenwärtigte sich im Saal die Studienzeit des Herrn Doktor. Er dozierte von seiner einstigen Herbergsmutter. Ihre Säumigkeit, was das Verfallsdatum von Schalen mit Studentenfutter betraf. Daraus folgte eine nicht mehr zum Verzehr geeignete Hand Nüsse. Und während der Herr Doktor uns seine Gesichtsfarbe auseinandersetzte, als die Alte ihm erschloss welch abgelaufene Nüsse er da genoss, wähnte wohl niemand sich in den Kulissen eines kalkulierten Bühnenprogrammes.
Kein Bild hat sich mir erhalten von jenem Sommerabend. Bestenfalls Umrisse und Echos. Immerhin zwei Worte, für die ich bürgen kann. Als ich am Ende den Herrn Doktor bat, mir sein Werk über das wilde Kurdistan zu signieren. Er antwortete: „Sehr gerne!“
Und nun stehe ich vor seinem letzten Bühnenprogramm. Der Künstler im Sarg. Ob man ihm seine Hände in die Taschen geschoben hat?
Zustände beschrieb er, Gegenwarten. Wie Feuer gelöscht wurden und Dirnen warteten. Nichts davon machte Sinn. Er überließ es den Zuständen, dass sie bei Gelegenheit Ordnung schafften. Also eher ein Unterhalter unseres Daseins.
Meine Augen tasten den Zustand des Mauerwerkes ab, ob vielleicht Unregelmäßigkeiten über das Krematorium hinausweisen?
Fortan will ich sämtliche mir verbliebene Phantasie bemühen für das Entdecken von Unregelmäßigkeiten im Zustand unserer Mauerwerke.
Für den Herrn Doktor wäre das Krematorium wohl vor allem die Schuld eines Oberbaudirektors gewesen, die es zu verhandeln galt. Während mich jeder Handschlag gruselt, den das Mauerwerk zu sich nimmt, ohne ihn wenigstens mit einem Klatschen zu quittieren. Nicht die Theorie des Knackses, sondern die Praxis des Knochenbruchs.
Wobei meist das Ermüden eines Menschenapparates dem Schaffen der Mauerwerke Vorschub leistet: Was Jünglinge noch hart nehmen können, schlägt Fortgeschrittene entzwei.
Und wer vom Mauerwerk verschont bleibt, erstickt an der Luft. Ein Friedhof voller Freiräume!
Tot kann ich mich gehen in all dem Gartenbau.
Bloß dass hier, im Gegensatz zum Naherholungsgebiet, die Totgegangenen bedacht sind. Sogar derart mit Bindestrichen und Umbrüchen, als stünden Geburt und Tod im Zusammenhang wie die erste und die letzte Seite eines Buches. Dabei hätte man zwischen Geburt und Tod besser den Stein in seiner freien Fläche belassen: Das Egalsein zwischen zwei Verwaltungsakten.
„Gib mal Laut!“ geht wie zum Fest der Toten ein Medium mich an, was Friedhöfe voller Freiräume übrig gelassen haben von mir Bürschchen?
Das Ohr des Mediums wird geführt von einer Schamanin. Knochen und Kippe ist die Schamanin, Luft tut für sie längst nicht mehr not.
Vollkommen in ihrem Opferdienst, begehrt die Schamanin Auskunft über mein Verhältnis zum Herrn Doktor.
Unbewegt steht das Ohr des Mediums mir vor, während ich Schutthaufen bröckele und bröckele, was denn da nochmal war?
Er habe mich zweimal freundlich beschieden, ist mein Mund bei der Sache. Einmal per Postkarte, einmal per Briefpost.
Die Schamanin nickt. Ihr Nicken gleicht dabei einer Mechanik, welche möglichst viel Dasein ins Medium pumpen will.
Seine Briefpost hätte ich mir aufs Telefon geladen. Als Pausenbild.
Das sind Tiergeräusche! bestürzt mich mein Gestammel.
Der Schamanin scheint es gleich. Sie kehrt mich zusammen wie ein verhutzeltes Biotop. Von mir wird keine Sekunde bleiben.
Gerne nimmt die Schamanin also meine Hoffnung zu Protokoll, dass noch etwas sei mit dem Herrn Doktor. Ein Tagebuch vielleicht?
Ein Tagebuch „darüber“.
“Tod“ nehme ich mir nicht heraus, auch vorm „Sterben“ zittert mir die Zunge. Beides zu gewichtig für meinen Plunder an Worten.
Bloßer Wuchs bin ich, bald soweit und bald soweit: ein Rinsal Blut, vom Bürgersteig geschafft.
Als hätte das Medium mich zur Ader gelassen, sondere ich weiter ab. Fäulniskultur, deren Höchstes die Petrischale ist.
Ich lasse mich aus über Bücher „darüber“. Als wäre irgendein Halten, wenn es bei mir soweit sei.
Das Medium isoliert mich ab vom Hintergrund. Bis mir nichts von außerhalb mehr als meins durch den Mund rauscht. So stehe ich unbehütet von allen Redensarten.
Ein Friedhof an Freiräumen aber verlangt nach Antworten. Und hinüber ist der, den ich um ein Wort gebeten hätte.
Nichts weiter, als abgeschlagene Bitte! So gehe ich der Schamanin ein, so bewirtet mich das Medium.
Ich dagegen will abschließen, wie wenn ich einer Tugend Zierde wäre: Meine Treue zum Herrn Doktor, welch Weide er mir im Äußersten hätte sein können!
„Ein größeres Kompliment kann man jemandem wohl nicht machen“, nabelt die Schamanin mich ab vom Medium, und befiehlt mich so erneut ins Nichts.
Stirb schön! nickt die Schamanin nach den Mauerwerken, damit sie das Nichts an mir vollstrecken.
Ich wende mich ab, als könnte ich mich irgendwem zuwenden.
Tatsächlich stehen nun alle Mauerwerke auf Totschlag. Und wie zäh die Menschenmasse in ihrer Mitte! Als Mörtel bloß ist selbst das Edelvolk dem Stein beigegeben.
Dem Stein sich anzudienen, das sollte meine Kunde sein. Stattdessen gehe ich irr, wo ich längst nach Plätzen stehen müsste.
Gestellt unter größere Herrschaft will ich mich sehen. Ein Herold des Himmels. An Wolken gehängt dem Dasein Zehenspitzen weit angehören. Rausch der Karusselle und Loopings! In ihrer Bewegung besteht die Form. Als Puppe, die sich spielen lässt, will ich dauern.
Tatsächlich gleiche ich wohl jener Art von Sperrmüll, der aus Widerwillen inspiziert wird: Erneut beugt ein Medium sich über mich, warum ich vor das Haus des Herrn Doktor geschafft bin?
Ein Strichmännchen hält dem Medium nun die Stange. Das Strichmännchen lächelt nicht ohne Beißlust. Es wirkt mit Sorgfalt gezeichnet. Schwer abzutun.
Ich also erneut von den Bescheiden, mit denen der Herr Doktor mich bedachte. Ich also wie ein Stück aussortiertes Kinderzimmer, das Nachts in den Wald geworfen wird. Dort im Wind zu klappern, bis es vom Moder überwunden ist. Keine Weise, in der ich bestehen kann.
Auch das Strichmännchen denkt in meinem Fall wohl an einige vom Trauerfall mitgerissene Laden Vergangenheit. Ein Ausheuler der Woche. Absichtslosigkeit, welcher zur Kundschaft bloß das Fragezeichen fehlt.
Jawohl, ja, zieht man Fragezeichen in die Länge, kommen sie als Rufzeichen daher.
Ich mache dem Strichmann Meldung über Blasen eitlen Geschwätzes, welche mir beim Herrn Doktor platzten.
Ob es mein Beruf sei, Dasein in mir faueln zu lassen, bis Gammel aus sämtlichen Öffnungen dringe?
Ich krümme mich mit tausend erhobenen Händen: alles Wurmstich!
Der Strichmann federt im Wind, ist vor und zurück, links und rechts, während er wie ein Halteverbot vor mir steht. Auf die Schultern könnte ich ihm springen, ohne dass mehr als seine Brille ins Rutschen käme.
Und erst das Medium, das er vorhält! Wohl kann ich dem Medium ans Ohr, gegen seine Luftherrschaft aber vermögen meine hundert Kilo Fleischabfall nichts: gleich auf welche Waage ich gewuchtet bin, man wird stets mich als im Abbau befinden. Während des Medium aus hundert Äthern braust. Lebendgehörtes gegen Totgehendes. Ein Speer Sendung, der zielt auf Kuhlen großphantasierten Maulwurftums.
Erstmal aber ist der Strichmann mein Kicker: unter seinem eisernen Swing wird mir der Vorhof des Krematoriums vollends zum Halteverbot und Totschlag. Was bleibt da mehr, als unter Verschluss auf eine Kiste Schlaf hoffen? Neben dem Herrn Doktor. Hände wild in den Taschen!
Ich also einen Diener in der Front des Halteverbotes, und zurück in mein Viereck. Bluttreten. Im Kreis hoch Richtung Schädel schießen, und ohnmächtig auf die Füße platschen.
Achtung! schließen mich meine Muskeln auf das Nötigste. Gefegt bin ich ins öffentliche Interesse. Zwei Entzünderinnen nahen. Abgeschabt beide, aber vom Adel langjährigen Gebrauches.
„Darauf hätte ich jetzt auch keinen Bock!“ geht gar der Schamanin ein Funken ab, als sie bemerkt, wie arg wir mit Grabeshauch den Entzünderinnen ins Antlitz geraten.
Die Medien züngeln vor. Ihre Glotzaugen blitzen, blitzen!
Beide Entzünderinnen jedoch gehören längst nicht mehr dem Feuerwerkskörper unseres Gemeinwesens an. Der Zunder ist ihnen zu schmal geworden für heiße Fahrten in Reigen voller Blitzgelichter.
Und so raffen sich beide davon. Schon ist ein Trauerspender Hand in Hand, sie abzuführen hinter ihren Bonus an Schlössern.
Frisch aus dem Fleisch geschnitten aber naht uns eine andere Entzünderin. Junger harter Schädel, aufs angenehmste wattiert. Wie eine Stola schlingt sie sich die Medien um den Hals.
Von Ferne scheint es, als beziehe sie im Laufschritt Stellung.
Schon verzehren sich im Umkreis der jungen Entzünderin erloschen gemeinte Feuer. Auch ich nehme mir zumindest das Fleisch vor, aus dem man sie einst schnitt.
Schön, mich mal so nach Dasein recken zu können. Es nimmt einem Druck von Herz und Bronchien. Truppenbelustigung in Stücken, die nur Tote kennen.
Aber kaum zeige ich meinen Hals, will das Krematorium einen Bissen: eiserne Scharniere tun ihm sein Maul auf. Und ich, halb Hals noch, halb wieder Kröte, tue mit. In Mäuler einziehen, das können wir!
Sind deren Zähne obendrein aus Buntglas, bedeutet uns das einen vorzüglichen Abgang. Und welch lichte Schächte, welch Auftürmung überall! Wer findet sich unter solch Umständen nicht bereit zur Absalbung?
Trostspender verteilen Handzettel. Letzte Kunstgriffe. Will der Herr Doktor uns nun in finaler Weise ergreifen?
Vielleicht möchte der Herr Doktor sich aber bloß ohne Einwand sinken lassen. Die Beerdigung als alles abschließender Pflichttermin.
Mit entleerten Tagen ging er um während seiner letzten Sendezeit: Bäume, wie sie im Wind sind. Ihre Häupter in herrlichen Himmeln.
„Wer sitzen gelassen wird, will sitzen bleiben!“ entfährt es mir, als sich Überbelegung in meine Sinne drängt: der „Forum“ genannte Ruheraum vorm Krematorium ist befüllt, dass nirgends mehr eine Blase Phantasie Luft verspricht. Keine Trauer steht das durch. Mir ist, als wolle der Herr Doktor uns Friedhofsbummlern auf mechanischem Wege Abhilfe schaffen: platte Füße gegen platte Anteilnahme!
Ich geselle mich zu den an die Wand Gestellten. Versehrte finden sich dort, Mitgenommene. Freizeithosen über Gebrochenem.
Keineswegs der Hintergrund, dem der Herr Doktor mit seinen Bühnenprogrammen vorstand: jenem Gevögele in den Rängen, das sich rausputzte wie eine Walpurgisnacht. Angriffslustige Konfettikanonen.
Im Ruheraum vorm Krematorium ist es, als hätten wir Eintritt gefunden in die Schäbigkeit betagter Nutzwirtschaft: noch wertschöpfbar, aber mit schmalen Lippen in Richtung Schlot gewendet.
Selbst der Sargschmuck scheint mehr am Platze, als unser Aneinanderklumpen: Eingetopfter Frühjahrsputz, auf Zierwänden postiert. Wachsam, aber wenig schussbereit. Artiges Meldung machen.
Mehr vermochte der Herr Doktor vom Sterbebett nicht mehr. Wohl bis ins Letzte übermannt von dem, was ihn mit knappster Fristsetzung eingezogen hatte.
Und was bitteschön vermögen Trostspender? Ist alles bloß eifrig mit den Beinen. Wie jene wohl in der Stube des Herrn Doktor Platz nahmen? Er bereits Reisig und reingeschrubbt.
Für den Herrn Doktor müssen es wackere Zimmermänner gewesen sein, von denen alle Welt Richtung Himmel verbracht werden wollte. Während der Herr Doktor lächelnd sein Schifflein hinab orderte.
Einem gelackten Stück Affenbaum sind wir gegenüber gestellt: mit dem tierische Ernst des ausstaffierten Todes fasst der Sarg jeden von uns ins Auge. Und zwar derart gewichtig, dass wohl keinem mehr ist nach dem Schutz eines Beffchens. Wie uns auch alles von den Köppen stürzt, mit dem wir uns überbauten in Richtung angenommener Herrlichkeit: der Herr Doktor wird uns hier kein Abendbrot schmieren. Viel weniger ist er wohl das Vorwort zu all den hartnäckigen Nächten, in denen wir hungrig ins Bett werden müssen.
Eine grobe Kante von einem Sarg, während uns untenrum der Krematoriumsboden unsere Fruchtlosigkeit ins Gemüt drückt.
Und so wachen wir. Innerlich im Anlauf auf irgendetwas. Bloß um wenig später beschwert zu sein mit weiteren Augenblicken voll der Folgenlosigkeit.
Stillgestellte Beinarbeiter. Bald sind wir eingerastet, bald in unserem Wesen ausgestanden. Bis bedenkenlos alles die Zeit runterzählt. Bereit, das jetzt zu verleben.
Ein Abgestandener bin ich, dem jede Berufung vergangen ist, als ich Musik für wahr nehme. Für wahrer, als ich mich je gehalten habe. Auf Zehenspitzen inspiziert die Musik unsere Reihen. Wie wenn sie hier gewiss niemanden zum Tanz auffordern wolle.
Das letzte Immergrün des Herrn Doktor. Was er weiterhin hören mochte inmitten schmatzender Eingeweide.
Während Flöten im Hintergrund ihren Beiwohnern das Blut erlassen, spielt ein Klavier sich auf als Händehalter, dass man das ja nun auch noch schaffe.
Reinheit finden im Takt und im Refrain. Sind wir eben bloß saubere Dreizeiler, mit Baumkronen auf den Häuptern!
Nachdem der Herr Doktor uns hat abstehen lassen, werden wir so nun abgetragen.
Immerhin, es geht nochmal was ab. Und wenn wir selbst es sind. Sonderlich geübt, Krematoriumsboden zu bespielen, scheint mir keiner der Umherstehenden. Da nimmt man Verluste in Kauf.
Wie wir ohnehin alle abfließenden Fluten gleichen. In klaren Nächten geht der Blick bis auf die Knochen. Durchaus also bedeutet jeder Ritus, den der Herr Doktor sich für seine Beisetzung ausbat, auch eine Forderung an uns: wollen Sie mal probieren?
Die Musik ziert sich und wird uns lang. Vor allem, weil sie hier niemandem mehr etwas verspricht. Kein Anfassen dürfen, keinen Schuss gen Himmel, nichts. Vielleicht einen Schlag Barmherzigkeit, aber selbst das eher nicht.
Routinemäßig werden Sterbestätten mit Musik animiert. Und wer ist erfahren genug, sich im Tod mehr Maß heraus zu nehmen, als ein Eingeborener?
So war selbst der Herr Doktor in der Verlegenheit, dass er auf dem Friedhof für Lärm sorgen musste. Weil Menschen gegen alles ankomponieren, weil sie alles Leben mit Refrains überziehen.
Ob der Herr Doktor dem noch Bedeutung beimessen konnte, was sein Plattenspieler hergab?
Jene düdelnde Konserve, welche in uns Wild- und Zartheiten zu erzeugen sucht. Ums Lügen nicht bang, der Wahrheit oft hundert Spuren weit voraus.
Was uns aber wirklich belangt, bleibt ohne jedes Kampfgeschrei. Wie ich früher im Sandkasten stumm Ameise um Ameise ausdrückte.
Tumore gleichen dem Schiffchen eines Entdeckers im stillen Ozean. Schunkeln in den Körpersäften, als wollten sie bloß nach uns sehen. Quasi ein Routinecheck, ob man schnittig genug unterwegs sei im Straßenbild.
Dadurch, dass wir dem Krematorium bis vors Maul musizierten, ist es nun über uns gestürzt wie ein dumpfes Tongefäß. Und wir als die einzige Spezies, die davon nicht in Hektik verfällt, sondern wacker auf ihren Gottesdienst wartet.
Tatsächlich kommt es unter den Vorstehern des Bühnenbildes zum Stühlerücken.
Ein Angemessener, erster Beredner offenbar, macht sich auf in Richtung unseres Vorläufers im Sarg.
Dem Angemessenen ist neben dem Sarg ein Stehpult eröffnet worden. Dort zeigt der Angemessene, erkennbar erster Beredner nun, seinen Papierkram her.
Der Angemessene ist dem Sarge zugeneigt, ohne dass er sich sonderlich darüber hermacht. Unbefleckt steht ihm die Lust an seiner Redensart vor:
Krieg! sucht er die Decke des Krematoriums. Gewiss nicht in der Absicht, dass wir mit den Füßen zuoberst am Dreck kleben, während die Decke eines Krematoriums wahrlich unseren Grund bedeutet.
Krieg! Der Herr Doktor sei mit dem Krieg nicht umgegangen!
Tönt des Doktors Angemessener überhaupt vom Kriege?
Ich kann keinen Eingang jenes Kraftwortes bei mir feststellen. Aber was sonst reitet der Angemessene mit tausend Fahnen?
Er steht nicht hinterm Pult wie einer, auf den das Leben angelegt hat. Nein, er mäandert durch seinen Papierkram, dass ihm höchstens ein: Oh! entfährt, wenn das Leben ihn aus seiner angemessenen Existenz schießt.
Bis dahin wird er jeder Beerdigung beiwohnen wie einem außerordentlichen Clubabend. Chapeau!
Krieg also. Immer noch. Wieder mal. Während der Angemessene seine Wortgewalt ausübt gleicht der Sarg einer Pappschachtel, die bei jeder Kriegserklärung in die Höhe hüpft.
Aber wir, vom Angemessenen zum Appell befohlen, sind pflichtgemäß genug, dass wir selbst das Herauspoltern des Leichnams begrüsst hätten mit einem: Hurra!
Keine vollständige Mobilisierung allerdings. Die Bürgerpflicht, am Fuße eines Sarges Ordnung zu schaffen, befielt uns weiterhin ins Traueramt.
Immerhin ist Dasein gekommen in unsere Fäuste. Allein die Erinnerung, dass wir mit unseren Händen einst anderes anfingen, als sie zum Gebet zu falten, gereicht uns zur Parole.
Behandelbar wirkt das Leben nun. Als könnten wir dem Leben bei Bedarf aufs Maul hauen.
Und der Angemessene ist selbstverständlich nicht so keck, dem Leben mehr angedeihen lassen zu wollen, als Milde: sein Redeschwung gleicht daher einem Väterchen, das seinen Enkeln die Schaukeln in Gang setzt. Etwas Anregung für den Kreislauf inmitten eines Ortes der Ohnmacht.
Und so nicken wir dem Angemessenen auch nach, als er sich mit seinem Papierkram entfernt aus unserem Bewusstsein, um irgendwo im Stühlerücken einen Schlusspunkt zu finden.
Ja, ein Sarg muss bespielt und beredet werden. Erspart das Denken. Höchstens kommt uns so zum Munde heraus, was uns oben einging: Nie in Dienst genommene Automaten, durch die das Kleingeld der Welt klingt, ohne sich am Ende je in etwas von Nutzen verwandelt zu haben.

Eine Pleite gegangene Daddelhalle, mit einer Berednerin nun als Konkursverwalterin. Spezialisiert allerdings auf Gegenden, wo es bedeutend weniger Lichtmaschinen gibt.

In solch Daddeldu sei der Herr Doktor mit ihr gereist. Randvoll des Urvertrauens um sein Spielgeld.

Und tatsächlich gelang es dem Herrn Doktor mit beherzten Kunstgriffen, das Getriebe mancher Erntemaschine wenn schon nicht Funken so zumindest Luft schlagen zu lassen.

Ja, dem Herrn Doktor als einem freundlichen Gebissinspizierer hätten befremdlichste Nächte ihre weißen Zähne hergezeigt. Was bedeuten dagegen unsere von Wortwatten zerfressenen Beißapperate?

Während wir unser Leben mit den Füßen zuoberst wahrnahmen, ging der Herr Doktor stiften. So besiegelt es dessen Berednerin mit einem Schuss Körperflüssigkeit.

Wir stehen dagegen ohne die geringste Böe. In Frieden gelassen, um uns besenrein auszukehren.

Nach dem Krieg: Musik! Kaum sind die Beredner heimgeführt auf ihre Stühle, wird deren Bombenstimmung gekippt von einer sich freispielenden Violine. Als würde hier Geschwätz in sein Verhältnis gesetzt. Mit einem Bogenstreich von der Tagesordnung entfernt.

Und wir sind dabei gutmütig wie Grabsteine: so lange uns niemand an unser Eingemeißeltes will, sei was sei.

Violine. Im Maul eines Krematoriums. Da hätte man des Doktors Sarg auch gleich anzünden können! Ja, sollen Beredner und Töneschwinger sich messen mit dem offenen Feuer!

Aber was stehe ich. Kommt eh kein Schritt dabei heraus. Und die Violine wird mich überdauern, um Ewigkeiten überdauern.

Ihre Daseinsäußerung enthebt unsere Gräber jedes Zusammenhangs: Wir haben Geschrei durch Dörfer getrieben, nie Klangkörper gen Himmel. Wessen Sinnes mochte der Herr Doktor gewesen sein, als er uns einer Violine überantwortete?

Vielleicht befand der Herr Doktor sich zum Zeitpunkt seines Ratschlusses in der Horizontalen, mit tüchtig Blut in den Ohren. Halb dem Traume verfallen, halb der Erinnerung, jedenfalls zu keiner Daseinspraxis mehr bemüht.

Wiegenlieder erklingen einem dann wohl als gelungenster Reim auf das Leben. Spiel, welches die weiten Ebenen der Objekte bestreicht. Wie sie so wohlig dem Naheliegendsten entgegen geneigt sind. Bloß dass an uns kaum noch etwas liegt. Streicher, wie auch Trommler, Bläser und Tastenhauer musizieren uns in den Abfall. Gäbe es nichts außer dem Wind, jeder Erdhaufen wäre mir einen Schwur wert.

An des Doktors Sarg aber ist alles nach verschenktem Blut. Leicht durchdringt die Violine das Krematorium, hüpft, schlittert, driftet bis in die Zinnen, derweil ich mit Mühe meine Stellung halte. Unspielbar, und auf wischfestestem Boden.

Endlich lässt die Violine ab von uns. Samt Betreiberin in einem Schmuckkasten zur Ruhe verbracht. Und wenn irgendwann der Schmuckkasten erneut aufgeht, sind wir alle nicht mehr da.

Ob mir nach weiteren Berednern ist?

Eher bin ich auf eine Quittung aus, dass ich dem Sarg des Herrn Doktor Beistand leistete. Glaubhafte Währung, mit der sich die Höllenfahrt am Ende begleichen lässt.

Das Vernichtende an meiner Stellung ist ja, dass ich im Abseits eingegraben bin. Kein Diesseits. Kein Jenseits. Abseits. Verschanzt in bodenloser Erde. Unter dem Rücken abgeordneter Gestirne, die auf das Ende ihrer Schicht schauen.

Ewigkeiten entfernt rauscht eine Autobahn mit Namen: „Leben“. Bis dahin aber ist jeder niedergeherrscht von der sengenden Stille Eingeschanzter.

Warum also nicht noch einen Abgebrannten in unsere Senken lichtern lassen? Mit Lauten, die wehen wie das Stroh von Scheuchen.

Und tatsächlich scheint zum ersten Male Abgründiges einen vorzuziehen aus dem Reich der Bestuhlten.

Einen sichtbar Geknickten. Seine Druckfrische merkt man ihm noch an, den Hochglanz und die Erstauflage. Und den Packen, den ein Schicksal in Feierabendlaune ihm dann hat drauffallen lassen.

Wir errichten uns. Bereit, in dem Geknickten mit einigem Interesse zu blättern.

Sein Kopf fällt ihm runter, so oft er ihn in irgendeiner Weise richten will. Das sind die, die unter dem Schwert durchgehen! neide ich ihm sein geknicktes Dasein, in welches nun alles hineinweht.

Fliegen konnten sich seiner so bemächtigen, Marienkäfer ihn durch die Lüfte wuchten. Und er mit allen Vieren weitab flatternd, als Fahne über dem Getümmel.

Was wär ich gerne eine Fahne! Der Wind dabei wie mein Freier, angesichtslos ohne mich.

Die Beherrschung hat den Geknickten verloren gegeben. Wem seine Pappform abhanden kommt, der darf auf keinen Platz im Krippenspiel mehr hoffen. Gegen einen Priester, hätte der Herr Doktor denn nach einem verlangt, wäre dies Häuflein Gestammel fortgenommen worden. Ohne dass jemand jene Verzückung studiert hätte, welche eines Weggeknickten Gestammels eigen ist. So aber darf er das Trauerpult angehen.

Der Geknickte pustet sich in die Höhe, merkbar unwillig nun, bewegt zu sein von eines Trauerpultes Sturm und Spitze. Als würde ihm sein Geflenntes ausgeblasen und dessen Glasierung zerschnitten.

Auf der Zinne gedeckter Gewogenheit ist nicht gut Jammern: die Kaschmirschals, die Handschuhe aus Leder, sie alle fordern den Schonwaschgang.

Also sucht der Geknickte sich zu begradigen. Eine Pose aus alten Tagen fällt ihm vor, längst nicht mehr passend, aber Zeichen gesunden Herdentriebes.

Man lehnt sich zurück, bereit für was Menschliches. Was an Tränen abgehen mag, es wird nun seine Betrachter finden! Als wäre er ein Zitat des Herrn Doktors, so steht der Geknickte uns Rede. Blubbernd eher, mit Fontänen tief gelegener Dämpfe. Vergangenes schafft er heran, lässt uns mal auf Leerstellen stehen, mal irgendwo weitab.

Anheimgestellt in den Ausrufen des Herrn Doktors, gerät der Abeknickte in milde Fahrt. Er verschweigt das Erste nicht, das wohl auch sein Letztes war, flattrig wie er ist. Ein Draufsein, was die Literatur betrifft. Der Geknickte dabei streng lokalisiert. Ein Hüpfer, ein Herzstolpern. Kaum auszudenken mehr gegen das Letzte des Herrn Doktor, gegen jenes Federgewicht mit Fallhöhe weit über den Hüpfern des Geknickten. Und – knicks! – ward der Nacken aus jeder Haltungswertung genommen. Ein aufgeknickter Pack Blut, der nun für ordentlich Dasein sorgt.

Meldung macht uns der Geknickte über letzte Lebensäußerungen seines Herrn Doktor. Museen finden sich dort auf, ein Affenhaus und norgwegische Fjorde. Ich bestaune das so Abgelebte des Herrn Doktor mehr, als jemals seinen Sarg.

Die Museen. Das Affenhaus. Der Fjord. Ich sage es mir auf wie ein Bote sich seine Botschaft. Als wolle ich damit durch Nebel und Nächte, für eine letzte Notiz an mich selbst: das noch und das und das – und nicht bloß Erde, in der Kartoffeln so gut gedeihen wie der Tod.

Ich spüre vom Geknickten kein Wort mehr. Und auch die abschließende Berednerin geht mir nicht mehr ein mit ihrem Kehraus. Ihr Ausschmücken der Pünktlichkeiten des Herrn Doktors, wie vorzeitig er sich mit welch einer Tratschlust in Restaurationen einfand, und wann er endlich „ins Reine“ gelangte. Kurz vor knapp, gewiss, aber noch rechtzeitig für den Tod, dass der nicht mehr viel brechen brauchte…

Ein letztes Stühlerücken in den Reihen der Vorsitzenden. Schon von solcher Art, die Anstosslaune verrät: abgespannt durch eine Tonspur, wird sich der Brunch schon finden, der das alles belegt.

Von hinten drängt Stille zurück ins Forum. Als sei man kurz aus gewesen, und ärgere sich nun über Haufen frischen Wortbefalls.

Trostspender senken ihre Häupter wie Flusspferde, uns Abgespannte hinaus strömen zu lassen, ehe Stille und Stein erste Verweiler fordern.

Ich also im Pilgerschritt raus auf die Trauerweide. Noch etwas Kummer grasen. Erschreckend flau weiterhin in den Hohlräumen meines Daseins.

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NaNoWriMo 2015

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Ich war ein Phantasiewert. Meinen Himmel versprach ich jedem, der bereit schien auf mich zu wetten. Einem Unteroffizier etwa, diszipliniert bis in den Schlamm, wie er sich lustig seine Zigarette ansteckte: „Warum nicht?“
Vor dem erloschenen Kamin hocke ich. Neben der Spielesammlung und den Buchspenden. Mein Diktiergerät gleicht dabei einem Kind, das mit offenem Mund Gespenster zeichnet.
Zum Kettenrasseln hier! Gegen meine Bleibe gleicht jedes Prosit, an das ich mich erinnere, einem Donnerwetter. Mein Krückstock lungert am Sessel herum. Gefertigt aus Niedergeschlagenem, das mal hoch am Himmel stand. Werk einer Axt im Garten Eden. Hingegen ich Abfall bin vom Baum des Lebens. Verdorben, ohne dass ein Fallbeil sich je an mir versuchte. Hinter mir lauert kein Wille. Ich bin nicht das Projekt überirdischer Heimwerker. Eher trat mir das Blut über die Ufer: Missgeschick meiner Natur, Toilettenfehler des Alltags, fruchtloser noch als jedes Plastikfigürchen einer Spielesammlung.
Das Personal feiert gerade Schichtwechsel. Bekittelte Außerirdische: von mir aus langt eine Minute im Personenkraftwagen bis mitten unter die Sterne, so gammlig fühlt meine Tiefe sich an. König eines verwitterten Wracks. Zu Grunde gehend unter schwerem Blasengang.
Ich beäuge das Diktiergerät, atme, atme, bin ganz Lebenszeichen. Es ändert nichts. Kein Kartenhaus, welches sich durch mein Gaffen und Giemen genötigt sieht in alle Richtungen auseinander zu fallen.
Die Mauern stehen, bleiben, wachsen neu und wieder neu.
Fünfundvierzig Jahre, und ich sehe in all dem Stein nicht einen Stich. Restlos abtragbar bin ich. Unwesentlich bis in den Kern. Eine Sabbelbude.
Niemals ergab ich Sinn. Ich belebte die Welt, ich besprang und beweinte sie. Ein Daseier, den selbst Kinderhände leichthin verscheuchten.
Ich greife zum Krückstock. Mein heiler Arm drückt das Ende des Krückstocks mit aller Macht auf den abfeudelbaren Flecken Welt, den ich seit Stunden bedenke. Und es verbleibt nicht ein Beweis von Kraft auf dem Linolium. Als hätte ich mich fünfundvierzig Jahre lang jeder Aussage verweigert.
Vielleicht sollte ich mich hochstemmen. Meine Runde durch den Aufenthaltsraum machen, die kleinen Abendtoiletten entlang Patrouille gehen, gar den Streifen Grün vor dem Pflegeheim beleben. So als zäher Daseier.
Eine Sportstunde aus Kindertagen kommt mir hoch, in der ich die meisten Runden rannte um den Teich. Am Ende hart von der Eitelkeit, sechs oder sieben Male im Kreis gelaufen zu sein: „Das kann er!“ hob sich der Daumen des Junge, neben dem jedes Mädchen sitzen wollte.
Sprinten und Weitspringen, ja! Ungern gedenke ich solch flinker Kindertage. Mit einem Halben von einem Körper ist nicht gut schwelgen. Der linke Arm schlaff, als wäre er mir angenäht. Das Bein darunter kaum besser. Über Nacht entzwei geschnittert alles. Was keineswegs heißen soll, dass mir anschließend nicht vollste Lebensfreude abverlangt wurde: Der Welt angemessen als ein Flicken, konnte ich mich schwer eingewöhnen in mein neues Maß. Das Pflegepersonal aber wurde dadurch nicht freundlicher. Ausgewachsene Vierbeiner, denen ich mit dem, was übrig blieb von mir, kaum zu begegnen wusste. Hätte ich wenigstens zappeln können nach der Mucke, die sie sich einführten, wenn das Schichtende nahte. Und klatschen konnte ich nur noch, wenn ich mit der Rechte auf meine Fußsohlen patschte. Nichts, worin Vierbeiner examiniert wurden. Also: Tür zu, Friedhof an!
“Warum ist die Banane krumm?“ ihre Sprachregelung, wann immer ich vorstellig wurde mit dem Tod.
Merke, entzweit darf man gerne sein, aber bitte als ein geklebter Weihnachtswichtel, der das Jahr über auf dem Boden lag: so bald jemandem nach Bescherung ist, muss einem der Wichtel im Gesicht sitzen. Ich blieb Totenmaske. Bleich, mit Spuren gewesenen Grinsens. Hin fastete ich auf das Knochenwerk, das aus meinem Sterbehause verbleiben sollte. Ja, soweit war ich schon als Schüler, wenn sich uns an Wandertagen Gruften auftaten. Totenschädel und Brustkörbe, welche dem Pestgevögele widerstanden hatten, und in ihrer Ewigkeit ruhten wie ein Hurra!
Meine Worte bedeuten ja keine Wings, an denen ich etwas zu knabbern hätte. Feuerfasten und Bitterdunkel gehen also in Ordnung. Im Fleische stehend bin ich dem Leben keine Sättigung. Herunter gebrochen auf mein Wort jedoch mag die Welt mich schlingen können. Ich reisse mich also in Buchstaben, zerfetze und versaate mich. Oder besser: ich versuche es, viertelstündchenweise. Bis dann wieder Feuerfasten und Bitterdunkelheit herrschen, und garnichts in Ordnung geht.
Wohl jede Körperöffnung müsste ich mir zuschütten für den Glauben, dass mit meinem Gewese noch etwas in Ordnung geht!
Wissen Sie eigentlich, wie Kunstlicht auf Linoleum brennt? Da wird einem die Seele schwarz vor Gefrierbrand. Selbst wenn man sich seine Faust vors Auge drückt findet sich bloß noch blaues Geklumpe, wo einst haufenweise Träume Schichtdienst taten.
Könnte ich wenigstens abrutschen auf dem Linoleum nach irgendwohin. In die schwarz wattierten Spalten kollabierender Kreisläufe etwa. Aber nein, alle Trostlosigkeit feilt sich so lange ihre Krallen, bis ich mittendrin anfange meinen eigenen Schwanz zu jagen. Ja, so bin ich der Hölle mundfein, als ein um sich kreisendes Elend, von jeder Hausmaus mit Abscheu beäugt.
Während Teufel also in Hinterzimmer locken, dort die Sache mit dem Leben zu klären, sind Engel wohl eine Verheißung von Dachgeschossen: das doppelt geflügelte Wohnzimmerfenster zur Chaussee etwa, unter dem mein Dasein begann. Sicher ward ich so verführt mir Miniaturen zu erwerben, die Engel mal als Ritter darstellten und mal als Revolverhelden. Auch Flugobjekte aus Puppenkisten beseelten mich in meinen Vorwärtsbewegungen. Eben weil es entlang der Chaussee nur lief mit der Schnauze voran, und zwar geschwind.
Auf die Fensterbank gestützt wie zur Andacht erlangte ich so ein Raumgefühl, das ich bald im Kindergarten mit Tritten verteidigte. Und dann auf ein Wort gebeten werden von ebensolchen Lüstlingen im Knirpsformat, dass man ein Messer sich borgen werde, mir den Bauch aufzuschlitzen! Das Messer sah ich nie, aber die bloße Rede davon ließ mich endlose Kindertage lang beben. Ja, so erfuhr ich mein erstes wahres Wort. Das Wort vom Messer.
Heimwärts ward ich so gewendet. Bei der Mutter mich zu bergen, danach hielt ich lange Ausschau am Zaun meines Kindergartens. Ein Zaungast des Lebens, wenn man so will, niemals mittendrin.
Die Weise, wie Mutter mir winkte von weither, wurde mein Bildnis des Lebens! Ihr Arm, der augenblicklich sich hisste, mal Ahoi signalisierte, mal Aloha, mir jedenfalls so war, als begänne alle Welt überhaupt erst dort, und nur dort: aus fünfundvierzig Jahren steigt mir nichts Vergleichbares auf, was mein Dasein je krönte!
Vom verrotteten Oberstübchen her erwarte ich so bloß noch eines, dass es mich mit seinem letzten Schlag Blut versinken lässt in Mutters Bild, wie sie von weither nach mir winkt.
Wäre ich zu jener Zeit gemischt worden unter Mündige, die bleiben konnten, wo sie wollten, ich hätte sie nicht beneidet. Auf welche Weise ließen sich grelle Freizeiten, in denen wir Mädchen nach ihren Höschen trachteten und uns mit Steinen blutig hieben, besser beenden, als durch den Segen einer Mutter? Da hatten wir Ausgeburten dann fertig. Unter Mutters Sonne fühlte niemand sich mehr ungezogen. Mutter bedeutete Absolution. Der Halt ihrer Hand ließ unsere Hand reifen zur Waffenfähigkeit. Die erste Räuberbraut. Dagegen konnten Geistliche später Panzer segnen, wie sie wollten.
Man stelle sich am Ende Mutters Bestürzung vor, als die anderen längst Wildwüchse waren, die leichthändig Böller und Kanonenschläge zündeten, während dem Sohn selbst das Pink der Wunderkerzen ins Gesicht schlug. Wohl glückte mir beizeiten ein Kraftwort, aber jene befreienden Affenlaute, mit denen alle Welt Herrschaft feierte, blieben mir fremd.
Während man also mit seinem Blut emsig Mutterboden düngte, verkam ich zur Plünne. Das Aufgetragene eignete ich, den Schlag von Vorgestern.
Meine Bronchien werden mir streng. Luft verschwendet das Leben nicht mehr an mich. Als wäre ich nie ums Wesentliche bemüht gewesen! Sag mal, Du Linoleumfresse, Du Neonskalpell, bin ich Ratsche genug, dass Dein Gedrossele Dir zum Vergnügen gereicht? Was bist Du für ein vertrottelter Aasräuber, mir Hagestolz nachzustellen, wo Du hundert Schleckermäulchen um ihren Sinn bringen könntest! Geh gefälligst und bereinige Deiner Herrschaft die Flure, die sich lohnen!
Rasend vor Ahnungen, was mir an Leben widerfahren sein könnte, breche ich herein über meine Kindertage: Abgetanes entwende ich dem Hirn aus seinen Hinterhöfen. Halden sind das, zerdepperte Laden voller Nichtsnutzigkeit. Bleichgesichter reißen mir auf am Rost der Vergangenheit. Jenes Getue mit unseren Kettcars, Fresspapier vorm Mund, die Taschen voller Murmeln. Als wären wir hohle Schalenfrüchte gewesen, welche auf dem sich drehenden Rund eines blaugewirkten Rummels mal nach da, mal nach dort rollten.
Abgesehen von der Pflicht klaffender Wunden, erinnere ich nichts, das mich überzeugt sein lässt vom Wirken einer Tatkraft. Bilder konnte ich blättern, ja, Miene zur Musik machen, natürlich, und Glotzen konnte ich wie ein Großer. Jedoch drang ich niemals durch das Kaugummi Kindheit. Ich blieb ein süßes Durchgekaue, ich blieb zum Ausspeien!
Was war das anderes in den Naherholungsgebieten, als der tausendste Tanz um Ruinen und Schrott? Neunhundertneunundneunzig Tänze davon nicht von mir. Höchstens tat ich mich hervor mit Plastik, wo ein längst verfaultes Görenwesen noch in Holz phantasierte.
Und selbstverständlich zog ich keine Schlüsse aus dem tiegelartigen Glühen, das gegen Schlafenszeit die Felder entlang über unsere Picknicke herzog, obwohl es mit weiten Mänteln Dunkelheit herbeiführte.
Das geschnittene Korn erinnere ich, Überlandleitungen, Satteltaschen, den Willen zum Erlebnis, wohl auch wie die Sonne im Sinken auf uns anlegte, aber keine Sekunde Todesmut. Eher hätten wir Glaubensbekenntnisse fahren lassen, als uns gegen das vom Horizont aus aufstiebende Schwarz zu wappnen.
Nun ächze ich hier vor Plunder. Ein punktloses Geknutsche hängt mir an. Selbst dem Tonbandgerät mag ich die blutschwangere Brühe Gemeinwesen nicht zumuten, mit der ich lederhäutiger Sack mich über Jahrzehnte abfüllte, und die mir nun aus allen Poren will.
Ginge es im Herzschlag des Lebens, wäre es hohe Zeit für eine Lanzette samt Abtritt. Aber was auf Erden ist schon entschlossen, was verschwiegen?
Oft hörte ich vom Leben als einen Fluss ohne Wiederkehr. Wenn dem so ist, trieb ich gewiss keine Wertschöpfung. Ich plantschte am Ufer meiner Zeit, tauchte während hoher Festtage in vorgeschriebenen Tiefen und ließ mich wohl auch unbemerkt einige Meter treiben ehe ich machte, dass ich zurückkam. Aber wenn dort von Urzeiten her oder von vergangenen Ufern etwas Sachdienliches an mir vorbei verflossen sein sollte: meine hatte Hände gewiss nicht danach gesucht! Zu besessen war ich durch die Lebensverdrängung, die ich Fleischeskraft verantwortete mit meinen Bocksprüngen von den Spitzen der Nahrungskette. Ausser Dreck gelangte durch meine Lust nichts zur Welt. Und nun verende ich in meinem Maß Zeitgeschehen. Tagesgeschäfte hinter mir, welche gewiss nicht übel gelangen. Dass ich mich jedoch aufmachen könnte ans Ufer, dort etwas von meinem Gewesenen Segel setzen zu lassen, würde einem Versuch gleichen Schatten in den Fluss zu werfen.
Wenig hilfreich dabei, dass es regelmäßig überall maximal für ein Reihengrab langt. Jene von Geburt an Befriedeten, welche getrost auch Christbäume hätten sein können oder Fliegenpilze: was war ich stolz auf meinen grünen Umhang und die rote Kappe, in welche Mutter weiße Punkte genäht hatte. Vermählt mit aller Welt vermochte ich so im Kindergarten zu knien als bloße Laune der Natur! Vielleicht sollte ich zum Pflegepersonal beten, mir für mein Sterbebett Ähnliches zu schneidern?
Die Form, gewiss macht die Form den Tod! Wüsste man sicher, wann einmal aufgezogene Dasein mit letztem Ruck stillstehen, viele würden sich wohl am Meer betten, oder sich wenigstens auf Wiesen bereit halten. Aber so im Pilzkostüm eigne ich mich wohl vorzüglich für den unentschlossenen Tod. Einen Tod, der nicht hinmacht, sondern der es genau nimmt mit seinem Handwerk. Hätte mich auch geärgert, hastig ausgebombt zu werden, eine Bein hier, die Arme ganz woanders. Mein Tod und ich, wir wissen schon, was wir aneinander haben.
Mit welch Sorgfalt mir seine schmutziggrünen Schimmelfinger Nerv um Nerv rauben und in jede Daseinsader Glibber stopfen! Beben würde ich unter meinem Tod, ließe er mir die Luft dazu. Aber nach Beifallsbekundungen stand ihm wohl nie der Sinn. Durchaus vorteilhaft in einer Welt, die sich erregt an Bildern von Schutzengeln: wache über meine große Morgentoilette!
Ja, welch Engel ich sei! segneten mich Tanten, als mein Fleisch noch mundete und ich die Arbeitskraft eines Elefanten verhieß. Spätestens jetzt aber mag ich hören, was für ein wundervoll anzusehender Tod ich sei! Derart empfohlen finde ich wohl sogleich Anstellung, wenn ich hinüber bin.
Vom jenseitigen Amt für Flurbereinigung möchte ich zum Tod einer Schönheitskönigin befördert werden. Kein fauler Tod will ich sein, welcher sie mal eben ins Messer eines verschmähten Verehrers steckt.
Scheu würde ich mich meiner Schönheitskönigin nähern. Nicht gleich ihr Herz beanspruchen, nein, in die Nieren dieses edlen Geschöpfes schleiche ich mich. Dass bloß an den Schienbeinen sich ein Ausschlag zeigt, von dem selbst der Hausarzt nicht ahnt, dass ich es bin.
Wie meine Schönheitskönigin mich dann mit irgendwelchen Cremes kost! Immer öfter unterbrochen von langen Blicken, wer wohl verantwortlich sei für diesen Streich? Und wie ich dann im Dunkel ihrer Nieren zittere vor Versuchung, entfacht über sie herzufallen. Aber dann ist da vielleicht schon die Schurwolle eines ihrer Liebhaber, dem seine Hose in die Kniekehlen gerutscht ist. Zu Anfang jedenfalls, bis ich für genug Flankenschmerz gesorgt habe, dass meine Schönheitskönigin es nicht mehr so gerne mit weltlichen Dienstleistern will.
Wann immer sie stattdessen ins Beten kommt werde ich flauschig im Rücken, und bin an den Schienbeinen auch viel weniger blühend.
Ah, jetzt haben sie mich entdeckt: „Wenn das mal nicht die Nierchen sind!“ verpfiff mich eine Krankenschwester.
Nun ist der Vorhang beiseite gerissen. Nackt, wild und frei stehe ich vor meiner Schönheitskönigin. Gerne hätte ich sie schlank im Schlaf mit mir genommen. Ihr Dasein auf den Punkt gebracht als ein gehauchtes: Huch! Wie sie dem Leben passierte, hätte ihr der Tod passieren sollen.
Umstellt von Ärzten nun eskaliert die Situation zur Geiselnahme. Es geht hart auf hart. In Kriegsbemalung stürze ich Strahlenkanonen und Giftspritzen entgegen: Unter Verwüstung von Nieren und Leber, mit Scharmützeln entlang der Speiseröhre, stehe ich endlich vor den Lungenflügeln meiner Schönheitskönigin. Flügel, die ich ruhig unter den Wonnen der Sonne erinnere. Nun aber zittern, zucken und beben ihre Flügel. Ein wild seine Fahne schwenkende Existenz. Und ich werde dabei nicht schwarz vor Lust, sondern vor Scham. Gerne würde ich so vorstellig werden in der Flurbereinigung, ob man dort die Praxis des Notwendigen kennt aus eigener Anschauung? Doch auch mein Mutwillen am Leib der Schönheitskönigin kommt mir übel: als wolle ich am Ende aller Weltenräume stählerne Festen angehen! Es ist nicht die Schuld der Schönheitskönigin, dass mir aus ihren Körperöffnungen kein Sternenhimmel erwuchs.
Der kümmerliche Rest, den es noch abzutöten gilt, mag eine Frage der Technik sein. Auch blind vor Pflicht und Scham bequem machbar. Es wäre aber alles nichts ohne die Anerkenntnis meines Wirkens. Die Genugtuung allen Ernstes wahrgenommen zu sein.
Als die Schönheitskönigin selbst an einem Tropf voll Morphin noch faselt vom Leben, fühle ich mich um meinen Segen gebracht. Derart geprellt will ich mir keine Nacht mehr mit meiner Schönheitskönigin schenken. Wütend breche ich auf in ihr Hinterstübchen, dort aus dem Erinnerungswust einer Schönheitskönigin das Filmchen zu schneiden, das sie zum Halali sehen soll. Ja, der Tod ist am Ende auch ein Showcutter.
Gegen drei Uhr früh begegnen wir uns. Wie zwei füreinander Geschaffene. Ich missmutig in ihrem Hinterstübchen, als ich aus dem Nichts zwei Augen spüre. Sie. In aller Form, in der sie einst gemeint worden ist, schaut die Schönheitskönigin mir zum Hinterstübchen rein. Unter zwei Sonnen kauere ich wie unter Glockenschlägen. Ein letztes Mal nimmt die Schönheitkönigin Gestalt an, und sie meint mich damit. Mich! Dann ist sie fort. Ausgezehrt und puppengleich nun auf dem Sterbebett. Im Vertrauen darauf, dass ich meinen Beitrag leiste. Und ich rausche durch ihre Erinnerungen wie hundert Frühlingsstürme! Bis in den Morgen schaffe ich an meinem Meisterwerk vom letzten Augenblick.
Ich warte, bis erste Sonnenstrahlen meine Schönheitskönigin segnen, dann starte ich den Film und sage: „Du!“
Eine letzte Welle Blut durchmisst ihren Leib. Aufgeregt wie zum Examen. Ihr Herz erhebt sich, verneigt sich nach allen Seiten. Ein letztes Zittern mit dem Taktstock, dann bricht sich das Morgenlicht in den herrlich geöffneten Augen meiner Schönheitskönigin…
Als ich mich voll frischer Erfahrungen aufmachen will, bald der Tod einer anderen Schönheitskönigin zu sein, finde ich mich wieder im Sessel eines Aufenthaltsraumes eines Pflegeheimes. Erwacht aus der Laune meines Todes. Oft lässt er mich so wegtreten. Wohl weil er unbebettelt sein Werk inspizieren will. Ums Leben gebrachtes Dasein. Als hänge in Ruinen noch irgendetwas mit Bewusstsein heilen Zeiten nach. Kinder wollen so etwas, in Abbrüchen Gespenster sehen, warum mein Tod nicht auch?

Ich bin mehr als die Worte, die mir glücken. Worte lassen mich nur zur Ader, Worte bedeuten höchstens eine Probe schöpferischer Urgewalt. Mag mit meinem Mundwerk nicht mehr viel los sein, meine Schreie sind so kräftig wie die eines Verdammten. Das Leben in seinem Wesen weiß mit unserem Wort wenig anzufangen, während jeder Schrei die Wälder hallen lässt.
Sollen sie da draußen Messenger bevölkern und Börsen aller Art, meine Verzweiflung wird den Erdball Richtung Himmelspforte dreschen! 
Niemand darf sich davon irreführen lassen, dass ich nirgends hinauslangte über die Sandkästen, in die ich gerahmt war: mochte ich ein Kindsein lang Matsch bespielt haben, mein Wesen ragte stets höher hinauf, als wir Menschen jemals wachsen: Himmel forderte ich, die sich bedeckt hielten wie Auftragsmörder. Heimtückisch genug, mich rücklings mit Blitz und Donner entzwei zu schlagen. Aberhunderte Tode, welche sich in den Himmeln verbargen!
Derart unters Messer befohlen sorgte ich für meine sieben Ameisen. Jede Ameise zäh wie ein Drachen, nein, zäher! Mit Sinnen, die weder verbrämt waren noch parfümiert. Während man im Himmel so anhielt bis zur Sinnflut, schaffte ich Blätter herbei und Gras. Zweige brach ich, faulen Sand zu befestigen. Nicht der Ameisen wegen, die konnten leicht ein Vielfaches dessen tragen, was mein Tuschkasten an Blut und Schwarz hergab, sondern um der Logik meiner Hände willen, dass ich im Rahmen eines Sandkastens jedes Donnerwetter überdauern würde! Steckte ich mich geduldig zwischen die Ameisen, würde sich jede Wand in durchbohrbaren Krümelkram verwandeln.
Wundert es da, dass ich selbst während meiner Blüte nicht zu unterscheiden war vom Lehm und vom Kompost? Jedem Leibchen, jeder Joppe, jedem Latschen war ein Ton Kehricht beigemengt, welcher sich weder abwaschen noch abtun ließ. Jahre, von denen nicht ein Lichtbild existiert. Bis mir mein Kehrichtsein zum Stolz erwuchs. Wäre ich von Geburt an Ameise, hätte das Leben mir bloß zwei Beinchen genommen, nicht aber mein Ameisenleben.
Drängte ich manchen Weg weit auch gen Himmel, ich war nie Teil jener Behauptung, dass Kehricht fliegen könne, wenn dies und wenn jenes. Mir ging das Als-ob ab. Ich konnte nicht so tun, ich musste schon machen. Mochten andere sich in den Wind werfen, ich wühlte und schabte. Natürlich, wenn man in Mauern Tunnel bohrt, herrschen dort Beklemmungen, welche nur mit Gleichmut zu lösen sind. Schwarz müssen einem da die Augen sein, ledern der Schlund. Ohnehin waren mir meine Ohren stets Abtritte, wo alles Leben sich entleeren konnte. Und nun, „auf Pflege“, gleiche ich wohl einem Aschenbecher: Sessel, Krückstock und überhaupt aus Ton, Loch im Schädel für die Kippen. Wenn jemand das zerstörerische Nichts unseres hochverehrten Glühens erleidet, dann ich. Und niemand naht sich mir, der mich in Liebesakten leeren könnte.
Ja, die Daseinshygiene leidet. Zum Neutrum degradiert, sind mir selbst meine Träume so trocken geworden, dass mir jeder Samen noch in seiner Blase verkümmert. Vielleicht lief es deswegen selten rund, weil ich mich nie als Revolver durchs Leben führte: der Finger am Abzug halbiert das Gedankenaufkommen, vermute ich. So blank gezogen wäre ich den verballerten Revolvern nun natürlich über, hätte die sich nicht aufs Beten verlegt. Tatsächlich genügt es zum Seelenfrieden wohl schon, wenn man rauchende Revolver schmückt mit späten Blumen.
Kehricht umgeben von Chorälen, wie hätte ich das einst ahnen können unter all jenen Faustrechtlern des Schulhofes, aus denen die kessesten Fortpflanzer erwuchsen. Nun also blitzen keck die Rosenkränze, mich Kehricht das Hallelujah zu lehren.
Ohnehin am Ende einer stillen Straße vom Spielbrett genommen, höre ich vor lauter Mitternacht seit Stunden keinen Personenkraftwagen mehr. Abgetrieben von Wogen rauschender Pferdestärken, ruhe ich in Wüsten sich ablagernder Zeit. Als wäre aus hunderten von tausenden Sanduhren jedes Körnchen hier zur Tür hineingeweht. Verschüttet vom Gleichmut zweier Zeiger: Der eine stattlich, aber so weitreichend wie der Wurf eines Affen, der andere dafür umso schneidender.
Reinstes Luftgetrete hier. Nirgends Treppenhäuser hoch zu was auch immer. Selbst noch als Vierbeiner fand ich in Jahrzehnten nichts Himmelreiches, was sich ernsthaft besteigen ließ.
Man hatte seine Frist, man hatte sein Hirn, aber es gab zu keinem Zeitpunkt etwas, das unbedingt bedacht werden musste. Besser hätte ich wohl Schrauben gedreht in Maschinen, die leicht jede Ewigkeit bewältigen konnten.
Jawohl, ich tüftelte aus Baukästen schon das eine oder andere Gefährt zusammen, ehe in mir massenhaft Grübellei anlangte. Aber wem nützt sein Fortkommen ohne Anlass? Zahnräder, die zwecklos sich bewegten, drehten mich mit jedem Reifejahr mehr gegen den Uhrzeigersinn. Selbst wenn ich was zur Hand hatte, das sich programmieren ließ: 37.531 Kilobytes ready!
Ich ahnte nicht die Stärke solcher Knechtschaft, dass Kilobyte für Kilobyte noch ready sein würden, wenn ich Herr längst Pampe war. Ein Sinnhafter. Mit eingeweichten Schriften an Pfähle gepappt, an denen sich grußlos Hunde ergingen. Hätte ich stattdessen meine bloßes Massesein akzeptiert, wer weiß? Die Welt hätte ich dann jedenfalls erfüllt.
Ich bedeutete einen Kindersegen, ich bedeutete irgendetwas mit „jung“, ehe das Leben von mir absah. Nicht binnen Tagesfrist, nein. Aber irgendwann wurde offensichtlich, dass ich meine Chance gehabt hatte. Als nähme ich jedem Gegenüber sein Augenlicht, so stumpf ward ich fortan inspiziert. 
Wie nun mit dem, was einer anhäufte, der ins Leere geht? Hoffnungslos ins Leere. Wo es keine Flugbahn nachzuvollziehen gibt, welche unser aller Leben betrifft, wenn nicht das Leben überhaupt: einen Volltreffer mitten in die Basics des Lebens.
Ja, ich hocke im Leeren! Anders hätte ich längst mein Ende gefunden: Als niederkommende Flammenzungen etwa wäre ich den Leuten durch ihre windigen Dasein gesiebt, dass sie außer sich wären vor Feuersbrunst. So aber bin ich stiller Abtrag, hinaus geschaufelt über die Scheibe Welt. Folgenlos und bar jeder Schwerkraft geistere ich weiter, immer weiter. Vom Leben bloß noch eine Wertvorstellung, die ich beseieseieseie. Meinen Phantasien abgespicktes Gespensterwesen. Wahrscheinlich bin ich längst gelöscht aus allen Zusammenhängen, und mein Nennname hunderttausend Kindersegen weit neu vergeben.
Für Augenblicke ist mir, als wäre selbst mein Schatten fort, als sei ich meiner Folgenlosigkeit angemessen worden. Ein zweidimensionaler Verschnitt, wo vorne Essen draufsteht, und hinten Schlafen.
Viele gibt es, die machen ihre Hände so, dass ein Vogel wird aus ihrem Schatten oder ein Zugochse. Kampfmoralisten, denen an der Entschlossenheit ihrer Waffenbrüder gelegen ist: Gemeinsam lachen, gemeinsam lynchen.
Ich hatte meine Vorstellungen, ja, und die bedeuteten kein herzhaftes Schattentheater. Meine Vorstellungen waren schon so, dass sie mich der Welt enthoben. Ich musste mir nicht fortwährend ins Bein schiessen, damit überhaupt etwas passierte. Jene Erscheinungen emsigsten Blutflusses; plötzliche Entleerungen, welche schäumten nach dem Revolver: heimisch genug war ich in meinen Vorstellungen, dass ich mich des Zechens von Körpersäften enthalten konnte.
Auch hatte ich wohl ein Bild von mir als krumm gekauerten Schädelspalter, dem alles Dasein versunken ist. Allein die Ameisen blieben aus, mit denen ich die Welt außer mir hätte beflüstern können.
Ich wollte es treiben wie ein Kraut, bedachte aber nicht das Ausmaß meines öden Grundes, dass dort selbst bei Ameisen keine sonderliche Lust keimen würde: Warum sollten sie auf sich nehmen, was bereits in seiner Muttererde nicht wucherte?
Mein Wesen, das mir einst ohne sonderliche Umstände ins Gewächs fuhr, es findet nun keinen Weg mehr hinaus.
Ich bin nicht länger, was ich bin. Der wilde Trieb, der jedem Blitz die Stirn bieten mag, er ist seinem Strohkopf bis ins Tiefste eingewachsen. Verweichtes Stroh, selbst für Ohnmachten nicht geschaffen. Jedes Langen nach noch so trüben Lichtern nun macht meinem Verwesen energischer den Prozess, bis ich Funken vollends Klumpen bin.
Natürlich, kein Bürgersteig schlägt aus vor Gewesenem. Bestenfalls bleiben Spuren des Urschlammes, von dem man glaubte, dass niemand daran vorbei könne. Würde ich mich jetzt aufmachen menschenleere Straßen zu bedenken, ich könnte mich achten als das Erste und das Letzte allen Daseins. Ein beschwerter Überlebensmeister.
Mag mich jeder niederschlagen, der einen Hocker Dasein besitzt, ich greife ihm durch seine Tage wie durch Heißluft.
Aber was wärmt es, dass ich ödem Gekrabbel vorstehe? Gewiss bestaunen mir zu Füßen tausende Pantoffeltierchen mich Hünen von einem Pflegefall. So bin ich bloß Erster im Feuer und allergrößtes Häuflein Asche.
Kein Wimmeln von Worten, das sich für mich wühlt durch Aschehalden in den Morgen hinein. Keine Uhrwerke aus Buchstaben, die mir ferne Stunden schlagen.
Ausrupfen wird man mich, offenlegen meine Adern, welch schmutziges Werk Erde sie am Ende bedeuteten. Tristes Gesöff vergangener Kraft. 
Ich finde den Ansatz nicht, finde und finde ihn nicht! Mag ich keinen Punkt mehr ausmachen für alles Gewese, es muss mein Grund wenigstens Begründung sein! Ein sich in Weltenräume drängender Rammbock Leben, dessen schillernde Schuppe ich bedeutete.
Ja, meine Räume waren mein Befehl ins Dasein. Sie abzufüllen als ein Gesandter unserer Schöpfung. Dabei nahm ich mir keine klingenden Paläste vor, sondern Butzen irgendwo zwischen Mittelmaß und Sarg. Ruinen besuchte ich, Außenklos. Alles, was den Tag forderte.
So ließ ich mir Schatten beigeben, den Schatten zu erhellen mit Gelichter unserer Zeit. Stumpf aber blieben selbst jene lodernden Versprechen, welche ich dem Kino und dem Plattenspieler entnahm, stumpf gegen Schatten, die wie Teer auf mir lasteten. Dahinter Hunde, deren Mäuler Bärenfallen bedeuteten. Fetzen wollte das Schattenrund mich, rädern und reißen. Weil unsere Zeit bloß geschlossenen Auges bestehen konnte gegen solch Schattenballen. Während ich unfähig war zur Flucht in die Verheißungen der Blindheit.
Mir mangelte nicht an Dasein, mir mangelte an Boden und an Licht. So bedarf es zum Sieg Unmengen Irrsinniger, welche in ihrer Flut keinem Schatten auch nur einen Fußbreit Sicht zugestehen. Spukschlösser werden derart zu Spaßbädern, wenn sie bis unter die Zinnen vollgeramscht sind mit Blindwütigen. Da winseln selbst Höllenhunde vor Luftnot.
Was blieb mir also zu erfüllen? Was bleibt jeder verdammten Schabe zu erfüllen? Könnte ich mich nur winden! Aber es bieten selbst Alpträume sich nicht an. Kein drohender Bolzenschuss, erst recht für den Kolben bin ich Narr zu schade. Verenden soll ich, zerbröseln und verschlammen…

Pflegekräfte inspizieren die Reihen. Mäuler zählen für Späthappen Brotkonfekt. Ich werde mich einreihen auf etwas Teewurst mit Senf. Und was bleibt anschließend mehr, als der Schlaf?
Irgendwo im Hasten meiner Jahrzehnte hätte ich aus dem Stand anschlagen müssen. Vielleicht um eines Stückes Zinn wegen oder aufgrund von Schnitzereien. Mir alles Dasein abreißen, bis bloß noch Brust und Keule mich bedeuteten, und dann gezuckten Herzens mittenrein. Wie ein Werkstück vorgenommen sein, registriert und sortiert, ach, irgendwas. Aber fortgekehrt. Blanken Boden hinter mir, von Drachen benebelte Schotterpisten vor mir, Meter für Meter Höchstgeschwindigkeit. Was weiß ich. Nein, wenn das ein Ende bedeutet: es ist nicht schlimm um mich, war es nie!

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